DZB-NACHRICHTEN

Hrsg. von der Deutschen Zentralb�cherei f�r Blinde zu Leipzig (DZB)

Nr. 5 / 2004
September / Oktober
14. Jahrgang

Inhalt

Vorbemerkung
Postecke
   Interview
Einblicke
   Streit um das richtige Deutsch
   Wie war das damals?
   Hundert Jahre Blindenanstalt Chemnitz
   Neue Software SOBES
Die Kramkiste
   Georgi Martynow: " Das Erbe der Phaetonen"
   Pasquale Festa Campanile: "Der Vagabund aus Galil�a"
   B�cher des Jahrhunderts
   Chinua Achebe: Okonkwo oder Das Alte st�rzt
LOUIS
   CCWAP-Browser - ein kleines Programm f�r die WAP-Welt
Info-Service
   Diskussionspapier zur Blindennotenschrift im Internet
   Pr�sentation der Firma ViewPlus in der DZB
   "Ketchup" ausschlie�lich im DAISY-Format4
   "Kurzgeschichte International" zus�tzlich im DAISY-Format
   Ab 2006 neue H�rb�cher ausschlie�lich im DAISY-Format
   Personelle Ver�nderungen im BSVS
   "Helferb�rse"
   Kostenlose Ratgeber-Brosch�re zur Gesundheitsreform
   Auch nach dem Verlust des Augenlichtes Bilder �sehen�

Vorbemerkung

Die reformierte Rechtschreibung ist f�r die DZB als Einrichtung des �ffentlichen Dienstes schon seit l�ngerem verbindlich. Allgemein soll sie dies ab 1. August 2005 sein. Der nahende Zeitpunkt ruft Gegner und Bef�rworter der Reform auf den Plan. Einen Eindruck davon liefert ein Artikel aus dem B�rsenblatt des Deutschen Buchhandels, den wir Ihnen in der Rubrik "Einblicke" zug�nglich machen.
Einen Brief vom Gesch�ftsf�hrer des DBSV nehmen wir zum Anlass, uns genau ein Jahr nach der erstmaligen Erw�hnung der "Task Force Blindengeld" in den DZBN neuerlich diesem Thema zu widmen. Den Brief finden Sie in der "Postecke", der Wortlaut eines Interviews zum Thema Blindengeld schlie�t sich an.
Bitte richten Sie Ihre Aufmerksamkeit auch auf die im "Info-Service" enthaltenen Mitteilungen bez�glich Zeitschriften und H�rb�chern im DAISY-Format.

Es gr��t herzlich
Ihr Karsten Sachse.

Postecke


Die Ver�ffentlichungen sind nicht identisch mit der Redaktionsmeinung. Aus redaktionellen Gr�nden m�ssen wir uns K�rzungen vorbehalten. Wenn Sie keine Ver�ffentlichung w�nschen, vermerken Sie dies bitte.

Blindengeld bundesweit bedroht
"(...)Bereits im vergangenen Jahr haben der Deutsche Blinden- und Sehbehindertenverband (DBSV) und der Deutsche Verein der Blinden und Sehbehinderten in Studium und Beruf (DVBS) eine gemeinsame �Task Force Blindengeld� ins Leben gerufen. In dieser Task Force arbeiten Juristen, Gesch�ftsf�hrer von Selbsthilfeorganisationen und �ffentlichkeitsarbeiter eng zusammen, um das Vorgehen gegen die bisher schleichende und jetzt offensichtliche Absicht zur Abschaffung des Blindengeldes bundesweit zu koordinieren.
Die �Task Force Blindengeld� strebt an, m�glichst viele blinde Menschen, ihre Angeh�rigen und Freunde sowie die f�r die Unterst�tzung blinder Menschen ausgebildeten Fachkr�fte �ber das Doppelopfer, das blinden Menschen abverlangt werden soll, zu informieren. Denn: Nur wer informiert ist, kann sich zur Wehr setzen - und unser Erfolg braucht diesmal ohne Zweifel alle erreichbaren M�tter und V�ter.
Um Sie �ber den aktuellen Stand der �Blindengelddebatte� zu informieren, stellen wir Ihnen ein Interview zur Verf�gung, das Dr. Thomas Nicolai, Redakteur der Zeitschrift �Die Gegenwart�(...)", mit DBSV-Pr�sident J�rgen Lubnau und mit Task-Force-Mitglied und DBSV-Gesch�ftsf�hrer Andreas Bethke gef�hrt hat. Eine MP3-Version steht auf der Internetseite www.dbsv.org/blindengeld bereit. Auf dieser Seite finden Sie auch aktuelle Informationen zu der Situation in Niedersachsen. Wenn Sie immer topaktuelle Informationen rund um das Thema zugesandt bekommen wollen, empfehlen wir Ihnen, unseren E-Mail-Newsletter DBSV-direkt mit einer Mail ohne Text und �Betreff� an join-dbsv-direkt@kbx.de zu abonnieren.
[Andreas Bethke, Gesch�ftsf�hrer DBSV, Berlin]

