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»Ganz Ohr und zum Greifen nah!« - Leseangebote aus Leipzig
»Braille- und DAISY-Bücher für Blinde und Sehbehinderte«
Von: Dr. Thomas Kahlisch, erschienen in: barrierefrei kommunizieren (Ausgabe 4/2007)
Hörbücher sind angesagt! Wussten Sie schon, dass man in Hörbüchern auch blättern, ja sogar stöbern kann? DAISY (Digital Accessible Information System) heißt das Format, in dem über 5.000 Titel als vollständige Lesung blinden und sehbehinderten Nutzern in der DZB angeboten werden. Die Deutsche Zentralbücherei für Blinde zu Leipzig (DZB) hat nicht nur einen ehrwürdigen Namen, sie ist auch die älteste öffentliche Leihbücherei Deutschlands für Menschen, die gedruckte Informationen nicht lesen können. Heute, 2007, ist die DZB ein modernes Medienzentrum mit vielfältigen Informationsangeboten - sowohl traditioneller als auch digitaler Art. Seit 2003 wird sie als Staatsbetrieb des Freistaates Sachsen geführt und bietet ihre Dienstleistungen deutschlandweit an.
Brailleschrift hat Tradition in Leipzig. Seit 1894 wird hier Literatur in Blindenschrift übertragen und kostenfrei zur Ausleihe
an Leser der Punktschriftbibliothek angeboten. Der zweite Weltkrieg riss aufgrund eines furchtbaren Bombenangriffes im Jahr 1944 ein
großes Loch in den Bestand, nur die Punktschriftbände, die gerade bei den Nutzern zur Ausleihe waren, konnten damals gerettet
werden.
Die eifrigen Leser der 6-Punkteschrift können heute wieder aus über 11.000 Titeln auswählen und es werden ständig
mehr. Dazu kommen noch über 5.000 Musiknotenwerke die in der Brailleschrift verfügbar sind. DaCapo heißt das Team von
Experten in der DZB, das sich für blinde Musiker, genauer: für deren Informationsversorgung, engagiert.
Braillenotenübertragung läuft wie in den anderen Bereichen auch PC-basiert und wird via Internet weiter automatisiert und
effektiviert.
Die Bände der Punktschriftbibliothek werden in hoher Qualität gefertigt. Die aufwändigen, aber praktischen und mit
langer Lebensdauer versehenen Bücher sind sehr beliebt bei den Nutzern. Besonders die Fadenbindung wird geschätzt, wenn der
Finger auch noch das Blindenschriftzeichen ertasten kann, das sich nahe dem Buchfalz befindet und die Bücher weit aufgeklappt werden
können, um den erforderlichen Tast- bzw. Lesekomfort auch nach der zehnten Ausleihe zu gewährleisten.
Es macht unbedingt Sinn, Brailleliteratur zur Ausleihe anzubieten, denn kaum ein blinder Mensch verfügt über eine Wohnung, in
der er sich eine Bibliothek von der Größe eines Lesesaales einrichten kann. Tolkins „Der Herr der Ringe“, das
Standardbuch der Fantasy-Literatur, umfasst in Blindenschrift 15 Bände, die zusammen nur mit einem kleinen Handwagen zu bewegen sind.
Der Leser, der in der DZB einen Titel ausleiht, erhält das gewünschte Werk Band für Band, in praktischen schwarzen Koffern
verpackt. Er kann selbst entscheiden, ob er das Werk vollständig zu Hause haben möchte oder, wie bei der Ring-Trilogie
angebracht, erst einmal die ersten vier oder fünf Bände. Nach dem Durchschmökern der einzelnen Bände sendet der Leser
die ersten Koffer zurück und erhält automatisch die folgenden. So ist immer genügend Lesestoff beim Literaturfan vorhanden
und der Platzbedarf hält sich in Grenzen.
Ergänzt wird die Brailleliteratur von einer Vielzahl an taktilen Reliefangeboten, die ebenfalls in der DZB hergestellt werden. Bei der Erarbeitung dieser Angebote stehen die speziellen Wahrnehmungsmöglichkeiten blinder Menschen im Vordergrund. Ergänzt werden diese tastbaren Bilder in aller Regel durch farbige Großdrucke, die besonders für Sehbehinderte geeignet sind. Das Angebot umfasst u.a.:
- umfangreiche Kartenwerke zu Deutschland, Europa und den Kontinenten der Welt
- Reliefkinderbücher zur Schulung des Tastvermögens
- einen jährlich neu aufgelegten Wandkalender, in dem 13 verschiedene Motive visuell und taktil erfahrbar werde
- Mobilitäts- und Orientierungspläne
- aufwändige Publikationen zu besonderen Orten und Gebäuden, z. B. Kölner Dom, Leipziger Hauptbahnhof oder Storchennest in Radebeul
- ein breites Angebot an Glückwunschkarten verschiedenster Motive
Für Lesehungrige, die nicht die Brailleschrift beherrschen - und das ist die überwiegende Zahl der altersbedingt mit
Seheinschränkungen lebenden Menschen - bieten Hörbücher und –zeitschriften aus der Gustav-Adolf-Straße in
Leipzig eine Fülle von Informations-, Bildungs- und Unterhaltungsangeboten. Im digitalen Zeitalter kommen diese einfach zu
handhabenden DAISY-CD-ROMs direkt zum Nutzer nach Hause. Kostenfrei befördert von der Deutschen Post AG, passen sie in jeden
Briefschlitz und für die Rücksendung an die Bibliothek ist es lediglich erforderlich, das Adressetikett umzudrehen und die Box
in den Briefkasten zu stecken.
