Hrsg. von der Deutschen Zentralbücherei für Blinde zu Leipzig (DZB)

 

Nr. 3/2002         Mai/Juni       12. Jahrgang

 


 

Inhalt

                                             

Vorbemerkung. 1

Unsere Postecke. 2

 

Magazingeflüster II. 3

Na hören Sie mal ...3

 

Einblicke. 4

Anarchisches Web. 4

 

Wie war das damals?. 6

Zum Abschied summten sie "Die Gedanken sind frei"6

 

Die Kramkiste. 7

Christa Wolf: "Der geteilte Himmel"7

Uwe Berger: "Das Verhängnis oder die Liebe des Paul Fleming"8

 

Das Autorenporträt:9

Luise Rinser (1911-2002)9

 

Bücher des Jahrhunderts. 10

John Steinbeck: "Früchte des Zorns"10

 

LOUIS. 12

World-Wide-Wissen - Lexika und Fremdwörterbücher im Internet12

 

Info-Service. 13

Gleichstellungsgesetz für behinderte Menschen vom Bundestag verabschiedet13

Die Verkehrsverbünde in Deutschland. 14

Elektronische Bücher für Sehbehinderte. 14

 

Impressum.. 15

 

 

Vorbemerkung

 Herzlich willkommen zur neuesten Ausgabe der "DZB-Nachrichten"! Es war wohl abzusehen, dass der offene Brief Dr. Uhligs und seiner Mitunterzeichner in der letzten Ausgabe für entsprechende Resonanz sorgen würde. Die Meinungen waren einstimmig für das Anliegen des Briefs, ein Beispiel dazu befindet sich, stellvertretend für viele, in der "Postecke". Danach lässt Sie Frau Siems an dem "Geflüster" Teil haben, das sie dieses Mal in unserem Hörbuchmagazin belauscht hat.Vielleicht erinnern Sie sich noch an die Artikelserie "Die digitale Bibliothek"? Der Autor der Artikelserie äußerte sich vor einiger Zeit in einem Interview zur Rolle von Büchern im Internetzeitalter. Ob Bücher mit Papier in der Moderne noch Sinn machen, erfahren Sie in unserer Rubrik "Einblicke". Am 16. April 1912 öffnete die erste jüdische Schule Sachsens in der Leipziger Gustav-Adolf-Straße, im heutigen Mittelgebäude der DZB, ihre Pforten. Mehr dazu steht unter "Wie war das damals?" Außerdem erfahren Sie, wo man im Internet Wissensdatenbanken findet und wo man die größte Bibliothek für Blinde und Sehbehinderte im Internet errichten will. Anlässlich der Verabschiedung des neuen Gleichstellungsgesetzes erschien eine Pressemeldung, die wir Ihnen ebenfalls nicht vorenthalten möchten.Dass neben all diesen Informationen und Berichten aus Blindenwesen, Informatik und Geschichte auch Hinweise zur Literatur nicht zu kurz kommen, Luise Rinser, Christa Wolf und John Steinbeck seien an dieser Stelle genannt, verspricht Ihnen

 

Ihr Karsten Sachse.

 

Unsere Postecke

Die Veröffentlichungen sind nicht zwangsläufig identisch mit der Redaktionsmeinung. Aus redaktionellen Gründen müssen wir uns Kürzungen vorbehalten. Wenn Sie keine Veröffentlichung wünschen, vermerken Sie dies bitte.

 

"(...) Der offene Brief, den Herr Dr. Werner Uhlig aus Leipzig im Heft 2 der DZB-Nachrichten veröffentlicht hat, findet meine volle Zustimmung. Besser konnte man eigentlich gar nicht begründen, wie wichtig, hilfreich und bequem für uns die Punktschrift mit ihren 6 Punkten ist. Damit bestreite ich nicht, dass die 8-Punkte-Schrift am Computer ihre Berechtigung hat, und doch muss ich sagen, ich war in den letzten Jahren meiner Berufstätigkeit noch gezwungen, mit der Braillezeile zu arbeiten, und ich habe es oft als schwierig und mühsam empfunden. Und ich gehe auch davon aus, dass es nur wenige Blinde geben wird, die diese Schrift so fließend lesen können wie unsere gute alte Brailleschrift. (...)"

(Hans-Dieter Baumgart aus Glauchau)

 

"(...) wie positiv sich auch nach längerer Zeit ein guter Tipp von Ihnen auswirkt, möchte ich einmal erzählen. Als im Januar eine Freundin aus Jugoslawien zurückkam, wo sie ihre Familie besuchte, erzählte sie mir u.a. auch  von den stundenlangen Stromausfällen. Da erinnerte ich mich sofort an Ihren Bericht von einem Kurbelradio. (...) Am nächsten Tag telefonierte ich mit der Firma Philips, wo ich beim Service die Artikelnummer erfuhr, das Gerät musste beim Händler bestellt werden. Meine Freunde wurden gleich neugierig, als ich ihnen davon erzählte, und wir probierten das Gerät zusammen aus. Alle waren fasziniert davon, die Familie der Freundin aus Jugoslawien sollte das Gerät zu Ostern geschenkt bekommen. (...) Auch im Namen meiner Freundin möchte ich mich auf diesem Wege für diesen tollen Tipp ganz herzlich bedanken. (...)"

(Gabriele Herten, Baltrum)

 

"(...) Zunächst möchte ich Sie bitten, mir künftig per Mail oder in Punktschrift zu antworten.

In der neuen Ausgabe der DZBN antworteten Sie auf die Frage eines Kunden, dass man sagen müsse/könne, in welcher Schriftform Sie mit den einzelnen Kunden verkehren sollen. Im Bezug auf Rechnungen und dergleichen in Punktschrift könnte man sich doch so einigen, dass immer eine Kopie in Blindenschrift beigefügt wird. Es ist doch ein bisschen merkwürdig, dass wir uns einerseits um ein Behindertengleichstellungsgesetz bemühen, um Hemmnisse für Behinderte abzubauen, und gerade Blindenbüchereien und andere Firmen, deren Kundenkreis ausschließlich oder zum größten Teil aus Blinden und/oder Sehbehinderten besteht, sind nicht bereit Barrieren abzubauen und schieben rechtliche Gründe vor.

Beim "Tag der offenen Tür" habe ich letztes Jahr einen Einblick erhalten, wie handgeschriebene oder alte Punktschriftbücher erneuert werden. Da war mir aufgefallen, dass die Texte zwar modernerweise in den PC übertragen werden, aber in Blindenkurzschrift. Das mag für den Blinden, der das eintippt, zwar eine enorme Erleichterung sein, scheint mir aber recht einseitig gedacht. Wenn man den Text in Normalschrift eingeben würde, ist man doch anschließend viel flexibler, in der Verarbeitung der Texte. Mann kann den Text neu formatieren (Minibücher, DIN-A4, Großformat). Man kann wahlweise in Basis-, Voll- und/oder Kurzschrift ausdrucken. Zusätzlich könnte man aus dieser Form heraus auch Textversionen für DAISY-Bücher erstellen. Und jeder kann den abgeschriebenen Text bearbeiten, nicht nur der, der Blindenschrift kann, sondern alle anderen auch.

Es interessiert mich, ob es Ihnen helfen würde, wenn z. B. ich alte Bücher, die nicht in der EDV erfasst sind, in Heimarbeit abzutippen. Vorzugsweise Texte, die nicht innerhalb von ein paar Tagen übertragen werden müssen. (zumindest bei mir.)

Können Sie gebrauchte Kassetten gebrauchen? Ich hätte ab und an C90er abzugeben.

Der Bericht über die Vorhaben im Bereich DAISY fand ich recht interessant. Dabei hat mich verwundert, dass Sie die Hörbücher immer noch analog archivieren. Wir hatten am 18. März in Hamburg die Gelegenheit, einen Vortrag von Frau Dittmar zu hören, in dem sie die Umsetzung von DAISY in der NBH berichtete. Und ich finde es eigentlich logisch, wie dort vorgegangen wird. Dort werden erst mal alle Mutterbänder auf CDs kopiert (jede Kassettenseite auf eine CD) und darüber hinaus werden Neuproduktionen nur digital erstellt. Warum machen Sie das so nicht?

(André Rabe aus Hamburg per E-Mail)

Bemerkung der Redaktion:

Vielen Dank für Ihr ausführliches Interesse an unserer Arbeit. Was die gebrauchten Kassetten betrifft, so besteht seitens der DZB leider kein Interesse. Ein Tipp: annoncieren Sie doch in den DZBN: Wenn Sie die Kassetten verschenken wollen, müssen Sie keine Anzeigengebühren entrichten.

 

Bezüglich der analogen Archivierung unserer Hörbücher äußert sich Dr. Thomas Kahlisch wie folgt:

"Wir nehmen Bücher weiterhin analog auf und digitalisieren parallel unseren gesamten Bestand. Die SBS in Zürich verfährt ebenso. Unsere Digitalisierung erfolgt auf DLT-Bändern und nicht auf CDs. CDs sind in Bezug auf ihre Haltbarkeit umstritten. Technisch könnten wir sofort auf eine vollständige digitale Produktion umsteigen. Aber dann müsste extra neue Technik beschafft werden, um das Digitale wieder auf die analogen Kassetten zu bannen.

Es gibt wie immer viele Wege. Unser Weg unterscheidet sich von dem in der NBH. Das liegt vor allem in unterschiedlichen technischen Voraussetzungen. In Hamburg besteht aus verschiedenen Gründen dringender Bedarf, die analogen Bandbestände schnell auf digitalen Datenträger zu bringen. Die hohe Dringlichkeit ist in der DZB nicht gegeben. Wir haben uns deshalb entschieden, nicht auf die CDs als Mastermedium zu setzen und eine Parallelität bei der analogen und digitalen Herstellung zu erreichen." - Soweit der Direktor der DZB.

Vielen Dank für Ihr Angebot, alte Punktschrifttitel abzutippen. Dazu und zu Ihrer Frage hinsichtlich der Eingabe von Punktschrift am PC äußert sich Herr Wolfgang Erndt, Leiter der Abteilung Blindenschrift:

"Es ist richtig, dass wir alte Bücher abschreiben. Hierbei treffen wir eine gründliche Auswahl bei den Titeln. Es handelt sich vorrangig um abgenutzte Unikate, die früher handschriftlich übertragen wurden und ohne 'Regenerierung' nicht mehr für Punktschriftleser zugänglich wären. Normalerweise werden die Bücher in Vollschrift abgeschrieben, da dadurch die Möglichkeiten, wie Sie sie selbst beschrieben haben, erhalten bleiben. Eine Ausnahme sind Abschriften in Kurzschrift aufgrund von Aufträgen. Ich danke für Ihr Angebot, dass Sie sich an der Arbeit beteiligen möchten, aber zur Zeit liegen mir keine weiteren Titel zur Abschrift vor."

Zum Abschluss noch einige Bemerkungen von Frau Renate Burghardt, Leiterin der Abteilung Verlag, die ja auch den gesamten Verkauf abwickelt, zum Versand von Rechnungen in Punktschrift:

"Bei Rechnungen und Zahlkarten ist der Versand in Punktschrift zur Zeit nicht möglich. Wir schreiben den Text in einen vom Sächsischen Ministerium für Finanzen festgelegten Vordruck ein. Wir arbeiten an einer EDV-gestützten Lösung des Problems. Als Ergebnis wird dann auch der Ausdruck von Blindenschriftkopien des Rechnungsinhaltes in Form eines Lieferscheines o.ä. möglich sein."

 

Magazingeflüster II

Na hören Sie mal ...

 Von Susanne Siems

 

Erinnern Sie sich, liebe Leserinnen und Leser? In unseren Magazinen ist es lebendig. Da reden schon mal die Punktschriftbände miteinander. Aber auch wenn Sie von unserem Magazingeflüster noch nichts wissen, hören Sie sich vielleicht gern folgende kleine Geschichte an.

In letzter Zeit hatte ich viel mit unseren Hörbüchern zu tun. Zwar grüßte ich meine alten lieben Freunde, die dicken Punktschriftbände, immer noch beim Vorbeigehen, aber der eine oder andere schmollte mit mir, weil ich ihn scheinbar so einfach sitzen gelassen hatte. In der Hoffnung, dass die Zeit für mich arbeitet, suchte ich woanders Trost. Mit einer Kassette kam ich dann auch bald etwas näher ins Gespräch, sie schüttete mir ganz offen ihr Herz aus, war es ja gewohnt, mit uns Menschen zu reden. Sie gehöre zu einem relativ spannenden Buch, sagte sie.

 

"Oh Mann, da bist du ständig auf Achse! Gar nicht so lange her, da kam ich zu einer älteren Frau. Was denkst du, wie die sich gefreut hat! 'Endlich ein neues Hörbuch', rief sie. Vor Ungeduld zitternd machte sie die hellblaue Kassettenbox auf und legte mich in den Recorder. Erstaunlich, wie schnell das bei ihr ging, mit ihren über achtzig Jahren. Aber sie wollte, nachdem sie ihr Augenlicht verloren hatte, nicht auf ihre geliebten Bücher verzichten. Und wenn man etwas unbedingt will, dann schafft man es auch. Jedenfalls tat es mir gut, mit welcher Begeisterung ich gehört wurde, ich war auch ganz schnell wieder zu Hause. Dagegen der nächste Weg - belastend sage ich da bloß.

Ein junger Mann wartete da auf mich. Aber Warten ist wohl zuviel gesagt. 'Was is'n das', hat er seine Mutter gefragt, 'was soll ich'n damit?' '

Hab ich dir bestellt, die sagen alle, wäre gut für dich. Damit du mal was Gescheites tust.'

'Will ich nich, is ja nich mal Musik drauf.'

Da lag ich dann Ewigkeiten in der hintersten Schublade rum. Zum Glück ist auf meine Bibliothekare Verlass, sie haben mich mit einer Mahnung da wieder rausgeholt. So krass kommt es allerdings selten. Manchmal bin ich auch richtig stolz. Ich komme wo hin und merke, die ist skeptisch, die will mich auch nur, weil andere sie überredet haben. Und dann, nach einer Weile, da merke ich, wie ich wichtig werde für sie und dass sie auch meine Schwestern hören will. Schön, wieder eine, die meinen Arbeitsplatz sichert und wo ich sehe, dass ich gebraucht werde. Neulich wäre ich fast im Rotwein ertrunken - Bei einem Klassentreffen hatte mich ein Mann etwas achtlos liegengelassen - es sei ihm, liebe DZB-Bibliothek, verziehen. Ihr wisst doch alle, wie aufregend so ein Wiedersehen sein kann! Ansonsten werde ich fast immer pfleglich behandelt, die meisten wissen, was sie an mir haben und dass es viel Mühe macht, mich zum ordentlichen Reden zu bringen. Wie überall gibt es natürlich auch Pannen. Vor einigen Wochen hatte ich einen Bänderriss.  Die Frau, bei der mir das passierte, war vollkommen aufgelöst. Aber dann war alles halb so schlimm - ich kam ins Krankenhaus, sprich ins Kopierstudio und Schwups, war alles wieder vergessen. Nur manchmal macht mir meine zunehmende Gebrechlichkeit jetzt sorgen. Zum Glück kommen da aber nun diese jungen Dinger in Mode - sie haben viel mehr Raum und sind auch haltbarer. Ihr Menschen nennt sie wohl CD's. Ich bin nicht eifersüchtig. Alles hat seine Zeit. Für die, die mich mögen, werde ich noch lange da sein. Ist doch richtig, wenn einem die Jugend Arbeit abnimmt. Diese verrückte DAISY finde ich auch sehr sympathisch, weiß ich doch, wie viele gerade meiner wissbegierigen jüngeren Freunde auch mal an sprunghaften Hörerlebnissen interessiert sind."

 

Ja, das war ein ganzer Roman, den mir die Kassette da erzählte. Ich war beeindruckt von dieser bunten Welt. Nun träume ich davon, meine neuen und alten Freunde auf eine gemeinsame Party zu bringen. Denn uns alle verbindet doch die Liebe zur Literatur. Jüngst sagte mir DAISY, dass sie mir unbedingt dabei helfen möchte und kann. Aber das ist wohl der Stoff für eine andere Geschichte.

 

Einblicke

Anarchisches Web

 

Dieter E. Zimmer, langjähriger "Zeit"-Redakteur, -Kolumnist und den DZBN-Abonnenten als Autor der Artikelserie "Die digitale Bibliothek" (DZBN 1-5/1999) bekannt,  setzt sich in seinem Buch "Bibliothek der Zukunft" (Verlag Hoffmann und Campe, Hamburg 2000)  mit "Text und Schrift in den Zeiten des Internet" auseinander. In der vom Börsenverein des Deutschen Buchhandels herausgegebenen Zeitschrift "BUCHJOURNAL" erschien dazu ein Interview, dass seinerzeit auch unter www.buchjournal.de/ nachzulesen war.

Hier der Wortlaut des Interviews. Petra Kammann sprach mit Dieter E. Zimmer über die Veränderungen von Texten durch Internet.

P.K.: Was wird aus dem Buch im Zeitalter der Digitalisierung? Wird es Ihrer Meinung nach weiter existieren?