Interview

Dr. Thomas Nicolai: Die nieders�chsische Landesregierung hat am 13. Juli angek�ndigt, das Landesblindengeld abschaffen zu wollen. Und sie hat gleich noch einen draufgesetzt und die Abschaffung in ganz Deutschland empfohlen. �ber die Auswirkungen einer Politik, die in ihrer Konsequenz blinde Menschen in die totale Finsternis verbannen w�rde, und �ber den aktuellen Kampf der Blinden- und Sehbehindertenorganisationen dagegen bin ich im Gespr�ch mit dem Pr�sidenten des DBSV, J�rgen Lubnau, und mit DBSV-Gesch�ftsf�hrer, Andreas Bethke.
Dr. Thomas Nicolai: "Angriffe auf das Blindengeld erleben wir ja nun schon seit Jahren, auch in Niedersachsen wurde im vergangenen Jahr schon kr�ftig gek�rzt. Wie sieht der Pr�sident die aktuelle Situation?"
J�rgen Lubnau: "Das einkommens- und verm�gensunabh�ngige Blindengeld ist die wichtigste Hilfe, die unsere Gesellschaft f�r blinde Menschen geschaffen hat. Sie hat unseren Personenkreis aus einer lebenslangen Abh�ngigkeit von Sozialhilfeleistungen herausgef�hrt. Reihum durch die Bundesl�nder wird das Blindengeld nun schon seit Jahren verringert. Blinde Menschen sanieren damit die �ffentlichen Haushalte st�ndig mit Sonderopfern. Die Grenze des Ertr�glichen ist hier l�ngst erreicht. In Niedersachsen liegt das Blindengeld mit 409 Euro schon jetzt 30 Prozent unter dem Bedarf. Erst zu diesem Januar wurde es, verbunden mit der Zusicherung, dass blinde Menschen nun nicht weiter belastet w�rden, auf diesen Stand gek�rzt. Es ist schon ein unglaublicher Vertrauensbruch, dass Hannover jetzt die komplette Abschaffung des Blindengeldes nicht nur in Niedersachsen vorbereitet. Entsprechend fordern wir bundesweit zum Widerstand gegen eine Politik ohne Ma� und Erinnerungsverm�gen auf."
Dr. Thomas Nicolai: "Sind die Niedersachsenpl�ne nur verzweifelte Sparversuche oder steckt da System dahinter?"
Andreas Bethke: "In Baden-W�rttemberg werden noch in diesem Jahr die Landeswohlfahrtsverb�nde, die dort bisher f�r das Blindengeld zust�ndig waren, aufgel�st, ohne dass wir bisher wissen, wie genau es mit dem Blindengeld weitergeht. In Sachsen und in Schleswig-Holstein sind die H�he der Blindengeldleistungen bis Ende 2004 bzw. Ende 2005 befristet. Wie es weitergeht, ist auch hier unklar. Aus Hamburg h�ren wir, dass eine K�rzung angek�ndigt und zus�tzlich mit Schlimmerem gedroht wird. Wir wissen, dass sich die Sozialministerien der L�nder auf allen Ebenen �ber das Thema Blindengeld austauschen. Wir d�rfen also durchaus annehmen, dass Niedersachsen gerade ausprobiert, was auch andere L�nder umsetzen wollen. Dies w�rde auch in den Trend passen, gesellschaftliche Solidarit�t nur noch gegen�ber Bed�rftigen zu leisten, die bereits arm sind. Entsprechend stricken einige L�nder schon an Modellen f�r ausschlie�lich einkommens- und verm�gensabh�ngige Behindertengelder, f�r die Anrechnung des Kindergeldes auf Leistungen nach Sozialhilferecht usw."
Dr. Thomas Nicolai: "Wie passt eine solche Politik eigentlich zum Artikel 3 des Grundgesetzes, in dem der Satz steht �Niemand darf wegen seiner Behinderung benachteiligt werden�, und zu den Gleichstellungsgesetzen, die in den letzten Jahren verabschiedet wurden?"
J�rgen Lubnau: "Das passt tats�chlich nicht zusammen. Einerseits haben wir durchaus gemeinsam mit politischen Entscheidungstr�gern viel erreicht - denken Sie nur an das neue Recht auf Assistenz am Arbeitsplatz oder an die M�glichkeit, k�nftig mit Herstellern zum Beispiel von Haushaltsger�ten �ber f�r uns besser bedienbare Ger�te zu verhandeln. Auf der anderen Seite wird blinden Menschen nun aber die materielle Grundlage entzogen, diese neuen M�glichkeiten auch zu nutzen und ein einigerma�en selbstst�ndiges und selbstbestimmtes Leben zu f�hren. Und man kann sich dem Eindruck nicht erwehren, dass gerade bei blinden Menschen besonders harte Einschnitte vorgenommen werden, weil unsere Gruppe klein ist und die Politik hofft, dass sie das stillschweigend durchsetzen kann."
Dr. Thomas Nicolai: "Wissen die Politiker eigentlich, wof�r das Blindengeld notwendig ist?"
Andreas Bethke: "Wir m�ssen das bezweifeln, denn sonst w�ssten sie, dass blinde Menschen schon ihren Alltag nur mit viel pers�nlicher Hilfe und mit teuren Hilfsmitteln bew�ltigen k�nnen: Denken Sie nur ans Kochen, Putzen, Einkaufen, W�sche waschen, Kleidung auseinander halten, Post erledigen, Spazierengehen. Viele Wege, z.B. zur Arbeit, sind nur mit dem Taxi zu bew�ltigen. B�cher in Blindenschrift kosten das 10-fache eines normalen Buches. Vom Kassettenrekorder bis zum Computerhilfsmittel m�ssen geeignete Ger�te gefunden und gekauft werden. Vom Finanzieren einer Urlaubsbegleitung will ich gar nicht reden. Hinzu kommt, dass blinde Menschen praktisch keine Hinzuverdienstm�glichkeiten haben und dass auch ihre Angeh�rigen daf�r oft keinen Raum mehr haben. Denken wir nur an die Eltern blinder Kinder oder an die Partner sp�terblindeter Menschen."
Dr. Thomas Nicolai: "Was w�ren die Konsequenzen, wenn das Blindengeld in Niedersachsen ab 2005 tats�chlich wegfallen w�rde? Die Landesregierung meint dazu, dass etwa 80 Prozent der Betroffenen dann ja Blindenhilfe nach dem BSHG bekommen w�rden?"
J�rgen Lubnau: "Das ist eine Fehleinsch�tzung. Das Sozialgesetzbuch XII, das ab 2005 gilt, setzt eine Verm�gensgrenze von 2.600 Euro. Wer mehr hat, muss das Angesparte bis zu dieser Grenze erst verbrauchen, bevor Anspruch auf Blindenhilfe besteht. Das ist gerade f�r �ltere Menschen, die sich eine Altersvorsorge aufgebaut haben, eine Katastrophe. Nicht einmal mehr f�r den eigenen Sarg d�rfte man ausreichend Geld zur�cklegen. Nicht 80 Prozent, sondern weit weniger als 20 Prozent w�ren, nach unseren Sch�tzungen, zun�chst blindenhilfeberechtigt. Allerdings w�rde dieser Prozentsatz allm�hlich steigen, je mehr blinde Menschen ihr Verm�gen aufbrauchen und in die Sozialhilfe abrutschen w�rden. Und eines steht fest: lebenslang behinderte Menschen, die einmal in der Sozialhilfe gelandet sind, blieben ihr Leben lang an die Sozialhilfe gebunden. Daf�r ist dieses System nicht geschaffen und dagegen werden wir uns wehren."
Dr. Thomas Nicolai: "Die Blinden- und Sehbehindertenselbsthilfe hat diesen Pl�nen also den Kampf angesagt. Was wird getan, um die Strategen der Finsternis zur Vernunft zu bringen?"
Andreas Bethke: "Unsere Organisationen und Einrichtungen in Niedersachsen haben sich unter der Leitung des BVN zusammengeschlossen, um gemeinsam zu handeln. Sie suchen den Austausch mit der Regierung und den Abgeordneten in Hannover und vor Ort. Sie gehen aber auch an die �ffentlichkeit, mit Pressearbeit und medienwirksamen Aktionen, und sie brauchen unsere bundesweite Unterst�tzung. Unsere Task Force Blindengeld koordiniert die Aktivit�ten deshalb deutschlandweit. In ihr wirken als unsere Blindengeldexperten 10 Juristen, �ffentlichkeits-arbeiter und Entscheidungstr�ger zusammen. Ziel der Task Force ist es, die Organisationen der Blinden- und Sehbehindertenselbsthilfe bundesweit zusammenzuschmieden, die Korporativen Mitglieder des DBSV um ihre Unterst�tzung zu bitten, weitere B�ndnispartner unter den Verb�nden und in der Politik zu gewinnen und gemeinsam den Erhalt des Blindengeldes zu betreiben. Daf�r schreiben die Mitglieder der Task Force Argumentationshilfen, daf�r entwickeln sie Aktionsvorschl�ge, daf�r regen sie geeignete Gespr�che an und daf�r bitten sie jetzt vor allem alle Betroffenen einschlie�lich ihrer Angeh�rigen und Freunde um ihre Mithilfe."
Dr. Thomas Nicolai: "Was kann der Einzelne tun?"
J�rgen Lubnau: "Unser Land muss erleben, dass blinde Menschen keine unsichtbare und stille Minderheit mehr sind. Es ist notwendig, dass wir dies im wahrsten Sinne des Wortes eindrucksvoll demonstrieren. Wir bitten alle, die das erm�glichen k�nnen, darum, an der gr��ten Demonstration, die in Deutschland von blinden und sehbehinderten Menschen jemals organisiert wurde, teilzunehmen. Kommen Sie am 11. September nach Hannover. Treffpunkt ab 10 Uhr am Sch�tzenplatz. Um 5 Minuten vor 12 starten wir dort unseren etwa 2 km langen Demonstrationszug durch die hannoversche Innenstadt bis zum Steintorplatz. Dort findet um 13.15 Uhr die Protestkundgebung statt. Nat�rlich ist auch die Teilnahme nur an dieser Kundgebung m�glich. Der Steintorplatz liegt nur 10 Minuten vom Hauptbahnhof entfernt. An- und Abreise organisieren ihre Blinden- und Sehbehindertenvereine vor Ort.
Bei Ihren Vereinen erhalten Sie auch Unterschriftenlisten, mit denen wir gegen die Abschaffung des Systems der Landesblindengelder protestieren wollen.
Unterschriftenlisten, n�here Informationen zur Demonstration und zu weiteren Aktionen erfahren Sie auch auf der Internetseite www.blindengeld-muss-bleiben.de
Das System der einkommens- und verm�gensunabh�ngigen Blindengelder ist deutschlandweit von der Abschaffung bedroht. Es ist wichtig, dass wir uns organisieren, damit unsere Bed�rfnisse in diesem Land nicht unter die R�der kommen. Treten Sie den Blinden- und Sehbehindertenselbsthilfeorganisationen bei. Informieren Sie sich zum Beispiel unter der bundesweit g�ltigen Rufnummer 01805 / 666 456, Gespr�chspreis pro Minute nur 12 Cents."
Dr. Thomas Nicolai: "Klare Worte vom Pr�sidenten und vom Gesch�ftsf�hrer des DBSV. Ich danke J�rgen Lubnau und Adreas Bethke."
(Das Gespr�ch f�hrte Dr. Thomas Nicolai; Kassetten- und DAISY-Version Originalton.)


Einblicke

Streit um das richtige Deutsch

WOLFGANG SCHNEIDER

Rechtschreibung - Das Land ist gespalten: Politiker, Journalisten, Buchh�ndler, Verleger, Lehrer - �berall gibt es Bef�rworter und Kritiker der Reform; und auch der Diskussion �berdr�ssige. Vor dem verbindlichen In-Kraft-Treten der neuen Regelung ist eine vielstimmige Debatte entbrannt.
Hat G�nter Grass den "wohlverdienten Nobelpreis" bekommen - oder nur den "wohl verdienten"? Das sind feine Nuancen in der Schreibung, aber erhebliche in der Bedeutung. Die Rechtschreibreform, die durch klare Regeln die richtige Schreibung einfacher machen wollte, hat einige solcher Unterschiede eingeebnet.
Nun sorgt die angek�ndigte R�ckkehr von "Spiegel", Springer und "S�ddeutscher Zeitung" zur "bew�hrten" Rechtschreibung f�r erhitzte Debatten. Von orthografischer Planwirtschaft und "staatlich verordneter Legasthenie" war die Rede. "Die Mehrheit der Bev�lkerung will die Reform nicht", meinte "Spiegel"-Chefredakteur Stefan Aust. Umfragen zufolge h�tten zwei Drittel sie nie akzeptiert.

