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Bei Wind und Wetter draußen mit dem Hund

Thomas Kahlisch ist Direktor der Deutschen Zentralbücherei für Blinde zu Leipzig

Jeder Mensch hat eine interessante Geschichte. Die LVZ-Serie "Gesichter in Leipzig" porträtiert Leute, die auf sich aufmerksam machen, Typen, die außergewöhnliche Ideen haben, oder auch das ganz alltägliche Original von nebenan. Heute: Thomas Kahlisch, Direktor der Deutschen Zentralbücherei für Blinde zu Leipzig.

Gesichter in Leipzig

Hinter dem Schreibtisch an der Heizung auf einer blauen Decke liegt Yves und döst. Yves ist die Führhündin von Thomas Kahlisch, dem Direktor der Deutschen Zentralbücherei für Blinde zu Leipzig. Führhunde für blinde Menschen werden in speziellen Führhundeschulen aufgezogen und sechs bis acht Monate lang ausgebildet. Die Tiere müssen psychisch stabil sein, dürfen nicht plötzlich auf andere zurennen. "Wichtig ist, dass Hund und Mensch ein Team sind und sich aufeinander verlassen können. Es beeindruckt mich sehr, wie sicher Yves führt." Kahlisch kommt sehbehindert auf die Welt und ist seit seinem 14. Lebensjahr blind. Geboren 1963 in Altdöbern, besucht er die Polytechnische Oberschule. Der Vater ist der Schuldirektor, dem Sohn wird integrative Beschulung ermöglicht. Mit dem Rad sei er damals noch gefahren, manchmal heimlich mit dem Moped, trotz eingeschränkter Sehfähigkeit, in der kleinen Stadt Lübbenau sei das nicht so gefährlich gewesen. Es folgen ein Schulwechsel nach Königs Wusterhausen auf die zu DDR-Zeiten einzige Spezialschule für Blinde und Sehbehinderte, an der das Abitur abgelegt werden konnte. Und eine längere Leidenszeit mit zahlreichen Augenoperationen. "Ich war Stammpatient in der Leipziger Augenklinik. Ich wurde so oft operiert, musste mit verbundenen Augen im Bett liegen, deswegen die Schulzeit unterbrechen und dann die 9. Klasse wiederholen. Das ist ein Trauma der Kindheit und Jugend. Vor allem auch, weil man ja in dem Alter ganz andere Dinge im Kopf hat." Aufgrund der neuen Lebenssituation verschlechtert er sich in der Schule, geht nach der 10. Klasse ab.

In Chemnitz im Rehabilitationszentrum für Blinde absolviert er eine dreijährige Lehrzeit als Facharbeiter EDV. "Die Ausbildung hat mir damals Mut gemacht. Ich musste ja meinen Platz im Leben neu finden. Das Analysieren von Problemen und Schreiben von Programmen hatte etwas mit Technik zu tun. Das lag mir, ich konnte die Aufgaben lösen. Vor allem aber hat es mir gezeigt, dass auch ich als Mensch mit Behinderung einen Beitrag für die Gesellschaft leisten kann." Stufenweise reihen sich die nächsten beruflichen Stationen aneinander. Kahlisch studiert als erster Blinder an der Ingenieurschule Görlitz mit Abschluss als Ingenieur für Informationsverarbeitung, absolviert von 1986 bis 1990 ein Informatikstudium an der TU Dresden, arbeitet dort als wissenschaftlicher Mitarbeiter, krönt 1998 seine Universitätslaufbahn mit einer Promotion.

An der DZB arbeitet Kahlisch zunächst für ein Jahr als Informatiker und wird dann, mit gerade mal 36 Jahren, Direktor. "Im Nachhinein finde ich es mutig von mir. Ich hatte damals ja kaum Führungserfahrung und war plötzlich Chef von 80 Mitarbeitern. Als Direktor der ältesten Leihbücherei für Blinde in Deutschland habe ich ein engagiertes und fachkundiges Team hinter mir. Das ist wichtig, um vor allem auch im technischen Bereich mithalten zu können. Denn wir sind nicht nur eine Institution, die Bücher an Blinde und Sehbehinderte verleiht, sondern wir produzieren diese auch. So haben wir mit "DaCapo" einen weltweit einmaligen Internetdienst zur Übertragung von Musiknoten in Blindenschrift entwickelt. Mit unseren vielfältigen tastbaren Reliefdarstellungen, wie einen Reliefführer für den Kölner Dom oder Europa- und Welt-Atlanten, können sich auch Blinde und Sehbehinderte die Welt erschließen. und mit Daisy, der neuen digitalen Hörbuchgeneration, erschließt sich auch für die ältere Generation mit Seheinschränkungen eine neue Welt der Information."

Einen Ausgleich findet Kahlisch bei seiner ebenfalls blinden Lebenspartnerin und seinen Hobbys. So ist er bei Wind und Wetter mit Hund Yves draußen, treibt Sport, und für ein Stones-Konzert fährt er auch schon mal quer durch Deutschland.

Sibylle Kölmel

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