120 Jahre DZB

Jubiläen erinnern immer an zeitgeschichtliche Entwicklungen und Ereignisse, die zum Teil auch in Vergessenheit geraten sind. Wann war die letzte elektrische Handpunziermaschine in Betrieb? Wie hieß das erste Hörbuch, das die DZB im eigenen Studio produzierte? Und warum trafen sich 1948 blinde Musiker in Leipzig?
Erfahren Sie mehr über die Geschichte unseres Hauses.

Braillebuch
Hörbuch
Braillenoten
Reliefs

Atlanten, taktile Bilderbücher, Kalender und noch mehr

1966 war der Weltatlas für Blinde das bis dahin größte Kartenwerk der Deutschen Zentralbücherei für Blinde (DZB) und ein Bestseller unter den Verkaufsprodukten. Er erschien bis 1983 in 3000 Exemplaren. Eine Leistung, wenn man bedenkt, dass die DZB erst seit Anfang der 50er-Jahre erste Reliefs für den Unterricht und die Berufsausbildung herstellte!

Paul Georgi und seine Werkstatt

Alles begann mit dem seit 1947 in der DZB tätigen Betriebstechniker Paul Georgi, der in der DZB eine Werkstatt zur Herstellung für Reliefs einrichtete und nach Verfahren suchte, die die Qualität des Reliefdrucks verbesserten. Ziel war es, den Blindenschulen taktile Karten zu liefern, die den Unterricht besser veranschaulichen konnten. Um in enger Verbindung mit Schülern und Lehrern zu bleiben, wurde 1954 die Reliefabteilung der DZB in das damalige Rehabilitationszentrum für Blinde in Karl-Marx-Stadt (heute Chemnitz) verlegt. Dort baute Paul Georgi eine selbstständige Abteilung für Lehrmittelbau und Relieftechnik auf, die er bis 1987 leitete. In dieser Zeit produzierte er viele Reliefs, vom einfachen Lageplan über anspruchsvolles Kartenwerk bis hin zu relieftechnischen Darstellungen für den naturwissenschaftlichen Unterricht an den Blindenschulen. Allein von 1951 bis 1969 entstanden weit über 3000 relieftechnische Darstellungen.

Vom Karton zu abwaschbaren Folie-Abzügen

Während alle Reliefprodukte vor 1962 noch durch Prägen auf Manila-Karton hergestellt wurden, fertigten Paul Georgi und seine Abteilung den oben erwähnten Weltatlas auf Hart-PVC-Folie (Ekadur-Folie) an. Da die Matrizen für Reliefs aus Karton eine sehr geringe Druckhöhe hatten - für gut tastbare Reliefkarten war eine Druckhöhe von 6 bis 12 mm gefordert - zeigten die Abzüge immer wieder kleine Einrisse. Die Reliefspezialisten suchten deshalb nach besseren Druckmöglichkeiten und konstruierten ein Vakuum-Tiefziehgerät, mit dem sie Folienabzüge unterschiedlicher Stärken herstellten. Erhöhungen und Vertiefungen waren jetzt besser darstellbar, die abwaschbaren Abzüge erwiesen sich als haltbarer und konnten farbig gestaltet werden. Ihre Tastqualität entsprach nun den modernen blindenpädagogischen Anforderungen.

Sternenhimmel zum Tasten ganz nah

Ende der 1970er-Jahre verkaufte die DZB ihre Reliefs in alle Welt. Die Kunden schätzten die sehr gute Qualität der taktilen Bilder und natürlich auch deren geringen Preis. Unterrichtsmaterialien wurden durch Ordner mit Reliefdarstellungen ergänzt, so beispielsweise Reliefordner zur Biologie, Physik und geographische Karten. Sehr beliebt waren der Weltatlas in überarbeiteter Auflage, sowie die Erdteilatlanten "Afrika", "Amerika" und ab 1980 "Europa", aber auch Sachbücher wie "Erlebnis Musik" mit sieben Reliefs, der neue "Große Duden" mit einem Reliefband sowie "Der Sternenhimmel". Hier gab das Relief eine annähernde Vorstellung von Objekten, die taktil nicht erfassbar sind.
Neben dem Relief auf Folie war das Punkterelief mit seiner einen Ebene ein gut darstellbares taktiles Bild, das allerdings durch Tasten erkennbar sein muss. Diese aus einzelnen in Papier geprägten Punkte ließen sich einfach anfertigen und leicht vervielfältigen. So erhielten die Leser der "Gegenwart" seit 1978 jedes Jahr den Streckenplan der Friedensfahrt als Papierrelief.