Die Sch�ler
Vor sechs Jahren wussten die Reformer, was ihr Werk Gutes bewirken w�rde: 13 Prozent weniger Rechtschreibfehler w�rden deutsche Sch�ler fortan machen. Weniger rote Tinte in Diktatheften, leichteres Lernen. Untersuchungen zeigen jedoch, dass die Rechtschreibleistungen deutscher Sch�ler seitdem nicht besser geworden sind.
Zwar hei�t es, dass Lehrer gute Erfahrungen mit den neuen Regeln gemacht h�tten. Die Vorsitzende der Lehrergewerkschaft GEW, Eva-Maria Stange, meinte, es gebe "keinerlei uns bekannte nennenswerte Probleme" bei der Einf�hrung der Reform in den Schulen. Millionen Grundsch�ler h�tten in den zur�ckliegenden Jahren ausschlie�lich die neue Rechtschreibung gelernt.
Aber drau�en im Leben werden sie mit anderen Schreibweisen konfrontiert. Das gelernte Deutsch wird sich auf absehbare Zeit vom gelesenen Deutsch unterscheiden.

Die Buchh�ndler
Die Stimmung vieler Buchh�ndler ist, wie so manch anderer B�rger, von einem gewissen �berdruss am Thema gekennzeichnet. Dass nun Mehrarbeit auf sie zukomme, erwartet Olaf Geyer, Prokurist bei Wittwer in Stuttgart, allerdings nicht: "Die Hauptlast tragen die Verlage." Eher befürchtet man, dass der gerade im Wareneingang stehende neue Duden liegen bleiben k�nnte: "Wenn das Sommertheater anh�lt, werden wir den wohl kaum verkaufen", meint Friedhelm M�rke von Schmorl & von Seefeld, Hannover.
Aber handelt es sich wirklich nur um Sommertheater? In der Kronberger B�cherstube ist man von dieser Ansicht weit entfernt. Die Gesch�ftsf�hrerin Heide-Margaret Esen-Baur will mit einer Unterschriftenliste die R�cknahme der Reform mitbewirken.
Und dass sich der Widerstand gerade jetzt verst�rkt, ist kein Zufall. Denn erst im Juni hat die Kultusministerkonferenz beschlossen, dass die Reform am 1. August 2005 verbindlich wird. Das verschafft der Debatte in der Tat eine neue Dringlichkeit.
Zwar waren in den vergangenen Tagen schon vorauseilende Siegesmeldungen der Reformgegner zu lesen. Auf politischer Ebene zeichnet sich jedoch noch keine Mehrheit f�r eine �nderung ab. Die Kultusministerkonferenz w�rde bei einer Rücknahme ihr Gesicht verlieren - und auch das strapazierte Wort "Reform" k�nnte sich weiter l�cherlich machen. So ist die Konferenz der deutschen Ministerpr�sidenten, die im Oktober unter Vorsitz des Reformgegners Edmund Stoiber tagen wird, von der erforderlichen Einstimmigkeit weit entfernt und wird wohl nicht mit einem Paukenschlag zur "bew�hrten" Rechtschreibung zur�ckkehren. Von den 16 deutschen Ministerpr�sidenten sind bisher nur vier erkl�rte Reformgegner. Bundeskanzler Schr�der hat sich wiederholt gegen die R�cknahme ausgesprochen. Noch in diesem Monat (August, Anm. d. Red.) soll bei einem Treffen der Kultus- und Erziehungsbeh�rden in Wien, das man nun wohl als Dringlichkeitstreffen bezeichnen darf, der neue "Rat f�r Rechtschreibung" gebildet werden, der die Reform auf ihrem weiteren Weg begleiten und �nderungsw�nsche und Kompromisse formulieren soll.
F�r die Reformgegner geht es zun�chst darum, die definitive G�ltigkeit der neuen Regeln im n�chsten Jahr auszusetzen. Ein entscheidender Schritt w�re es dabei, wenn nun auch die Presse-Agenturen zur alten Schreibung zur�ckkehrten. Dpa gibt sich kundenorientiert. Man wolle demnächst eine Umfrage bei den belieferten Redaktionen machen. Wenn sich eine Mehrheit der Abonnenten f�r die alte Schreibung entscheide, werde man sich darauf einstellen.
Gespalten sind bisher die Lehrerverb�nde - der Deutsche Lehrerverband pl�diert f�r ein Moratorium und R�cknahme, die Gewerkschaft GEW warnt f�r diesen Fall vor Chaos an den Schulen, der Philologenverband ist f�r einen Kompromiss.
Die Schweizer und �sterreicher, ohne die eine R�ckkehr zu den alten Regeln nicht zu machen ist, verfolgen den leidenschaftlichen Streit in Deutschland mit Befremden. Man gibt sich abwartend bis unwillig, aber ist gewiss bereit, auf den Zug aufzuspringen, wenn er denn ans Ziel zu kommen verspricht. Denn enthusiastisch ist man auch hier nicht der Reform gefolgt. Die "Neue Z�rcher Zeitung" etwa entwickelte wie so viele Redaktionen hausinterne Richtlinien.

Die Verleger
F�r die Literaturverlage, die weitgehend der alten Rechtschreibung treu geblieben sind, w�re eine R�ckkehr kein Problem, sondern eine Genugtuung. Suhrkamp hat im Einvernehmen mit den Autoren nie die "so genannte Reform" �bernommen; die DVA bringt selbst �bersetzungen prinzipiell in alter Rechtschreibung. "Wir verschlie�en uns der R�ckkehr nicht", sagte Klaus Eck, Gesch�ftsf�hrer von Random House. Und dtv-Verleger Wolfgang Balk meint: "Die langfristige wirtschaftliche Belastung durch die weitgehend absurde Rechtschreibreform ist mit Sicherheit h�her zu veranschlagen als die kurzfristigen Kosten f�r eine R�ckf�hrung."
Viele Verlage haben sich allerdings im orthografischen Spagat eingerichtet: Literarische Titel werden nach Wunsch des Autors, Ratgeber und Kinderb�cher dagegen prinzipiell in neuer Rechtschreibung gedruckt. Der Kinderbuchmarkt w�re von einer R�cknahme besonders hart betroffen. Nicht selten ziert schon das G�tesiegel "in neuer Rechtschreibung" die Umschl�ge. Die Arbeitsgemeinschaft von Jugendbuchverlagen (AvJ) hat sich deshalb mit der Bitte an f�hrende Politiker gewandt, "daf�r Sorge zu tragen, dass der ab 1996 vorgegebene Weg unabh�ngig von zum Beispiel kurzlebigen, die Auflage steigernden Marketing-Aktionen meinungsbestimmender Verlagsh�user konsequent weitergegangen wird". Eine R�cknahme der Reform w�rde "vor allem klein- und mittelst�ndische Kinder- und Jugendbuchverlage so belasten, dass ihre Substanz ernsthaft gef�hrdet w�re". Enorme Kosten k�men vor allem auf die Schulbuchverlage zu. 90 Prozent der Schulb�cher sind bereits in neuer Rechtschreibung gedruckt, und die Lager sind voll. Die Verlage sehen mit Schrecken die Verluste, die auf sie zukommen w�rden. Johannes Le�mann, Gesch�ftsf�hrer des Klett-Verlags, beziffert sie f�r sein Haus auf 45 Millionen Euro plus 35 Millionen f�r unverk�ufliche Lagerbest�nde; Wolf-R�diger Feldmann von Cornelsen rechnet f�r das Unternehmen mit mindestens 30 Millionen.
Der VdS Bildungsmedien spricht von 250 Millionen Gesamtverlust f�r die dann unbrauchbaren Titel - 10 000 sollen es sein. Das ist fast so viel wie das Budget, das die �ffentliche Hand j�hrlich f�r Bildungsmittel ausgibt. Angesichts der eingeschr�nkten Lehrmittelfreiheit w�rden die Kosten f�r die Neuausstattung weitgehend auf die Eltern abgew�lzt.
Wie gespannt die Meinungslage selbst in einem einzigen Verlagshaus sein kann, zeigt sich bei Klett. Michael Klett �u�erte sich "�bergl�cklich" �ber die Initiative, dem "unlegitimierten Reformtreiben" ein Ende zu bereiten. F�r den Fall, dass die Reform tats�chlich kippt, bittet er sich wegen der immensen Kosten gro�z�gige �bergangsfristen aus. Schrittweise soll es dann zur�ck zum Bew�hrten gehen. Er w�nscht sich verbindliche Vereinbarungen, an die sich jeder Verleger halten m�sse.
Der Gesch�ftsf�hrer des Familienbetriebs, Johannes Le�mann, �u�erte sich angesichts der zu erwartenden �konomischen Sch�den dagegen sehr viel skeptischer �ber eine R�cknahme. Und gerade eine zu lange �bergangsfrist h�lt er f�r fatal. Schon jetzt sei angesichts der Verunsicherung Kaufzur�ckhaltung zu beobachten.
Die Verantwortlichen der neuen Rechtschreibung sind in diesen Tagen nicht zu beneiden. Gerhard Augst, stellvertretender Vorsitzender der Zwischenstaatlichen Kommission f�r deutsche Rechtschreibung, meinte am Montag (16.08.04, Anm. d. Red.) abwiegelnd im "Tagesspiegel", die Klagen der Redakteure �ber die neuen Regeln seien eine Selbstt�uschung, denn die Zeitungen h�tten die Reform doch "zu 97 Prozent richtig" angewandt. Im �brigen pl�diert er daf�r, die B�rger nicht zu g�ngeln: "Wer meint, aufw�ndig kommt von Aufwand, soll es mit � schreiben. Wer meint, aufwendig kommt von aufwenden, schreibt es mit e."
Sch�n, dass manchen der Humor �ber diesem Thema noch nicht vergangen ist. "Titanic" m�chte nun auch hinter Konrad Duden zur�ck: "Doch Titanick gehet noch eyn Schrittleyn weyter und schreybet ab dem heutiglichen Tage im w�rklich klassischen Teutsch", hie� es am letzten Wochenende auf der Homepage des Satiremagazins.
Quelle: b�rsenblatt 33-2004


