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»Öffentliche Bibliothek für Blinde - Blinde in Öffentlichen Bibliotheken«
Von Susanne Siems, erschienen in: »Zugang für Alle - Soziale Bibliotheksarbeit in Deutschland« (März 2007)
"Es wird auch der Fehler begangen, mit dem Nichtsehenden und Sehenden einen Unterschied zu machen. Es ist kein Unterschied zu machen, da das Auge des Blinden durch den empfindsamen Tastsinn ersetzt und zur Vollsichtigkeit beim Lesen umgewertet ist. " Marie Lomnitz-Klamroth
1. Anliegen
Zunächst werde ich etwas zur Lesekompetenz blinder und sehbehinderter Menschen in Deutschland und zur Arbeit der Bibliotheken für Blinde und Sehbehinderte sagen. Danach folgt die Herausarbeitung der Gemeinsamkeiten und Besonderheiten sozialer Bibliotheksarbeit für blinde und sehbehinderte Menschen im Vergleich zu nichtbehinderten Bibliotheksbenutzern. Aus dem Ist-Zustand werden Vorschläge für Projekte und Arbeitsabläufe in der Zukunft gemacht. Dabei geht es nicht zuletzt auch um die Intensivierung der Zusammenarbeit mit öffentlichen Bibliotheken.
Verwiesen sei an dieser Stelle auf den Beitrag von Herrn Dr. van Menxel. Während ich als Ausgangspunkt den Einsatz und die Anwendung der Blindenschrift genommen habe, bezieht sich Dr. van Menxel in erster Linie auf die Situation im Bereich Hörbuch für Blinde und Sehbehinderte. Als Leiter der Westdeutschen Hörbücherei in Münster stellt er den Aspekt soziale Bibliotheksarbeit für Blinde und Sehbehinderte in den gesamtgesellschaftlichen Zusammenhang und die Verantwortung des Staates. Die in meinem Beitrag geäußerte Sichtweise geht hingegen mehr von der Alltagssituation in der Bibliothek und dem Kontakt mit der Zielgruppe Blinde und Sehbehinderte aus. Ausdrücklich beleuchtet der Artikel vorrangig die soziale Bibliotheksarbeit an öffentlichen Bibliotheken. Bei dieser Wichtung orientierte ich mich an den geplanten Inhalten des Bandes. Es wäre ebenso interessant, soziale Bibliotheksarbeit im Bereich wissenschaftlicher Bibliotheken zu analysieren und Zukunftspläne zu schmieden.
2. Lesekompetenz blinder und sehbehinderter Menschen - historische und gegenwärtige Sicht
Marie Lomnitz-Klamroth war die Leiterin der ersten öffentliche Bücherei für Blinde in Deutschland. 1894 wurde in Leipzig der „Verein zur Beschaffung von Hochdruckschriften“ gegründet, heute heißt die Einrichtung „Deutsche Zentralbücherei für Blinde (DZB)“. Ich bin dort seit 1990 als Bibliothekarin beschäftigt und die hier wiedergegebenen Gedanken basieren auf den Erfahrungen und Planungen, die wir in der DZB gemacht haben und machen.
Was will uns Frau Lomnitz-Klamroth mit ihren einleitenden Worten sagen?
Zwei Dinge im Wesentlichen:
Blinde Menschen sind genauso bildungsfähig, intelligent und wissbegierig wie sehende. Und Bücher, die das reale Leben zwischen
ihren Seiten widerspiegeln, bringen ihnen die Welt ins Wohnzimmer. Beides sind die besten Argumente dafür, dass blinden
Menschen der gleiche Zugang zur Literatur ermöglicht wird wie sehenden Bürgern. Ja, ich möchte das an dieser Stelle sogar
noch verstärken - aufgrund des auszugleichenden Defizites in der Wahrnehmung einerseits und der Fülle an Eindrücken,
die Literatur vermitteln kann, andererseits, sollte blinden Menschen bevorzugter und exklusivster Zugang zu gedruckten Informationen
allgemein und Büchern im besonderen ermöglicht werden. Noch einmal, weil es so wichtig ist, muss es gesagt werden: blinde
Menschen sind in ihrer optischen Wahrnehmung und demzufolge besonders auch in ihrer Mobilität eingeschränkt, nicht aber
stärker als andere eingeschränkt in ihrer Auffassungsgabe. Da mindestens 80 Prozent aller Eindrücke über das Auge
wahrgenommen werden, wird auch heute noch nur allzu oft fehlende Informationsmöglichkeit mit mangelnder Intelligenz verwechselt.
Menschen, denen das Sehvermögen ganz fehlt oder bei denen es nur teilweise vorhanden ist, sind sehr im Hintertreffen, was
zunächst Schul- und Berufsausbildung, später lebenslanges Lernen und Ausbau und Erhalt der Allgemeinbildung angeht. Die
großen Barrieren bestehen, weil all diese Dinge an Schrift und gedruckte Informationen gebunden sind.
