120 Jahre DZB

Jubiläen erinnern immer an zeitgeschichtliche Entwicklungen und Ereignisse, die zum Teil auch in Vergessenheit geraten sind. Wann war die letzte elektrische Handpunziermaschine in Betrieb? Wie hieß das erste Hörbuch, das die DZB im eigenen Studio produzierte? Und warum trafen sich 1948 blinde Musiker in Leipzig?
Erfahren Sie mehr über die Geschichte unseres Hauses.

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Das Hörbuch: Von der Kassette in die digitale Zukunft

Tonband, Kassette, CD und MP3 – die Geschichte der Tonträger vollzog sich in einem rasanten Tempo. Keine 50 Jahre dauerte die Entwicklung vom Kassettenrekorder zum MP3-Player. Wer kennt heute noch das Tonband?
Als am 14. März 1956 die Hörbücherei eingeweiht wurde, stand auch die DZB am Anfang dieser technischen Revolution. Die Hörbuchausleihe startete mit ca. 3000 Tonbändern, die vor allem aus Beständen des staatlichen Rundfunks der DDR kamen. Dazu zählte auch der Roman „Tinko“ von Erwin Strittmatter, der zur Einweihungsfeier als erstes Hörbuch vorgestellt wurde. Das erste Hörbuch, das die DZB in ihrem Studio selbst produzierte, war „Der Lotterieschwede“ von Martin Andersen Nexö. Zufall oder nicht? Auch das neu eingerichtete Studio wurde damals mithilfe von Lottomitteln finanziert. Herbert Jakob, damaliger Direktor der DZB, erklärte bei der Einweihung, dass das „sprechende Buch“ eine wertvolle Ergänzung zum Punktschriftbuch sei und Menschen, die die Punktschrift nicht lesen können, Wege zur Literatur eröffnen werde. Seine Prognose erwies sich als richtig: Jahr für Jahr wuchs die Hörbuchproduktion, so dass die Hörbuchausleihe ihren Nutzerinnen und Nutzern ein immer vielfältigeres Angebot bereitstellen konnte. Im Herbst 1963 wurde mit der Einweihung eines neuen Gebäudes die so dringend benötigten Studioräume für die Aufnahmen, technische Reparaturen, das Cuttern (Schneiden) und Kopieren geschaffen. Hinzu kam eine leistungsfähige Kopieranlage, auf der bis zu 10 Kopien zweispurig gleichzeitig und in vierfacher Geschwindigkeit gezogen werden konnte.

Tausend Meter Tonspule und Aufnahmen mit hoher Qualität

Bis zum Jahr 1969 stieg die Zahl der ausgeliehenen Tonbänder auf über 350.000 Bänder. Hans Lanzke, seit 1967 Leiter des Studios, schuf mit seinen zehn Mitarbeitern und 30 professionellen Sprechern ein vielfältiges Angebot an Hörbüchern, die hohe Qualitätsstandards setzten und deshalb von den Nutzerinnen und Nutzern der Hörbücherei sehr geschätzt wurden. Jährlich lasen die Sprecher 40.000 Schwarzdruckseiten unterschiedlicher literarischer Genre auf die Tonspule. Hauptberuflich arbeiteten sie als Schauspieler im Theater und Fernsehen, als Rundfunksprecher und Sprechwissenschaftler. Ohne sie wäre die sehr gute Qualität der Hörbücher nicht möglich gewesen. Darauf achteten vor allem die Aufnahmeassistenten, die die Sprechertermine organisierten und die Bücher für die Aufnahme vorbereiteten. Damals wie heute prüfen sie den Text auf die Aussprache von Fremdwörtern, die Umsetzung von Anmerkungen, Fußzeilen, Registern etc., achten auf Textgenauigkeit und eine saubere Aufnahme. Heute arbeiten sie mit entsprechender Studiosoftware am Computer und entfernen Versprecher und störende Geräusche sofort. Früher wurden die Fehler im Arbeitsexemplar zunächst markiert. Beim Umkopieren des Hörbuches auf ein zweites Band wusste die Cutterin dann, welche Stellen sie nicht mitkopieren darf. Immerhin war dies einfacher als zu Anfangszeiten, wo die Cutterin noch mit Schere, Kleber und vielen Metern Tonspule im Studio saß und die Versprecher mit der Hand beseitigte. Doch so oder so, die unhandlichen Spulentonbänder von bis zu tausend Meter Bandlänge verursachten nicht selten ein heftigen Bandsalat.