Wie war das damals?

Hundert Jahre Blindenanstalt Chemnitz

DR. WERNER UHLIG

Dieses Jubil�um steht an, und damit werden so manche Erinnerungen wach gerufen bei all denen, die ihre Schulzeit und ihre Berufsausbildung dort erlebt haben. Es waren viele. Einer von ihnen bin ich gewesen.
Wer wie ich zum Jahrgang 1932 z�hlt, der bekam im Fr�hjahr 1938 seine Zuckert�te, und nach den Osterfeiertagen ging es los. Das neue Schuljahr begann damals noch jeweils nach den Osterferien. Ende September 1950 verlie� ich die Landesblindenanstalt Sachsen, die mir f�r zw�lf unvergessliche Jahre eine zweite Heimat geworden war. �ber meine Chemnitzer Zeit und einige vorangegangene Ereignisse, von denen ich Kenntnis habe, m�chte ich hier berichten. Zum Hundertsten sollte aber nicht nur von der ersten Halbzeit der Chemnitzer Blindenanstalt die Rede sein. Vielleicht kann jemand von den j�ngeren Sch�lergenerationen anschlie�end seine Erinnerungen an die letzten 50 Jahre ver�ffentlichen.

Die erste Mitteilung �ber die Absicht, die s�chsische Landesblindenanstalt von Dresden nach Chemnitz zu verlegen - Emmanuel Gottlieb Flemming hatte ja bereits 1809 die Blindenanstalt in Dresden gegr�ndet - ist im "Blindenfreund", Jahrgang 1899, S. 142 erschienen. Zitat: "Die k�niglich-s�chsische Staatsregierung plant eine Einrichtung werkt�tiger Menschenliebe, wie sie noch kein Staat besitzt. Die Regierung beabsichtigt, eine Anstalt zur dauernden Versorgung schwachsinniger und blinder Erwachsener zu errichten, und hat zu diesem Zwecke das Rittergut Altendorf bei Chemnitz angekauft. Die Pfleglinge sollen dort ... in der Landwirtschaft besch�ftigt werden ... jetzt werden bekanntlich die schwachsinnigen Kinder, ebenso wie die Blinden, nur so lange in den Staatsanstalten verpflegt, bis sie soweit bef�higt sind, dass sie mit Unterst�tzung ihrer Gemeinden in das Erwerbsleben eintreten k�nnen. Dieser Umstand hatte unendlich viele Nachteile, denn die Betroffenen sind selbstverst�ndlich den Anforderungen des Lebens nur in beschr�nktem Ma�e gewachsen. Ihre dauernde Versorgung in einer Staatsanstalt ist daher ein Gebot christlicher N�chstenliebe, und man kann es jedenfalls nur mit gro�er Freude begr��en, dass die s�chsische Staatsregierung auch hier wieder bahnbrechend vorgeht."
Uff! Kommt es mir da unwillk�rlich von den Lippen - warum blo� die Dresdner Staatsregierung auch damals schon immer mal glaubte, "bahnbrechend" sein zu m�ssen, selbst wenn es partout in eine falsche Richtung ging. Sechs Jahre vor dem tats�chlichen Umzug der Blindenanstalt von Dresden nach Chemnitz war mit dieser Absichtserkl�rung - und sie wurde realisiert - viel �rger und Streit ausgel�st worden, der schlie�lich erst mit milit�rischem Zwang im zweiten Weltkrieg sein Ende fand. Von Anfang an wehrten sich die Blinden und ihre Vereine dagegen, gemeinsam mit Schwachsinnigen in eine Anstalt einquartiert zu werden. Auch die deutschen Blindenlehrer protestierten offiziell gegen diese Verfahrensweise bei der s�chsischen Staatsregierung - vergeblich.
Nat�rlich gab es auch Argumente f�r eine gro�e gemeinsame Landesanstalt der Schwachsinnigen und Blinden, wor�ber jedoch niemand schrieb. Eine gro�e Landesanstalt mit einer Verwaltung, einem Staatsgut und sehenden schwachsinnigen jugendlichen M�nnern und Frauen als billigen Arbeitskr�ften bedeutete die kosteng�nstigste L�sung der relevanten sozialen Probleme.
P�dagogische, physiologische und sonstige Einw�nde mussten dahinter zur�ckstehen. Erst als im 2. Weltkrieg mehrere Anstaltsgeb�ude f�r ein Lazarett gebraucht wurden, unter anderem auch f�r Kriegsblinde, musste die Schwachsinnigenabteilung das Anstaltsgel�nde verlassen. Soweit ich mich erinnere, sind die geistig Behinderten nach Breunsdorf verlegt worden. Ein Jahr nach der zitierten gro�spurigen Ank�ndigung, in Chemnitz- Altendorf die Landesanstalt f�r Blinde und Schwachsinnige zu gr�nden, ein Jahr somit nach bereits heftigen Auseinandersetzungen zwischen Bef�rwortern und Gegnern dieses Projekts, stimmte der s�chsische Landtag dem Vorhaben der Staatsregierung in Dresden zu. Der Beschluss wurde ohne Diskussion gefasst. Der Bau der Landesanstalt f�r Blinde und Schwachsinnige in Chemnitz-Altendorf konnte beginnen.
"Der Blindenfreund", Jahrgang 1900, S. 116, berichtet dar�ber und auch von einem recht drastischen Kommentar, den der "Verein der deutschredenden Blinden" dazu abgab. "Der s�chsische Landtag hat in seiner letzten Tagung die Vorlage auf Errichtung einer Erziehungsanstalt f�r blinde und f�r schwachsinnige Z�glinge in Chemnitz debattenlos angenommen. Damit ist eine Angelegenheit zur Erledigung gekommen, die ihre Schatten schon weit vorausgeworfen und, wie die Mitteilung Jahrgang 1899 des �Blindenfreundes�, S. 142 beweist, bereits zu mancherlei unzutreffenden Ger�chten Veranlassung gegeben hat. Da, wie wir h�ren, zun�chst mit dem Bau der Anstalt f�r schwachsinnige Knaben und M�dchen, jetzt noch in Gro�hennersdorf und Nossen gelegen, begonnen werden soll, so wird die Blindenanstalt zu Dresden mit ihren Au�enabteilungen zu Moritzburg und K�nigswartha wohl erst in drei bis vier Jahren nach Chemnitz verlegt werden. Ob aber die Zusammenlegung aller dieser Anstalten sich als vorteilhaft erweisen wird, muss die Zukunft lehren. Soviel steht von vornherein fest, dass Blinde und Schwachsinnige keine gemeinsamen Ber�hrungspunkte haben."
Die "Mitteilungen des Vereins der deutschredenden Blinden" schreiben hierzu: "Es ist sehr zu beklagen, dass die k�nigliche Blindenanstalt von der Residenz, wo den Z�glingen so viele Anregungen geboten wurden, hinweg und in die Provinz verlegt wird. Und es ist nur zu hoffen, dass die blinden Z�glinge von den Bl�dsinnigen v�llig getrennt gehalten werden. Wir Blinden fragen uns: Was haben wir mit den Bl�dsinnigen zu schaffen, da doch die Statistik lehrt, dass der Prozentsatz der Idioten unter den Blinden nicht gr��er ist als der unter den Sehenden." Letzteres mag damals vielleicht richtig gewesen sein, trifft leider inzwischen schon l�ngst nicht mehr zu, denn der Anteil der Mehrfachbehinderten unter den Blinden, darunter auch geistig Behinderte, ist inzwischen aus verschiedenen Gr�nden, die hier jedoch nicht er�rtert werden sollen, angestiegen. Damit genug zur Vorgeschichte der Chemnitzer Blindenanstalt.