D.E.Z.: Wirkliche Prognosen sind sehr schwierig. Bücher sind etwas sehr Schönes, aber leider auch etwas sehr Schweres. Aber das Buch hat sich bisher fabelhaft behauptet, wenn man die Möglichkeiten der Digitalität seit 20 Jahren betrachtet. Alles, was heute gedruckt wird, existiert bereits in einer digitalen Vorstufe. Trotzdem werden immer noch mehr Bücher produziert und auch gekauft. Und alle Prognosen wie die vom papierlosen Büro sind ein Witz. Allerdings weiß ich nicht, ob es nur ein Witz ist. Wenn ich mir vorstelle, wie viele Stahlschränke ich füllen müsste, wenn ich allein alles, was an Korrespondenz auf meiner Festplatte liegt, ausdrucken müsste. Dennoch, dass sich das Buch so fabelhaft behauptet hat, heißt nicht, dass es sich auf alle Zeit weiter so behaupten muss. Es gibt Strukturverschiebungen, die man - meiner Meinung nach - nicht auf die leichte Schulter nehmen sollte. Meine Vermutung ist, dass in dem Augenblick, wo eine Displaytechnik vorhanden ist, die die Hauptvorteile des Papiers in sich vereinigt, sich das sehr schnell ändern könnte.

P.K.: Welche Buchgattungen werden Ihrer Meinung nach davon besonders betroffen sein, Nachschlagewerke eher als Romane?

D.E.Z.: Beim Nachschlagewerk wird die Ablösung des Buches sicher sehr viel schneller gehen als bei den Büchern, die man wirklich lesen muss. Immer dann, wenn man mehr als drei bis fünf Seiten am Stück lesen muss, ist das Buch einfach unschlagbar. Das Buch ist nicht etwas Veraltetes, was nicht in die Zeit passt. Es ist das Ergebnis einer jahrtausendalten ergonomischen Anstrengung, Kunst und Typographie. Es kommt einfach den menschlichen Aufnahmekapazitäten und Gewohnheiten stark entgegen. Erst ein Medium, das dies ebenso gut leisten könnte, wäre da Konkurrenz.

P.K.: Wie würde denn heute idealerweise für einen Feuilletonchef eine virtuelle Bibliothek aussehen und wie eine reale? Was sollte er im Regal stehen, was im Computer liegen haben?

D.E.Z.: Er müsste alles, was viel Platz wegnimmt, was er häufig konsultiert, nicht, was er liest, möglichst in digitaler Form haben. Er sollte alle Nachschlagewerke wie die von Direct-media und Systhema, auch noch teurere von Chadwyck Healey dazu, in digitaler Form da haben.

P.K.: Wo liegt die Besonderheit des gedruckten Buchs? Sie sagten, dass man ab drei Seiten auf dem Bildschirm nichts mehr liest. Würde man ein kurzes Gedicht eher auf dem Bildschirm oder lieber im Buch lesen?

D.E.Z.: Ich selber würde es eher auf Papier wahrnehmen. Aber das ist sicher nur eine Gewohnheit. Jemand, der mit Videospielen groß geworden ist, dem mag es genau umgekehrt ergehen.

P.K.: Sehen Sie da auch kreative Möglichkeiten der Textbeeinflussung?

D.E.Z.: Es gibt Internet-Literatur oder auch Versuche, Literatur zu machen, die die speziellen Möglichkeiten des www, des Internet, ausnutzt. Ich sehe bisher nicht, dass andere das lesen mögen.

P.K.: Es gibt auch etliche junge deutsche Autoren, die ihre erste Veröffentlichung im Web machen.

D.E.Z.: Wo die Leute einen Verleger über das Web suchen.

P.K.: Nicht nur. Für Pop-Autoren ist das auch ein experimentelles Feld. Die Tatsache, dass man Texte beeinflussen kann, stellt die geistige Urheberschaft in Frage. Finden Sie das verdammenswert oder könnte da auch so etwas wie ein neuer Trend entstehen?

D.E.Z.: Das halte ich für totalen Quatsch. Die Arten, sich Literatur zusammenzustoppeln, aus dem, was andere geschrieben haben und was per Zufall den Weg ins Web gefunden hat. Dies Literatur und die Tätigkeit Schreiben zu nennen, müsste man für pure Hochstapelei halten. Da es meistens aber aus Naivität passiert, ist das ein zu krasses Wort. Literatur ist immer etwas ganz Bestimmtes gewesen, nämlich das Ergebnis einer konzentrierten aufmerksamen Gedanken- und Ausdruckanstrengung. Die lässt sich natürlich vermeiden. Dabei kommt dann aber etwas anderes raus, was nicht Literatur ist. Vielleicht ist es ja hübsch. Bisher sehe ich nicht, dass es wirklich jemanden interessieren könnte. Es muss auch ein Interesse dafür vorhanden sein.

P.K.: Ist alles, was im Web veröffentlicht wird, wenn nicht eine editorische Leistung dahinter steht, eigentlich verwertbar? Was machen wir mit dem Informationsmüll?

D.E.Z.: Durch das Internet haben wir eine neue Situation. Plötzlich entsteht Öffentlichkeit, die durch keinen Filter gegangen ist. Als erstes ist für mich eine wirkliche Autorenleistung unverzichtbar, aber natürlich auch eine editorische, die der Auswahl und eine publikatorische Leistung, nämlich die, Öffentlichkeit zu schaffen. Alles muss erst einmal durch ein kleines Gehirn, dessen Kapazität sich nicht erweitern lässt. Es gibt immer mehr und mehr. Insofern ist es vielleicht gut, dass so viel davon verschwindet. Da vertraue ich auf die Kraft der Selbstregulierung. Die Verzweiflung über all den Schrott, der im Web verbreitet wird, ist ja sehr allgemein. Jeder, der auf der Suche nach etwas Substantiellem ist, wird sie teilen. Es wird sich schon herumsprechen, was man wirklich bieten muss, wenn man dort auftreten will.

P.K.: In einer Präsenzbibliothek arbeitet man assoziativ. Wie ist das im Netz? Ist das Labyrinth einer Bibliothek vermittelbar? Kann jemand, der noch nie eine Bibliothek besucht hat, im Netz leicht recherchieren?

D.E.Z.: Von alleine geht nichts. Das Labyrinth ist komplizierter und man muss wissen, wie man nachfragt. Aber man kann auch dort assoziativ arbeiten. Wenn man nur ein Wort eingibt, bekommt man gegebenenfalls siebzigtausende von Möglichkeiten angeboten. Etwas in Erfahrung zu bringen, ist immer ein schwieriger Prozess. Man wird irgendwann lernen müssen, wie man systematisch recherchiert. Wenn einem noch mächtigere Mittel - wie ein Computer - zur Verfügung stehen, muss man eben noch mehr können.

P.K.: Müssen wir im digitalen Zeitalter neu lesen und schreiben lernen?

D.E.Z.: Ja, davon bin ich überzeugt. Das ist natürlich metaphorisch gesagt. Die Schrift besteht aus Zeichen, und die Zeichen muss man sowohl produzieren wie auch verstehen können. Das gilt für jedes Medium. Aber es wird schon anders werden. Bei der bisherigen Art, digitale Schrift sichtbar zu machen, gibt es ein großes Problem. Sie ist flimmerfrei, lesbar, mit vielen Kontrasten. Aber man nimmt anders wahr. Es ist immer nur das da, was man gerade auf einer Computerseite ansieht, nämlich die Seite, die man vor sich hat. Alles andere ist weg.

P.K.: Auf dem Computer kann man auch - ähnlich wie im Buch - "blättern", "scrollen" nennt man das.

D.E.Z.: Aber man weiß nicht, was kommt. Wenn man ein Buch in die Hand nimmt, da teilt sich einem sehr viel mit, bevor man auch nur ein Wort gelesen hat. Man sieht, wie dick das Buch ist. Bei einem digitalen Text sieht man das nie. Man kann sich zwar die Kilobyte anzeigen lassen. Aber man kann sich nichts wirklich darunter vorstellen. Bei einem Buch weiß man von vornherein, wie viel Text darin ist. Man erkennt, wie viel wert das Buch denen war, die es angefertigt haben. Das bestimmt auch von vornherein, in welchem Ausmaß man sich mit dem Buch abgibt.

 

Wie war das damals?

 

Zum Abschied summten sie "Die Gedanken sind frei"

Am 16. April 1912 öffnete die erste jüdische Schule Sachsens in der Leipziger Gustav-Adolf-Straße - 30 Jahre später wurde sie von den Nazis geschlossen.

 

Vor 90 Jahren nahm in Leipzig eine zehnklassige private höhere israelitische Bürgerschule, die erste jüdische Schule in Sachsen, den Unterricht auf. Als "gerechtfertigte Tendenz der Differenzierung des großstädtischen Schulwesens", für die ein Bedarf bestehe, empfahl das Leipziger Schulamt dem Sächsischen Kultusministerium die Zulassung der allgemeinbildenden Konfessionsschule.

1910 zählte die Leipziger Israelitische Religionsgemeinde über 9000 Mitglieder, mehrheitlich religiös-orthodoxe Juden, die eine eigene Schule wünschten. Ihr Gründer, Konzessionsträger und Direktor war Dr. Ephraim Carlebach (1879/Lübeck - 1936/Ramat Gan), der seit 1900 als Rabbiner und Lehrer in Leipzig wirkte. Er entstammte einer Lübecker Rabbinerfamilie, studierte und promovierte an deutschen Universitäten, sowie am Berliner Rabbinerseminar und legte an der Universität Leipzig die höhere Lehramtsprüfung ab.

Die Schüler kamen aus allen sozialen Schichten. Freistellen und Patenschaften ermöglichten auch wenig Begüterten den Besuch. Eltern, die für ihre Kinder eine gute Allgemeinbildung, verbunden mit einer religiösen Erziehung, wünschten, sponserten die Privatschule und ließen das 1913 eingeweihte Haus in der Gustav-Adolf-Straße 7, heute Deutsche Zentralbücherei für Blinde, errichten. 1922 wurde die Bürgerschule in eine Realschule überführt, eine zehnklassige Mädchenschule eingerichtet, zu der 1930 eine Volksschule hinzukam.

Den Unterricht erteilten jüdische und nichtjüdische Lehrer. Der in den Stundenplan integrierte Religionsunterricht und die vom religiösen Geist geprägte Schulatmosphäre bewogen immer mehr Eltern, ihre Kinder auf die Carlebachschule, wie der Volksmund die verschiedenen Schultypen zusammenfassend nannte, zu schicken. Bis 1933 entwickelte sie sich zu einem der größten und pädagogisch profiliertesten jüdischen Schulwerke Deutschlands, das etwa ein Drittel der Leipziger jüdischen Schüler besuchte. Die Mehrheit der jüdischen Kinder ging auf städtische Schulen, in Leipzig bis 1933 weitgehend Normalität.

Mit Beginn der NS-Zeit erlebten die jüdischen Schüler der städtischen Schulen antisemitisches Verhalten von Lehrern, Mitschülern und deren Eltern. Nicht wegen ihrer Religionszugehörigkeit, sondern aufgrund ihrer jüdischen Herkunft, der Idee der "Rasse" untergeordnet, wurden sie diskriminiert, zunehmend aus der Schul- und Klassengemeinschaft ausgeschlossen, dies mit Förderung durch die Behörden. Besuchten die Carlebachschule 1933 etwa 700, so waren es 1050 Schüler im Jahr 1935. Dementsprechend ging ihre Zahl an städtischen Schulen von zirka 1000 auf 500 zurück. Viele Gymnasiasten brachen ihre Schulausbildung ab. Die Carlebachschule wurde nach 1933 zur Zufluchtsstätte aller Leipziger jüdischen Schüler, unabhängig vom religiösen Ritus, auch von Kindern, die erst nach 1933 erfuhren, dass sie jüdischer Herkunft waren. Den Lehrern gelang es, den Anschein von Normalität wahrend, sie zu einer Heimstatt für die ausgegrenzten Schüler zu machen, ihnen eine gute Schulausbildung, seit Mitte der dreißiger Jahre auf Auswanderung vorbereitend, zu geben und sie in ihrer jüdischen Identität, ihr Selbstbewusstsein durch die Intensivierung der jüdischen Bildung, zu stärken.

Doch auch an der Carlebachschule entpuppten sich 1933 einige nichtjüdische Lehrer als Nationalsozialisten, denunzierten ihre jüdischen Kollegen und drängten Ephraim Carlebach 1935 aus dem Amt. Auf Veranlassung Martin Mutschmanns, Reichsstatthalter für Sachsen, erhielt die Realschule 1936 den Oberschulstatus. Ziel war, die jüdischen Schüler aus "deutschen" Schulen zu verdrängen. Ihr gesetzlicher Ausschluss erfolgte am 15. November 1938. In Leipzig gingen schon seit Frühjahr 1938 nur noch Einzelne auf städtische Schulen. In der Pogromnacht erlebten viele Carlebachschüler, wie ihr Schulgebäude stark verwüstet, und in den Tagen danach, Lehrer in die Konzentrationslager Buchenwald und Sachsenhausen verschleppt wurden. Der Schulbetrieb musste eingestellt werden.

Nach der Pogromnacht setzte in Leipzig eine Massenflucht ein. Zwischen Dezember 1938 und Oktober 1940 verließen etwa 3100 jüdische Bürger Leipzig, auch deshalb verringerte sich die Schülerzahl. Das Leipziger Schulamt gestattete im Januar 1939, nur die jüdische Volksschule wieder zu eröffnen. Im Februar 1939, nach der Instandsetzung des Hauses, erhielten 361 Kinder Unterricht. Ihre Zahl sank bis Kriegsausbruch auf 175. Danach war Flucht oder Auswanderung kaum noch möglich.

In dieser Zeit, in der sich antijüdische Gesetzgebung und Terror ständig verschärften, bemühten sich die verbliebenen Lehrer, ihren Schülern das Gefühl der Sicherheit und menschlichen Wärme zu geben, ihre Solidarität zu stärken. Nur dies konnten sie der Entrechtung entgegensetzen. Neben dem Schulbetrieb wurde das Schulhaus 1940 zu einem der 47 Leipziger "Judenhäuser", in die nach der gesetzlich verfügten Kündigung ihrer Mietverhältnisse Juden einziehen mussten. Auf 140 dezimierte sich die Schülerzahl nach der ersten Deportation am 21. Januar 1942 ins Ghetto Riga und auf 61 nach der zweiten Deportation am 10. Mai 1942 ins Ghetto Belzyce. Ein Geheimerlass befahl zum 30. Juni 1942 die Auflösung aller jüdischen Schulen in Deutschland.

Die beiden letzten Lehrer, Gertrud Herrmann (1896/Plauen - 1942/Auschwitz), vor 1933 Studienrätin an der Gaudigschule, und Daniel Katzmann (1895/Flieden - 1943/Auschwitz), seit 1939 Leiter der Volksschule, entließen mit einer kleinen Feier im Zeichensaal, bei der sie gemeinsam "Die Gedanken sind frei" summten, ihre Schüler in eine ungewisse Zukunft, von der Lehrer wie Schüler wussten, dass sie Deportation hieß, aber nicht ahnten, dass dies für fast alle den Tod bedeutete.

(Quelle: Barbara Kowalzik in "Leipziger Volkszeitung" vom 16.4.02)

 

Die Kramkiste

 Im Bestand der Bibliothek gekramt

Wir stellen Ihnen jeweils einen Punktschrift- und einen Hörbuchtitel vor, die sich schon länger im Bestand unserer Bibliothek befinden - zur Erinnerung für die "Alten" und zur Information für die "Jungen". Vorgestellt werden die Titel von unseren Bibliothekaren.

 

Christa Wolf: "Der geteilte Himmel"

 empfohlen von Susanne Siems

 (Punktschriftbibliothek)

 

"Der geteilte Himmel" - drei Worte, die in ihrem Sinn ein ganzes Universum zu umfassen scheinen. Vor vierzig Jahren ist ein Buch mit diesem Titel erschienen. Damals, im August 1961, war es der Himmel über dem zerrissenen Deutschland, aber ganz besonders auch der Himmel über dem Schicksal zweier Menschen, die jeder für sich einen anderen Lebensweg fanden. Das Land ist heute wieder eins, die beiden Menschen haben sicher jeder für sich ein Stück eigenen Himmel gefunden.

Die Autorin des Romans, Christa Wolf, hat viele andere Bücher nach diesem geschrieben. Gute, viel beachtete und besprochene Bücher. Doch zu keinem fand ich Zugang wie zu diesem, das eigentlich von der Zeit überholt, eingeholt sein müsste und doch immer noch berührt durch seine sympathischen Helden und die einfühlsame Sprache der Autorin.

Das Mädchen Rita lernt den Chemiker Manfred kennen und zieht vom Dorf in die Stadt. Der Himmel über der Stadt, von der man weiß, dass sie Halle heißt, ist trotz Industriedunst groß und weit und hängt am Anfang voller Geigen. Aber da man nicht ewig in persönlicher Idylle leben kann, kommen schon bald Probleme, besonders im Arbeitsleben. Die Lehrerstudentin Rita will bei ihrem Praktikum im Waggonbauwerk helfen, die neue Gesellschaft, die allen Menschen gleiche Rechte gibt, aufzubauen. Dafür kämpft sie und entfremdet sich dabei immer mehr von Manfred. Dieser fühlt sich durch den Wirtschaftsbürokratismus zunehmend in die Enge getrieben und geht schließlich, ohne mit Rita darüber zu reden, in den Westen. Schon durch das mangelnde Vertrauen verletzt, kommt, was man als Leser mit etwas Abstand bereits wissen muss. Rita fühlt sich bei ihrem Besuch im Westen fremd und nicht gewollt und kehrt nach Halle zurück. Der Himmel ist jetzt nicht nur über dem Land geteilt, sondern auch über der Beziehung von Manfred und Rita.