Die Kassette und schnelle Kopierverfahren

Die Einführung der Kassette ab 1971 brachte nicht nur dem Nutzer erhebliche Erleichterungen im Umgang mit dem Speichermedium, sondern veränderte auch das Kopierverfahren in der Produktion. Anfangs zog man vom Mutterband immer nur eine Kassette. Später wurde mit japanischen und amerikanischen Kopiermaschinen in vier- und achtfacher Geschwindigkeit kopiert. Man begann, alte Spulentitel auf Kassetten umzuschneiden. Durch das schlechte Bandmaterial der Kassetten gab es immer wieder Qualitätsprobleme. In den achtziger Jahren waren die Kopiermaschinen soweit verschlissen, dass die Hörbuchproduktion vor dem Aus stand. Selbst die Konstruktion einer Kopiermaschine von Studiotechnikern der DZB scheiterte mangels entsprechender elektronischer Bauteile. Erst die Wiedervereinigung ermöglichte die technische Umrüstung. Neue rationellere Kopieranlagen wurden angeschafft, das nachträgliche Abhören, sowie das Cuttern entfiel.

Die DAISY-CD und ihre einfache Navigation

Als die Compact Disc (CD) in den 1980er Jahren den Markt eroberte, war auch das Ende der Kassette absehbar. Die Blindenbüchereien entschlossen sich weltweit für den Einsatz spezieller digitaler Standards und Technologien, die eine neue digitale Hörbuchgeneration schufen – die DAISY-CD. DAISY-Hörbücher ermöglichen auf speziellen Abspielgeräten eine sehr einfache Navigation und haben einen Speicherumfang von 40 Stunden pro DAISY-CD.
Nachdem Ende der 1990er Jahre die alten Bandmaschinen in den Aufnahmeräumen durch moderne Computertechnik und Software ersetzt wurden, startete 2002 die DAISY-CD-Ausleihe. Seit 1999 standen für die Aufnahme drei Studios zur Verfügung. Ein stetig gewachsenes Hörzeitschriftenangebot erforderte weitere Kapazitäten. Zeitschriften wie „Das Gesundheitsmagazin“, „DZB-Nachrichten“ und „Ratgeber aktuell“ erschienen in Brailleschrift und auf DAISY-CD. Jedes Jahr wurden rund 200 Hörbücher im DAISY-Format aufgesprochen: Romane, Krimis, Klassiker der Weltliteratur, Kinderliteratur und Sachbücher. Drei Jahre nach der Einführung der DAISY-CD konnte die Hörbuchausleihe bereits ihr 3000. DAISY-Buch einstellen. Parallel zur Hörbuchproduktion liefen die Umschnitte von der Kassette auf DAISY-CD. 2010 wurde deutschlandweit das Ende der Kassettenausleihe bekannt gegeben.

EPUB3 und wohin geht die Reise?

Heute stehen den Nutzerinnen und Nutzern der DZB 26.000 DAISY-Hörbücher zur Hörbuchausleihe bereit. Als Mitglied der Arbeitsgemeinschaft deutscher Hörbüchereien übernimmt die DZB auch Produktionen anderer Hörbüchereien und stellt diesen wiederum ihre Hörbuchaufnahmen zur Verfügung.
Längst wird auch das Spezialformat DAISY zu einem offenen Standard für E-Books, dem EPUB3, weiterentwickelt. Hier achtet man von Anfang an auf barrierefreien Zugang für blinde und lesebehinderte Nutzer. Diese können schon jetzt mit Hilfe von Smart- und iPhones, Tablets und Laptops jederzeit das lesen, was sie möchten. Barrierefreie Speichermedien stellen ihnen ein großes Hörbuchangebot nutzerfreundlich bereit. Ungekürzte Hörbücher in hoher Qualität erhalten die Nutzer nicht allein nur aus der DZB. Die Blindenbüchereien müssen nach neuen Wegen suchen und sich dem wachsenden Angebot kommerzieller Anbieter im Internet stellen, die mehr und mehr barrierefreie Hörbücher zu Verfügung stellen und dazu die passenden Geräte anbieten.

Gabi Schulze