Regierungsrat Julius Dietrich ist zurzeit des Umzuges von Dresden nach Chemnitz im Jahre 1905 Direktor der Blindenanstalt gewesen. Er war ein verdienstvoller Blindenlehrer. Dieser Mann trat jedoch weit �ber den schulischen Rahmen hinaus vielseitig f�r bessere Lebensbedingungen der Blinden in Sachsen ein. Dank seiner Initiative ist kaum hundert Meter vom Eingang zum Anstaltsgel�nde am Gutsweg entfernt auf dem Grundst�ck Burgstra�e 81 (diese Stra�e tr�gt jetzt einen anderen Namen) ein Arbeitsheim f�r blinde M�dchen erbaut und am 10. Juli 1909 eingeweiht worden. Bei Er�ffnung des Heims wohnten 14, zehn Jahre sp�ter bereits 30 blinde Frauen dort, die in verschiedenen Chemnitzer Betrieben, haupts�chlich aber als B�rstenmacherinnen im Haus Nr. 23 der Blindenanstalt ihrer Arbeit nachgingen. Hier ist anzumerken: In der s�chsischen Landesblindenanstalt galt bis zum 2. Weltkrieg, dass der B�rstenmacherberuf ausschlie�lich weiblichen Blinden vorbehalten war. M�nnliche Blinde, soweit sie sich f�r keine andere Berufsausbildung eigneten, wurden in das Haus Nr. 18, die Korbmacherei geschickt. Diese Verfahrensweise ging nicht allein auf die traditionell peinliche Geschlechtertrennung im Anstaltsleben zur�ck - sie hatte auch eine soziale Relevanz. Blinde in Lohn und Brot zu vermitteln ist heute und war auch fr�her meistens ein schwieriges Problem. Weil es Frauen bei der Arbeitsplatzvermittlung besonders schwer hatten, sollte ihnen wenigstens das B�rstenmachen sicher sein. Das ist in Sachsen schon so gehandhabt worden, als sich die Blindenanstalt noch in Dresden befand.

Dietrich hatte zu Pfingsten 1909 mit gro�em Interesse als Gast am Ersten Deutschen Blindentag in Dresden teilgenommen. Dort war er zu der �berzeugung gelangt, dass sich die organisierten Blindenselbsthilfegruppen und -vereine im Aufbruch befanden. Kontakte zum Dresdner Blindenverein hatte Direktor Dietrich schon von 1901 an, und er beobachtete aufmerksam den Zusammenschluss der Ortsblindenvereine von Dresden, Leipzig, Bautzen und Crimmitschau (wests�chsischer Blindenverein) 1909 in Leipzig. Dieser Zusammenschluss ist der Vorl�ufer des im M�rz 1912 gegr�ndeten "Verbandes der Blindenvereine im K�nigreich Sachsen" gewesen, den es also schon einige Monate vor der Gr�ndung des Reichsdeutschen Blindenverbandes 1912 in Braunschweig gab. W�hrend sich damals nach dem Hamburger Blindenlehrerkongress von 1907 auch namhafte Blindenp�dagogen von der Devise "Abstand halten" leiten lie�en, suchte und forderte Julius Dietrich die Zusammenarbeit zwischen Blindenlehrern und Blindenvereinen. Am deutlichsten zeigte sich das an Ort und Stelle in Chemnitz.

Am 10. Mai 1910 ist der Blindenverein f�r Chemnitz und Umgebung gegr�ndet worden. Hauptinitiator ist Direktor Dietrich gewesen. Vom Gr�ndungsdatum an bis 1945 haben Blindenlehrer im Chemnitzer Blindenverein eine aktive Rolle, oft die dominierende Rolle gespielt. Einen der langj�hrigen Vereinsvorsitzenden in Chemnitz war der Blindenlehrer Fritz Wagner. Wagner war der erste blinde Beamte im K�nigreich Sachsen und ist in der Chemnitzer Blindenanstalt als Organist, Chor- und Orchesterleiter sowie Musiklehrer t�tig gewesen. Nach ihm ist die neben der Blindenanstalt liegende Fritz-Wagner-Siedlung benannt. Auch mein ehemaliger Klassenlehrer, der Kriegsblinde Kurt Naumann, hat ehrenamtlich f�r den Chemnitzer Blindenverein gearbeitet, ist Vertreter der Chemnitzer Blindenlehrerschaft im Landesblindenausschuss Sachsen gewesen und hat von 1932-1940 als Redakteur die "Nachrichten f�r Blinde und Blindenfreunde in Sachsen" herausgegeben. Diese Zeitschrift war das gemeinsame Organ des Landesblindenverbandes Sachsen, der Landesblindenanstalt Chemnitz und der Deutschen Zentralb�cherei zu Leipzig. Das mag veranschaulichen: Dieses unfruchtbare, dennoch aber praktizierte "Abstandhalten" von Blindenp�dagogen gegen�ber den Selbsthilfeorganisationen der Blinden hat in der Chemnitzer Blindenanstalt, wenn �berhaupt, dann jedenfalls eine untergeordnete Rolle gespielt.
Als umgekehrtes Extrembeispiel und keineswegs im eigentlichen Sinne der Blindenselbsthilfe erwies sich die dominante Rolle des Anstaltsdirektors Walter Ritter. Ritter war "Tr�ger des Ehrenkreuzes der alten K�mpfer von 1923", Ortsgruppenleiter in Chemnitz-Altendorf, Chemnitzer Stadtrat, von 1934 bis 1945 Direktor der Blindenanstalt und Vorsitzender des Landesblindenverbandes Sachsen.
Wird in der n�chsten Ausgabe fortgesetzt.


