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Lesen, Hören, Begreifen

Von Susanne Siems, erschienen in: Streifband.Print Nr. 12

Als ich im Juni beim Weltmeisterschaftsspiel Argentinien gegen Mexiko im Stadion saß, kam auf einmal ein junger Mann an meinen Platz und bot mir einen tastbaren Plan des Zentralstadions an. Gefertigt hatte diese Übersicht die Deutsche Zentralbücherei für Blinde (DZB), die seit über hundert Jahren hier in Leipzig Bücher, Zeitschriften und andere Medien für blinde und sehbehinderte Menschen herstellt. Ich benötigte die Orientierungskarte nicht, hatte sie bereits in ihrer Planungsstufe erlebt und mir das fertige Exemplar kurz vor dem Spiel in der DZB selbst angesehen. Denn ich arbeite in der ältesten Blindenbücherei Deutschlands, zwar nicht seit ihrer Gründung im Jahr 1894, aber doch immerhin schon seit reichlich 15 Jahren. Dort im Stadion habe ich mich gefreut über die unverhoffte Begegnung mit meiner Arbeitsstelle, denn trotz Finanzierung im Rahmen eines Staatsbetriebes der Sächsischen Landesregierung kann diese Einrichtung nur überleben und innovativ arbeiten, indem ihr Bekanntheitsgrad, ihre Akzeptanz und Anerkennung in der sehenden und nichtsehenden Öffentlichkeit ständig wachsen.

Wozu aber das alles, mag der eine oder andere Leser fragen. Können denn blinde Menschen überhaupt lesen und was haben sie von den bunten Bildern und Linien auf dem eingangs erwähnten Plan? Lohnt sich die aufwändige Produktion überhaupt für die wenigen Nutzer?

Für blinde Menschen ist Literatur und Information allgemein mindestens genauso wichtig wie für Sehende. Das Buch und die Presse sind in weit größerem Maße ein Tor zur Welt. Fast alles, was der blinde oder auch hochgradig sehbehinderte Mensch visuell nicht wahrnehmen kann, vermittelt ein Buch, eine Zeitschrift oder zunehmend auch das Internet. Dabei spielt die Art der Textaufnahme eigentlich eine untergeordnete Rolle. Viel wichtiger ist das Stück Unabhängigkeit, das mit der selbstständigen „Literaturaufnahme“ erworben, bei Späterblindeten wieder erworben wird. Dennoch sei im Zeitalter audiovisueller Medien und des Hörbuches zunächst die Bedeutung der Blindenschrift hervorgehoben.

Selbstständig lesen, selbst die geeignete Lektüre auswählen können, danach stand Anfang des 19. Jahrhunderts auch einem blinden jungen Franzosen der Sinn und so erfand er innerhalb von 6 Jahren die heute noch weltweit gültige, tastbare 6-Punkte-Schrift. Im Jahre 1825 stellte Louis Braille das von ihm entwickelte System der Öffentlichkeit vor. In den darauffolgenden Jahrzehnten wuchs logischerweise der Bestand an Büchern in dieser tastbaren Punktschrift rasant. Zunächst entstanden Bibliotheken an den damals existierenden Blindenschulen. Ausgehend von einer Initiative des Leiters der Blindenanstalt in Dresden wurde dann Ende des 19. Jahrhunderts, genauer gesagt am 12. November 1894, in Leipzig, unweit des jetzigen DZB-Standortes in der Gustav-Adolf-Straße, der Verein zur Beschaffung von Hochdruckschriften gegründet. Hochdruckschriften, so lautete die damalige Bezeichnung für Blindenschriftliteratur. Engagierte Ehefrauen einflussreicher Leipziger Bürger, an ihrer Spitze Marie Lomnitz-Klamroth, übertrugen in ehrenamtlicher Arbeit Bücher in Blindenschrift. Wie fleißig die Frauen dabei waren, zeigen schnell wachsende Bestandszahlen der seit 1916 unter dem Namen »Deutsche Zentralbücherei für Blinde zu Leipzig« fungierenden Bibliothek. Immerhin existierten 1917 bereits 5.000 Bände in Blindenschrift und es gab 1.255 Leser. Die Leser waren und sind über ganz Deutschland verteilt. Eine Vereinbarung mit der Post, nach der Blindensendungen portofrei transportiert werden dürfen, macht den kostenlosen Versand von Blindenschriftliteratur und, seit 1956, der Boxen der Hörbücherei möglich. Bundesweiter Versand schon damals also. Nannte sich die Einrichtung darum Zentralbücherei; War sie das Zentrum für die Literaturversorgung Blinder?