Es sind diese uns allen so vertrauten Reaktionen und Gedanken zwischen Wollen, Sollen und Können, zwischen Fühlen und Denken, die uns Personen von vor vierzig Jahren so nahe bringen. Damals war es der Sozialismus, den man wollte oder bekämpfte, heute ist es die ökologische Zukunft, das Einfamilienhaus im Grünen, eine vernetzte Gesellschaft oder weiß ich was. Die Suche nach einem eigenen kleinen Platz in Zeit und Raum ist uns, liebe Leserinnen und Leser, auch im 21. Jahrhundert erhalten geblieben. Sie bringt uns gerade dieses Buch der jüngst mit dem deutschen Bücherpreis für ihr Lebenswerk ausgezeichneten Autorin so nah.

Wie schreibt sie heute? Viele bekannte Werke liegen vor - "Kein Ort. Nirgends", "Nachdenken über Christa T.", "Kassandra". Ich habe diese Titel meist nur "angelesen", richtig gut gefallen hat mir nur der "Geteilte Himmel". Auch die  Schriftsprache hat sozusagen ihre eigenen Dialekte, das ist wohl dann der Stil eines Autors. Den mag man manchmal auf Anhieb und mal versteht man ihn gar nicht. Bei Christa Wolf fesseln mich einzelne Sätze so, dass ich sie nicht mehr aus meinen Gedanken bekomme. Zum Beispiel der Ausdruck Nachdenken. Das heißt also, jemandem etwas nach - sprich: hinterher - denken. Oder Ritas Beobachtungen beim Abendspaziergang durch die Stadt: "Sie sieht, wie jeden Abend eine unendliche Menge an Freundlichkeit, die tagsüber verbraucht wurde, immer neu hervorgebracht wird." Gut gewählte, treffende Worte. Im "geteilten Himmel" liest sich  das flüssig, passt in die Handlung. In den späteren Büchern ist mehr Botschaft, weniger Handlung zu finden, dass macht mir das Lesen schwieriger. Nachdenken ist wichtig, aber Loslassen, Treiben lassen genauso. Sonst fehlt die Luft zum Atemholen. Nun bin ich gespannt, wie Sie, liebe Leserinnen und Leser, die Werke Christa Wolfs lesen. Ihr neuester Titel "Leibhaftig" geht demnächst in die Punktschriftproduktion.

Den Roman "Der geteilte Himmel" können Sie in Punktschrift unter der Bestellnummer 3662, 2 Bände rkzp. (oder 6 Bände Vollschrift Bestellnummer 4171) ausleihen. Die Hörbücherei bietet den Titel auf 7 Kassetten mit der Bestellnummer 1198 an. Sprecherin ist Karin Buchali. Und natürlich haben wir auch weitere Titel von Christa Wolf in unserer Punktschrift- und Hörbuchausleihe.

 

Uwe Berger: "Das Verhängnis oder die Liebe des Paul Fleming"

 empfohlen von Jörg Klemm

 (Hörbücherei)

 

Die mir vorliegende Ausgabe erschien 1983 im Aufbau-Verlag zu Berlin und Weimar und ist seit 1985 als Hörbuch in der DZB vorhanden.

Der Autor wurde 1928 in Eschwege bei Kassel geboren und trat als Lyriker und Erzähler in Erscheinung. Er verbrachte seine Kindheit in Emden, Augsburg und Berlin, wurde als Oberschüler mit 15 Jahren Flakhelfer und erlebte als Marinesoldat die letzten Monate des Zweiten Weltkrieges, nach 1945 studierte der Germanistik und Kunstwissenschaft in Berlin, arbeitete dann als Redakteur und Verlagslektor, später als freischaffender Schriftsteller und Lektor.

Worum geht es in diesem Buch?

Dieser biografische Roman über den Lyriker Paul Fleming (er lebte von 1609 - 1640, geboren in Hartenstein, Kreis Zwickauer Land, gestorben in Hamburg) beginnt in Reval, wo Fleming die schöne Elsabe kennen lernt, die ihn an Rubella, seine große Jugendliebe, erinnert. Als Teilnehmer einer Gesandtschaft reist er für längere Zeit nach Russland und später nach Persien. Dadurch werden die Liebenden getrennt, wie sich später herausstellt: für immer. Doch Fleming schreibt Gedichte - wie stets ...

Die feurige Leidenschaft zu der jungen, ursprünglichen Russin Katja vertieft sein Verständnis für fremde Länder und Kulturen. Besonders diese Zeit wirkt sich auf seine Gedichte aus. Nach Reval zurückgekehrt, trifft er Elsabes Schwester Anna wieder, die ihn noch immer liebt und deren Liebe er nun tief erwidert. Er verlobt sich und geht nach Leiden, um den medizinischen Doktorgrad zu erwerben. Da erkrankt er und stirbt.

In dem biografischen Roman über den großen Lyriker des 17. Jahrhunderts werden auch Einblicke in Streitfragen und Ansichten jener Zeit gegeben. Berger bemüht sich um eigenständige literarische Aufarbeitung des vorhandenen Stoffes. Er vermag allgemein Gültiges und Zeitnahes mit einzubeziehen.

Wen ich nun ein wenig dafür interessieren konnte: Sprecherin. Ingeborg Ottmann. 5 Kassetten. Bestellnummer: 6231.

 

Das Autorenporträt:

Luise Rinser (1911-2002)

geb. 30. 4. 1911 Pitzling/Obb.

gest. 17.03.2002 Unterhaching

 

Die 1911 in Oberbayern geborene Autorin gehörte zu den bekanntesten deutschen Schriftstellerinnen der Nachkriegszeit. 

Rinser, als Tochter eines Lehrers im Ort Pitzling in Landsberg am Lech geboren, studierte in München Pädagogik und Psychologie. Nach dem Examen 1934 arbeitete sie an verschiedenen oberbayerischen Schulen als Aushilfslehrerin. Den obligaten Eintritt in die NS-Partei verweigerte sie und kam 1939 der Entlassung aus dem Schuldienst durch Kündigung zuvor. Sie heiratete den Komponisten Horst Günther Schnell. Das Paar lebte in Braunschweig und Rostock und bekam zwei Söhne. 1943 fiel Schnell in einer Strafkompanie. Rinser zog sich nach Kirchanschöring bei Salzburg zurück; mit dem homosexuellen kommunistischen Schriftsteller Klaus Herrmann ging sie eine Scheinehe ein. 1944 wurde sie wegen "Wehrkraftzersetzung" denunziert und in Traunstein inhaftiert. Das Kriegsende verhinderte ihre Verurteilung und Hinrichtung.

 Erste Geschichten in Zeitschriften veröffentlichte Rinser schon als junge Lehrerin. Peter Suhrkamp ermunterte sie zur Publikation der autobiographisch gefärbten Erzählung "Die gläsernen Ringe" (Berlin 1941); das Buch, das mit einem unzeitgemäßen Bekenntnis zum "scharfen, klaren Gesetz des Geistes" endet, war bei Kritik und Publikum erfolgreich. Nach der zweiten Auflage erhielt Rinser Publikationsverbot. Während der Haftzeit entstand auf Zeitungsrändern das Gefängnistagebuch, ein zu kühler Beobachtung sich zwingender Bericht des Grauens; es wurde Rinsers erste Publikation nach dem Krieg (München 1946).

Obwohl nicht immer frei von Trivialität zeigen schon die frühen Arbeiten den Gestus der Suche nach dem Sinn der Welt. In der gesellschaftlichen Sinnkrise der Nachkriegszeit, hervorgerufen durch die rasche Restaurationspolitik, verschafften ihr dann die nüchterne Sicherheit des Erzählstils - geschult an der amerikanischen Short story - und die konsequenten Charaktere ihrer Figuren eine breite Leserschaft. Als christliche Erbauungsschriftstellerin avancierte Rinser zur moralischen Instanz einer Lesergemeinde, deren Bedürfnis nach Lebenshilfe sie in den folgenden Jahrzehnten immer extensiver erfüllte ("Gespräche über Lebensfragen". Würzburg 1966. "Hochzeit der Widersprüche". Percha/Kempfbausen 1973).

Bis 1958 arbeitete Rinser als Journalistin für die "Neue Zeitung", den Rundfunk und die "Zürcher Weltwoche". Ein Welterfolg in Millionenauflage, übersetzt in mehr als 20 Sprachen, wurde ihr Roman "Mitte des Lebens" (Frankfurt/M. 1950), der ihr auf Vorschlag Thomas Manns den René-Schickele-Preis einbrachte. In Montagetechnik mit grellen Effekten beschreibt Rinser den Weg einer leidenschaftlichen, kompromisslos ehrlichen Frau, Nina, zu sich selbst. Die Fortsetzung der Lebensgeschichte Ninas, "Abenteuer der Tugend" (Frankfurt/M. 1957), entstand während Rinsers katholischer Periode; ebenso wie im Eheroman "Die vollkommene Freude" (Frankfurt/M. 1962) begreift Rinser Liebe jetzt als Entsagung und Aufopferung der Frau im Dienste einer gottgewollten Ordnung.

1954-1959 war Rinser mit Carl Orff verheiratet und lebte in Dießen am Ammersee. Nach der Trennung 1959 zog sie nach Rom, 1965 nach Rocca di Papa, einem kleinen Dorf in den Albaner Bergen.

Während der Jahre als akkreditierte Journalistin beim Zweiten Vatikanischen Konzil (1962-1966) entwickelte Rinser eine zunehmend kritische Haltung zur autoritären Dogmatik der katholischen Kirche. Ihre Wut und Enttäuschung über das schnelle Verdrängen der NS-Verbrechen gestaltete sie in dem Roman "Der schwarze Esel" (Frankfurt/M. 1974), einer Neubearbeitung von "Die Stärkeren" (Kassel 1948). Ihr Abscheu vor dem Egoismus der Wirtschaftswunder-BRD bestärkte sie immer mehr in ihren sozialistischen Überzeugungen.

Seit ihrem Engagement im Wahlkampf der rheinland-pfälzischen SPD 1971 war Rinser wiederholt grundlosen Diffamierungen ausgesetzt, die ihr Verstrickung in den Nationalsozialismus ebenso anzulasten versuchten wie Beihilfe zu den Terrorakten der RAF. 1977 wurde sie vom Bundestag rehabilitiert und erhielt das Große Bundesverdienstkreuz. In den 80er Jahren setzte sie sich für Friedens- und Umweltpolitik ein; die Fraktion DIE GRÜNEN nominierte sie 1984 für die Wahl zum Bundespräsidentenamt, bei der sie einen Achtungserfolg erzielte.

Radikale politische Parteinahme und religiöse Hingabe sind für Rinser zwei prinzipiell gleichberechtigte Wege zur Menschlichkeit. In der Erzählung "Geh fort wenn du kannst" (Frankfurt/M. 1959) entdeckt die kommunistische Widerstandskämpferin Angelina in sich die Bereitschaft zum Klosterleben. Deutlicher noch sind in "Mirjam" (Frankfurt/M. 1983), Rinsers feministischer Gestaltung des Neuen Testaments, der Revolutionär Jehuda (Judas) und Jeschua (Jesus) ebenbürtige Antagonisten zur Verwirklichung der menschlichen Freiheit. Die Ich-Erzählerin Mirjam (Maria Magdalena) trägt, beiden in Liebe verbunden, den Konflikt der konträren Lebensformen in sich aus.

Mit "Baustelle" (1970), tagebuchähnlichen Aufzeichnungen, denen fünf weitere Bände folgten ("Grenzübergänge", 1972. "Kriegsspielzeug", 1978. "Winterfrühling", 1982. "Im Dunkeln singen", 1985. "Wachsender Mond", 1988; alle Frankfurt/M.), fand Rinser die ihr gemäße Form der moralischen Stellungnahme zu politischen und sozialen Problemen der Zeit. Reiseskizzen, Begegnungen, Reminiszenzen, Lektürefunde, Maximen werden (dem distanzierten Leser bisweilen zu arbiträr, selbstgerecht und voller Eigenlob) im Sinne eines ganzheitlichen, von fernöstlicher Weisheit und Esoterik inspirierten Denkens erkenntnisträchtig. (Ulrike Leuschner)

[Quelle: Digitale Bibliothek Band 9: Killy Literaturlexikon, S. 17159.]

Bücher von Luise Rinser in der DZB:

 

Hörbücherei

-          Abaelards Liebe : Roman.

Spr.: Jürgen Hennecke (Zürich).

6 Kass. 2398

-          Bruder Feuer.

Spr.: Zsoka Duzar (Zürich). 4 Kass. 2127

-          Eine dunkle Geschichte.

Spr.: Dorothea Garlin. 2508

-          Gefängnistagebuch.

Spr.: Dorothea Garlin. 4 Kass. 3256

-          Mirjam : Roman.

Spr.: Marlies Reusche. 8 Kass. 6395

-          Mitte des Lebens.

Spr.: Gisela Seifert. 9 Kass. 4693

-          Die rote Katze.

Spr.: Käte Koch. 2511

-          Der schwarze Esel : Roman.

Spr.: Gisela Seifert. 8 Kass. 6132

 

Punktschriftbibliothek

-          Das Geheimnis des Brunnens.

2 Bde. rkh. BNA 7318

-          Die gläsernen Ringe : 3 Erzählungen (Die gläsernen Ringe / Jan Lobel aus Warschau / Septembertag)

4 Bde. rkh. BNA 7620

-          Geschichten aus der Löwengrube.

2 Bde. rkzp. (Paderborn) BNA 8210

 

Bücher des Jahrhunderts

Welche Bücher haben das 20. Jahrhundert am stärksten geprägt? Eine internationale Jury ist dieser Frage nachgegangen. Das Ergebnis wurde im Börsenblatt des Deutschen Buchhandels veröffentlicht (Petra Gass: Meilensteine. Börsenblatt des Deutschen Buchhandels Nr. 81 vom 12.10.99). Wir nennen Ihnen nacheinander diese Bücher. Titel dieser Liste, die Sie in der DZB ausleihen können, stellen wir Ihnen ausführlicher vor.

 

Wir setzen heute fort mit Position Nr. 38:

 

John Steinbeck: Früchte des Zorns

(1939)

ausleihbar als Hörbuch und in Punktschrift

 

Der amerikanische Romanschriftsteller John Ernst Steinbeck wurde am 27.2. 1902 in Pacific Grove bei Salinas, Kalifornien, geboren und starb am 20.12.1968 in New York. Steinbeck war deutsch-irischer Abstammung. Der Sohn eines Schatzmeisters und einer Lehrerin wuchs in Kalifornien auf, studierte von 1918-24 Naturwissenschaften an der Stanford University und verdingte sich dann als Gelegenheitsarbeiter (1925 u.a. als Reporter in New York). Seit 1936 lebte Steinbeck in Los Gatos bei Monterey, Kalifornien. Im 2. Weltkrieg Berichterstatter, vertrat Steinbeck gegen Ende seines Lebens zunehmend konservative Ideen und wurde patriotisch bis zur Intoleranz.

Steinbecks sehr vielseitiges Romanschaffen, für das er 1962 mit dem Nobelpreis für Literatur geehrt wurde, kreist um soziale Tragik und verbindet einen manchmal ins Grausame ausartenden deterministischen Naturalismus (seine Charaktere können ihren biologischen und Umweltbedingungen nicht entrinnen) mit Romantik und einer mystisch religiösen Überzeugung. Schauplatz sind ländliche Gegenden Kaliforniens, seine Figuren meist die Besitzlosen, Umhergetriebenen, von Schicksal, Natur und Gesellschaft Benachteiligten in ihrem einfachen, urwüchsigen, z. T. unverhüllt triebhaften Leben, geschildert mit Menschenliebe und einem tendenzlosen Glauben an das Gute im Menschen.

Der Roman "Früchte des Zorns" (The Grapes of Wrath) erschien erstmalig 1939 in New York. Der Titel entstammt der patriotischen 'Battle Hymn of the Republic' von Julia Ward Howe. Das Buch ist eine Mischung aus sozialkritischem Traktat und fiktiver Erzählung. Steinbeck ging es um das Los der arbeitssuchenden, wandernden Farmarbeiter zur Zeit der Depression; er bezweckte und erreichte mit dem Roman sozialpolitische Folgen, nämlich Schutzmaßnahmen der Regierung im Sinne des New Deal. Im sogenannten 'Dust Bowl' Amerikas (Oklahoma, Texas) hatte die ungeheure Bodenerosion zu immer wiederkehrenden Staubstürmen und Dürreperioden geführt, so dass sich die arbeitslosen Farmarbeiter ('Okies') auf den großen Treck quer über den Kontinent nach Kalifornien, in das Land der Verheißung, begaben. Steinbeck schildert diesen Treck anhand der Familie Joad, die sich ebenfalls - von vielen Schicksalsschlägen heimgesucht, aber von der Hoffnung auf Besserung vorangetrieben - mit einem alten Auto nach Westen aufmacht. Doch auch in Kalifornien findet sie nichts als Hunger und Elend und nur vorübergehende Ruhe in einem Regierungslager. Der Sohn Tom wird dabei in eine Streikbewegung verwickelt und schließt sich der Arbeiterbewegung an.