Diese Erkenntnis ist nicht neu: Vor nunmehr über 200 Jahren keimte in Europa der Gedanke auf, dass Blinde nicht zum Bettler geboren sind oder als „Wundertier“ ein Inselleben führen. 1784 gründete Valentin Haüy in Paris das erste Blindeninstitut der Welt, seit 1806 existiert in Berlin die erste Blindenschule Deutschlands. Erziehung Blinder meinte zunächst die Entwicklung häuslicher und handwerklicher Fähigkeiten, das Lesen und Schreiben spielte noch nicht die Rolle wie in der Gegenwart. Das hing zum Großteil damit zusammen, dass noch keine geeignete Lösung entwickelt war, um Blinden die Schrift der Sehenden zu lehren. Viele Experimente gab es, vor allem Blindenpädagogen in Deutschland, Frankreich und Großbritannien suchten im 19. Jahrhundert sehr intensiv nach Lösungen. Es spricht für die Selbständigkeit und Gleichberechtigung blinder Menschen, dass ihre bis heute weltweit gültige Schrift von einem selbst blinden Jungen im Alter von 16 Jahren entwickelt wurde. 1825 veröffentlichte der Franzose Louis Braille zum ersten mal sein geniales, auf 6 Punkten basierendes, Schriftsystem. 6 Punkte, die wie auf einen Würfel angeordnet sind. Durch Weglassen einzelner Punkte entstehen 63 Kombinationsmöglichkeiten, mit deren Hilfe alle Buchstaben des Alphabetes und wichtige Sonderzeichen dargestellt werden können. Bis heute hat die Brailleschrift - andere Bezeichnungen dafür sind Punktschrift oder Blindenschrift - Gültigkeit in allen Sprachen, auch denen, die auf einem anderen als dem lateinischen Schriftsystem basieren. Auch in Russland, Japan und der arabischen Welt verwenden Blinde sechs Punkte zum Schreiben, ein kleiner Bonus sozusagen für die weltweite „blinde“ Verständigung.
Doch noch einmal zurück ins 19. Jahrhundert. Zunächst brauchte die Brailleschrift einige Jahrzehnte, ehe sie sich, von Frankreich ausgehend, auch in Deutschland durchsetzte. 1879 wurde auf dem Blindenlehrerkongress in Berlin ihre deutschlandweite Verwendung beschlossen. Vorher, da fast jede Blindenanstalt ihr eigenes Schriftsystem hatte, gab es für umfangreiche Sammlungen von Büchern für Blinde keine Chance. Mit der Anerkennung der Brailleschen Blindenschrift veränderte sich die Situation. 1876 entstand der Verein zur Förderung der Blindenbildung, die erste deutschlandweite Druckerei für Blindenliteratur. Dennoch dauerte es noch fast zwanzig Jahre, bis die erste öffentliche Blindenbibliothek, die unabhängig von der Zugehörigkeit zu einer Blindenanstalt ihre Bücher verlieh, gegründet wurde.
Die Bemühungen um die Erziehung und Bildung blinder Menschen gingen zur damaligen Zeit sehr stark von Pädagogen aus, das Selbstbewusstsein und die Eigeninitiative blinder Menschen musste erst noch wachsen. Bereits mit dem Entstehen der ersten Literatur in Brailleschrift machten sich die „Förderer“ der Blinden Gedanken um den Inhalt der Bücher. In erster Linie sorgten sie sich um das Seelenheil ihrer Schützlinge, etwas, was sicher zur damaligen Zeit üblich war, mich aber aus heutiger Sicht das Wort „Förderer“ in Anführungsstriche setzten lässt. Um sich ein Bild der damaligen Zeit machen zu können und wohl auch ein wenig zur Unterhaltung möchte ich hier einige kurze Sätze aus dem „Enzyclopädischen Handbuch“ von Alexander Mell, erschienen 1900, zitieren:
„Sofern es sich um das Selbstlesen der Blinden handelt, ist die Lectüre noch ziemlich beschränkt. Der den Blinden gebotene Stoff ist jedoch sorgfältig gewählt, da die Druckereien meist mit Blinden-Anstalten verbunden, oder doch angemessen beeinflusst sind ... so dass sich unpassende Lectüre kaum einschleichen könnte ... Anders steht es jedoch mit dem Vorlesen ... es entzieht sich der Einflussnahme, wenn den Blinden im Kreise ihrer Angehörigen oder ihrer Bekannten vorgelesen wird. Hier kann allerdings manches, was als nicht passend erachtet werden muss, dem Blinden zu Gehör gebracht werden ... und dann kann ... auf die Phantasie des Blinden in nicht ganz richtiger Weise eingewirkt und sein Gemüthsleben ungünstig beeinflusst [werden] ... Es ist allerdings ganz richtig, dass so wie bei Sehenden auch bei Blinden ungeeignete Lectüre manchen Schaden anrichten kann, aber darüber darf man den Nutzen der Sache nicht aus dem Auge verlieren. Durch entsprechende Lectüre kann eben auch günstig eingewirkt, es kann die Phantasie in richtige Bahnen gelenkt werden ... Es darf der veredelnde, sittigende Einfluss guter Lectüre nicht übersehen werden.
Weil der Blinde, insbesondere das blinde Mädchen, zur Ehe weniger taugt, glaubt man nicht selten, Stoffe, in denen von Liebe und Heirat gesprochen wird, von der Lectüre ausschließen zu müssen ... Dagegen wäre nun einzuwenden, dass man in solchem Falle dem Blinden lediglich Reisebeschreibungen, moralische Erzählungen, Naturschilderungen u. dgl., aber nicht einmal unsere schönen deutschen Märchen bieten dürfte. Die Perlen unserer classischen Literatur wären dem Blinden dann verschlossen; nicht einmal Opern dürften sie besuchen, denn auch im Gewande der Musik spielt die Liebe eine Hauptrolle. Ja selbst Concerte müsste man ihm versagen, damit er nicht etwa ein Liebeslied zu hören bekäme. All das darf dem blinden Menschen nicht entzogen werden, will man ihn nicht ganz isolieren und ungebildet dastehen lassen. Wenn der Blinde aber in die Welt tritt, was hört er da nicht alles ... Es würde nur mehr schaden als nützen, wollte man bei der Auswahl der Lectüre eine gewisse Richtung ängstlich einhalten, und man würde damit sicher das Gegentheil des beabsichtigten Zieles erreichen, denn mit der ihm eigenen Feinfühligkeit würde der Blinde bald die bestimmte Absicht merken und nur zu ungünstigem Forschen und Grübeln veranlasst werden...
