120 Jahre DZB

Jubiläen erinnern immer an zeitgeschichtliche Entwicklungen und Ereignisse, die zum Teil auch in Vergessenheit geraten sind. Wann war die letzte elektrische Handpunziermaschine in Betrieb? Wie hieß das erste Hörbuch, das die DZB im eigenen Studio produzierte? Und warum trafen sich 1948 blinde Musiker in Leipzig?
Erfahren Sie mehr über die Geschichte unseres Hauses.

Braillebuch
Hörbuch
Braillenoten
Reliefs

Braillenoten: Blinde Musiker brauchen Noten

Am 11. November 1948 treffen sich 28 blinde Berufsmusiker zu einer Arbeitsberatung im Bach-Saal der Zoo-Gaststätten in Leipzig. Eingeladen hat die Notenabteilung der DZB. Sie übernahm im Juli 1946 die Musikalien der Notenbeschaffungszentrale des ehemaligen Reichsdeutschen Blindenverbandes (NBZ) aus Wernigerode und baut nun eine eigene Notenherstellung auf. Deshalb sind ihr die Anregungen der speziellen Nutzer und deren Nachfrage nach Noten sehr wichtig. Die Tagung endet mit einem gemeinsamen Besuch im Gewandhaus und der Rat der Stadt Leipzig schenkt den Musikern sogar die Konzertkarten.

Besuch von Übersee

Bis zur Übergabe ihrer Musikalien an die DZB ist die NBZ in Berlin, später in Wernigerode, tätig. 1928 auf Anforderung blinder Musiker gegründet und von der „Arbeitsgemeinschaft zur Förderung blinder Berufsmusiker“ unterstützt, stellt sie ihren Nutzern gedruckte und handschriftlich übertragene Noten bereit. Von 1928 bis 1945 sind ca. 150 Noten- bzw. musiktheoretische Werke im Auftrag der NBZ gedruckt wurden. Diese kommen von den bestehenden Blindenschriftdruckereien, vor allem aus der Blindenstudienanstalt in Marburg, aber auch von der DZB in Leipzig. Die damalige Direktorin und Tochter eines Moskauer Konzertmeisters Marie Lomnitz-Klamroth hat in Leipzig ein Musikalienzentrum aufgebaut, das durch eine „großzügige Stiftung für den Ankauf der gesamten Notenschriftliteratur“ von Prinzessin zu Waldenburg-Schönburg ermöglicht wurde. Sogar Besuch aus Übersee empfängt die Direktorin. Musikdirektor Kroh aus Valparaiso in Chile, der an seinem Konservatorium blinde Studenten unterrichtet, scheut die lange Reise nicht. Er erkundigt sich nach dem von Louis Braille entwickelten Notensystem und möchte wissen, ob es noch weitere, vielleicht einfachere Systeme gibt. Selbst nach der Vereinheitlichung der Regeln auf dem internationalen Kongress 1888 in Köln unterliegt die Notenschrift weiteren Veränderungen. Auch Tony Mahler, Bibliothekarin in der DZB, erarbeitet 1925 das so genannte „Leipziger Notenschrift-System für Blinde“, das sich allerdings nicht durchsetzt. Herr Kroh ist jedoch begeistert davon und darf eine Abschrift „an seinem Konservatorium verwerten“.