Eingeblendet in dieses soziale Epos finden sich in dem Roman immer wieder Skizzen und Szenen, die über die individuellen Schicksale der Joads hinausgreifen und ein Bild von der katastrophalen allgemeinen Lage geben sollen. Sie unterstreichen die Repräsentanz der Familie für das soziale Problem, und zugleich objektivieren sie die 'subjektive' Kritik des Autors an den herrschenden Zuständen. Neben der eigentlichen (sozialkritischen und -reformerischen) Absicht Steinbecks erscheint in "Früchte des Zorns" auch eines seiner Grundthemen wieder: die Erdverbundenheit seiner Menschen, die lebenswichtig für sie ist und von Dürre und Arbeitslosigkeit nur gestört wird. Typisch für diese fast mythische, an heidnische Fruchtbarkeitsbräuche erinnernde Erdverbundenheit ist die symbolträchtige Schlussszene, in der Rose of Sharon mit der für ihr totgeborenes Kind bestimmten Milch einen verhungernden Mann stillt.

Doch liegt die eigentliche Bedeutung des Romans - und die Ursache für die vielen Kontroversen, die er auslöste - natürlich in seiner soziologischen Komponente begründet. Die soziale Anklage im Verein mit seiner ökonomischen Relevanz machten ihn zum Hauptvertreter jener sozialrevolutionären Literatur der 1930er Jahre, die oft unter dem Sammelbegriff 'proletarischer Roman' erfasst wird. (K.-J. P.)

[Quelle: Digitale Bibliothek Band 13: Wilpert: Lexikon der Weltliteratur, S. 17571. (c) Alfred Kröner Verlag]

 

Titel von John Steinbeck in der DZB:

 

Hörbücherei

-          Früchte des Zorns : Roman.

Spr.: Hans-Joachim Hegewald. 15 Kass. 1163

-          Geld bringt Geld.

Spr.: Günter Bormann. 8 Kass. 1755

-          Das rote Pony und andere Erzählungen.

Spr.: Christoph Hörstel (München). 6 Kass. 2045

-          Von Menschen und Mäusen.

Spr.: Hans Lanzke. 4 Kass. 6391

 

Punktschriftbibliothek

-          Erzählungen und Kurzgeschichten.

7 Bde., kh., BNA 4281

-          Früchte des Zorns : Roman.

11 Bde., kh., BN 3371

-          Die Perle : Erzählung.

1 Bd., rkzp., BNA 6384

-          La Perle.

1 Bd., vzp. (Französisch), BNA 5956

(verkäuflich unter BNV 1989, 25,56 €)

 

 

LOUIS

(Leipziger Online Unterstützungs- und Informationssystem für Sehgeschädigte)

Betreuer dieser Rubrik ist Herr Ulrich Jander. Detaillierte Ausführungen zu den Themen können direkt bei ihm abgerufen werden. Selbstverständlich erhalten Sie auch Antwort auf Fragen, die uns in Blindenschrift, auf Kassette oder in Schwarzschrift erreichen. Mehr zu LOUIS gibt es im Internet unter http://www.dzb.de/louis.

 

World-Wide-Wissen - Lexika und Fremdwörterbücher im Internet

 von Ulrich Jander

 

Im Heft 2/2002 der DZB-Nachrichten habe ich über das Lexikon "Der Brockhaus in Text und Bild 2002" auf CD-ROM berichtet. Heute möchte ich die Nachschlagewerke etwas beleuchten, die man im Internet finden und in welchen man mit Hilfe des PC suchen kann.

Die Suche ist aus mehreren Gründen nicht immer einfach. Auf den entsprechenden Internetseiten der Anbieter ist die Sucheingabemöglichkeit meistens nicht an erster Stelle. Die Suchmaske verbirgt sich oft auf einer der Unterseiten. Werbung spielt natürlich bei den Anbietern eine große Rolle. Beim Aufruf mancher Internetseiten erscheint diese zuerst und ist nur durch Beenden (ALT + F4 bei Windowsanwendung) wegzunehmen; erst dann befindet man sich auf der Homepage des jeweiligen Nachschlagewerkes. Ausschlaggebend ist ebenso, mit welchem Programm (Browser) die Internetseiten besucht werden. Unter Windows (mit Internet Explorer) geht dies in aller Regel besser; das DOS-Programm Lynx funktioniert gegenwärtig meistens auch, jedoch sind Links, auf die man zur Suche klicken muss, nicht immer ordentlich bezeichnet. In solchen Fällen muss mit Lynx mehr herumgesucht und –probiert werden, als dies unter Windows erforderlich ist. Hinzu kommt, da Lynx ein inzwischen älteres Programm ist, dass sich die heutige und künftige Gestaltung von Internetseiten durch die Anbieter weiter vom DOS-Standard entfernt und Lynx in der Zukunft immer schlechter mit solchen Seiten zurechtkommen dürfte.

Trotz dieser Erschwernisse ist es erfreulich, dass die Nutzung von Nachschlagewerken im Internet auch durch blinde Computeranwender möglich ist. Manches kann kostenfrei, anderes durch Registrierung nur kostenpflichtig im Internet nachgeschlagen werden. Nachstehend sind einige Internetadressen genannt und erläutert, wobei der Anspruch auf Vollständigkeit nicht erfüllt werden kann, zumal jederzeit Änderungen im Internet möglich sind.

 

www.brockhaus.de/ - u.a. zum Standardwerk "Brockhaus in einem Band", kurze Erläuterung zum Stichwort, kostenfreie Nutzung,

 

www.xipolis.net/ - umfangreiche, jedoch kostenpflichtige Informationen aus den vielfältigen Lexika von Brockhaus, ein reduziertes Angebot zum Nachschlagen ist kostenfrei (unter Windows die Homepage mit ALT + F4 schließen),

 

www.wissen.de/ - Zum Fremdwörterlexikon mit über 55.000 Stichwörtern, nach Aufruf kann unter Windows mit ALT + F4 die Information geschlossen werden, Kurzinformationen zum Suchergebnis kostenfrei, ausführliches kostenpflichtig,

 

www.fremdwort.de/ - Zum Fremdwörterlexikon von Langenscheidt, schnell aufzufindende, einfache und übersichtliche Suchmaske, kostenfrei,

 

www.mr-check.de/ - Erklärungshilfen zu fremdartigen Begriffen, etwas umständlich zu findende Suchmaske, kostenfrei,

 

www.pons.de/ - Übersetzungshilfen und mehrsprachige Wörterbücher, z. B. in deutsch, englisch, französisch und spanisch, außerdem Musterbriefe und Arbeitsblätter im pdf-Format, übersichtlich und kostenfrei,

 

www.myglossar.de/glossar/index.htm - EDV-Glossar und -Lexikon, mit ausführlicher Erläuterung der Fachbegriffe aus der Welt des PC’s, die Werbung zu Beginn kann mit ALT + F4 (Windows) geschlossen werden, kostenfrei,

www.www-kurs.de/ - ein Online-Kurs rund um das Internet, Glossar und Erläuterung, übersichtlich und kostenfrei,

 

www.englische-briefe.de/ - wichtige Regeln, die für die englische Korrespondenz zu beachten sind, wie z. B. die Adressierung, korrekte Anrede, gängige Formulierungen, angemessene Verabschiedung, sehr übersichtlich und kostenfrei.

 

Ausführliche und konkrete Hinweise zu den einzelnen Internetadressen können für jedermann gültig leider nicht gegeben werden, da jeder Browser und Screenreader als erforderliche Programme anders reagieren und die Seiteninhalte unterschiedlich darstellen können. Es muss einfach ausprobiert werden. Dabei wünsche ich allen Interessierten viel Erfolg.

Für weitere Fragen bzw. Hinweise stehe ich gern zur Verfügung. Ich bin, neben der Postanschrift der DZB, erreichbar unter:

Tel.: (03 41) 71 13-145,

Fax: (03 41) 71 13-125 oder

E-Mail: Ulrich.Jander@dzb.de.

 

 

Info-Service

 

Gleichstellungsgesetz für behinderte Menschen vom Bundestag verabschiedet

 

Am 28. Februar 2002 wurde das Gesetz zur Gleichstellung behinderter Menschen vom Deutschen Bundestag beschlossen. Mit dem Gesetz soll in vielen Bereichen Barrierefreiheit hergestellt werden, damit niemand ausgeschlossen wird. Dies gilt für den Öffentlichen Personennahverkehr wie für den Besuch von Gaststätten.

Bundesarbeitsminister Walter Riester erklärte anlässlich der Annahme des Gesetzes: "Ich bin froh, dass das Gleichstellungsgesetz für behinderte Menschen heute mit parteienübergreifender parlamentarischer Mehrheit beschlossen wurde. Mit diesem Gesetz erfüllen wir den Auftrag des Grundgesetzes 'Niemand darf wegen seiner Behinderung benachteiligt werden'. Behinderte Menschen haben Anspruch auf eine gleichberechtigte Teilhabe am gesellschaftlichen Leben und auf eine selbstbestimmte Lebensführung. Sie gehören in die Mitte unserer Gesellschaft."

Etwa 6,6 Mio. schwerbehinderte Menschen leben zur Zeit in Deutschland. Davon sind nur 4,5% - rd. 300.000 - von Geburt an behindert. Wenn 8 Prozent der Bevölkerung schwerbehindert sind, zeigt dies, dass Behindertenpolitik kein Randbereich politischen Handelns sein kann und darf.

Nachdem im Oktober 2000 bereits das Gesetz zur Bekämpfung der Arbeitslosigkeit Schwerbehinderter verabschiedet und seit Juli 2001 durch das SGB IX die Gleichstellung im Bereich des Sozialrechts gewährleistet ist, setzt das Gleichstellungsgesetz für behinderte Menschen als drittes behindertenpolitisches Gesetz in dieser Legislaturperiode nun Gleichstellung und Barrierefreiheit im öffentlichen Recht um.

Kernstück des Gesetzes ist die Herstellung barrierefrei gestalteter Lebensbereiche. Behinderte Menschen sollen zu allen Lebensbereichen einen umfassenden Zugang und eine uneingeschränkte Nutzung haben. Das Ziel einer allgemeinen Barrierefreiheit umfasst neben der Beseitigung räumlicher Barrieren für Rollstuhlfahrer/innen und gehbehinderte Menschen auch die kontrastreiche Gestaltung der Lebensumwelt für sehbehinderte Menschen sowie die barrierefreie Kommunikation im Verwaltungsverfahren etwa mittels Gebärden-sprachdolmetscher oder über barrierefreie elektronische Medien.

Konkrete Regelungen zur Barrierefreiheit sind insbesondere:

-          Zur barrierefreien Gestaltung des öffentlichen Personennahverkehrs sollen die Träger des öffentlichen Verkehrs ihre Fahrzeuge und Verkehrsanlagen so gestalten, dass behinderte Menschen diese ohne besondere Erschwernisse in der allgemein üblichen Weise selbständig nutzen können. Dazu soll im Nahverkehrsplan künftig festgelegt werden, wie und in welchem Zeitrahmen schrittweise eine möglichst weitreichende Barrierefreiheit erreicht werden soll.

-          Gaststätten in neu errichteten Gebäuden sollen künftig barrierefrei sein. Dazu können zum Beispiel gehören: ebenerdige Eingänge für Rollstuhlfahrer/innen, Aufzüge oder Rampen, sowie Behindertentoiletten. Nicht nur für behinderte Menschen, sondern auch für Eltern mit Kinderwagen und ältere Menschen werden Gaststätten durch barrierefreie Ausgestaltung attraktiver, weil kundenfreundlicher.

-          Neue Gebäude des Bundes müssen künftig barrierefrei sein.

-          Das Internet wird immer wichtiger. Der Bund gibt sich die Vorgabe, seinen Internetauftritt z. B. durch textunterlegte Benutzeroberflächen soweit wie möglich barrierefrei zu gestalten.

-          Hör- oder sprachbehinderte Menschen erhalten das Recht, mit Bundesbehörden im Verwaltungsverfahren in Gebärdensprache oder anderen geeigneten Kommunikationshilfen zu kommunizieren.

-          Wird gegen die neuen Rechte verstoßen, können anerkannte Verbände dies unter bestimmten Voraussetzungen durch Verbandsklage geltend machen.

 

Behinderte Menschen sind nicht Objekte staatlichen Handelns, sondern wollen ihr Leben selbst in die Hand nehmen und aktiv gestalten. Deshalb wird das neue Instrument der Zielvereinbarungen künftig eine wichtige Rolle spielen. Unternehmen und Verbände behinderter Menschen sollen in eigener Verantwortung Vereinbarungen treffen können, wie und in welchem Zeitraum Barrierefreiheit vor Ort konkret verwirklicht wird. So sind flexible Regelungen möglich, die den jeweiligen Verhältnissen und Bedürfnissen angepasst sind. Die Verbände der behinderten Menschen werden hier selbstständig und in eigener Verantwortung als Verhandlungspartner der Wirtschaft ihre Ziele und Vorstellungen einbringen können. Der Staat ist nur noch Beobachter dieses Prozesses. (Mitteilung der BMA-Pressestelle, Berlin)

 

Die Verkehrsverbünde in Deutschland

 

Für Besitzer eines Schwerbehindertenausweises sind Verkehrsverbünde in Deutschland besonders interessant. Unabhängig vom Heimatort werden die behinderte Person und ihre Begleitperson innerhalb eines Verkehrsverbundes, mit Regionalzügen generell und oft auch mit IR-Zügen (kleiner Aufschlag), kostenfrei transportiert. Entsprechendes gilt auch, wenn man in einen bzw. aus einem Verkehrsverbund hinein- bzw. hinausfährt. Meistens fehlt es jedoch an der Übersicht, wo und in welchem Umkreis Verkehrsverbünde existieren bzw. welche Regelungen im Einzelnen bestehen.

Sehr übersichtlich kann man sich im Internet informieren und zwar unter:

www.verbundinfo.de.vu/ .

(Ulrich Jander)

 

Elektronische Bücher für Sehbehinderte


Mit Bookshare.org will das nicht-kommerzielle Unternehmen Benetech aus Palo Alto in Kalifornien die größte Bibliothek für Blinde und Sehbehinderte im Internet errichten. Schon jetzt, nur eine Woche nach dem Start, sind bereits über 8.000 Werke zum Download erhältlich. Diese können entweder in der Blindenschrift Braille gedruckt oder mit Hilfe von Sprachausgabe am Computer vorgelesen werden. In den Vereinigten Staaten sind bis jetzt nur rund drei Prozent aller Bücher in Braille oder als Audiokassetten erhältlich. Sehbehinderten bleibt bis jetzt nichts anderes übrig, als Bücher zu scannen und in eine für sie lesbare Form zu bringen. Zudem sind Audiotapes aktueller Werke häufig erst nach über einem Jahr von der Kongressbibliothek erhältlich.

Der eigentliche Clou der Online-Bibliothek ist aber, dass Buchbesitzer ihre Werke in digitaler Form, also eingescannt, an Bookshare spenden können. Für eine einmalige Gebühr von 25 US-Dollar und einen Jahresbeitrag von 50 US-Dollar haben Sehbehinderte dann Zugriff auf die Bücher. Nach eigenem Bekunden basiert die Idee von Benetech-CEO Jim Fruchtermann auf dem Napster-Prinzip. Im Gegensatz zu der umstrittenen Musik-Tauschbörse ist Bookshare aber legal, da seit 1996 eine Ergänzung des amerikanischen Copyright-Gesetzes die Reproduktion von Büchern für Sehbehinderte ausdrücklich zulässt, und das sogar ohne vorherige Einwilligung des Autors. Dies bedeutet aber gleichzeitig, dass Abonnenten ihre Sehbehinderung zum Beispiel in Form eines Attests nachweisen müssen. Darüber hinaus sind die Bücher verschlüsselt und mit digitalen Fingerprints versehen. Überwacht wird Bookshare.org von der Association of American Publishers, die sich am Aufbau des Angebots beteiligt haben. Bücher spenden kann hingegen jeder. Fruchtermann spekuliert bereits, dass Bookshare sich in einigen Jahren zur größten elektronischen Bibliothek weltweit entwickeln könnte.

[Quelle: www.heise.de/newsticker/data/jk-26.02.02-001/]

 

 

Impressum

 

"DZB-Nachrichten" erscheint zweimonatlich in Blindenkurzschrift, auf Kassette (Jahresabo. je 15,- DM / 7,67 €) und in Schwarzschrift (Jahresabo. 24,- DM / 12,27 €).

Kostenlose Beilage: "Leipziger Bücherliste".

 

Herausgeber, Verlag und Druck:

Deutsche Zentralbücherei für Blinde

zu Leipzig (DZB),

Gustav-Adolf-Straße 7, 04105 Leipzig,

Postfach 10 02 45, 04002 Leipzig

Telefon: 0341 7113 - 0,

Telefax: 0341 7113 - 125

Internet: www.dzb.de/, E-Mail: info@dzb.de

 

Redaktion:

Karsten Sachse, Telefon 0341 7113 - 135

 

Abonnements, Anzeigen:

Sylvia Thormann, Telefon 0341 7113 - 120.

Ihre Anzeige wird automatisch in allen Editionsformen der jeweiligen Zeitschrift veröffentlicht (außer dem Internet). Es gilt unsere Anzeigenpreisliste: für eine Editionsform pro Wort 0,45 €, bei zwei Editionsformen pro Wort 0,90 € und bei drei Editionsformen pro Wort 1,35 €. Die Kennziffergebühr beträgt 5 €. Sie können kostenlos inserieren, wenn Sie etwas verschenken wollen.