Neue Software SOBES

BILDSCHIRMARBEITSPLATZ TROTZ SEHBEHINDERUNG

Rote Schrift auf lila Grund? "Verr�ckt", wird der normale Computerbenutzer sagen. Aber es gibt Menschen, die mit einer so extravaganten Farbkombination bestens zurechtkommen und damit sogar endlich ihr Ideal finden. Sch�tzungsweise rund 500.000 Menschen in Deutschland sind sehbehindert, und so vielf�ltig Ursachen und individuelle Auswirkungen sind, so unterschiedlich sind auch die Anforderungen an optimierte Bildschirmarbeitspl�tze. Eine neue Software hilft dabei, Bildschirmkonfiguration und Arbeitsplatzgestaltung exakt auf die individuellen Bed�rfnisse abzustimmen. SOBES, das Softwaretool zur Optimierung der Bildschirmergonomie f�r sehgesch�digte Computeranwender, ist ein kooperatives Forschungsprojekt des Berufsf�rderungswerkes D�ren und des Aachener Centrums f�r Technologietransfer in der Ophthalmologie e.V. (ACTO). Ende Mai wird die Beta-Version herausgegeben, die dann auch von anderen Beratungseinrichtungen getestet werden kann.
SOBES setzt neue Ma�st�be. Es ist das erste wirklich standardisierte Verfahren in einem heute noch mit zahlreichen Unw�gbarkeiten behafteten Bereich der gutachterlichen T�tigkeit. Zu den Aufgaben des BFW D�ren geh�rt auch die Bewertung der Bildschirmtauglichkeit von Sehbehinderten. So wie das ganze moderne Leben von computergest�tzter Technik durchdrungen ist, so wichtig ist diese Untersuchung f�r die Lebens- und Arbeitsqualit�t des Einzelnen. Sie hat bisher nur ein Manko: Es gibt daf�r keine standardisierten Abl�ufe. "Die Tests k�nnen nur auf Erfahrung basierend, unter Verwendung von Hilfsmitteln, ablaufen", erkl�rt J�rgen H�llen, Bereichsleiter Forschung und Entwicklung des BFW D�ren. Damit aber sind Fehlerquellen nicht auszuschlie�en. Die Beratung mit SOBES ist dagegen "ein geleitetes und umfassendes Verfahren, unabh�ngig von verf�gbaren Hilfsmitteln - objektiviert und medizinisch abgesichert."
Mit Hilfe der Software arbeitet der Berater nun zusammen mit dem Klienten alle relevanten Parameter ab. Zun�chst werden die pers�nlichen Daten und die des Arbeitsplatzes erfasst, also zum Beispiel die Art der Augenerkrankung, welche Hilfsmittel bereits benutzt werden und welche Arbeit am Computer verrichtet wird; schlie�lich ist es ein gro�er Unterschied, ob jemand am Bildschirm viel lesen muss oder nur Eingaben macht.
Im zweiten Block der von Dr. Helmut Kopp programmierten Software geht es um den praktischen Teil. "Es wird ausgetestet, mit welchen Einstellungen der Klient am besten sehen kann", erkl�rt Projektleiterin Angelika Ax. Wobei durchaus feinsinnig, aber zielgerichtet noch einmal zwischen "Sehen" und "Lesen" unterschieden wird.
Die dialoggesteuerte Software erweist sich als unbestechlicher Partner bei der Entscheidungsfindung was gut und was schlecht ist. Bei den Sehtests, etwa bei der Messung von Rot-Gr�n-Schw�che, beim Fernvisus oder beim Gesichtsfeldtest kann nicht gemogelt werden. Die Entwickler haben sogar daran gedacht, in den Text f�r den Lesetest Fehler einzubauen, Stolperfallen, die dem Berater zeigen, wenn sich ein Klient ins gewohnte assoziierende Lesen fl�chtet.
So werden Faktoren wie Monitor-Kalibrierung, Schriftarten und -gr��en, aber auch Umgebungsbeleuchtung und PC-Ausstattung Schritt f�r Schritt auf die individuellen Bed�rfnisse des Sehbehinderten "geeicht".
Alle Daten aus den mit SOBES durchgef�hrten Tests werden in einer Access-Datenbank gespeichert, so dass man jederzeit wieder auf sie zugreifen kann. Am Ende steht die schriftliche Empfehlung zum Ausdrucken, die auch in Gutachten f�r Kostentr�ger �bernommen werden kann.
SOBES ist aber keine Software f�r den Hausgebrauch, die professionelle Berater �berfl�ssig macht. "Man braucht ein gewisses Fachwissen", betont Projektleiterin Angelika Ax. Den Beratern wird aber ein Fahrplan an die Hand gegeben, der zu erstmalig auch objektiv vergleichbaren Werten f�hrt.
Zur Software werden schriftliche Verfahrensempfehlungen herausgegeben, die auch allgemeine Ausk�nfte enthalten und daher f�r den interessierten Laien, etwa Familienangeh�rige, ebenfalls interessant sind.
Das Wissen um kompetente Beratung in Einrichtungen wie den Berufsf�rderungswerken k�nnte auch dazu beitragen, bei Betroffenen Hemmschwellen zu �berwinden: "Es gibt sehr viele latent Sehbehinderte, ohne dass es auff�llt", berichtet J�rgen H�llen. Menschen, die vielleicht aus Angst vor dem Verlust des Arbeitsplatzes ihre Behinderung so lange wie m�glich zu verbergen versuchen und damit gleichzeitig eine Verschlimmerung des Krankheitsbildes riskieren. Geradezu ersch�tternd im "Informationszeitalter": "Wir haben Leute, die seit 20 Jahren keine Arbeit haben, weil sie nicht wissen, dass es solche Hilfen gibt." Dank SOBES kann diese Hilfe noch verbessert werden.
Das Projekt, das durch das Bundesministerium f�r Gesundheit und Soziale Sicherung gef�rdert wird, soll im November auch auf der REHACARE (10.-13.11.04, Anm. d. Red.) in D�sseldorf vorgestellt werden.
Quelle: http://www.acto.de


Die Kramkiste


Im Bestand der Bibliothek gekramt
Unsere Bibliothekare stellen jeweils einen Punktschrift- und einen H�rbuchtitel vor, die sich schon l�nger im Bestand unserer Bibliothek befinden - zur Erinnerung f�r die "Alten" und zur Information f�r die "Jungen".

Georgi Martynow: " Das Erbe der Phaetonen"

JULIA DUCKE
[PRAKTIKANTIN, PUNKTSCHRIFTBIBLIOTHEK]

Im Jahr 19... : "Der Mond ist kreuz und quer erforscht. Nahezu ein Jahr schon h�lt sich eine englische Expedition auf dem Mars auf, die von William Jenkins geleitet wird und der drei russische Wissenschaftler angeh�ren."
Wir heutigen Leser, die im Jahr 2004 leben, k�nnen �ber diese Zukunftsvisionen, wie Georgi Martynow (1906-1983) sie in seinem Roman "Das Erbe der Phaetonen" beschrieben hat, nur l�cheln. Wir wissen, dass es bis heute nur wenige Mondlandungen gab. Doch auch �ber sie kursieren Ger�chte, dass sie nie stattgefunden haben sollen. Zum Mars und auch zur Venus wurden bis jetzt nur Sonden geschickt; an einen bemannten Raumflug zu diesen Planeten ist noch nicht zu denken.
Doch Martynow, der diesen Roman 1959 vollendet hat, besa� andere Vorstellungen von dem Fortschritt der Raumfahrt im 20. Jahrhundert. In seinem Roman bricht eine zw�lfk�pfige sowjetische Mannschaft in der Rakete "SSSR-KS 3" zu einer ersten Expedition auf die Venus auf. Doch bevor sie dort ankommen, legen sie einen Zwischenstopp auf der Arsena, einem Asteroiden aus dem zwischen Mars und Jupiter vorhandenen Asteroideng�rtel, ein. Hier wollen sie Beweise f�r die Theorie finden, dass vor langer Zeit anstelle des Asteroideng�rtels ein zehnter Planet existiert hat. Dabei machen sie einen sensationellen Fund: Sie entdecken �bermannsgro�e geometrische Steinfiguren, die darauf schlie�en lassen, dass andere intelligente Wesen die Arsena besucht haben m�ssen. Auf der Venus angekommen, macht die Mannschaft die n�chsten unglaublichen Entdeckungen: Als erstes finden sie ein Holzlineal mit ihnen unbekannten Ma�einheiten. Au�erdem sehen sie bei einer Erkundungstour durch das Festland aufgestapelte Baumst�mme. Diese Entdeckung l�sst sie vermuten, dass auf der Venus eine unbekannte Zivilisation lebt. Diese Vermutung best�tigt sich, als es zum ersten Kontakt zwischen Menschen und "Venusianern" kommt. Dabei werden drei Expeditionsteilnehmer entf�hrt und in eine Unterwasserstadt gebracht. W�hrend ihre Kameraden versuchen, sie zu retten, findet eine Art Begr��ungsritual zwischen den beiden Kulturen statt. Dabei spielt eine Steinschale eine gro�e Rolle, auf der die Menschen die gleichen geometrischen Figuren entdecken, die sie auch schon auf Arsena gesehen haben. Trotz vieler Missverst�ndnisse werden die drei Gefangenen wieder freigelassen. Vorher machen die Venusianer die Menschen jedoch auf einen weiteren See in der N�he der Venusberge aufmerksam. Als sie zu diesem fliegen, entdecken sie, warum die Venusianer sie auf diese Stelle hingewiesen haben: Die Mannschaft findet ein ringf�rmiges Raumschiff mit unbekannter Technik. Doch woher kommt es und wem geh�rt es? Wo sind seine Besitzer? Gibt es eine Verbindung zur Arsena?
Wenn Sie, lieber Leser, das Geheimnis des verschwundenen zehnten Planeten erfahren m�chten, empfehle ich Ihnen, dieses Buch weiterzulesen. Sie k�nnen es unter der BNA 3703 in der Punktschriftbibliothek bestellen. Ich w�nsche Ihnen viel Vergn�gen bei der Entschl�sselung eines kosmischen R�tsels.
H�rer k�nnen das Buch ebenfalls ausleihen: Sprecher: Hans Lanzke, 15 Kass., 3258.
Ein weiterer Titel von Georgi Martynow in unserem Bestand:
* "220 Tage im Weltraumschiff : wissenschaftlich-phantastischer Roman" (BNA 722)

Pasquale Festa Campanile: "Der Vagabund aus Galil�a"

J�RG KLEMM
[H�RB�CHEREI]