Eigene Reliefherstellung mit "Schrott" aus Hannover

Als die DZB Anfang der 80er-Jahre die Herstellung von mehrfarbigen Reliefs plante, erwies sich die Technik in Karl-Marx-Stadt als unzureichend. Eine weitere Zusammenarbeit mit Paul Georgi, der seit 1981 im Auftrag der DZB auch Reliefkalender herstellte, scheiterte. Der damalige Direktor Prof. Dr. Siegfried Tschirner veranlasste daraufhin den Aufbau einer eigenen Abteilung Reliefherstellung. In kurzer Zeit konstruierten die Techniker der DZB ein entsprechendes Vakuum-Tiefziehgerät, das Vakutherm, das einige Jahre später durch ein moderneres Tiefziehgerät ersetzt werden sollte. Es kam als "Schrottschenkung" des VzfB Hannover nach Leipzig und war so in seine Teile zerlegt, dass diese schnell wieder zusammengeschweißt werden konnten. So wurde der Zoll an der deutsch-deutschen Grenze überlistet und die Reliefherstellung in der DZB technisch abgesichert. 1985 fertigten die Relieftechniker den ersten mehrfarbigen Reliefkalender mit Blumenmotiven in eigener Produktion an. Die Firma Signograph stellte fortan den Siebdruck auf den Folien her. In den darauffolgenden Jahren entstanden beispielsweise auch Wolfgang Fromms Fibel "Meine Finger lernen sehen", eine Vielzahl an Reliefkalendern sowie das Baukunstsachbuch "Stilelemente der Architektur".

Ein "Bilderstreit", der die Gemüter erregte

Ein Relief muss für blinde Menschen erkennbar sein. Deshalb generalisieren die Reliefspezialisten das Bild sehr stark. Unwesentliche Details werden weggelassen, relevante Umrisse und charakteristische Linien festgelegt, die Ebenen des Reliefbildes und die Oberfläche des Bildes bestimmt. In künstlerischer Feinarbeit gestalten Relieftechniker taktile Bilder so, dass diese blinden Menschen realistische Vorstellungen von ihrer Umwelt vermitteln können. Heute verwenden Blindenpädagogen zur Veranschaulichung ihres Unterrichts ganz selbstverständlich Reliefdarstellungen. Das war nicht immer so! Nach dem Blindenlehrerkongress 1891 entbrannte über Jahrzehnte ein regelrechter "Bilderstreit". Die so genannten "Bilderfeinde" sprachen sich gegen den Einsatz von Reliefs im Unterricht aus. Ihre Überzeugung: Das Tasten von taktilen Bildern vermittelt keine Vorstellung von Räumlichkeit und Körperlichem. Praktische Erfahrungen der Blindenpädagogen, neue wissenschaftliche Erkenntnisse und moderne Technologien führten jedoch dazu, dass im Laufe der Zeit immer mehr Reliefbilder zum Einsatz kamen und deren Gestaltungsformen vielfältiger und zweckorientierter wurden. Aber auch die Nutzer setzten hohe Erwartungen in die Qualität der Gestaltung. Bestand der alte Weltatlas (1966) noch aus einfarbigen taktilen Folien, besaß der Europa-Atlas (2006) Karten mit farbigem Siebdruck und war auch für sehbehinderte Menschen lesbar.

Taktile Bilderbücher mit Folie und Bildern aus Moosgummi

Ein Highlight unter den Reliefprodukten Anfang der 2000er Jahre war ohne Frage der ästhetisch sehr ansprechende Kirchenführer "Der Kölner Dom: ein Reliefbuch für blinde und sehbehinderte Menschen", den die DZB im Auftrag der Dombauverwaltung Köln herstellte. Weitere Auftragswerke für Museen, Vereine und Bildungseinrichtungen folgten: Gemäldereliefs, Museumsführer, verschiedene Orientierungspläne. Seit 2000 produziert die Reliefherstellung transparente Reliefs mit farbig unterlegten Illustrationen für Kinderbücher, Kalender, Grußkarten und Atlanten. Auf der Grundlage dieser Technologie wurde ein neuer Weltatlas in deutscher und englischer Ausgabe konzipiert und 2013 fertiggestellt.
Neue Wege geht die DZB seit kurzem auch bei der Herstellung von Bilderbüchern: Neben transparenten Foliereliefs und taktilen Abbildungen auf Schwellpapier fertigen die Expertinnen in aufwändiger Handarbeit tastbare Bilder aus unterschiedlichen Naturmaterialien wie z.B. Wolle, Vlies, Moosgummi, Federn usw. an. So entstehen Tastbilderbücher für Kindergartenkinder und Leseanfänger, die ein außergewöhnlich sinnliches Erlebnis vermitteln und damit beides - Leselust und Tastsinn - fördern.
Knapp 50 Jahre nach Erscheinen des ersten Weltatlas konzipiert die DZB nun auch einen neuen Deutschlandatlas für blinde und sehbehinderte Schülerinnen und Schüler im Inklusionsunterricht. Eine neue Herausforderung für unsere Spezialisten!

Gabi Schulze