 

Spendenkonto-Nr.: 1100491100

BLZ: 86055592

Stadtsparkasse Leipzig

 

DZB 2002

Hrsg

Hrsg. von der Deutschen Zentralbücherei für Blinde zu Leipzig (DZB)

 

Nr. 3/2002         Mai/Juni       12. Jahrgang

 


 

Inhalt

                                           

Vorbemerkung. 1

Unsere Postecke. 2

 

Magazingeflüster II. 3

Na hören Sie mal ...3

 

Einblicke. 4

Anarchisches Web. 4

 

Wie war das damals?. 6

Zum Abschied summten sie "Die Gedanken sind frei"6

 

Die Kramkiste. 7

Christa Wolf: "Der geteilte Himmel"7

Uwe Berger: "Das Verhängnis oder die Liebe des Paul Fleming"8

 

Das Autorenporträt:9

Luise Rinser (1911-2002)9

 

Bücher des Jahrhunderts. 10

John Steinbeck: "Früchte des Zorns"10

 

LOUIS. 12

World-Wide-Wissen - Lexika und Fremdwörterbücher im Internet12

 

Info-Service. 13

Gleichstellungsgesetz für behinderte Menschen vom Bundestag verabschiedet13

Die Verkehrsverbünde in Deutschland. 14

Elektronische Bücher für Sehbehinderte. 14

 

Impressum.. 15

 

 

Vorbemerkung

 

Herzlich willkommen zur neuesten Ausgabe der "DZB-Nachrichten"!

Es war wohl abzusehen, dass der offene Brief Dr. Uhligs und seiner Mitunterzeichner in der letzten Ausgabe für entsprechende Resonanz sorgen würde. Die Meinungen waren einstimmig für das Anliegen des Briefs, ein Beispiel dazu befindet sich, stellvertretend für viele, in der "Postecke".

Danach lässt Sie Frau Siems an dem "Geflüster" Teil haben, das sie dieses Mal in unserem Hörbuchmagazin belauscht hat.

Vielleicht erinnern Sie sich noch an die Artikelserie "Die digitale Bibliothek"? Der Autor der Artikelserie äußerte sich vor einiger Zeit in einem Interview zur Rolle von Büchern im Internetzeitalter. Ob Bücher mit Papier in der Moderne noch Sinn machen, erfahren Sie in unserer Rubrik "Einblicke".

Am 16. April 1912 öffnete die erste jüdische Schule Sachsens in der Leipziger Gustav-Adolf-Straße, im heutigen Mittelgebäude der DZB, ihre Pforten. Mehr dazu steht unter "Wie war das damals?"

Außerdem erfahren Sie, wo man im Internet Wissensdatenbanken findet und wo man die größte Bibliothek für Blinde und Sehbehinderte im Internet errichten will.

Anlässlich der Verabschiedung des neuen Gleichstellungsgesetzes erschien eine Pressemeldung, die wir Ihnen ebenfalls nicht vorenthalten möchten.

Dass neben all diesen Informationen und Berichten aus Blindenwesen, Informatik und Geschichte auch Hinweise zur Literatur nicht zu kurz kommen, Luise Rinser, Christa Wolf und John Steinbeck seien an dieser Stelle genannt, verspricht Ihnen

 

Ihr Karsten Sachse.

 

Unsere Postecke

Die Veröffentlichungen sind nicht zwangsläufig identisch mit der Redaktionsmeinung. Aus redaktionellen Gründen müssen wir uns Kürzungen vorbehalten. Wenn Sie keine Veröffentlichung wünschen, vermerken Sie dies bitte.

 

"(...) Der offene Brief, den Herr Dr. Werner Uhlig aus Leipzig im Heft 2 der DZB-Nachrichten veröffentlicht hat, findet meine volle Zustimmung. Besser konnte man eigentlich gar nicht begründen, wie wichtig, hilfreich und bequem für uns die Punktschrift mit ihren 6 Punkten ist. Damit bestreite ich nicht, dass die 8-Punkte-Schrift am Computer ihre Berechtigung hat, und doch muss ich sagen, ich war in den letzten Jahren meiner Berufstätigkeit noch gezwungen, mit der Braillezeile zu arbeiten, und ich habe es oft als schwierig und mühsam empfunden. Und ich gehe auch davon aus, dass es nur wenige Blinde geben wird, die diese Schrift so fließend lesen können wie unsere gute alte Brailleschrift. (...)"

(Hans-Dieter Baumgart aus Glauchau)

 

"(...) wie positiv sich auch nach längerer Zeit ein guter Tipp von Ihnen auswirkt, möchte ich einmal erzählen. Als im Januar eine Freundin aus Jugoslawien zurückkam, wo sie ihre Familie besuchte, erzählte sie mir u.a. auch  von den stundenlangen Stromausfällen. Da erinnerte ich mich sofort an Ihren Bericht von einem Kurbelradio. (...) Am nächsten Tag telefonierte ich mit der Firma Philips, wo ich beim Service die Artikelnummer erfuhr, das Gerät musste beim Händler bestellt werden. Meine Freunde wurden gleich neugierig, als ich ihnen davon erzählte, und wir probierten das Gerät zusammen aus. Alle waren fasziniert davon, die Familie der Freundin aus Jugoslawien sollte das Gerät zu Ostern geschenkt bekommen. (...) Auch im Namen meiner Freundin möchte ich mich auf diesem Wege für diesen tollen Tipp ganz herzlich bedanken. (...)"

(Gabriele Herten, Baltrum)

 

"(...) Zunächst möchte ich Sie bitten, mir künftig per Mail oder in Punktschrift zu antworten.

In der neuen Ausgabe der DZBN antworteten Sie auf die Frage eines Kunden, dass man sagen müsse/könne, in welcher Schriftform Sie mit den einzelnen Kunden verkehren sollen. Im Bezug auf Rechnungen und dergleichen in Punktschrift könnte man sich doch so einigen, dass immer eine Kopie in Blindenschrift beigefügt wird. Es ist doch ein bisschen merkwürdig, dass wir uns einerseits um ein Behindertengleichstellungsgesetz bemühen, um Hemmnisse für Behinderte abzubauen, und gerade Blindenbüchereien und andere Firmen, deren Kundenkreis ausschließlich oder zum größten Teil aus Blinden und/oder Sehbehinderten besteht, sind nicht bereit Barrieren abzubauen und schieben rechtliche Gründe vor.

Beim "Tag der offenen Tür" habe ich letztes Jahr einen Einblick erhalten, wie handgeschriebene oder alte Punktschriftbücher erneuert werden. Da war mir aufgefallen, dass die Texte zwar modernerweise in den PC übertragen werden, aber in Blindenkurzschrift. Das mag für den Blinden, der das eintippt, zwar eine enorme Erleichterung sein, scheint mir aber recht einseitig gedacht. Wenn man den Text in Normalschrift eingeben würde, ist man doch anschließend viel flexibler, in der Verarbeitung der Texte. Mann kann den Text neu formatieren (Minibücher, DIN-A4, Großformat). Man kann wahlweise in Basis-, Voll- und/oder Kurzschrift ausdrucken. Zusätzlich könnte man aus dieser Form heraus auch Textversionen für DAISY-Bücher erstellen. Und jeder kann den abgeschriebenen Text bearbeiten, nicht nur der, der Blindenschrift kann, sondern alle anderen auch.

Es interessiert mich, ob es Ihnen helfen würde, wenn z. B. ich alte Bücher, die nicht in der EDV erfasst sind, in Heimarbeit abzutippen. Vorzugsweise Texte, die nicht innerhalb von ein paar Tagen übertragen werden müssen. (zumindest bei mir.)

Können Sie gebrauchte Kassetten gebrauchen? Ich hätte ab und an C90er abzugeben.

Der Bericht über die Vorhaben im Bereich DAISY fand ich recht interessant. Dabei hat mich verwundert, dass Sie die Hörbücher immer noch analog archivieren. Wir hatten am 18. März in Hamburg die Gelegenheit, einen Vortrag von Frau Dittmar zu hören, in dem sie die Umsetzung von DAISY in der NBH berichtete. Und ich finde es eigentlich logisch, wie dort vorgegangen wird. Dort werden erst mal alle Mutterbänder auf CDs kopiert (jede Kassettenseite auf eine CD) und darüber hinaus werden Neuproduktionen nur digital erstellt. Warum machen Sie das so nicht?

(André Rabe aus Hamburg per E-Mail)

Bemerkung der Redaktion:

Vielen Dank für Ihr ausführliches Interesse an unserer Arbeit. Was die gebrauchten Kassetten betrifft, so besteht seitens der DZB leider kein Interesse. Ein Tipp: annoncieren Sie doch in den DZBN: Wenn Sie die Kassetten verschenken wollen, müssen Sie keine Anzeigengebühren entrichten.

 

Bezüglich der analogen Archivierung unserer Hörbücher äußert sich Dr. Thomas Kahlisch wie folgt:

"Wir nehmen Bücher weiterhin analog auf und digitalisieren parallel unseren gesamten Bestand. Die SBS in Zürich verfährt ebenso. Unsere Digitalisierung erfolgt auf DLT-Bändern und nicht auf CDs. CDs sind in Bezug auf ihre Haltbarkeit umstritten. Technisch könnten wir sofort auf eine vollständige digitale Produktion umsteigen. Aber dann müsste extra neue Technik beschafft werden, um das Digitale wieder auf die analogen Kassetten zu bannen.

Es gibt wie immer viele Wege. Unser Weg unterscheidet sich von dem in der NBH. Das liegt vor allem in unterschiedlichen technischen Voraussetzungen. In Hamburg besteht aus verschiedenen Gründen dringender Bedarf, die analogen Bandbestände schnell auf digitalen Datenträger zu bringen. Die hohe Dringlichkeit ist in der DZB nicht gegeben. Wir haben uns deshalb entschieden, nicht auf die CDs als Mastermedium zu setzen und eine Parallelität bei der analogen und digitalen Herstellung zu erreichen." - Soweit der Direktor der DZB.

Vielen Dank für Ihr Angebot, alte Punktschrifttitel abzutippen. Dazu und zu Ihrer Frage hinsichtlich der Eingabe von Punktschrift am PC äußert sich Herr Wolfgang Erndt, Leiter der Abteilung Blindenschrift:

"Es ist richtig, dass wir alte Bücher abschreiben. Hierbei treffen wir eine gründliche Auswahl bei den Titeln. Es handelt sich vorrangig um abgenutzte Unikate, die früher handschriftlich übertragen wurden und ohne 'Regenerierung' nicht mehr für Punktschriftleser zugänglich wären. Normalerweise werden die Bücher in Vollschrift abgeschrieben, da dadurch die Möglichkeiten, wie Sie sie selbst beschrieben haben, erhalten bleiben. Eine Ausnahme sind Abschriften in Kurzschrift aufgrund von Aufträgen. Ich danke für Ihr Angebot, dass Sie sich an der Arbeit beteiligen möchten, aber zur Zeit liegen mir keine weiteren Titel zur Abschrift vor."

Zum Abschluss noch einige Bemerkungen von Frau Renate Burghardt, Leiterin der Abteilung Verlag, die ja auch den gesamten Verkauf abwickelt, zum Versand von Rechnungen in Punktschrift:

"Bei Rechnungen und Zahlkarten ist der Versand in Punktschrift zur Zeit nicht möglich. Wir schreiben den Text in einen vom Sächsischen Ministerium für Finanzen festgelegten Vordruck ein. Wir arbeiten an einer EDV-gestützten Lösung des Problems. Als Ergebnis wird dann auch der Ausdruck von Blindenschriftkopien des Rechnungsinhaltes in Form eines Lieferscheines o.ä. möglich sein."

 

Magazingeflüster II

Na hören Sie mal ...

 Von Susanne Siems

 

Erinnern Sie sich, liebe Leserinnen und Leser? In unseren Magazinen ist es lebendig. Da reden schon mal die Punktschriftbände miteinander. Aber auch wenn Sie von unserem Magazingeflüster noch nichts wissen, hören Sie sich vielleicht gern folgende kleine Geschichte an.

In letzter Zeit hatte ich viel mit unseren Hörbüchern zu tun. Zwar grüßte ich meine alten lieben Freunde, die dicken Punktschriftbände, immer noch beim Vorbeigehen, aber der eine oder andere schmollte mit mir, weil ich ihn scheinbar so einfach sitzen gelassen hatte. In der Hoffnung, dass die Zeit für mich arbeitet, suchte ich woanders Trost. Mit einer Kassette kam ich dann auch bald etwas näher ins Gespräch, sie schüttete mir ganz offen ihr Herz aus, war es ja gewohnt, mit uns Menschen zu reden. Sie gehöre zu einem relativ spannenden Buch, sagte sie.

 

"Oh Mann, da bist du ständig auf Achse! Gar nicht so lange her, da kam ich zu einer älteren Frau. Was denkst du, wie die sich gefreut hat! 'Endlich ein neues Hörbuch', rief sie. Vor Ungeduld zitternd machte sie die hellblaue Kassettenbox auf und legte mich in den Recorder. Erstaunlich, wie schnell das bei ihr ging, mit ihren über achtzig Jahren. Aber sie wollte, nachdem sie ihr Augenlicht verloren hatte, nicht auf ihre geliebten Bücher verzichten. Und wenn man etwas unbedingt will, dann schafft man es auch. Jedenfalls tat es mir gut, mit welcher Begeisterung ich gehört wurde, ich war auch ganz schnell wieder zu Hause. Dagegen der nächste Weg - belastend sage ich da bloß.

Ein junger Mann wartete da auf mich. Aber Warten ist wohl zuviel gesagt. 'Was is'n das', hat er seine Mutter gefragt, 'was soll ich'n damit?' '

Hab ich dir bestellt, die sagen alle, wäre gut für dich. Damit du mal was Gescheites tust.'

'Will ich nich, is ja nich mal Musik drauf.'

Da lag ich dann Ewigkeiten in der hintersten Schublade rum. Zum Glück ist auf meine Bibliothekare Verlass, sie haben mich mit einer Mahnung da wieder rausgeholt. So krass kommt es allerdings selten. Manchmal bin ich auch richtig stolz. Ich komme wo hin und merke, die ist skeptisch, die will mich auch nur, weil andere sie überredet haben. Und dann, nach einer Weile, da merke ich, wie ich wichtig werde für sie und dass sie auch meine Schwestern hören will. Schön, wieder eine, die meinen Arbeitsplatz sichert und wo ich sehe, dass ich gebraucht werde. Neulich wäre ich fast im Rotwein ertrunken - Bei einem Klassentreffen hatte mich ein Mann etwas achtlos liegengelassen - es sei ihm, liebe DZB-Bibliothek, verziehen. Ihr wisst doch alle, wie aufregend so ein Wiedersehen sein kann! Ansonsten werde ich fast immer pfleglich behandelt, die meisten wissen, was sie an mir haben und dass es viel Mühe macht, mich zum ordentlichen Reden zu bringen. Wie überall gibt es natürlich auch Pannen. Vor einigen Wochen hatte ich einen Bänderriss.  Die Frau, bei der mir das passierte, war vollkommen aufgelöst. Aber dann war alles halb so schlimm - ich kam ins Krankenhaus, sprich ins Kopierstudio und Schwups, war alles wieder vergessen. Nur manchmal macht mir meine zunehmende Gebrechlichkeit jetzt sorgen. Zum Glück kommen da aber nun diese jungen Dinger in Mode - sie haben viel mehr Raum und sind auch haltbarer. Ihr Menschen nennt sie wohl CD's. Ich bin nicht eifersüchtig. Alles hat seine Zeit. Für die, die mich mögen, werde ich noch lange da sein. Ist doch richtig, wenn einem die Jugend Arbeit abnimmt. Diese verrückte DAISY finde ich auch sehr sympathisch, weiß ich doch, wie viele gerade meiner wissbegierigen jüngeren Freunde auch mal an sprunghaften Hörerlebnissen interessiert sind."

 

Ja, das war ein ganzer Roman, den mir die Kassette da erzählte. Ich war beeindruckt von dieser bunten Welt. Nun träume ich davon, meine neuen und alten Freunde auf eine gemeinsame Party zu bringen. Denn uns alle verbindet doch die Liebe zur Literatur. Jüngst sagte mir DAISY, dass sie mir unbedingt dabei helfen möchte und kann. Aber das ist wohl der Stoff für eine andere Geschichte.

 

Einblicke

Anarchisches Web

 

Dieter E. Zimmer, langjähriger "Zeit"-Redakteur, -Kolumnist und den DZBN-Abonnenten als Autor der Artikelserie "Die digitale Bibliothek" (DZBN 1-5/1999) bekannt,  setzt sich in seinem Buch "Bibliothek der Zukunft" (Verlag Hoffmann und Campe, Hamburg 2000)  mit "Text und Schrift in den Zeiten des Internet" auseinander. In der vom Börsenverein des Deutschen Buchhandels herausgegebenen Zeitschrift "BUCHJOURNAL" erschien dazu ein Interview, dass seinerzeit auch unter www.buchjournal.de/ nachzulesen war.

Hier der Wortlaut des Interviews. Petra Kammann sprach mit Dieter E. Zimmer über die Veränderungen von Texten durch Internet.

P.K.: Was wird aus dem Buch im Zeitalter der Digitalisierung? Wird es Ihrer Meinung nach weiter existieren?