Man hat die verschiedenen Altersstufen zu berücksichtigen und darnach den Lese-, bzw. Vorlesestoff zu wählen; ältere Zöglinge oder erwachsene Blinde verlangen andere Kost als Kinder, und die soll ihnen auch geboten werden; bei richtiger Wahl wird man sie auch durch das Gehörte erziehen.
Sorgfalt und Umsicht sind trotz einer gewissen Freiheit nicht zu entbehren und der Grundsatz "dem Reinen ist alles rein" darf nicht durchaus als berechtigt betrachtet werden; man hat eben auch mit den weniger harmlosen, den sinnlich erregbaren Lesern, bzw. Zuhörern zu rechnen und gerade diese sind schwer zu behandeln, sowie sie auch schwer zu befriedigen sind.“
Soviel zur Planung des Bestandsaufbaus um 1900. Warum auch heute eine sorgfältige Auswahl notwendig ist werden wir im folgenden Abschnitt zur Medienlandschaft Blinder und Sehbehinderter in Deutschland lesen.
Doch lassen Sie uns zur Lesekompetenz zurückkehren. Sie wurde für blinde Menschen also im 19. Jahrhundert erfolgreich
begründet. Wie ist der Stand heute, im 21. Jahrhundert?
Jedes blinde Kind lernt in der Schule die Blindenschrift, dabei ist es unerheblich, ob das Kind an einem Förderzentrum für
Blinde und Sehbehinderte oder integriert beschult wird. Leider ist es so wie im Land allgemein - die Schulen tragen zu wenig zur
Leseförderung bei. Hier sind immer stärker die Bibliotheken mit ihrer Bildungsfunktion gefragt, in unserem Fall insbesondere
die Blindenschriftbibliotheken. Am Beispiel Schrifterwerb blinder Kinder und Jugendlicher zeigt sich auch ganz deutlich ein Grund, warum
es bei der Zugänglichkeit von Literatur für Blinde niemals um einen Ersatz der Blindenschrift durch akustische Medien gehen
kann und wird. Unsere Punktschriftbibliothek hat im Verhältnis ein recht junges Lesepublikum, Eltern achten sehr gewissenhaft
darauf, dass ihre Kinder in der Bibliothek angemeldet werden und auch lesen. Ein Problem stellt die Verfügbarkeit von
Staffelexemplaren dar. Wenn wir weiter unten auf den Umfang von Punktschriftliteratur eingehen, wird deutlich werden, warum das so ist.
Viele Exemplare zur gleichen Zeit zur Verfügung zu stellen, fällt schwer, zumal sie in der Regel nur einmal und dann nicht
wieder benötigt werden. Auch die föderalen Strukturen im deutschen Bildungswesen erschweren die Situation für blinde
Schüler. Solange jedes Bundesland, ja jede Schule ein anderes Lehrbuch verwenden kann, wird es immer ein Problem sein, die
blindengerecht aufbereitete Ausgabe in einem oder zwei Exemplaren und noch dazu in sehr kurzer Zeit zur Verfügung zu stellen.
Erste Bemühungen um Zielvereinbarungen zwischen Schulbuchverlagen und Produzenten und Nutzern sind vorhanden und lassen für
die blinden Schüler der Zukunft hoffen, dass sie Lehrmaterialien im gleichen Atemzug wie ihre sehenden Mitschüler erhalten.
Bei all den genannten Problemen und Besonderheiten ist intensive Zusammenarbeit der Blindenhör- und Punktschriftbücherein und -Produktionsstätten gefragt. Und nicht zuletzt die Wendigkeit und Fachkenntnis der mit den Nutzern in Kontakt stehenden Bibliothekare. Hier wird die digitale Produktion und zunehmend auch Distribution und Rezeption zum Erfolg.
3. Medienlandschaft für blinde und sehbehinderte Menschen in Deutschland unter besonderer Berücksichtigung der Deutschen Zentralbücherei für Blinde zu Leipzig
Ein Grund, warum Öffentliche Bibliotheken zwar den Service für Blinde mit in ihr Konzept aufnehmen können und sollen, aber warum damit keineswegs die existierende Medienlandschaft für Blinde und Sehbehinderte ersetzt werden kann, liegt in der einerseits sehr begrenzten Verfügbarkeit von Blindenschriftliteratur und der Notwendigkeit der oft sehr schnellen Bezugsmöglichkeit andererseits.
Es gibt im deutschsprachigen Raum etwas über ein Dutzend Hör- und Blindenschriftbibliotheken. Die Blindenbüchereien versorgen ihre Leser mit belletristischer und (populär)wissenschaftlicher Literatur. Die Kataloge der einzelnen Büchereien sind in der Regel in normaler Schrift oder als Hörfassung, häufig auch auf Datenträger und in einigen Fällen zusätzlich in Blindenschrift erhältlich. Zur Zeit umfasst der Zentralkatalog ca. 50.000 Hörbuchtitel und ebenso viele Titel in Blindenschrift.