Noten fürs Studium und Schlagerhefte mit Hits

In einer Broschüre der DZB von 1919 findet sich eine Liste zum Fachgebiet Musik, die einige interessante Notenwerke aufführt: eine „fünfbändige Instrumentationslehre, eine Geschichte der Musik, Kahnts Musikalisches Fremdwörterbuch und einen Führer durch Robert Schumanns sämtliche Klavierkompositionen“. Die Musikalienabteilung der DZB fördert das Studium musikinteressierter Blinder. Im Jahresbericht des Vereins zur Förderung der Deutschen Zentralbücherei für Blinde 1927 steht: Die DZB ist „mit der Herstellung wissenschaftlicher Literatur für Studium und Beruf ebenso stark beschäftigt wie für die Musikstudierenden am Leipziger Konservatorium“. 1947 zählt der Gesamtbestand an Musikalien über 3.300 Titeln, davon ca. 2.800 handschriftliche Übertragungen und über 520 Druckwerke. Diesen Bestand erhält und pflegt die DZB in den 50er und 60er Jahren. Vor allem aber vervollständigt sie die Werke der Klassiker, überträgt Noten für zeitgenössische Musik sowie Unterhaltungsmusik und produziert musiktheoretische Werke. So können blinde Hobby- und Berufsmusiker in der DZB weit über 5000 Notenwerke kostenlos ausleihen. Monatlich erscheinen die Musikzeitschriften „Lyra“, in den 80er Jahren „Noten und Notizen“ und das „Schlagerheft“, in dem es die Noten der neuesten Hits zum Nachspielen gibt. Jährlich werden ca. 100 neue Notentitel hergestellt, darunter die Werke berühmter Komponisten der Musikgeschichte. So sind die Bachkompositionen fast vollständig vorhanden und können verliehen werden. Das ist vor allem das Verdienst des Notenexperten Heinrich Freigang, der bis 1987 Schwarzdrucknoten in Braillenoten überträgt. Als in den 80er Jahren die Nutzerzahlen dramatisch sinken, wird mit dem Ausscheiden Heinrich Freigangs aus der DZB die Notenproduktion eingestellt.

Vom Projekt zum Notenübertragungsservice DaCapo

Die von blinden Musikern ins Leben gerufene Arbeitsgruppe Notennetzwerk macht in den folgenden Jahren auf das fehlende Notenangebot und die große Nachfrage aufmerksam. Die DZB mit ihrer langjährigen Notentradition beschließt daraufhin 2001, die Braillenotenproduktion mithilfe neuer IT-Verfahren wieder aufzubauen. Die notwendige finanzielle Unterstützung findet sie bei der Blindenselbsthilfe und dem Bundesministerium für Arbeit und Soziales. 2003 wird das Projekt „DaCapo“ zum Wiederaufbau der Produktion von Braillenoten ins Leben gerufen. Es sollen softwarebasierte Technologien entwickelt werden, die eine effektivere Produktion von Braillenoten dauerhaft ermöglichen. Innerhalb von sechs Jahren wird der leistungsfähige Notenübertragungsservice DaCapo eingerichtet, der mit einer neu entwickelten Software anforderungsorientiert und effizient Schwarzschriftnoten in Braillenoten und umgekehrt auch Braillenoten in Schwarzdrucknoten übersetzt. So werden nicht nur wichtige Standardnotenwerke produziert, blinde Musiker können ihre eigenen Kompositionen und Arrangements kurzfristig und in sehr guter Qualität übertragen lassen. Die von DaCapo übertragenen Noten stellt die DZB allen Bibliotheksnutzern im Verleih kostenfrei zur Verfügung. Derzeit registriert die Notenausleihe über 460 angemeldete Nutzer. Mehr als 6200 Notentitel und musiktheoretische Werke gehören zum Bestand der Musikalien-Bibliothek. Etwa 730 Titel werden zum Verkauf angeboten. Neben Klavier- und Orgelnoten, Notenwerken für Flöte und Violine finden blinde Musiker in der DZB eine umfangreiche Auswahl an Gesangsnoten.

Die DZB nahm die Bedürfnisse ihres speziellen Nutzerkreises immer sehr ernst. Sowohl 1948 als auch 2001 wagte sie einen Neuanfang – beide Male mit Erfolg. Das größere Notenangebot hatte höhere Nutzer- und Ausleihzahlen zur Folge. Fest steht: Berufsmusiker brauchen eine Vielzahl an Noten, um ihren Beruf ausüben zu können. Und: Musiklehrer gestalten ihren Musikunterricht interessanter und können so manchen blinden Schüler für die Musik, vielleicht sogar für ein Instrument begeistern.

Gabi Schulze