D.E.Z.: Wirkliche Prognosen sind sehr schwierig. Bücher sind etwas sehr Schönes, aber leider auch etwas sehr Schweres. Aber das Buch hat sich bisher fabelhaft behauptet, wenn man die Möglichkeiten der Digitalität seit 20 Jahren betrachtet. Alles, was heute gedruckt wird, existiert bereits in einer digitalen Vorstufe. Trotzdem werden immer noch mehr Bücher produziert und auch gekauft. Und alle Prognosen wie die vom papierlosen Büro sind ein Witz. Allerdings weiß ich nicht, ob es nur ein Witz ist. Wenn ich mir vorstelle, wie viele Stahlschränke ich füllen müsste, wenn ich allein alles, was an Korrespondenz auf meiner Festplatte liegt, ausdrucken müsste. Dennoch, dass sich das Buch so fabelhaft behauptet hat, heißt nicht, dass es sich auf alle Zeit weiter so behaupten muss. Es gibt Strukturverschiebungen, die man - meiner Meinung nach - nicht auf die leichte Schulter nehmen sollte. Meine Vermutung ist, dass in dem Augenblick, wo eine Displaytechnik vorhanden ist, die die Hauptvorteile des Papiers in sich vereinigt, sich das sehr schnell ändern könnte.

P.K.: Welche Buchgattungen werden Ihrer Meinung nach davon besonders betroffen sein, Nachschlagewerke eher als Romane?

D.E.Z.: Beim Nachschlagewerk wird die Ablösung des Buches sicher sehr viel schneller gehen als bei den Büchern, die man wirklich lesen muss. Immer dann, wenn man mehr als drei bis fünf Seiten am Stück lesen muss, ist das Buch einfach unschlagbar. Das Buch ist nicht etwas Veraltetes, was nicht in die Zeit passt. Es ist das Ergebnis einer jahrtausendalten ergonomischen Anstrengung, Kunst und Typographie. Es kommt einfach den menschlichen Aufnahmekapazitäten und Gewohnheiten stark entgegen. Erst ein Medium, das dies ebenso gut leisten könnte, wäre da Konkurrenz.

P.K.: Wie würde denn heute idealerweise für einen Feuilletonchef eine virtuelle Bibliothek aussehen und wie eine reale? Was sollte er im Regal stehen, was im Computer liegen haben?

D.E.Z.: Er müsste alles, was viel Platz wegnimmt, was er häufig konsultiert, nicht, was er liest, möglichst in digitaler Form haben. Er sollte alle Nachschlagewerke wie die von Direct-media und Systhema, auch noch teurere von Chadwyck Healey dazu, in digitaler Form da haben.

P.K.: Wo liegt die Besonderheit des gedruckten Buchs? Sie sagten, dass man ab drei Seiten auf dem Bildschirm nichts mehr liest. Würde man ein kurzes Gedicht eher auf dem Bildschirm oder lieber im Buch lesen?

D.E.Z.: Ich selber würde es eher auf Papier wahrnehmen. Aber das ist sicher nur eine Gewohnheit. Jemand, der mit Videospielen groß geworden ist, dem mag es genau umgekehrt ergehen.

P.K.: Sehen Sie da auch kreative Möglichkeiten der Textbeeinflussung?

D.E.Z.: Es gibt Internet-Literatur oder auch Versuche, Literatur zu machen, die die speziellen Möglichkeiten des www, des Internet, ausnutzt. Ich sehe bisher nicht, dass andere das lesen mögen.

P.K.: Es gibt auch etliche junge deutsche Autoren, die ihre erste Veröffentlichung im Web machen.

D.E.Z.: Wo die Leute einen Verleger über das Web suchen.

P.K.: Nicht nur. Für Pop-Autoren ist das auch ein experimentelles Feld. Die Tatsache, dass man Texte beeinflussen kann, stellt die geistige Urheberschaft in Frage. Finden Sie das verdammenswert oder könnte da auch so etwas wie ein neuer Trend entstehen?

D.E.Z.: Das halte ich für totalen Quatsch. Die Arten, sich Literatur zusammenzustoppeln, aus dem, was andere geschrieben haben und was per Zufall den Weg ins Web gefunden hat. Dies Literatur und die Tätigkeit Schreiben zu nennen, müsste man für pure Hochstapelei halten. Da es meistens aber aus Naivität passiert, ist das ein zu krasses Wort. Literatur ist immer etwas ganz Bestimmtes gewesen, nämlich das Ergebnis einer konzentrierten aufmerksamen Gedanken- und Ausdruckanstrengung. Die lässt sich natürlich vermeiden. Dabei kommt dann aber etwas anderes raus, was nicht Literatur ist. Vielleicht ist es ja hübsch. Bisher sehe ich nicht, dass es wirklich jemanden interessieren könnte. Es muss auch ein Interesse dafür vorhanden sein.

P.K.: Ist alles, was im Web veröffentlicht wird, wenn nicht eine editorische Leistung dahinter steht, eigentlich verwertbar? Was machen wir mit dem Informationsmüll?

D.E.Z.: Durch das Internet haben wir eine neue Situation. Plötzlich entsteht Öffentlichkeit, die durch keinen Filter gegangen ist. Als erstes ist für mich eine wirkliche Autorenleistung unverzichtbar, aber natürlich auch eine editorische, die der Auswahl und eine publikatorische Leistung, nämlich die, Öffentlichkeit zu schaffen. Alles muss erst einmal durch ein kleines Gehirn, dessen Kapazität sich nicht erweitern lässt. Es gibt immer mehr und mehr. Insofern ist es vielleicht gut, dass so viel davon verschwindet. Da vertraue ich auf die Kraft der Selbstregulierung. Die Verzweiflung über all den Schrott, der im Web verbreitet wird, ist ja sehr allgemein. Jeder, der auf der Suche nach etwas Substantiellem ist, wird sie teilen. Es wird sich schon herumsprechen, was man wirklich bieten muss, wenn man dort auftreten will.

P.K.: In einer Präsenzbibliothek arbeitet man assoziativ. Wie ist das im Netz? Ist das Labyrinth einer Bibliothek vermittelbar? Kann jemand, der noch nie eine Bibliothek besucht hat, im Netz leicht recherchieren?

D.E.Z.: Von alleine geht nichts. Das Labyrinth ist komplizierter und man muss wissen, wie man nachfragt. Aber man kann auch dort assoziativ arbeiten. Wenn man nur ein Wort eingibt, bekommt man gegebenenfalls siebzigtausende von Möglichkeiten angeboten. Etwas in Erfahrung zu bringen, ist immer ein schwieriger Prozess. Man wird irgendwann lernen müssen, wie man systematisch recherchiert. Wenn einem noch mächtigere Mittel - wie ein Computer - zur Verfügung stehen, muss man eben noch mehr können.

P.K.: Müssen wir im digitalen Zeitalter neu lesen und schreiben lernen?

D.E.Z.: Ja, davon bin ich überzeugt. Das ist natürlich metaphorisch gesagt. Die Schrift besteht aus Zeichen, und die Zeichen muss man sowohl produzieren wie auch verstehen können. Das gilt für jedes Medium. Aber es wird schon anders werden. Bei der bisherigen Art, digitale Schrift sichtbar zu machen, gibt es ein großes Problem. Sie ist flimmerfrei, lesbar, mit vielen Kontrasten. Aber man nimmt anders wahr. Es ist immer nur das da, was man gerade auf einer Computerseite ansieht, nämlich die Seite, die man vor sich hat. Alles andere ist weg.

P.K.: Auf dem Computer kann man auch - ähnlich wie im Buch - "blättern", "scrollen" nennt man das.

D.E.Z.: Aber man weiß nicht, was kommt. Wenn man ein Buch in die Hand nimmt, da teilt sich einem sehr viel mit, bevor man auch nur ein Wort gelesen hat. Man sieht, wie dick das Buch ist. Bei einem digitalen Text sieht man das nie. Man kann sich zwar die Kilobyte anzeigen lassen. Aber man kann sich nichts wirklich darunter vorstellen. Bei einem Buch weiß man von vornherein, wie viel Text darin ist. Man erkennt, wie viel wert das Buch denen war, die es angefertigt haben. Das bestimmt auch von vornherein, in welchem Ausmaß man sich mit dem Buch abgibt.

 

Wie war das damals?

 

Zum Abschied summten sie "Die Gedanken sind frei"

Am 16. April 1912 öffnete die erste jüdische Schule Sachsens in der Leipziger Gustav-Adolf-Straße - 30 Jahre später wurde sie von den Nazis geschlossen.

 

Vor 90 Jahren nahm in Leipzig eine zehnklassige private höhere israelitische Bürgerschule, die erste jüdische Schule in Sachsen, den Unterricht auf. Als "gerechtfertigte Tendenz der Differenzierung des großstädtischen Schulwesens", für die ein Bedarf bestehe, empfahl das Leipziger Schulamt dem Sächsischen Kultusministerium die Zulassung der allgemeinbildenden Konfessionsschule.

1910 zählte die Leipziger Israelitische Religionsgemeinde über 9000 Mitglieder, mehrheitlich religiös-orthodoxe Juden, die eine eigene Schule wünschten. Ihr Gründer, Konzessionsträger und Direktor war Dr. Ephraim Carlebach (1879/Lübeck - 1936/Ramat Gan), der seit 1900 als Rabbiner und Lehrer in Leipzig wirkte. Er entstammte einer Lübecker Rabbinerfamilie, studierte und promovierte an deutschen Universitäten, sowie am Berliner Rabbinerseminar und legte an der Universität Leipzig die höhere Lehramtsprüfung ab.

Die Schüler kamen aus allen sozialen Schichten. Freistellen und Patenschaften ermöglichten auch wenig Begüterten den Besuch. Eltern, die für ihre Kinder eine gute Allgemeinbildung, verbunden mit einer religiösen Erziehung, wünschten, sponserten die Privatschule und ließen das 1913 eingeweihte Haus in der Gustav-Adolf-Straße 7, heute Deutsche Zentralbücherei für Blinde, errichten. 1922 wurde die Bürgerschule in eine Realschule überführt, eine zehnklassige Mädchenschule eingerichtet, zu der 1930 eine Volksschule hinzukam.

Den Unterricht erteilten jüdische und nichtjüdische Lehrer. Der in den Stundenplan integrierte Religionsunterricht und die vom religiösen Geist geprägte Schulatmosphäre bewogen immer mehr Eltern, ihre Kinder auf die Carlebachschule, wie der Volksmund die verschiedenen Schultypen zusammenfassend nannte, zu schicken. Bis 1933 entwickelte sie sich zu einem der größten und pädagogisch profiliertesten jüdischen Schulwerke Deutschlands, das etwa ein Drittel der Leipziger jüdischen Schüler besuchte. Die Mehrheit der jüdischen Kinder ging auf städtische Schulen, in Leipzig bis 1933 weitgehend Normalität.

Mit Beginn der NS-Zeit erlebten die jüdischen Schüler der städtischen Schulen antisemitisches Verhalten von Lehrern, Mitschülern und deren Eltern. Nicht wegen ihrer Religionszugehörigkeit, sondern aufgrund ihrer jüdischen Herkunft, der Idee der "Rasse" untergeordnet, wurden sie diskriminiert, zunehmend aus der Schul- und Klassengemeinschaft ausgeschlossen, dies mit Förderung durch die Behörden. Besuchten die Carlebachschule 1933 etwa 700, so waren es 1050 Schüler im Jahr 1935. Dementsprechend ging ihre Zahl an städtischen Schulen von zirka 1000 auf 500 zurück. Viele Gymnasiasten brachen ihre Schulausbildung ab. Die Carlebachschule wurde nach 1933 zur Zufluchtsstätte aller Leipziger jüdischen Schüler, unabhängig vom religiösen Ritus, auch von Kindern, die erst nach 1933 erfuhren, dass sie jüdischer Herkunft waren. Den Lehrern gelang es, den Anschein von Normalität wahrend, sie zu einer Heimstatt für die ausgegrenzten Schüler zu machen, ihnen eine gute Schulausbildung, seit Mitte der dreißiger Jahre auf Auswanderung vorbereitend, zu geben und sie in ihrer jüdischen Identität, ihr Selbstbewusstsein durch die Intensivierung der jüdischen Bildung, zu stärken.

Doch auch an der Carlebachschule entpuppten sich 1933 einige nichtjüdische Lehrer als Nationalsozialisten, denunzierten ihre jüdischen Kollegen und drängten Ephraim Carlebach 1935 aus dem Amt. Auf Veranlassung Martin Mutschmanns, Reichsstatthalter für Sachsen, erhielt die Realschule 1936 den Oberschulstatus. Ziel war, die jüdischen Schüler aus "deutschen" Schulen zu verdrängen. Ihr gesetzlicher Ausschluss erfolgte am 15. November 1938. In Leipzig gingen schon seit Frühjahr 1938 nur noch Einzelne auf städtische Schulen. In der Pogromnacht erlebten viele Carlebachschüler, wie ihr Schulgebäude stark verwüstet, und in den Tagen danach, Lehrer in die Konzentrationslager Buchenwald und Sachsenhausen verschleppt wurden. Der Schulbetrieb musste eingestellt werden.

Nach der Pogromnacht setzte in Leipzig eine Massenflucht ein. Zwischen Dezember 1938 und Oktober 1940 verließen etwa 3100 jüdische Bürger Leipzig, auch deshalb verringerte sich die Schülerzahl. Das Leipziger Schulamt gestattete im Januar 1939, nur die jüdische Volksschule wieder zu eröffnen. Im Februar 1939, nach der Instandsetzung des Hauses, erhielten 361 Kinder Unterricht. Ihre Zahl sank bis Kriegsausbruch auf 175. Danach war Flucht oder Auswanderung kaum noch möglich.

In dieser Zeit, in der sich antijüdische Gesetzgebung und Terror ständig verschärften, bemühten sich die verbliebenen Lehrer, ihren Schülern das Gefühl der Sicherheit und menschlichen Wärme zu geben, ihre Solidarität zu stärken. Nur dies konnten sie der Entrechtung entgegensetzen. Neben dem Schulbetrieb wurde das Schulhaus 1940 zu einem der 47 Leipziger "Judenhäuser", in die nach der gesetzlich verfügten Kündigung ihrer Mietverhältnisse Juden einziehen mussten. Auf 140 dezimierte sich die Schülerzahl nach der ersten Deportation am 21. Januar 1942 ins Ghetto Riga und auf 61 nach der zweiten Deportation am 10. Mai 1942 ins Ghetto Belzyce. Ein Geheimerlass befahl zum 30. Juni 1942 die Auflösung aller jüdischen Schulen in Deutschland.

Die beiden letzten Lehrer, Gertrud Herrmann (1896/Plauen - 1942/Auschwitz), vor 1933 Studienrätin an der Gaudigschule, und Daniel Katzmann (1895/Flieden - 1943/Auschwitz), seit 1939 Leiter der Volksschule, entließen mit einer kleinen Feier im Zeichensaal, bei der sie gemeinsam "Die Gedanken sind frei" summten, ihre Schüler in eine ungewisse Zukunft, von der Lehrer wie Schüler wussten, dass sie Deportation hieß, aber nicht ahnten, dass dies für fast alle den Tod bedeutete.

(Quelle: Barbara Kowalzik in "Leipziger Volkszeitung" vom 16.4.02)

 

Die Kramkiste

 Im Bestand der Bibliothek gekramt

Wir stellen Ihnen jeweils einen Punktschrift- und einen Hörbuchtitel vor, die sich schon länger im Bestand unserer Bibliothek befinden - zur Erinnerung für die "Alten" und zur Information für die "Jungen". Vorgestellt werden die Titel von unseren Bibliothekaren.

 

Christa Wolf: "Der geteilte Himmel"

 empfohlen von Susanne Siems

 (Punktschriftbibliothek)

 

"Der geteilte Himmel" - drei Worte, die in ihrem Sinn ein ganzes Universum zu umfassen scheinen. Vor vierzig Jahren ist ein Buch mit diesem Titel erschienen. Damals, im August 1961, war es der Himmel über dem zerrissenen Deutschland, aber ganz besonders auch der Himmel über dem Schicksal zweier Menschen, die jeder für sich einen anderen Lebensweg fanden. Das Land ist heute wieder eins, die beiden Menschen haben sicher jeder für sich ein Stück eigenen Himmel gefunden.

Die Autorin des Romans, Christa Wolf, hat viele andere Bücher nach diesem geschrieben. Gute, viel beachtete und besprochene Bücher. Doch zu keinem fand ich Zugang wie zu diesem, das eigentlich von der Zeit überholt, eingeholt sein müsste und doch immer noch berührt durch seine sympathischen Helden und die einfühlsame Sprache der Autorin.

Das Mädchen Rita lernt den Chemiker Manfred kennen und zieht vom Dorf in die Stadt. Der Himmel über der Stadt, von der man weiß, dass sie Halle heißt, ist trotz Industriedunst groß und weit und hängt am Anfang voller Geigen. Aber da man nicht ewig in persönlicher Idylle leben kann, kommen schon bald Probleme, besonders im Arbeitsleben. Die Lehrerstudentin Rita will bei ihrem Praktikum im Waggonbauwerk helfen, die neue Gesellschaft, die allen Menschen gleiche Rechte gibt, aufzubauen. Dafür kämpft sie und entfremdet sich dabei immer mehr von Manfred. Dieser fühlt sich durch den Wirtschaftsbürokratismus zunehmend in die Enge getrieben und geht schließlich, ohne mit Rita darüber zu reden, in den Westen. Schon durch das mangelnde Vertrauen verletzt, kommt, was man als Leser mit etwas Abstand bereits wissen muss. Rita fühlt sich bei ihrem Besuch im Westen fremd und nicht gewollt und kehrt nach Halle zurück. Der Himmel ist jetzt nicht nur über dem Land geteilt, sondern auch über der Beziehung von Manfred und Rita.