Im September 2004 gründete sich der Verein MEDIBUS (Mediengemeinschaft für blinde und sehbehinderte Menschen e. V.). Die
Mitglieder der Mediengemeinschaft versorgen gegenwärtig ca. 40.000 Nutzerinnen und Nutzer. Insgesamt werden jährlich von den
der Mediengemeinschaft angeschlossenen Hörbüchereien ca. 10 Millionen Kassetten verliehen. Pro Jahr kommen über 1.000
neue Hörbuchtitel und 400 Blindenschrifttitel hinzu. Beeindruckende Zahlen, dennoch sind sie erschreckend klein wenn man sie dem
Buchmarkt, den Lesemöglichkeiten sehender Menschen gegenüberstellt.
Die fehlende Zugänglichkeit, die immer noch bestehenden Barrieren bei der Umsetzung von Literatur in für Blinde lesbare Form
sind auch heute noch trotz Gleichstellungsgesetz und neuem Urheberrecht, nicht wegzudiskutieren. Auf der Frankfurter Buchmesse werden
jährlich 80.000 Neuerscheinungen vorgestellt. Die oben genannten 1.500 „Neuerscheinungen“ für Blinde und
Sehbehinderte, die derzeit möglich sind, zwingen eine Auswahl geradezu auf. Allerdings geht es bei dieser Auswahl nicht um die, in
diesem Zusammenhang fragwürdige Erziehung blinder Menschen, sondern um die Schaffung eines gleichberechtigten Angebotes aus allen
Richtungen der Literatur. So finden sich im Bestand der DZB Romane der Weltliteratur neben dem Groschenheft, Lehrbücher neben
Unterhaltungszeitschriften. Es gibt in den einzelnen Hörbibliotheken und Punktschriftdruckereien unterschiedliche Gremien und
Methoden, um Auswahlkriterien für die Produktion zu treffen. Das ist von dem deutschlandweit recht unterschiedlichen Status der
einzelnen Einrichtung und somit insbesondere ihren materiellen und personellen Möglichkeiten abhängig.
In der DZB existiert ein Arbeitskreis „Buchvorstellen“, in dem die Bibliothekare, ein Lektor und die Studioleiterin über ausgewählte Werke sprechen. Einmal im Monat tagt dieses Gremium, es werden pro Teilnehmer um die 1000 Seiten „besprochen“. Die Vorlage-Bücher erhalten wir über Einkäufe bei den Verlagen, manchmal auch Leseexemplare. Die „Vorauswahl“ treffen wir anhand der gängigen aktuellen Literaturinformationen (Börsenblatt, Bestsellerlisten, Buchbesprechungen, aber auch Nutzerhinweise). Der Förderung der Lesekompetenz unseres Klientels geht also in jedem Fall, wie ja in allen öffentlichen Bibliotheken, eine erhöhte Lesekompetenz der Bibliothekare voraus.
Gegenwärtig (Oktober 2005) befinden sich im Bestand der Deutschen Zentralbücherei ca. 10.000 Titel als Hörbuch. Die Hörbücher unterscheiden sich von denen des Buchhandels vor allem dahingehend, dass sie vollständig aufgesprochen sind und dass sie besondere Kennzeichnungen zur Handhabung für Blinde haben. Gerade durch die Vollständigkeit der Aufnahme entstehen andere Dimensionen, zum Beispiel umfasst die vollständige Fassung von Tolkiens „Herrn der Ringe“ 36 Audio-CD’s. Inzwischen gibt es die mp3-Technologie und im Bereich Blindenmedien wurde das DAISY-Format entwickelt, dass eine Speicherung und Navigation auf CD-ROM ermöglicht. 50 Stunden haben auf einer solchen Hörbuch-CD Platz. Doch zur neuen Hörbuchgeneration mehr an anderer Stelle, insbesondere auch im Beitrag meines Fachkollegen Dr. van Menxel.
Erwähnenswert im Bezug auf die Zusammenarbeit der einzelnen Hör- und Punktschriftbibliotheken ist die besondere Form der Fernleihe, die jede Bibliothek ihren Nutzern anbietet. Aufgrund der hier schon aufgeführten Produktionsgrenzen wird über MEDIBUS organisiert, dass jeder Titel nur von einer Produktionsstätte angefertigt wird. Die anderen Einrichtungen haben dann die Möglichkeit, diesen Titel für ihren Bestand zu erwerben. Da man auf diese Weise sehr schnell an Raum- und Finanzgrenzen stößt, ist die Fernleihe für einen Nutzer einer anderen Blindenbibliothek ein häufig praktiziertes Serviceangebot.
Ich möchte jetzt noch einmal auf die Blindenschrift eingehen:
Ein Punktschriftbuch ist keine "kleine Sache", ein Band entspricht ca. dem Umfang eines großen Berlitz-Ordners. Die
Blindenschrift, obwohl auf das eingangs erwähnte System "zusammengeschrumpft", benötigt wesentlich mehr Platz als
gedruckte Buchstaben in normaler Schrift. Der bereits erwähnte "Herr der Ringe" umfasst in Blindenschrift 15
Bände, ein Teil „Harry Potter“ 5-6.