Das Buch eines italienischen Autors geriet mir in die H�nde: Pasquale Festa Campanile, der von 1927 bis 1986 lebte. Der ungemein produktive K�nstler deb�tierte 1957 mit dem Roman "La nonna Sabella", f�r den er den Premio Re degli Amici und den Premio Corrado Alvaro erhielt, schrieb dann Drehb�cher, unter anderem f�r Zampa und Visconti (z.B. "Rocco und seine Br�der", "Der Leopard"), und trat seit 1963 selbst als Regisseur hervor ("Ein sentimentaler Versuch", "Scheidung auf italienisch", "Eine Jungfrau f�r den K�nig" u.a.).
Die mir vorliegende Ausgabe des Titels "Der Vagabund aus Galil�a" erschien 1982 im Verlag Volk und Welt zu Berlin.
Campanile l�sst den Erzgauner Khaleb in diesem zu Beginn unserer Zeitrechnung in Jerusalem spielenden modernen Schelmenroman aus seinem Leben berichten. Er ist kein Kind von Traurigkeit, der als Gaukler, Beutelschneider und Wunderdoktor durch die Lande, Meer und W�ste zieht, Pharis�er und Z�llner rupft; den Priestern und r�mischen Legion�ren spielt er �ble Streiche, und die Liebe genie�t er in vollen Z�gen. Zu gern m�chte er B�rger der Stadt Rom werden, aber stets geht ihm bei seinen Bem�hungen, das notwendige Geld zusammenzubringen, etwas schief - immer wieder ist es, als sei er der K�rbis im Melonenfeld. Doch das w�re f�r ihn von minderem Belang, g�be es nicht seinen ber�hmten Landsmann Jesus Christus, dessen Wege er immer wieder kreuzt. Der Nazarener ist f�r ihn zun�chst nur ein Gesch�fteverderber, den er als Wundert�ter zu gern �bertreffen m�chte, und als er im Gef�ngnis erkennt, dass der Fall Jesus Christus in dem von R�mern besetzten Lande der Kinder Israels auch ein politischer Fall ist, kann er das Schicksal nicht mehr wenden.
Khalebs abenteuerliche Erlebnisse werden in moderner Ausdrucksweise lebendig und derb-drastisch erz�hlt.
Und nun zu den H�rbuchdetails: Der Sprecher ist Thilo Henze, der Umfang der Kassetten betr�gt 7, ebenfalls auch als Daisytitel vorhanden. Die Bestellnummer ist 4950.


B�cher des Jahrhunderts


Welche B�cher haben das 20. Jahrhundert am st�rksten gepr�gt? Eine internationale Jury ist dieser Frage nachgegangen. Das Ergebnis wurde im B�rsenblatt des Deutschen Buchhandels ver�ffentlicht (Petra Gass: Meilensteine. B�rsenblatt des Deutschen Buchhandels Nr. 81 vom 12.10.99). Wir nennen Ihnen nacheinander diese B�cher. Titel dieser Liste, die Sie in der DZB ausleihen k�nnen, stellen wir Ihnen ausf�hrlicher vor.

Wir setzen heute fort mit Position:
Nr. 77: Chinua Achebe:
Okonkwo oder Das Alte st�rzt. (1958)
(In der DZB in Punktschrift:
4 Bde., G, rkh., 6138)

Chinua Achebe: Okonkwo oder Das Alte st�rzt

Der nigerianische Erz�hler Chinua Achebe wurde am 15. 11. 1930 in Ogidi, Ost-Nigeria, geboren. Der Sohn eines eingeborenen Lehrers an einer christlichen Missionsschule studierte Anglistik, Geschichte und Theologie an der Universit�t Ibadan. Reisen f�hrten ihn durch Afrika und Amerika, 1956 nahm er eine T�tigkeit bei der BBC auf, dann am Nigerianischen Rundfunk. 1961-70 war Achebe Direktor des External Broadcasting; er unternahm diplomatische Missionen f�r Biafra, war Verlagsdirektor.
Achebe schildert objektiv und ohne Werturteil aus eigener Erfahrung die Probleme aus dem Zusammensto� europ�ischer und afrikanischer Kultur sowie Leben und Untergang afrikanischer St�mme im Zerfall der Traditionen. Auch politische Satire �ber Korruption und Parteipolitik ist Gegenstand seines Werkes.
Der Roman "Okonkwo oder Das Alte st�rzt" (Things Fall Apart) schildert den Wandel der Ibo-Stammeskultur von der traditionellen Eigenst�ndigkeit zur kolonialen �berfremdung.
Der Held Okonkwo �berdeckt mit seinem herrischen Wesen seine innere Unsicherheit. Die versehentliche T�tung eines Stammesangeh�rigen zwingt ihn in eine 7-j�hrige Verbannung. In dieser Zeit gewinnt die Mission Anh�nger in den Dorfgemeinschaften. Der Zerfall der alten Ordnung ist nach Okonkwos R�ckkehr nicht mehr aufzuhalten. Gewaltsamer Widerstand fordert die Gegengewalt der Kolonialherren heraus. Okonkwo erh�ngt sich, nachdem er einen Gerichtsdiener get�tet hat.
Achebe verdeutlicht einerseits die prek�re Balance in der alten afrikanischen Kultur zwischen individuellem Ehrgeiz und seiner Kontrolle durch Ritual und Brauchtum. Andererseits deckt er die inneren Spannungen, Gef�hrdungen und Kurzsichtigkeiten auf, die den Kolonialismus in Afrika erm�glichten. Der Roman vermittelt authentische afrikanische Einblicke mit originalsprachlichen Zitaten, Sprichw�rtern und bildhaften Ausdrucksweisen. Zugleich sichert der Erz�hler seine Distanz in erl�uternden Kommentaren und Beschreibungen aus einer zum Teil ironischen Au�enperspektive.
[Quelle: Digitale Bibliothek Band 13: Wilpert: Lexikon der Weltliteratur, S. 138 (c) Alfred Kr�ner Verlag]

LOUIS

[LEIPZIGER ONLINE UNTERST�TZUNGS- UND INFORMATIONSSERVICE F�R SEHGESCH�DIGTE]

Betreuer dieser Rubrik ist Herr Ulrich Jander. (Tel. 0341 7113-145, Fax: 0341 7113-125, E-Mail: Ulrich.Jander@dzb.de).
Detaillierte Ausf�hrungen zu den Themen k�nnen direkt bei ihm abgerufen werden. Selbstverst�ndlich erhalten Sie auch Antwort auf Fragen, die uns in Blindenschrift, auf Kassette oder in Schwarzschrift erreichen. Mehr zu LOUIS gibt es im Internet unter www.dzb.de/louis.

CCWAP-Browser - ein kleines Programm f�r die WAP-Welt

ULRICH JANDER

Im letzten Heft der "DZB-Nachrichten" habe ich �ber das Telefongeb�hrenprogramm TGeb berichtet. Eine Alternative dazu und noch ein bisschen mehr k�nnte das oben genannte Programm sein. Der CCWAP-Browser Version 3.2 ist in der Lage, auf WAP-Dienste zugreifen zu k�nnen. Dies geschieht mit Hilfe des Internet Explorers, das Microsoft-Programm, welches den Zugang in das Internet erm�glicht. WAP-Dienste sind Angebote, die �ber das Mobiltelefon, Handy, statt �ber das World Wide Web (WWW) des Internets, dem Interessierten dargebracht werden. Da die Speicherkapazit�t eines Handy sehr begrenzt ist, m�ssen sich die Informationsangebote des WAP auf das Wichtigste beschr�nken. Grafiken und Farbpr�sentationen sowie Werbeeinblendungen entfallen im WAP. Die Informationen einer Seite sind kurz und knapp. Dies kann ein Vorteil f�r den blinden Benutzer sein, von Werbungen nicht abgelenkt zu werden. Au�erdem ist die Geschwindigkeit beim Aufbau einer solchen Seite in aller Regel schneller, zumindest bei analoger oder ISDN-Verbindung. Jedoch ist es auch m�glich, dass man sehr oft die WAP-Seiten wechseln muss, da, wie gesagt, eine Seitendarstellung klein ist. Oder der Informationsumfang ist auf den WAP-Seiten gegen�ber den Inhalten der Internetseiten nur auf das Wichtigste beschr�nkt und enth�lt somit einen kleineren Teil des Internetangebots.
Da "billiger telefonieren" auch �ber das WAP erreichbar ist, habe ich das CCWAP-Programm auch in dieser Richtung ausprobiert. Die Call-by-Call-Anbieter werden angezeigt, jedoch nur die ersten f�nf oder sechs G�nstigsten, aber mit Telefonnummer, Preis und Zeittakt f�r die aktuelle Tageszeit bzw. die n�chste Stunde.
Der CCWAP-Browser ist f�r den privaten Einsatz frei verf�gbar (Freeware). Das Programm kann aus dem Internet heruntergeladen werden unter:
http://www.ccwap.com/de/ccWAP30g.exe

Sie k�nnen das Programm auch bei mir bekommen, entweder per E-Mail (es ist ca. 1,2 MByte gro�) oder auf Diskette. Im letzteren Fall bitte ich um Zusendung einer Diskette in einer Versandtasche mit Wendeadresse.

Das CCWAP-Programm l�sst sich auf dem �blichen Windowsweg recht gut installieren. Als blinder Anwender sollte man auf jeden Fall einen Screenreader (Bildschirmausleseprogramm) als Hilfe einsetzen k�nnen. Der CCWAP-Browser funktioniert ab Betriebssystem Windows 98 oder h�her.

