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»Der neue Notendienst DaCapo«
Von Juliane Bally, erschienen in: »Das Orchester - Zeitschrift für Orchesterkultur & Rundfunk- Chorwesen« (Ausgabe April 2007)
Für den Sehenden ist die Orientierung auf einem Notenblatt kein Problem, da er sich mit dem Auge schnell einen Überblick
über den Notentext verschaffen kann. Blinde Musikschüler, Jazzmusiker, Kirchenmusiker oder Sänger erschließen sich
mit Braille-Noten die Welt der Musik. Wie die Blindenschrift mit den erhabenen, ins Papier geprägten Punkten, so gibt es auch eine
Notenschrift für Blinde, welche nach dem selben 6-Punkte-Prinzip, aber mit eigener Bedeutung, funktioniert. Der französische
Lehrer Louis Braille (1809-1852) erfand 1825 die Punktschrift, vierzehn Jahre später entstand die Braille-Notenschrift. Das System
der Braille-Notenschrift ist in Deutschland seit 1888 gültig. Im Gegensatz zu den vielen Blindenschrift-Systematiken, wird die
gleiche Musiknotenschrift weltweit verwendet, was einen unbegrenzten Austausch von Musikalien unter den verschiedenen Akteuren
ermöglicht.
Viele blinde Musiker müssen die Noten auswendig lernen, da sie später nicht mehr nachsehen können. Sänger und Organisten haben die Möglichkeit, den Notentext mitzulesen, da sie während des Musizierens oft wenigstens eine Hand frei haben, welche die Braille-Noten ertasten kann. Mit der Braille-Notenschrift ist es für blinde Musiker möglich, den Notentext zu lesen. Der tastende Finger kann mit seinem punktuellen Wahrnehmungsvermögen im Gegensatz zum Auge nur einen kleinen Ausschnitt des Notenbildes erkennen. Sämtliche Informationen, wie Intervalle, Taktart, Tempo oder Satzbezeichnung werden linear dargestellt. Für den Notensatz können die gleichen Schreibgeräte und Drucker wie für die Blindenschrift verwendet werden, d. h. blinde Musiker können die Notenschrift nicht nur lesen, sondern auch für sie selbst lesbare Noten herstellen.
Die Deutsche Zentralbücherei für Blinde (DZB) in Leipzig existiert seit 1894 und ist die älteste öffentliche
Blindenbücherei Deutschlands. Neben den verleihbaren 5300 Musikalien stehen Interessierten 12000 Literaturbände zu
Verfügung, die weltweit ausgeliehen werden können. Für Blindenmusikalien ist die DZB die einzige Anlaufstelle in
Deutschland. Die DZB bietet mit dem Notendienst DaCapo einen Service an, mit dem Musikalien in Braille-Schrift übertragen werden und
blinde Musiker so für sie lesbare Noten bestellen können. Die Herstellung von Braille-Noten hat Tradition in Leipzig. Bis 1986
erfolgte die Übertragung von Musikschriften aus einer Schwarzschriftvorlage in die Braille-Notenschrift durch ein kleines
spezialisiertes Mitarbeiterteam. Seit 1995 wurden in Deutschland keine Musikalien in Braille-Notenschrift mehr hergestellt. Nicht nur aus
Mangel an Standardwerken für blinde Musiker, sondern auch um die Berufschancen blinder Musiker zu verbessern und die Verbreitung der
Braille-Notenschrift zu fördern wurde 2003 das Projekt DaCapo ins Leben gerufen. Mit dem neu entwickelten Programm Hodder
können Noten nun computergestützt adäquat und effektiv übersetzt werden. Das Projekt hat sich der Direktor der DZB,
Dr. Thomas Kahlisch, ausgedacht: „DaCapo ist einzigartig, mit nur fünf - davon nicht alle in vollzeit angestellten -
beteiligten Personen ist der Aufwand gering und besonders kostengünstig. Wir haben drei Jahre um die Finanzierung gerungen.“
Die Expertengruppe, welche bis Mitte der 1980er Jahre in Leipzig Blindennoten produzierte, gab dem Projekt seinen Namen. Inzwischen
befindet sich DaCapo in seiner zweiten Projektphase und wird durch das Bundesministerium für Arbeit und Soziales finanziert.
Bei blinden Musikern besteht ein großer Bedarf an Noten, die diese aber nicht im gängigen Musikalienhandel erwerben können. Mit DaCapo werden Noten für Blinde übertragen, die sie professionell einsetzen können. Die Noten werden zunächst für die Übertragung in Braille-Schrift bearbeitet, anschließend erfolgt die Übersetzung durch DaCapo sowie das Korrekturlesen. Die Korrektur erfolgt sowohl von Blinden als auch von Sehenden, die dazu in einem Team zusammen wirken. Mit dem Übertragungsservice werden Musikern professionelle und kurzfristige Übertragungen jeglicher Art von Musik, auch von Arrangements und eigenen Werken, kostenfrei angeboten. Weiterhin werden Kurse zum Erlernen der Braille-Notenschrift angeboten. Seit 2005 sind auch Übertragungen von Blindennoten in Noten für Sehende möglich. Ziel ist es, Leipzig als ein leistungsfähiges Übertragungszentrum zu etablieren. Dr. Thomas Kahlisch: "Die Bedeutung von DaCapo ist sehr groß. Leider ist der Bekanntheitsgrad noch nicht so hoch. Wir werden auch mit auslaufender Förderung die Arbeit am Projekt fortsetzen. Blinde Menschen und Musik, das gehört einfach zusammen!" Die Kooperation mit Musikverlagen soll intensiviert werden, um den Notenübertragungsprozess so effizient wie möglich zu gestalten. Desweiteren werden Verfahren entwickelt, mit denen Noten noch individueller und in kurzer Zeit bereitgestellt werden können. Schulen und andere Bildungsinstitutionen sollen durch den Service besondere Unterstützung erfahren. DaCapo wird mittlerweile von mehreren Blindenschulen im deutschsprachigen Raum genutzt. Die Mitarbeiter von DaCapo sind bestrebt, ihre Entwicklung sämtlichen Einrichtungen zur Verfügung zu stellen, die sie im In- und Ausland zum Wohle blinder Musiker und Musikerinnen nutzen wollen.
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