Heute gibt es in der Deutschen Zentralbücherei für Blinde 15.000 Titel in Blindenschrift, dass sind 40.000 Einzelbände,
über 5 Etagen auf jeweils 300 m² untergebracht. Dieses, im Verhältnis zum "normalen" Buch und den Buchhandlungen
und Bibliotheken der Sehenden ganz andere Größenverhältnis bedingt ein anderes Leseverhalten blinder Menschen. Ein
Blinder kann sich nicht mal eben für die Zugfahrt ein Buch am Kiosk kaufen, er kann sich auch nicht seine hundert Lieblingsromane
in die Schrankwand zu Hause stellen. Die Bibliothek, in der man sich Romane und populärwissenschaftliche Literatur ausleihen kann,
erhält eine ganz andere, sagen wir grundsätzlichere Funktion. Für viele blinde Menschen ist die Büchersendung, die
mit der Post ins Haus kommt, der Lichtblick am Tag, das Lebenselexier, das schon zitierte "Tor zur Welt". Blinde Menschen sind
also im Grunde noch stärker angewiesen auf die Vorräte ihrer Bibliothek als Sehende.
4. Besonderheiten der sozialen Bibliotheksarbeit in Bibliotheken für Blinde und Sehbehinderte
Soziale Bibliotheksarbeit ist immer an eine bestimmte Zielgruppe gebunden. Darum soll an dieser Stelle besonders auf die Zielgruppe blinde und sehbehinderte Bibliotheksbenutzer eingegangen werden.
Die meisten Menschen erblinden im höheren Lebensalter, 60 Prozent sind über 70 Jahre, wenn sie das Augenlicht verlieren.
Oft ist die Blindenbücherei der entsprechenden Region einer der ersten Ansprechpartner für diese Menschen. Oft gilt es auch,
neben der eigentlichen Literaturauswahl, über das Lesen die Akzeptanz der Behinderung zu fördern, manchmal ist das Zuhören
wichtiger als die eigentliche Literaturempfehlung. Häufig wechselnde Ansprechpartner für die Bibliotheksberatung, zum Beispiel
auslaufende ABM, Beratungstätigkeit durch Praktikanten, die durch unsichere Finanzierungssituationen entstehen, sind hier ein
Problem. Wenn es um die Leseinteressen blinder oder sehbehinderter Nutzer geht, unterscheiden diese sich nicht wesentlich von denen
Sehender. Aufgrund der oben genannten Tendenz zur Erblindung im Seniorenalter ist die Zahl älterer Bibliotheksbenutzer insbesondere
in der Hörbücherei recht hoch. Es ist möglich, auch mit achtzig Jahren noch die Blindenschrift zu erlernen, aber eben
nicht jedem. Bei Blindheitsursachen wie zum Beispiel Diabetes kommen noch zusätzliche körperliche Probleme hinzu
(eingeschränktes Tastvermögen).
Die Ausleihe erfolgt generell über den Postweg, dank einer Vereinbarung mit der Post sind Blindensendungen kostenlos. Die
Umstrukturierungen im Postbereich, zum Beispiel die Einrichtung von Packstationen, die Blinde nicht ohne Hilfe bedienen können,
sind oft kontraproduktiv. Die Post bringt die in Koffern versandten Blindenschriftbücher der Bibliothek nach Hause, aber der
Rücktransport ist dem Nutzer selbst überlassen. Wenn „Postämter um die Ecke“ geschlossen werden, kann das
für den Blinden ein Problem werden. Oft sind davon besonders blinde Menschen betroffen, die einen hohen Grad an Selbständigkeit
erreicht haben, wegen Berufstätigkeit nicht den ganzen Tag zu Hause erreichbar sind, sich mit gut trainierter Orientierung und
Mobilität durch den Alltag bewegen und durch solche Einschnitte in die Infrastruktur einmal mehr benachteiligt werden. Es gab in der
Punktschriftbibliothek der DZB schon Abmeldungen mit der Begründung, dass der Rücktransport der entliehenen Literatur nicht
mehr organisiert werden kann. Das ist sehr bitter, für den Leser in erster Linie, aber auch für das Engagement der Bibliothek.
Andererseits sind Fahrbibliotheken, wie sie von vielen Stadtbibliotheken angeboten werden, auch nicht realisierbar, da das
Distributionsprinzip der Blindenbibliothek ein deutschlandweites ist. Hier ergeben sich meines Erachtens für die Zukunft
verstärkte Möglichkeiten der Zusammenarbeit mit den öffentlichen Bibliotheken vor Ort. Und hier liegt auch der
Riesenvorteil in der zunehmenden digitalen Verfügbarkeit von Literatur.
Eine Blindenbibliothek hat nur in Ausnahmefällen direkten Nutzerkontakt, meist hören Bibliothekar und Leser am Telefon voneinander, per Post oder e-Mail. Dieser fehlende direkte Nutzerkontakt ist eine Besonderheit der sozialen Bibliotheksarbeit mit Blinden und Sehbehinderten. Die Bibliothekare müssen lernen, ihren Leser via Stimme oder geschriebenes Wort einzuschätzen. Dazu gehört eine gewisse Übung, so dass geschultes Bibliothekspersonal an dieser Stelle besonders wichtig ist. Neben der ausführlichen Literaturberatung, die entsprechende umfassende und stets aktuelle Kenntnisse voraussetzt, ist sehr oft großes psychologisches Einfühlungsvermögen gefragt.