DAISY-Bücher und -zeitschriften können auf speziell für die Bedürfnisse sehgeschädigter Personen gestalteten
Abspielgeräten wiedergegeben werden. PTN1, PTR2, Victor Reader und Milestone 311 heißen diese Geräte, die bei nahezu
allen Reha-Produktanbietern bezogen werden können. Viele Vorlesesysteme und die kleinen praktischen Helfer wie Pronto oder PacMade
bieten Möglichkeiten, DAISY-Bücher zu genießen. Daneben ist es aber auch möglich, eine DAISY-CD auf einem MP3-
Player oder dem heimischen DVD-System abzuspielen. Für den PC steht das kostenfrei aus dem Internet
herunterzuladende Programm DAISY-Leser zur Verfügung (www.daisyleser.de).
Das Angebot an Hörbüchern umfasst das gesamte Spektrum an Literatur, von professionellen Sprecherinnen und Sprechern
vollständig aufgesprochene Werke. Bei der Auswahl berücksichtigt die DZB die Interessen und Wünsche ihrer Nutzer und
stimmt sich, um Doppelproduktionen zu vermeiden, in der „Mediengemeinschaft für blinde und sehbehinderte Menschen“
(MEDIBUS) mit den anderen Blindenbüchereien im deutschen Sprachraum ab. Unter der Internetadresse
www.medibus.info findet sich der vollständige Katalog an Hörliteratur, ein Verzeichnis
aller Titel, die von den MEDIBUS-Bibliotheken angeboten werden. Im Frühjahr wird diese Recherchemöglichkeit um die
Suchfunktionen zur Brailleschriftliteratur erweitert.
DAISY bietet - Dank der hervorragenden Features zum Blättern und Stöbern - Gebrauchseigenschaften, die traditionelle
Hörangebote wie Kassetten oder Audio-CDs übertreffen. Kontinuierlich bietet die DZB ein ständig wachsendes Angebot an
verkaufbaren Sach- und Fachbuchtiteln an. Kochbücher, Gesundheitsratgeber und informative Werke zur Zeitgeschichte können in
Leipzig erworben oder auch über das Internet bestellt werden. 19 Zeitschriften, davon 13 im DAISY-Format, sind im Abonnement zu
beziehen.
Der Abonnent kann wählen, ob er sich in Brailleschrift oder DAISY über die folgenden Themen informiert:
- Gesundheit und Recht
- Ratgeber für den kritischen Verbraucher
- Tiermagazin
- Kultur und Freizeit
- Erotik
- Wissenschaft und Technik
- Neuigkeiten aus der DZB
Wer genau wissen will, was in TV und Hörfunk läuft, kann sich in den wöchentlich erscheinenden Zeitschriften »DAISY-TV« und »DAISY-Radio« detailliert über das aktuelle Programm informieren.
Fahrplanauskunft, Recherchieren im Lexikon, einfach etwas suchen oder Einkaufen, all das bietet das Internet. Wie können blinde oder sehbehinderte Anwender diese Angebote nutzen? Gibt es ein Telefonbuch, dass man am heimischen PC ohne Internetzugang benutzen kann? Und ist das neue Angebot DAISY auch noch was für 90-Jährige? All dies sind Fragen, die häufig gestellt werden und in der DZB Antwort finden. Beratung und Unterstützung gibt Ulrich Jander, ein selbst blinder Experte in Sachen digitaler Chancen für lesebehinderte Anwender. LOUIS (Leipziger Online Unterstützungs- und Informationsservice) heißt dieses Informationsangebot, das gerade um weitere Dienstleistungen ergänzt wird. In Kooperation mit dem Projekt BIK (Barrierefrei Informieren und Kommunizieren, www.bik-online.info) entsteht gerade BIK-Mitteldeutschland, ein Beratungs- und Informationsangebot für die barrierefreie Gestaltung von Medienangeboten. BIK-Mitteldeutschland führt Tests von Internetseiten auf Barrierefreiheit durch, organisiert Sensibilisierungsseminare für Experten und Entscheider und gibt Unterstützung bei der Gestaltung barrierefreier Dokumente (www.dzb.de/bik).
Informationen zur DZB erhalten Sie bequem im Internet. Die Seite www.dzb.de ist natürlich barrierefrei gestaltet und widerspiegelt das vielfältige Angebot. Auch die Freunde und Förderer der DZB finden im Internet eine Möglichkeit, sich für die Verbesserung und Erweiterung des Angebotes zu engagieren. Die Adresse www.buch-patenschaft.de zeigt auf, wie durch die Übernahme einer Buchpatenschaft die Übertragung und Bereitstellung von Medienangeboten an Blinde und Sehbehinderte unterstützt werden kann.
Autor
Dr. Thomas Kahlisch
Direktor Deutsche Zentralbücherei für Blinde zu Leipzig (DZB)
Gustav-Adolf-Straße 7
04105 Leipzig
Telefon: +49 (3 41) 71 13 - 124
Fax: +49 (3 41) 71 13 - 125
E-Mail: thomas.kahlisch@dzb.de
Internet: www.dzb.de
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