Es sind diese uns allen so vertrauten Reaktionen und Gedanken zwischen Wollen, Sollen und Können, zwischen Fühlen und Denken, die uns Personen von vor vierzig Jahren so nahe bringen. Damals war es der Sozialismus, den man wollte oder bekämpfte, heute ist es die ökologische Zukunft, das Einfamilienhaus im Grünen, eine vernetzte Gesellschaft oder weiß ich was. Die Suche nach einem eigenen kleinen Platz in Zeit und Raum ist uns, liebe Leserinnen und Leser, auch im 21. Jahrhundert erhalten geblieben. Sie bringt uns gerade dieses Buch der jüngst mit dem deutschen Bücherpreis für ihr Lebenswerk ausgezeichneten Autorin so nah.

Wie schreibt sie heute? Viele bekannte Werke liegen vor - "Kein Ort. Nirgends", "Nachdenken über Christa T.", "Kassandra". Ich habe diese Titel meist nur "angelesen", richtig gut gefallen hat mir nur der "Geteilte Himmel". Auch die  Schriftsprache hat sozusagen ihre eigenen Dialekte, das ist wohl dann der Stil eines Autors. Den mag man manchmal auf Anhieb und mal versteht man ihn gar nicht. Bei Christa Wolf fesseln mich einzelne Sätze so, dass ich sie nicht mehr aus meinen Gedanken bekomme. Zum Beispiel der Ausdruck Nachdenken. Das heißt also, jemandem etwas nach - sprich: hinterher - denken. Oder Ritas Beobachtungen beim Abendspaziergang durch die Stadt: "Sie sieht, wie jeden Abend eine unendliche Menge an Freundlichkeit, die tagsüber verbraucht wurde, immer neu hervorgebracht wird." Gut gewählte, treffende Worte. Im "geteilten Himmel" liest sich  das flüssig, passt in die Handlung. In den späteren Büchern ist mehr Botschaft, weniger Handlung zu finden, dass macht mir das Lesen schwieriger. Nachdenken ist wichtig, aber Loslassen, Treiben lassen genauso. Sonst fehlt die Luft zum Atemholen. Nun bin ich gespannt, wie Sie, liebe Leserinnen und Leser, die Werke Christa Wolfs lesen. Ihr neuester Titel "Leibhaftig" geht demnächst in die Punktschriftproduktion.

Den Roman "Der geteilte Himmel" können Sie in Punktschrift unter der Bestellnummer 3662, 2 Bände rkzp. (oder 6 Bände Vollschrift Bestellnummer 4171) ausleihen. Die Hörbücherei bietet den Titel auf 7 Kassetten mit der Bestellnummer 1198 an. Sprecherin ist Karin Buchali. Und natürlich haben wir auch weitere Titel von Christa Wolf in unserer Punktschrift- und Hörbuchausleihe.

 

Uwe Berger: "Das Verhängnis oder die Liebe des Paul Fleming"

 empfohlen von Jörg Klemm

 (Hörbücherei)

 

Die mir vorliegende Ausgabe erschien 1983 im Aufbau-Verlag zu Berlin und Weimar und ist seit 1985 als Hörbuch in der DZB vorhanden.

Der Autor wurde 1928 in Eschwege bei Kassel geboren und trat als Lyriker und Erzähler in Erscheinung. Er verbrachte seine Kindheit in Emden, Augsburg und Berlin, wurde als Oberschüler mit 15 Jahren Flakhelfer und erlebte als Marinesoldat die letzten Monate des Zweiten Weltkrieges, nach 1945 studierte der Germanistik und Kunstwissenschaft in Berlin, arbeitete dann als Redakteur und Verlagslektor, später als freischaffender Schriftsteller und Lektor.

Worum geht es in diesem Buch?

Dieser biografische Roman über den Lyriker Paul Fleming (er lebte von 1609 - 1640, geboren in Hartenstein, Kreis Zwickauer Land, gestorben in Hamburg) beginnt in Reval, wo Fleming die schöne Elsabe kennen lernt, die ihn an Rubella, seine große Jugendliebe, erinnert. Als Teilnehmer einer Gesandtschaft reist er für längere Zeit nach Russland und später nach Persien. Dadurch werden die Liebenden getrennt, wie sich später herausstellt: für immer. Doch Fleming schreibt Gedichte - wie stets ...

Die feurige Leidenschaft zu der jungen, ursprünglichen Russin Katja vertieft sein Verständnis für fremde Länder und Kulturen. Besonders diese Zeit wirkt sich auf seine Gedichte aus. Nach Reval zurückgekehrt, trifft er Elsabes Schwester Anna wieder, die ihn noch immer liebt und deren Liebe er nun tief erwidert. Er verlobt sich und geht nach Leiden, um den medizinischen Doktorgrad zu erwerben. Da erkrankt er und stirbt.

In dem biografischen Roman über den großen Lyriker des 17. Jahrhunderts werden auch Einblicke in Streitfragen und Ansichten jener Zeit gegeben. Berger bemüht sich um eigenständige literarische Aufarbeitung des vorhandenen Stoffes. Er vermag allgemein Gültiges und Zeitnahes mit einzubeziehen.

Wen ich nun ein wenig dafür interessieren konnte: Sprecherin. Ingeborg Ottmann. 5 Kassetten. Bestellnummer: 6231.

 

Das Autorenporträt:

Luise Rinser (1911-2002)

geb. 30. 4. 1911 Pitzling/Obb.

gest. 17.03.2002 Unterhaching

 

Die 1911 in Oberbayern geborene Autorin gehörte zu den bekanntesten deutschen Schriftstellerinnen der Nachkriegszeit. 

Rinser, als Tochter eines Lehrers im Ort Pitzling in Landsberg am Lech geboren, studierte in München Pädagogik und Psychologie. Nach dem Examen 1934 arbeitete sie an verschiedenen oberbayerischen Schulen als Aushilfslehrerin. Den obligaten Eintritt in die NS-Partei verweigerte sie und kam 1939 der Entlassung aus dem Schuldienst durch Kündigung zuvor. Sie heiratete den Komponisten Horst Günther Schnell. Das Paar lebte in Braunschweig und Rostock und bekam zwei Söhne. 1943 fiel Schnell in einer Strafkompanie. Rinser zog sich nach Kirchanschöring bei Salzburg zurück; mit dem homosexuellen kommunistischen Schriftsteller Klaus Herrmann ging sie eine Scheinehe ein. 1944 wurde sie wegen "Wehrkraftzersetzung" denunziert und in Traunstein inhaftiert. Das Kriegsende verhinderte ihre Verurteilung und Hinrichtung.

 Erste Geschichten in Zeitschriften veröffentlichte Rinser schon als junge Lehrerin. Peter Suhrkamp ermunterte sie zur Publikation der autobiographisch gefärbten Erzählung "Die gläsernen Ringe" (Berlin 1941); das Buch, das mit einem unzeitgemäßen Bekenntnis zum "scharfen, klaren Gesetz des Geistes" endet, war bei Kritik und Publikum erfolgreich. Nach der zweiten Auflage erhielt Rinser Publikationsverbot. Während der Haftzeit entstand auf Zeitungsrändern das Gefängnistagebuch, ein zu kühler Beobachtung sich zwingender Bericht des Grauens; es wurde Rinsers erste Publikation nach dem Krieg (München 1946).

Obwohl nicht immer frei von Trivialität zeigen schon die frühen Arbeiten den Gestus der Suche nach dem Sinn der Welt. In der gesellschaftlichen Sinnkrise der Nachkriegszeit, hervorgerufen durch die rasche Restaurationspolitik, verschafften ihr dann die nüchterne Sicherheit des Erzählstils - geschult an der amerikanischen Short story - und die konsequenten Charaktere ihrer Figuren eine breite Leserschaft. Als christliche Erbauungsschriftstellerin avancierte Rinser zur moralischen Instanz einer Lesergemeinde, deren Bedürfnis nach Lebenshilfe sie in den folgenden Jahrzehnten immer extensiver erfüllte ("Gespräche über Lebensfragen". Würzburg 1966. "Hochzeit der Widersprüche". Percha/Kempfbausen 1973).

Bis 1958 arbeitete Rinser als Journalistin für die "Neue Zeitung", den Rundfunk und die "Zürcher Weltwoche". Ein Welterfolg in Millionenauflage, übersetzt in mehr als 20 Sprachen, wurde ihr Roman "Mitte des Lebens" (Frankfurt/M. 1950), der ihr auf Vorschlag Thomas Manns den René-Schickele-Preis einbrachte. In Montagetechnik mit grellen Effekten beschreibt Rinser den Weg einer leidenschaftlichen, kompromisslos ehrlichen Frau, Nina, zu sich selbst. Die Fortsetzung der Lebensgeschichte Ninas, "Abenteuer der Tugend" (Frankfurt/M. 1957), entstand während Rinsers katholischer Periode; ebenso wie im Eheroman "Die vollkommene Freude" (Frankfurt/M. 1962) begreift Rinser Liebe jetzt als Entsagung und Aufopferung der Frau im Dienste einer gottgewollten Ordnung.

1954-1959 war Rinser mit Carl Orff verheiratet und lebte in Dießen am Ammersee. Nach der Trennung 1959 zog sie nach Rom, 1965 nach Rocca di Papa, einem kleinen Dorf in den Albaner Bergen.

Während der Jahre als akkreditierte Journalistin beim Zweiten Vatikanischen Konzil (1962-1966) entwickelte Rinser eine zunehmend kritische Haltung zur autoritären Dogmatik der katholischen Kirche. Ihre Wut und Enttäuschung über das schnelle Verdrängen der NS-Verbrechen gestaltete sie in dem Roman "Der schwarze Esel" (Frankfurt/M. 1974), einer Neubearbeitung von "Die Stärkeren" (Kassel 1948). Ihr Abscheu vor dem Egoismus der Wirtschaftswunder-BRD bestärkte sie immer mehr in ihren sozialistischen Überzeugungen.

Seit ihrem Engagement im Wahlkampf der rheinland-pfälzischen SPD 1971 war Rinser wiederholt grundlosen Diffamierungen ausgesetzt, die ihr Verstrickung in den Nationalsozialismus ebenso anzulasten versuchten wie Beihilfe zu den Terrorakten der RAF. 1977 wurde sie vom Bundestag rehabilitiert und erhielt das Große Bundesverdienstkreuz. In den 80er Jahren setzte sie sich für Friedens- und Umweltpolitik ein; die Fraktion DIE GRÜNEN nominierte sie 1984 für die Wahl zum Bundespräsidentenamt, bei der sie einen Achtungserfolg erzielte.

Radikale politische Parteinahme und religiöse Hingabe sind für Rinser zwei prinzipiell gleichberechtigte Wege zur Menschlichkeit. In der Erzählung "Geh fort wenn du kannst" (Frankfurt/M. 1959) entdeckt die kommunistische Widerstandskämpferin Angelina in sich die Bereitschaft zum Klosterleben. Deutlicher noch sind in "Mirjam" (Frankfurt/M. 1983), Rinsers feministischer Gestaltung des Neuen Testaments, der Revolutionär Jehuda (Judas) und Jeschua (Jesus) ebenbürtige Antagonisten zur Verwirklichung der menschlichen Freiheit. Die Ich-Erzählerin Mirjam (Maria Magdalena) trägt, beiden in Liebe verbunden, den Konflikt der konträren Lebensformen in sich aus.

Mit "Baustelle" (1970), tagebuchähnlichen Aufzeichnungen, denen fünf weitere Bände folgten ("Grenzübergänge", 1972. "Kriegsspielzeug", 1978. "Winterfrühling", 1982. "Im Dunkeln singen", 1985. "Wachsender Mond", 1988; alle Frankfurt/M.), fand Rinser die ihr gemäße Form der moralischen Stellungnahme zu politischen und sozialen Problemen der Zeit. Reiseskizzen, Begegnungen, Reminiszenzen, Lektürefunde, Maximen werden (dem distanzierten Leser bisweilen zu arbiträr, selbstgerecht und voller Eigenlob) im Sinne eines ganzheitlichen, von fernöstlicher Weisheit und Esoterik inspirierten Denkens erkenntnisträchtig. (Ulrike Leuschner)

[Quelle: Digitale Bibliothek Band 9: Killy Literaturlexikon, S. 17159.]

Bücher von Luise Rinser in der DZB:

 

Hörbücherei

-          Abaelards Liebe : Roman.

Spr.: Jürgen Hennecke (Zürich).

6 Kass. 2398

-          Bruder Feuer.

Spr.: Zsoka Duzar (Zürich). 4 Kass. 2127

-          Eine dunkle Geschichte.

Spr.: Dorothea Garlin. 2508

-          Gefängnistagebuch.

Spr.: Dorothea Garlin. 4 Kass. 3256

-          Mirjam : Roman.

Spr.: Marlies Reusche. 8 Kass. 6395

-          Mitte des Lebens.

Spr.: Gisela Seifert. 9 Kass. 4693

-          Die rote Katze.

Spr.: Käte Koch. 2511

-          Der schwarze Esel : Roman.

Spr.: Gisela Seifert. 8 Kass. 6132

 

Punktschriftbibliothek

-          Das Geheimnis des Brunnens.

2 Bde. rkh. BNA 7318

-          Die gläsernen Ringe : 3 Erzählungen (Die gläsernen Ringe / Jan Lobel aus Warschau / Septembertag)

4 Bde. rkh. BNA 7620

-          Geschichten aus der Löwengrube.

2 Bde. rkzp. (Paderborn) BNA 8210

 

Bücher des Jahrhunderts

Welche Bücher haben das 20. Jahrhundert am stärksten geprägt? Eine internationale Jury ist dieser Frage nachgegangen. Das Ergebnis wurde im Börsenblatt des Deutschen Buchhandels veröffentlicht (Petra Gass: Meilensteine. Börsenblatt des Deutschen Buchhandels Nr. 81 vom 12.10.99). Wir nennen Ihnen nacheinander diese Bücher. Titel dieser Liste, die Sie in der DZB ausleihen können, stellen wir Ihnen ausführlicher vor.

 

Wir setzen heute fort mit Position Nr. 38:

 

John Steinbeck: Früchte des Zorns

(1939)

ausleihbar als Hörbuch und in Punktschrift

 

Der amerikanische Romanschriftsteller John Ernst Steinbeck wurde am 27.2. 1902 in Pacific Grove bei Salinas, Kalifornien, geboren und starb am 20.12.1968 in New York. Steinbeck war deutsch-irischer Abstammung. Der Sohn eines Schatzmeisters und einer Lehrerin wuchs in Kalifornien auf, studierte von 1918-24 Naturwissenschaften an der Stanford University und verdingte sich dann als Gelegenheitsarbeiter (1925 u.a. als Reporter in New York). Seit 1936 lebte Steinbeck in Los Gatos bei Monterey, Kalifornien. Im 2. Weltkrieg Berichterstatter, vertrat Steinbeck gegen Ende seines Lebens zunehmend konservative Ideen und wurde patriotisch bis zur Intoleranz.

Steinbecks sehr vielseitiges Romanschaffen, für das er 1962 mit dem Nobelpreis für Literatur geehrt wurde, kreist um soziale Tragik und verbindet einen manchmal ins Grausame ausartenden deterministischen Naturalismus (seine Charaktere können ihren biologischen und Umweltbedingungen nicht entrinnen) mit Romantik und einer mystisch religiösen Überzeugung. Schauplatz sind ländliche Gegenden Kaliforniens, seine Figuren meist die Besitzlosen, Umhergetriebenen, von Schicksal, Natur und Gesellschaft Benachteiligten in ihrem einfachen, urwüchsigen, z. T. unverhüllt triebhaften Leben, geschildert mit Menschenliebe und einem tendenzlosen Glauben an das Gute im Menschen.

Der Roman "Früchte des Zorns" (The Grapes of Wrath) erschien erstmalig 1939 in New York. Der Titel entstammt der patriotischen 'Battle Hymn of the Republic' von Julia Ward Howe. Das Buch ist eine Mischung aus sozialkritischem Traktat und fiktiver Erzählung. Steinbeck ging es um das Los der arbeitssuchenden, wandernden Farmarbeiter zur Zeit der Depression; er bezweckte und erreichte mit dem Roman sozialpolitische Folgen, nämlich Schutzmaßnahmen der Regierung im Sinne des New Deal. Im sogenannten 'Dust Bowl' Amerikas (Oklahoma, Texas) hatte die ungeheure Bodenerosion zu immer wiederkehrenden Staubstürmen und Dürreperioden geführt, so dass sich die arbeitslosen Farmarbeiter ('Okies') auf den großen Treck quer über den Kontinent nach Kalifornien, in das Land der Verheißung, begaben. Steinbeck schildert diesen Treck anhand der Familie Joad, die sich ebenfalls - von vielen Schicksalsschlägen heimgesucht, aber von der Hoffnung auf Besserung vorangetrieben - mit einem alten Auto nach Westen aufmacht. Doch auch in Kalifornien findet sie nichts als Hunger und Elend und nur vorübergehende Ruhe in einem Regierungslager. Der Sohn Tom wird dabei in eine Streikbewegung verwickelt und schließt sich der Arbeiterbewegung an.