Letztendlich ist ein Bibliothekar in einer Blindenbibliothek auch Verkäufer. Die Büchereien sind gemeinnützige
Einrichtungen, die von staatlichen, regionalen bzw. kommunalen Organisationen gefördert werden. Ihre Eigenmittel erhalten sie
zumeist aus Spenden ihrer Nutzerinnen und Nutzer bzw. aus Spenden Dritter. Auch darum ist es eine zentrale Aufgabe der Bibliothekare,
den Kontakt zum Leser mit viel Geduld und Freundlichkeit zu pflegen. Die Identifikation des Nutzers mit „seiner“ Bibliothek
ist meist viel intensiver als bei „normalen“ Bibliotheksbenutzern. Dieser Besonderheit Rechnung tragend hat die DZB, wie
bereits andere Bibliotheken auch, seit Herbst 2005 das „Projekt Buchpatenschaften“ eingerichtet. Man kann die Produktion
eines Blindenschrift- oder Hörbuches mit einer Spende unterstützen, entweder die gesamte Produktion, die bis zu 10.000 €
kosten kann, oder teilweise mit einem Betrag ab 100 €. Das Projekt wird von den Nutzern recht gut angenommen, die DZB bekommt damit
von ihren Kunden tatkräftige Unterstützung und wir haben als Bibliothek auch die Möglichkeit, einen noch
persönlicheren Kontakt zu den Lesern aufzubauen.
Auch im Bereich Sponsorensuche und Öffentlichkeitsarbeit im „äußeren“ Sinn ist das Projekt von Bedeutung.
Wenn man politischen Entscheidungsträgern, Institutionen und Vereinen die Möglichkeit gibt, auf diesem Weg soziales Engagement
zu zeigen, ist das Hilfe und Sensibilisierung in gleicher Weise. Wer die Buchpatenschaftsprojekte z. B. der Staatsbibliotheken in
Berlin oder München kennt, weiß auch, dass hier durchaus Parallelen zwischen unseren Spezial- und den Allgemeinen
Bibliotheken bestehen.
Da es in diesem Abschnitt um die Besonderheiten der Zielgruppe blinde Bibliotheksbenutzer ging, sei noch einmal ausdrücklich auf die vielen Gemeinsamkeiten mit anderen Zielgruppen der Sozialen Bibliotheksarbeit hingewiesen und der sich damit bietenden großen Chance zur Zusammenarbeit. Es gibt, wie dargestellt, sehr viele blinde bzw. noch mehr sehbehinderte Senioren, auch blinde Patienten freuen sich sicher über Lektüre im Krankenhaus und, leider kann man auch das nicht leugnen, blinde Menschen befinden sich im Strafvollzug. Die Beispiele für eine Verbindung verschiedener Zielgruppen ließen sich beliebig fortsetzen, sollen aber hier nur einen gemeinsam begehbaren Weg für die Zukunft zeigen.
5. Konsequenzen für die soziale Bibliotheksarbeit für Blinde und Sehbehinderte in den nächsten Jahren
Leseförderung ist im Bereich Blindenbücherei genauso ein grundsätzliches Thema der nächsten Jahre wie in allen öffentlichen Bibliotheken. So wichtig der Hörbereich ist, so sehr er den im höheren Lebensalter erblindeten Menschen die Chance gibt, mittels modernster Hörliteratur am gesellschaftlichen Leben wieder teilzuhaben, so sehr geht es darum, blinden Kindern die Selbstständigkeit dank sicherer Kenntnis der Blindenschrift zu geben bzw. zu bewahren. Im Jahr 2006 begehen blinde Menschen und ihre Förderer ein großes Jubiläum - 200 Jahre Blindenbildung. Geplant ist ein Kampagnenjahr zur Bildung, einer der wichtigsten Schwerpunkte wird die Förderung der Brailleschrift sein. Die Verbände der blinden und sehbehinderten Menschen in Deutschland, die Schulen und Ausbildungsstätten und die Medieneinrichtungen Blinder und Sehbehinderter arbeiten bei diesem Vorhaben eng zusammen. Lesewettbewerbe von Brailleschriftlesern, aber auch eine große Konferenz im September 2006 in Berlin sind einige der für nächstes Jahr angestrebten öffentlichkeitswirksamen Maßnahmen.
Hier zeigt sich und muss in den nächsten Jahren noch mehr sichtbar werden die Zusammenarbeit zwischen den Blindenbibliotheken und ihrer Nutzergruppe in Vertretung durch die großen Selbsthilfeverbände Deutschlands. Die Interessen blinder und sehbehinderter Bibliotheksbenutzer sind nur gemeinsam mit diesen in der Gesellschaft durchzusetzen. Im Vorstand des Vereins MEDIBUS e. V. sind auch die großen Blindenverbänden Deutschlands vertreten. Gemeinsame Veranstaltungen und Kampagnen zur Aufklärung der Öffentlichkeit über die Belange blinder und sehbehinderter Menschen allgemein und zur Verfügbarkeit von Informationen im Besonderen verstärken die Stimme dieser Minderheit. Als Beispiel für zukunftsträchtige Ideen sei hier nur genannt ein bundesweiter Preis für das beste Blindenhörbuch oder den Lieblingssprecher.
