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»Ich komme aus der sehenden Welt«
Heute: Dr. Thomas Kahlisch (Direktor der Deutschen Zentralbücherei für Blinde)
Von Nicole Scholz, erschienen in: SachsenSonntag (6. Mai 2007)
Am 6. Januar im Jahre 1963 erblickte Thomas Kahlisch in Altdöbern das Licht der Welt. „Ich kam sehbehindert zur Welt, hatte nur eine Sehleistung von 25 Prozent. Aber da meine Eltern beide Lehrer waren, brauchte ich damals nicht auf eine Sehbehindertenschule zu gehen, sondern nahm am Unterricht, in der Schule teil, in der auch mein Vater Direktor war“, erinnert sich Thomas Kahlisch.
Aufgewachsen ist der sympathische Wahlleipziger in Lübbenau im schönen Spreewald. Durch seine Behinderung hatte er es nicht immer leicht, auch was die Schule betraf. Seine Eltern achteten darauf, dass er viele Aufgaben mündlich absolvieren konnte und nicht unbedingt endlos lange Texte vorlesen musste.
Die Erblindung
Das alles ging bis zur achten Klasse relativ gut. „Im Alter von 14 Jahren erblindete ich vollständig, bis zu diesen Zeitpunkt hatte ich diverse Operationen und Erkrankungen am Auge über mich ergeben lassen. Mein Vater meinte dann, ich solle das Abitur machen, ich befürwortete diese Entscheidung und kam auf eine Spezialschule nach Königs Wusterhausen.“ Dort lebte Thomas Kahlisch im Internat und entschied sich dann doch gegen das Abitur. In Königs Wusterhausen erlernte er die Blindenschrift und entscheid sich, eine Ausbildung zu beginnen. Er wechselte in das Rehazentrum für Blinde, ins heutige Chemnitz, und beendete dort eine Lehre zum EDV-Facharbeiter. „Die Ausbildung hat mir sehr viel Spaß gemacht und neuen Lebensmut gegeben, denn mit 14 Jahren hat man eigentlich etwas Besseres zu tun, als zu erblinden“, lächelt der Direktor verschmitzt. Danach arbeitete er im Kraftwerk Lübbenau und absolvierte dann in Görlitz die DDR-Fachschule für eine Zulassung an die Universität. „Ich studierte an der TU Dresden Informatik und das als erster Blinder im Osten“, erklärt Thomas Kahlisch.
Um die Wende herum gab es an der Universität Karlsruhe ein Modellversuch „Studienhilfe für Blinde und Sehbehinderte“. Dort schrieb der Besitzer eines Führhundes seine Diplomarbeit und später ein eigenes Buch über den Fachbereich Informatik für Sehbehinderte „Die TU Dresden war von diesem Konzept sehr begeistert und so riefen Prof. Wünschmann und ich eine Studienunterstützung für Blinde und Sehbehinderte ins Leben. Somit arbeitete ich als wissenschaftlicher Mitarbeiter bei der Studienunterstützung bis 1997 an der Universität der Landeshauptstadt und schrieb meine Doktorarbeit.
Blinde können am Computer ganz normal Texte, E-Mails und Internetseiten „lesen“, eine besondere Software macht dies möglich. In der Zentralbücherei für Blinde kann man seit 2003 das Hörbücher im sogenannten „DAISY“-Format ausleihen. Diese CDs können bei bis zu 40 Stunden Laufzeit ein Hörspiel, Kochbücher, Zeitungsartikel und vieles mehr enthalten. Die Bücherei selbst stellt Hörbücher und Lesestoff in Blindenschrift in ihrem Produktionsräumen her. „Am 8. September haben wir wieder einen Tag der offenen Tür in der Einrichtung, bei dem wir uns über zahlreiche Gäste freuen.“
Es macht Thomas Kahlisch Spaß, anderen Sehbehinderten die Möglichkeit zu bieten, technische Dinge zugänglich zu machen.
Es gibt so viele Möglichkeiten, als Blinder trotzdem an der Welt teilzuhaben.
„Meine Partnerin ist ebenfalls blind und hat auch einen Führhund. Wir wohnen in Gohlis nah am Rosental und sind dort oft in
der Natur spazieren.
Durch ein Farberkennungsgerät erkennt Thomas Kahlisch auch, welche Kleidung er gerade aus dem Schrank nimmt. Ich achte auf mein
Äußeres und geh mit Freunden einkaufen, die mich gut beraten können. Ich komme ja eigentlich aus der sehenden Welt und
möchte gepflegt aussehen.“
Natürlich braucht man im Alltag etwas Hilfe von anderen Menschen, aber wer braucht das nicht?! Zum Beispiel beim Einkaufen oder bei
Behördengängen.
Ruhe genießen
Ich reise gern, vor allem in die Natur. Ich kann zwar die Landschaft nicht sehen, aber man riecht und fühlt die Umgebung und
findet viel Ruhe. Ich gehe auch regelmäßig ins Fitnessstudio, das braucht man bei einem Büro-Job.“ Aber auch beim
Skilanglauf, ein Angebot extra für Nichtsehende, hat der gebürtige Altdöberner einen Heidenspaß. Er ist nicht der
Typ, der unbedingt auf klassische Musik steht und stets in der Oper residiert, nein - sein Geschmack liegt beim Rock der 60er und 70er
Jahre.
„Am Sonntag stehen wir sehr zeitig auf. So gegen halb acht, da die Hunde auch auf die Wiese müssen. Dann holen wir frische
Brötchen, die dann mit Käse, Marmelade oder Wurst belegt werden, und einen deftigen Kaffee. Dazu wird dem Sonntagsrätsel
auf MDR Figaro oder dem Deutschlandradio gelauscht", erzählt der lebensfrohe 44-Jährige.
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