Eingeblendet in dieses soziale Epos finden sich in dem Roman immer wieder Skizzen und Szenen, die über die individuellen Schicksale der Joads hinausgreifen und ein Bild von der katastrophalen allgemeinen Lage geben sollen. Sie unterstreichen die Repräsentanz der Familie für das soziale Problem, und zugleich objektivieren sie die 'subjektive' Kritik des Autors an den herrschenden Zuständen. Neben der eigentlichen (sozialkritischen und -reformerischen) Absicht Steinbecks erscheint in "Früchte des Zorns" auch eines seiner Grundthemen wieder: die Erdverbundenheit seiner Menschen, die lebenswichtig für sie ist und von Dürre und Arbeitslosigkeit nur gestört wird. Typisch für diese fast mythische, an heidnische Fruchtbarkeitsbräuche erinnernde Erdverbundenheit ist die symbolträchtige Schlussszene, in der Rose of Sharon mit der für ihr totgeborenes Kind bestimmten Milch einen verhungernden Mann stillt.

Doch liegt die eigentliche Bedeutung des Romans - und die Ursache für die vielen Kontroversen, die er auslöste - natürlich in seiner soziologischen Komponente begründet. Die soziale Anklage im Verein mit seiner ökonomischen Relevanz machten ihn zum Hauptvertreter jener sozialrevolutionären Literatur der 1930er Jahre, die oft unter dem Sammelbegriff 'proletarischer Roman' erfasst wird. (K.-J. P.)

[Quelle: Digitale Bibliothek Band 13: Wilpert: Lexikon der Weltliteratur, S. 17571. (c) Alfred Kröner Verlag]

 

Titel von John Steinbeck in der DZB:

 

Hörbücherei

-          Früchte des Zorns : Roman.

Spr.: Hans-Joachim Hegewald. 15 Kass. 1163

-          Geld bringt Geld.

Spr.: Günter Bormann. 8 Kass. 1755

-          Das rote Pony und andere Erzählungen.

Spr.: Christoph Hörstel (München). 6 Kass. 2045

-          Von Menschen und Mäusen.

Spr.: Hans Lanzke. 4 Kass. 6391

 

Punktschriftbibliothek

-          Erzählungen und Kurzgeschichten.

7 Bde., kh., BNA 4281

-          Früchte des Zorns : Roman.

11 Bde., kh., BN 3371

-          Die Perle : Erzählung.

1 Bd., rkzp., BNA 6384

-          La Perle.

1 Bd., vzp. (Französisch), BNA 5956

(verkäuflich unter BNV 1989, 25,56 €)

 

 

LOUIS

(Leipziger Online Unterstützungs- und Informationssystem für Sehgeschädigte)

Betreuer dieser Rubrik ist Herr Ulrich Jander. Detaillierte Ausführungen zu den Themen können direkt bei ihm abgerufen werden. Selbstverständlich erhalten Sie auch Antwort auf Fragen, die uns in Blindenschrift, auf Kassette oder in Schwarzschrift erreichen. Mehr zu LOUIS gibt es im Internet unter http://www.dzb.de/louis.

 

World-Wide-Wissen - Lexika und Fremdwörterbücher im Internet

 von Ulrich Jander

 

Im Heft 2/2002 der DZB-Nachrichten habe ich über das Lexikon "Der Brockhaus in Text und Bild 2002" auf CD-ROM berichtet. Heute möchte ich die Nachschlagewerke etwas beleuchten, die man im Internet finden und in welchen man mit Hilfe des PC suchen kann.

Die Suche ist aus mehreren Gründen nicht immer einfach. Auf den entsprechenden Internetseiten der Anbieter ist die Sucheingabemöglichkeit meistens nicht an erster Stelle. Die Suchmaske verbirgt sich oft auf einer der Unterseiten. Werbung spielt natürlich bei den Anbietern eine große Rolle. Beim Aufruf mancher Internetseiten erscheint diese zuerst und ist nur durch Beenden (ALT + F4 bei Windowsanwendung) wegzunehmen; erst dann befindet man sich auf der Homepage des jeweiligen Nachschlagewerkes. Ausschlaggebend ist ebenso, mit welchem Programm (Browser) die Internetseiten besucht werden. Unter Windows (mit Internet Explorer) geht dies in aller Regel besser; das DOS-Programm Lynx funktioniert gegenwärtig meistens auch, jedoch sind Links, auf die man zur Suche klicken muss, nicht immer ordentlich bezeichnet. In solchen Fällen muss mit Lynx mehr herumgesucht und –probiert werden, als dies unter Windows erforderlich ist. Hinzu kommt, da Lynx ein inzwischen älteres Programm ist, dass sich die heutige und künftige Gestaltung von Internetseiten durch die Anbieter weiter vom DOS-Standard entfernt und Lynx in der Zukunft immer schlechter mit solchen Seiten zurechtkommen dürfte.

Trotz dieser Erschwernisse ist es erfreulich, dass die Nutzung von Nachschlagewerken im Internet auch durch blinde Computeranwender möglich ist. Manches kann kostenfrei, anderes durch Registrierung nur kostenpflichtig im Internet nachgeschlagen werden. Nachstehend sind einige Internetadressen genannt und erläutert, wobei der Anspruch auf Vollständigkeit nicht erfüllt werden kann, zumal jederzeit Änderungen im Internet möglich sind.

 

www.brockhaus.de/ - u.a. zum Standardwerk "Brockhaus in einem Band", kurze Erläuterung zum Stichwort, kostenfreie Nutzung,

 

www.xipolis.net/ - umfangreiche, jedoch kostenpflichtige Informationen aus den vielfältigen Lexika von Brockhaus, ein reduziertes Angebot zum Nachschlagen ist kostenfrei (unter Windows die Homepage mit ALT + F4 schließen),

 

www.wissen.de/ - Zum Fremdwörterlexikon mit über 55.000 Stichwörtern, nach Aufruf kann unter Windows mit ALT + F4 die Information geschlossen werden, Kurzinformationen zum Suchergebnis kostenfrei, ausführliches kostenpflichtig,

 

www.fremdwort.de/ - Zum Fremdwörterlexikon von Langenscheidt, schnell aufzufindende, einfache und übersichtliche Suchmaske, kostenfrei,

 

www.mr-check.de/ - Erklärungshilfen zu fremdartigen Begriffen, etwas umständlich zu findende Suchmaske, kostenfrei,

 

www.pons.de/ - Übersetzungshilfen und mehrsprachige Wörterbücher, z. B. in deutsch, englisch, französisch und spanisch, außerdem Musterbriefe und Arbeitsblätter im pdf-Format, übersichtlich und kostenfrei,

 

www.myglossar.de/glossar/index.htm - EDV-Glossar und -Lexikon, mit ausführlicher Erläuterung der Fachbegriffe aus der Welt des PC’s, die Werbung zu Beginn kann mit ALT + F4 (Windows) geschlossen werden, kostenfrei,

www.www-kurs.de/ - ein Online-Kurs rund um das Internet, Glossar und Erläuterung, übersichtlich und kostenfrei,

 

www.englische-briefe.de/ - wichtige Regeln, die für die englische Korrespondenz zu beachten sind, wie z. B. die Adressierung, korrekte Anrede, gängige Formulierungen, angemessene Verabschiedung, sehr übersichtlich und kostenfrei.

 

Ausführliche und konkrete Hinweise zu den einzelnen Internetadressen können für jedermann gültig leider nicht gegeben werden, da jeder Browser und Screenreader als erforderliche Programme anders reagieren und die Seiteninhalte unterschiedlich darstellen können. Es muss einfach ausprobiert werden. Dabei wünsche ich allen Interessierten viel Erfolg.

Für weitere Fragen bzw. Hinweise stehe ich gern zur Verfügung. Ich bin, neben der Postanschrift der DZB, erreichbar unter:

Tel.: (03 41) 71 13-145,

Fax: (03 41) 71 13-125 oder

E-Mail: Ulrich.Jander@dzb.de.

 

 

Info-Service

 

Gleichstellungsgesetz für behinderte Menschen vom Bundestag verabschiedet

 

Am 28. Februar 2002 wurde das Gesetz zur Gleichstellung behinderter Menschen vom Deutschen Bundestag beschlossen. Mit dem Gesetz soll in vielen Bereichen Barrierefreiheit hergestellt werden, damit niemand ausgeschlossen wird. Dies gilt für den Öffentlichen Personennahverkehr wie für den Besuch von Gaststätten.

Bundesarbeitsminister Walter Riester erklärte anlässlich der Annahme des Gesetzes: "Ich bin froh, dass das Gleichstellungsgesetz für behinderte Menschen heute mit parteienübergreifender parlamentarischer Mehrheit beschlossen wurde. Mit diesem Gesetz erfüllen wir den Auftrag des Grundgesetzes 'Niemand darf wegen seiner Behinderung benachteiligt werden'. Behinderte Menschen haben Anspruch auf eine gleichberechtigte Teilhabe am gesellschaftlichen Leben und auf eine selbstbestimmte Lebensführung. Sie gehören in die Mitte unserer Gesellschaft."

Etwa 6,6 Mio. schwerbehinderte Menschen leben zur Zeit in Deutschland. Davon sind nur 4,5% - rd. 300.000 - von Geburt an behindert. Wenn 8 Prozent der Bevölkerung schwerbehindert sind, zeigt dies, dass Behindertenpolitik kein Randbereich politischen Handelns sein kann und darf.

Nachdem im Oktober 2000 bereits das Gesetz zur Bekämpfung der Arbeitslosigkeit Schwerbehinderter verabschiedet und seit Juli 2001 durch das SGB IX die Gleichstellung im Bereich des Sozialrechts gewährleistet ist, setzt das Gleichstellungsgesetz für behinderte Menschen als drittes behindertenpolitisches Gesetz in dieser Legislaturperiode nun Gleichstellung und Barrierefreiheit im öffentlichen Recht um.

Kernstück des Gesetzes ist die Herstellung barrierefrei gestalteter Lebensbereiche. Behinderte Menschen sollen zu allen Lebensbereichen einen umfassenden Zugang und eine uneingeschränkte Nutzung haben. Das Ziel einer allgemeinen Barrierefreiheit umfasst neben der Beseitigung räumlicher Barrieren für Rollstuhlfahrer/innen und gehbehinderte Menschen auch die kontrastreiche Gestaltung der Lebensumwelt für sehbehinderte Menschen sowie die barrierefreie Kommunikation im Verwaltungsverfahren etwa mittels Gebärden-sprachdolmetscher oder über barrierefreie elektronische Medien.

Konkrete Regelungen zur Barrierefreiheit sind insbesondere:

-          Zur barrierefreien Gestaltung des öffentlichen Personennahverkehrs sollen die Träger des öffentlichen Verkehrs ihre Fahrzeuge und Verkehrsanlagen so gestalten, dass behinderte Menschen diese ohne besondere Erschwernisse in der allgemein üblichen Weise selbständig nutzen können. Dazu soll im Nahverkehrsplan künftig festgelegt werden, wie und in welchem Zeitrahmen schrittweise eine möglichst weitreichende Barrierefreiheit erreicht werden soll.

-          Gaststätten in neu errichteten Gebäuden sollen künftig barrierefrei sein. Dazu können zum Beispiel gehören: ebenerdige Eingänge für Rollstuhlfahrer/innen, Aufzüge oder Rampen, sowie Behindertentoiletten. Nicht nur für behinderte Menschen, sondern auch für Eltern mit Kinderwagen und ältere Menschen werden Gaststätten durch barrierefreie Ausgestaltung attraktiver, weil kundenfreundlicher.

-          Neue Gebäude des Bundes müssen künftig barrierefrei sein.

-          Das Internet wird immer wichtiger. Der Bund gibt sich die Vorgabe, seinen Internetauftritt z. B. durch textunterlegte Benutzeroberflächen soweit wie möglich barrierefrei zu gestalten.

-          Hör- oder sprachbehinderte Menschen erhalten das Recht, mit Bundesbehörden im Verwaltungsverfahren in Gebärdensprache oder anderen geeigneten Kommunikationshilfen zu kommunizieren.

-          Wird gegen die neuen Rechte verstoßen, können anerkannte Verbände dies unter bestimmten Voraussetzungen durch Verbandsklage geltend machen.

 

Behinderte Menschen sind nicht Objekte staatlichen Handelns, sondern wollen ihr Leben selbst in die Hand nehmen und aktiv gestalten. Deshalb wird das neue Instrument der Zielvereinbarungen künftig eine wichtige Rolle spielen. Unternehmen und Verbände behinderter Menschen sollen in eigener Verantwortung Vereinbarungen treffen können, wie und in welchem Zeitraum Barrierefreiheit vor Ort konkret verwirklicht wird. So sind flexible Regelungen möglich, die den jeweiligen Verhältnissen und Bedürfnissen angepasst sind. Die Verbände der behinderten Menschen werden hier selbstständig und in eigener Verantwortung als Verhandlungspartner der Wirtschaft ihre Ziele und Vorstellungen einbringen können. Der Staat ist nur noch Beobachter dieses Prozesses. (Mitteilung der BMA-Pressestelle, Berlin)

 

Die Verkehrsverbünde in Deutschland

 

Für Besitzer eines Schwerbehindertenausweises sind Verkehrsverbünde in Deutschland besonders interessant. Unabhängig vom Heimatort werden die behinderte Person und ihre Begleitperson innerhalb eines Verkehrsverbundes, mit Regionalzügen generell und oft auch mit IR-Zügen (kleiner Aufschlag), kostenfrei transportiert. Entsprechendes gilt auch, wenn man in einen bzw. aus einem Verkehrsverbund hinein- bzw. hinausfährt. Meistens fehlt es jedoch an der Übersicht, wo und in welchem Umkreis Verkehrsverbünde existieren bzw. welche Regelungen im Einzelnen bestehen.

Sehr übersichtlich kann man sich im Internet informieren und zwar unter:

www.verbundinfo.de.vu/ .

(Ulrich Jander)

 

Elektronische Bücher für Sehbehinderte


Mit Bookshare.org will das nicht-kommerzielle Unternehmen Benetech aus Palo Alto in Kalifornien die größte Bibliothek für Blinde und Sehbehinderte im Internet errichten. Schon jetzt, nur eine Woche nach dem Start, sind bereits über 8.000 Werke zum Download erhältlich. Diese können entweder in der Blindenschrift Braille gedruckt oder mit Hilfe von Sprachausgabe am Computer vorgelesen werden. In den Vereinigten Staaten sind bis jetzt nur rund drei Prozent aller Bücher in Braille oder als Audiokassetten erhältlich. Sehbehinderten bleibt bis jetzt nichts anderes übrig, als Bücher zu scannen und in eine für sie lesbare Form zu bringen. Zudem sind Audiotapes aktueller Werke häufig erst nach über einem Jahr von der Kongressbibliothek erhältlich.

Der eigentliche Clou der Online-Bibliothek ist aber, dass Buchbesitzer ihre Werke in digitaler Form, also eingescannt, an Bookshare spenden können. Für eine einmalige Gebühr von 25 US-Dollar und einen Jahresbeitrag von 50 US-Dollar haben Sehbehinderte dann Zugriff auf die Bücher. Nach eigenem Bekunden basiert die Idee von Benetech-CEO Jim Fruchtermann auf dem Napster-Prinzip. Im Gegensatz zu der umstrittenen Musik-Tauschbörse ist Bookshare aber legal, da seit 1996 eine Ergänzung des amerikanischen Copyright-Gesetzes die Reproduktion von Büchern für Sehbehinderte ausdrücklich zulässt, und das sogar ohne vorherige Einwilligung des Autors. Dies bedeutet aber gleichzeitig, dass Abonnenten ihre Sehbehinderung zum Beispiel in Form eines Attests nachweisen müssen. Darüber hinaus sind die Bücher verschlüsselt und mit digitalen Fingerprints versehen. Überwacht wird Bookshare.org von der Association of American Publishers, die sich am Aufbau des Angebots beteiligt haben. Bücher spenden kann hingegen jeder. Fruchtermann spekuliert bereits, dass Bookshare sich in einigen Jahren zur größten elektronischen Bibliothek weltweit entwickeln könnte.

[Quelle: www.heise.de/newsticker/data/jk-26.02.02-001/]

 

 

Impressum

 

"DZB-Nachrichten" erscheint zweimonatlich in Blindenkurzschrift, auf Kassette (Jahresabo. je 15,- DM / 7,67 €) und in Schwarzschrift (Jahresabo. 24,- DM / 12,27 €).

Kostenlose Beilage: "Leipziger Bücherliste".

 

Herausgeber, Verlag und Druck:

Deutsche Zentralbücherei für Blinde

zu Leipzig (DZB),

Gustav-Adolf-Straße 7, 04105 Leipzig,

Postfach 10 02 45, 04002 Leipzig

Telefon: 0341 7113 - 0,

Telefax: 0341 7113 - 125

Internet: www.dzb.de/, E-Mail: info@dzb.de

 

Redaktion:

Karsten Sachse, Telefon 0341 7113 - 135

 

Abonnements, Anzeigen:

Sylvia Thormann, Telefon 0341 7113 - 120.

Ihre Anzeige wird automatisch in allen Editionsformen der jeweiligen Zeitschrift veröffentlicht (außer dem Internet). Es gilt unsere Anzeigenpreisliste: für eine Editionsform pro Wort 0,45 €, bei zwei Editionsformen pro Wort 0,90 € und bei drei Editionsformen pro Wort 1,35 €. Die Kennziffergebühr beträgt 5 €. Sie können kostenlos inserieren, wenn Sie etwas verschenken wollen.

 

Spendenkonto-Nr.: 1100491100

BLZ: 86055592

Stadtsparkasse Leipzig

 

DZB 2002