Die Arbeit der Öffentlichen Bibliotheken vor Ort ist sehr wichtig für uns. In der Zusammenarbeit zwischen Bibliotheken für Blinde und Sehbehinderte und Öffentlichen Bibliotheken gibt es recht großen Nachholebedarf. Es geht vor allem um das Weitergeben von Informationen. Blinde und Sehbehinderte sind eine besondere Zielgruppe, deren Bedürfnisse erstens aufgrund der relativ seltenen Kontakte der Bibliothekare eher unbekannt sind und zweitens auch recht speziell. Nur ca. 6 Prozent der blinden und sehbehinderten Menschen in Deutschland sind in einer Selbsthilfeorganisation Mitglied. Von den 655.000 Blinden und Sehbehinderten Deutschlands sind ca. 40.000 in einer Hör- oder Blindenschriftbücherei angemeldet. Das sind im Grunde vernichtende Zahlen, wenn es darum geht, wie viele Blinde und Sehbehinderte wir wirklich mit unserem hilfreichen Angebot erreichen. Nimmt man noch zur Kenntnis, dass bei allem Lobgesang auf die Blindenschrift realistisch eingeschätzt werden muss, dass nur 30.000 Menschen in Deutschland die Brailleschrift wirklich anwenden, dann zeigt sich die Bedeutung von Öffentlichkeitsarbeit in Richtung der hier interessierenden Zielgruppe.
Ich habe sowohl die Besonderheit der Zielgruppe Blinde und Sehbehinderte als auch ihre Gemeinsamkeiten mit allen anderen Bibliotheksbenutzern betont. Auch hier sollten Blinden - und öffentliche Bibliotheken in den nächsten Jahren enger zusammenarbeiten. Konkrete Vorstellungen sind zum Beispiel eine gemeinsame Evaluierung von Leserinteressen, um eine höhere Qualität des Bestandsaufbaus in den Bibliotheken zu erreichen.
Wenn blinde bzw. sehbehinderte Bibliotheksbenutzer zunehmend auch in öffentlichen Bibliotheken Ansprechpartner finden sollen, ist die Schulung des dort beschäftigten Personals nicht ohne Bedeutung. Im Ausbildungs- und Weiterbildungsangebot muss es zukünftig verstärkt Informationsangebote zur Medienlandschaft für Blinde und Sehbehinderte und über diese Zielgruppe allgemein geben. Die DZB hat gute Erfahrungen mit einer intensiven Praktikantentätigkeit. Insbesondere der Kontakt zur Hochschule für Technik, Wirtschaft und Kultur (HTWK) Leipzig ist sehr eng.
6. Mit einem Fuß schon in der Tür "Zukunft" und wie das Traumland des allseitig informierten sehbehinderten Menschen aussieht
Bisher ist sehr viel von der Blindenschrift die Rede gewesen. Dem Vorteil der erhöhten Selbstständigkeit durch eigene Lesetätigkeit steht der Nachteil des Platzbedarfes gegenüber. Auch muss man sehen, dass nur ein sehr geringer Prozentsatz der Blinden eben auch aufgrund der Altersstruktur, dieses besondere Schriftsystem erlernt. Hier sind die speziell für Blinde und Sehbehinderte aufbereiteten Hörbücher von sehr großem Vorteil. Derzeit ist die Ausleihe nur an Blinde und Sehbehinderte und andere lesebehinderte Gruppen, wie z. B. Legastheniker, möglich. Hier sehen wir für die Zukunft eine Chance, Blindenbibliotheken nach außen zu öffnen.
DAISY (Digital Accessible Information System), ein neues Produktions- und Navigationssystem für Bücher auf CD-ROM,
erleichtert den Zugang zu digital verfügbarer Literatur enorm. Zunächst findet dieses System Anwendung im Bereich Hörbuch,
die nächste Zukunft wird aber zeigen, dass der Inhalt der Bücher in verschiedenen Formaten auf CD-ROM gespeichert werden kann.
Die vorhin erwähnten großen Magazine mit den Blindenschriftbänden werden bald der Vergangenheit angehören.
Zukünftig werden Bücher als kleine Silberscheiben verschickt oder mittels Download auf den heimischen PC geladen. Für
blinde Menschen, und hier eben auch viele Senioren, ist das Computerzeitalter ein Segen. Dank hochentwickelter Hilfsmittel wie
Computerbraillezeilen, Schriftvergrößerung und Sprachausgaben sind die Inhalte, die wir via Internet auf den Bildschirm holen
können, auch für Blinde erfahrbar. Problem ist die zunehmende graphische Darstellung der Internetseiten. Hier gilt es auch, die
Internetseiten der Bibliotheken und die großen Kataloge barrierefrei zu gestalten. Regelungen dazu gibt es in Folge des
Bundesgleichstellungsgesetzes, zum Beispiel die Barrierefreie Informationstechnik-Verordnung (BIT-V)
Diesem Bedürfnis Rechnung tragend gibt es seit 1999 in der DZB eine weitere Leistung im Rahmen sozialer Bibliotheksarbeit. Herr
Jander, ein selbst blinder Mitarbeiter, betreut den Leipziger Online Unterstützungs- und Informationsservice für blinde
Computerbenutzer. Dort können sich Anwender Rat holen.
Am Ende meines Beitrages möchte ich Sie noch auf eine kleine Traumreise mitnehmen. Wie könnte die Bibliothek für Blinde
im Jahr 2015 aussehen?