Die DZB ist die älteste öffentliche Leihbücherei, sie ist aber keineswegs die einzige. Bereits 1905 wurde in Hamburg die Stiftung »Zentralbibliothek für Blinde« gegründet. Wie man unschwer am Namen erkennen kann, auch mit dem Anspruch, zentral und deutschlandweit zu versorgen. Wettbewerbsbestrebungen also durchaus auch auf diesem Markt, obwohl man sich Konkurrenzkampf auf dem Rücken der Betroffenen weder damals noch heute leisten konnte. Das mögen ein paar aktuelle Zahlen verdeutlichen: Jährlich werden auf der Frankfurter Buchmesse 100.000 Neuerscheinungen vorgestellt. Alle Blindenschriftdruckereien und Hörbüchereien im deutschsprachigen Raum (mittlerweile sind es ein Dutzend) schaffen es derzeit, pro Jahr ca. 2000 dieser Titel für Blinde und Sehbehinderte zugänglich zu machen. Wenn man beide Zahlen vergleicht, ist klar, dass man hier nur über enge Zusammenarbeit und viele innovative Ideen Verbesserungen erreichen kann. Seit den 1980ger Jahren existierten deshalb Arbeitsgemeinschaften, die die Arbeit aller Druckereien, Verlage und Bibliotheken für Blinde koordinieren sollten. Es gab zwei getrennte Arbeitsgemeinschaften für den Bereich Hörbuch und Blindenschrift. Im September 2004 schlossen sich diese zum Verein »MEDIBUS« zusammen. MEDIBUS (Mediengemeinschaft für blinde und sehbehinderte Menschen e.V.) hat gerade eine neue Stufe der erfolgreichen Zusammenarbeit erklommen. Seit dem Spätsommer 2006 gibt es im Internet einen Zentralkatalog für alle blindengerecht aufbereitete Literatur im deutschsprachigen Raum. Der Nutzer kann hier barrierefrei recherchieren, in welcher Bibliothek ein Titel seiner Wahl vorhanden ist, er kann sich eine Liste erstellen und sich dann an die entsprechende Bibliothek wenden. Soviel zur dringend notwendigen Zusammenarbeit. Aber auch an den innovativen Ideen, die natürlich ebenfalls nur gemeinsam umgesetzt werden können, mangelt es nicht. Die im Augenblick erfolgreichste dieser Ideen heißt »DAISY« und wir schaffen mit ihr in diesem Beitrag nahtlos den Übergang von der Blindenschrift zum Hörbuch bzw. auch die Verbindung beider Elemente. DAISY (Digital Accessible Information System) bezeichnet die neue Hörbuchgeneration. Basierend auf dem MP3-Format bietet DAISY einen weit größeren Bedienkomfort. Bis zu 40 Stunden Hörbuch passen auf eine CD-ROM, es kann auf verschiedenen Hierarchieebenen navigiert, Seite für Seite wie in einem richtigen Buch geblättert oder von Anfang bis Ende „durchgeschmökert“ werden. Eine gute Orientierung innerhalb des Buches ist also gegeben. Gehört werden DAISY-Hörbücher auf speziellen Abspielgeräten. Auch handelsübliche MP3-CD-Player können eingesetzt werden, allerdings kann man dann nicht mehr in der DAISY-Struktur navigieren. Für den PC wurde in der DZB die Software »DAISY-Leser« entwickelt. Besonders für Zeitschriften und Nachschlagewerke gibt es so eine günstige Möglichkeit, DAISY-Bücher am PC zu hören. Seit dem Sommer existiert nun auch das erste Volltextbuch. Das heißt, dass neben den MP3-Dateien auch die entsprechenden Textdateien auf der CD vorhanden sind, man kann also wahlweise hören oder lesen, in Schwarzschrift oder mit geeigneter Umwandlungssoftware, in Blindenschrift über die Braillezeile am Computer oder über einen Drucker auf Papier ausgedruckt. Somit ist mittelfristig der Versand von großen Blindenschriftbüchern überflüssig oder wird zumindest auf ein geringes Maß reduziert werden, denn es werden die Daten in elektronischer Form an den Nutzer geschickt, zur Zeit in Form von CD-ROMs oder sogenannten CD DAISY, später vielleicht als Chip oder via Download. Für Buchliebhaber wird es natürlich auch die komfortabel eingebundenen Bücher der DZB zum Kauf und zur Ausleihe geben. Der Vorteil neuer Technologien liegt ja nicht im Wegfall bewährter Dinge sondern in einer Zunahme der Auswahlmöglichkeiten. Auch die Verlage erkennen zunehmend die Vorteile von DAISY. Das zeigt sich zum Beispiel mit der Initiierung des Projektes »DAISY für Alle«. Über die Internetplattform www.vorleser.net der Phonetic groups und die DZB werden erstmalig DAISY-Bücher zum Kauf bzw. Download angeboten. Sicher wird diese Form schnelle Verbreitung finden.

Egal wie die Distributionswege der Zukunft auch immer aussehen mögen, fest steht, dass die digitale Verfügbarkeit von Daten einen Riesenvorteil für blinde und sehbehinderte Menschen bringt. Vor hundert Jahren übertrug man Bücher per Hand, von jedem Titel gab es ein Exemplar in der Punktschriftbibliothek. Wenn das auf dem Postweg verloren ging oder vom Tasten zu vieler Finger die Punkte nicht mehr lesbar waren, dann gab es diesen Titel eben nicht mehr in Blindenschrift. Heute wird einfach ein neuer Ausdruck gemacht, die Seiten in der Binderei zu einem attraktiven Buch gebunden und schon gibt es ein neues Exemplar für viele blinde Leser. Für den Bereich Hörbuch geht es neben dem Komfort für die Hörer vor allem auch um Platzersparnis im Magazin und schnellere Zugriffszeiten. Dem Traum, das jedes Buch, sobald es auf dem Markt ist, auch nach ganz kurzer Zeit in einer Fassung für blinde und sehbehinderte Menschen bereit steht, sind wir damit ein ganzes Stück näher.

Weitere Informationen: www.dzb.de | www.medibus.info | www.vorleser.net

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