Jedes Buch, das auf dem Markt erscheint, ist für Blinde und Sehbehinderte zur gleichen Zeit digital verfügbar. Per Download
kann die Literatur auf den heimischen PC geladen und dort im bevorzugten Format verwendet werden. Es gibt einen speziellen OPAC für
blindengerecht aufbereitete Literatur. Jede öffentliche Bibliothek kann natürlich auf diesen OPAC zugreifen. In jeder
größeren öffentlichen Bibliothek gibt es einen Bibliothekar, der sich mit der Zielgruppe Blind/Sehbehindert besonders
gut auskennt und sehr viel psychologisches Einfühlungsvermögen besitzt. Mitunter ist er selbst sehbehindert oder gilt aufgrund
einer anderen Behinderung als schwerbehindert. Jedes Jahr findet eine Weiterbildung in der Regionalen Blindenbibliothek statt. Die
Blindenbibliothek ist auch immer Ansprechpartner, wenn es um physische Bestände, insbesondere Blindenschriftliteratur, geht. Die
großen Magazine sind etwas geschrumpft, denn viele Blindenschriftleser nutzen den Transfer via Internet und drucken sich vor Ort
ihre Lektüre aus. Das gilt vor allem für die populärwissenschaftlichen Werke. Nach wie vor aber leiht die
Blindenbibliothek viele Romane aus, die Liebhaber des selbständigen Lesens abends am Kamin bei einem Glas Wein sind auch unter den
Blinden in nicht geringer Zahl vorhanden. Auch gibt es viele Blinde mit Fachfragen, Studenten, Musiker, Schachfreunde. Hier ist die
Blindenbibliothek ein unersetzbarer Ansprechpartner. Der Online Unterstützungs- und Informationsservice für Blinde und
Sehbehinderte (LOUIS) in der DZB wurde ausgebaut. Da jeder blinde oder sehbehinderte auch im hohen Lebensalter Computertechnik zu Hause
stehen hat, häuften sich die Anfragen in letzter Zeit so, dass ein weiterer Mitarbeiter eingestellt werden musste.
Für blinde Musiker gibt es gut ausgereifte Softwarelösungen zur Umwandlung von Schwarzschriftnoten in Blindenschrift und auch
zurück. Seit das möglich ist, singen viel mehr Blinde im Chor mit, auch die Bibliotheken der Stadt habe einen Chor, in dem drei
blinde Tenöre den chronischen Männermangel in jedem Chor beseitigen.
Einmal im Vierteljahr gibt es in der Öffentlichen Bibliothek eine Veranstaltung, bei der entweder ein blinder Bibliotheksbenutzer
etwas vorliest oder auch mal ein blinder Schriftsteller zu Gast ist. Auch die regionale Blindenbibliothek bietet Veranstaltungen an,
Lesewettbewerbe blinder Schüler, Buchlesungen zu Titeln, die sich mit dem Thema Blindheit beschäftigen.
Mehr Senioren als früher besuchen die Bibliothek. Sie nutzen das Angebot, das jedes Buch innerhalb weniger Tage auch in
Großdruck zur Verfügung gestellt werden kann.
Der spezielle Arbeitsplatz für blinde oder sehbehinderte Bibliotheksbenutzer ist eigentlich immer belegt. Er ist auf dem neuesten
technischen Stand und die Bibliothek überlegt, ob noch ein zweiter Platz angeschafft werden kann.
Bei populärwissenschaftlicher Literatur oder Fachtexten, z. B. für Studenten, ist grundsätzlich die Blindenbibliothek gefragt oder das Studienzentrum vor Ort, das einen Arbeitsbereich Medienversorgung für Blinde und Sehbehinderte hat. Auch die Lehrer, die auf der Suche nach Literatur für ihre blinden Integrationsschüler ab und zu in der öffentlichen Bibliothek landen, werden weiter verwiesen. Immer noch ist die Umsetzung von Fachtexten in für blinde lesbare Form sehr aufwendig, da viele Bilder, Tabellen, Grafiken erläutert werden müssen. Diese Fachkompetenz ist nicht überall vorhanden, aber die Bereitstellungszeit für solche aufbereiteten Dokumente ist sehr kurz geworden.
Viele Tagträume? Ja, aber Perspektiven haben ja nicht nur etwas mit realistischen Zielen zu tun, sondern eben auch mit Träumen, die man wagt. Mit dieser Sicht und einem dazu passenden Zitat des Dalai Lama möchte ich meinen Beitrag abschließen.
„Wenn Sie Ihre Vergangenheit kennen wollen, dann schauen Sie auf Ihre aktuelle Situation. Wenn Sie Ihre Zukunft kennen wollen, schauen Sie sich ihre jetzigen Taten an.“
Quellen und Weiterführendes:
- www.dzb.de
- www.medibus.info
- www.bik-online.info
- Barrierefreie Informationstechnik-Verordnung BIT-V (http://www.wob11.de/gesetze/bitv.html#ges-text)
- Dankert, Birgit: Mehr Licht - die neue Wirklichkeit der Bibliotheken für Blinde und Sehbehinderte. - In: Horus 67(2005), 5, S. 216
- www.buch-patenschaft.de
- Mell, Alexander: Encyklopädisches Handbuch des Blindenwesens - Wien ; Leipzig : Pichlers Witwe & Sohn, 1900.
»Zugang für Alle –Soziale Bibliotheksarbeit in Deutschland«, Herausgeber: Maxi Kindling und Ben Kaden; 1. Auflage, 2007, Verlag: BibSpider; Autor: Susanne Siems [Seiten 93 - 109]
Autor
Susanne Siems
Deutsche Zentralbücherei für Blinde zu Leipzig (DZB)
Gustav-Adolf-Straße 7
04105 Leipzig
Telefon: +49 (3 41) 71 13 - 115
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