Wenn Sie CCWAP gestartet haben, befinden Sie sich auf einer Oberfl�che, bestehend aus drei Frames (Rahmen). Man bewegt sich mit der TAB-Taste von Link zu Link und somit auch in den Rahmen, welcher mit "WML" angesagt wird. In diesem Rahmen befinden sich direkt nacheinander zwei Eingabefelder und anschlie�end einen Startschalter "Go". Im ersten Eingabefeld tragen Sie bitte die WAP-Adresse ein, welche Sie anw�hlen m�chten. Am Schluss meines Beitrages f�hre ich verschiedene Adressen auf. Nach dem Eintragen k�nnen Sie direkt "ENTER" als Best�tigung dr�cken oder Sie gehen mit der TAB-Taste auf den Schalter "Go" und dr�cken dort "ENTER". Sie gelangen dann auf eine Seite, die ein Handy abbildet, welches man mit der Braillezeile bzw. Sprachausgabe nicht dargestellt bekommt. Dieser Handybereich wird jedoch als "Content" �ber die Sprachausgabe angesagt, wenn man mehrmals die TAB-Taste bet�tigt. Nur in diesem Content-Bereich steht die angew�hlte WAP-Seite zur Verf�gung und kann mit der TAB-Taste oder den Pfeil- bzw. Lesetasten betrachtet werden. Oft ist dort eine weitere Auswahl �ber Links m�glich. Mit ALT + F4 kann man die WAP-Seitendarstellung schlie�en, und man befindet sich auf der Oberfl�che, auf welcher im Bereich "WML" die WAP-Adressen eingegeben werden k�nnen. Wiederum mit ALT + F4 wird das CCWAP-Programm geschlossen.

Es folgen ein paar Adressen bzw. M�glichkeiten zur Nutzung des CCWAP-Browsers:
- http://wap.google.com/wml (in Englisch),
- http://wap.google.com/wml?hl=de (ist die deutsche Variante),
- http://wap.teltarif.de/festnetz/standard.wml (ist die Alternative zu TGeb),
- auch Chatten in IRC ist damit m�glich,
- man kann Online seine E-Mails auf dem Server leichter �berpr�fen.

Mit dem CCWAP-Browser bewegt man sich also immer im so genannten Handy-Web und nicht im WWW �ber das Internet.
An dieser Stelle m�chte ich mich herzlich bei Andr� Kornetzky aus Gotha bedanken, der mich auf das Programm aufmerksam gemacht und mir Informationen dar�ber zur Verf�gung gestellt hat.
Ich w�nsche Ihnen viel Erfolg mit dem Programm CCWAP.

Info-Service

Diskussionspapier zur Blindennotenschrift im Internet

DIE MITARBEITER DES PROJEKTES DACAPO IM AUGUST 2004
Medienberichte aus den letzten Monaten �ber eine so genannte "neue Notenschrift f�r Blinde" bringen uns dazu, auf unserer Internetseite ein Diskussionspapier anzubieten, welches die unschlagbaren Vorteile der von Louis Braille entwickelten Blindenschrift darstellt.
Laien oder professionelle blinde Musiker brauchen, um ihr Repertoire �ben und erweitern zu k�nnen, schnellen Zugang zu Partituren oder einfachen Notendarstellungen. Die Braillenotenschrift ist das bislang weltweit einzige Verfahren, welches es Blinden erm�glicht, selbstst�ndig und in einer mit dem Sehenden vergleichbaren Zeit Noten zu lesen und zu schreiben.
Kritik �ben wir nicht an den neuen technischen Entwicklungen, die es erm�glichen, bildhafte Darstellungen f�r Blinde tastbar zu machen. Uns st�rt die schlagwortartige und undifferenzierte Darstellung dieser neuen Verfahren, die bislang noch in keinem Praxistest ihre Brauchbarkeit nachgewiesen haben und schon als Durchbruch gefeiert werden.
Informieren Sie sich auf unserer Seite www.dzb.de/dacapo und beteiligen sich an der Diskussion per E-Mail an:
dacapo@dzb.de

Pr�sentation der Firma ViewPlus in der DZB

Am 22. September von 14-17 Uhr pr�sentieren Vertreter der Firmen ViewPlus aus den USA und FluSoft aus Sachsen den neuen Grafik- und Brailledrucker Tiger in der DZB.
Interessenten sind herzlich zu der Veranstaltung eingeladen.
Bitte melden Sie sich im Sekretariat der DZB an, Tel: 0341/7113-124 E-Mail: info@dzb.de, wenn Sie daran teilnehmen wollen.

"Ketchup" ausschlie�lich im DAISY-Format

Das von der DZB monatlich herausgegebene H�rmagazin f�r Jugendliche "Ketchup" erscheint ab Januar 2005 ausschlie�lich als DAISY-CD-ROM. Der Preis f�r das Jahresabonnement bleibt gegen�ber der bisherigen Kassettenausgabe unver�ndert bei jugendgem��en 15,36 �.

"Kurzgeschichte International" zus�tzlich im DAISY-Format

Die ebenfalls von der DZB herausgegebene H�rzeitschrift "Kurzgeschichte International" wird ab Januar 2005 wahlweise als H�r-Kassetten-Ausgabe oder DAISY-CD-ROM erh�ltlich sein. "Kurzgeschichte International" erscheint monatlich und enth�lt 90 Minuten mit Erz�hlungen aus aller Welt. Das Jahresabonnement f�r 12 Ausgaben kostet 15,36 �.

Ab 2006 neue H�rb�cher ausschlie�lich im DAISY-Format

Ab 2006 bietet die H�rb�cherei alle Neuproduktionen ausschlie�lich im DAISY-Format an. Alle bis dahin aufgesprochenen H�rb�cher sind weiterhin auf Kassette erh�ltlich.

Personelle Ver�nderungen im BSVS

Mit Wirkung vom 30. Juni 2004 ist Herr G�nter Heil von allen ihm �bertragenen �mtern im BSVS zur�ckgetreten. Gem�� der Satzung des BSVS wird der erste stellvertretende Landesvorsitzende des Verbandes, Herr Mike Steinh�user, b.a.w. die Aufgaben des amtierenden Landesvorsitzenden �bernehmen.
Seit 01.08.2004 ist Frau Wolf-Liebscher als kommissarische Leiterin der Landesgesch�ftsstelle eingesetzt worden. Sie ersetzt Frau Schreiber, die zum 31.07.2004 von Ihren Pflichten als Landesgesch�ftsf�hrerin des BSVS entbunden worden ist.

"Helferb�rse"

Seit kurzem vermittelt der Blinden- und Sehbehindertendienst der Diakonie Leipzig ehrenamtliche Helfer und Begleiter f�r verschiedene Alltagssituationen:
* Begleiter zu �mtern, Beh�rden und �rzten
* Begleiter zu Konzerten, Theater, Kino u.�.
* Begleiter f�r Spazierg�nge und Gespr�chspartner
* Berater f�r Eink�ufe von Geschenken und Kleidung
* Vorlesehelfer
* Helfer beim Ausf�llen von Formularen und Sortieren von Post u.�.
Es werden jedoch ausdr�cklich keine T�tigkeiten �bernommen, die normalerweise von Hauswirtschafts- und Pflegediensten abgedeckt werden (z.B. Reinigungsarbeiten in der Wohnung).
Anmelden muss man den Hilfebedarf mindestens 2 Werktage im Voraus.
Das Angebot ist kostenfrei, allerdings wird um eine Spende gebeten, um die Fahrtkosten der Helfer und die Kosten f�r deren Weiterbildung finanzieren zu k�nnen.
Kontakt: Tel. 0341 561212-90, -91
Quelle: Diakonisches Werk Innere Mission Leipzig e.V. Blinden- und Sehbehindertendienst

Kostenlose Ratgeber-Brosch�re zur Gesundheitsreform

Seit dem 1. Januar 2004 sind mit der Gesundheitsreform erhebliche �nderungen auf Patienten, �rzte und Leistungserbringer zugekommen. Besonders f�r Menschen mit K�rperbehinderungen hat sich vieles ge�ndert. Um betroffene Menschen �ber die neuen
Regelungen zu informieren, hat der Bundesverband Selbsthilfe K�rperbehinderter e. V. (BSK) eine umfassende Ratgeber-Brosch�re "ABC der Gesundheitsreform" in Zusammenarbeit mit dem Mitteldeutschen Rundfunk, MDR, herausgegeben.
In dieser Brosch�re werden die wichtigsten �nderungen in alphabetischer Reihenfolge - von A wie Apotheker bis Z wie Zuzahlungsbegrenzung - in leicht verst�ndlicher Form erl�utert und zum Teil mit Beispielen erg�nzt. Die Brosch�re enth�lt dar�ber hinaus Ausz�ge aus wichtigen Gesetzen (z. B. Arzneimittelrichtlinien, Krankentransportrichtlinien, OTCListe) sowie weitere wertvolle Hinweise. Die kostenlose Brosch�re, die mit Unterst�tzung der Deutschen Angestellten Krankenkasse, DAK-K�nzelsau, hergestellt wurde, ist ab sofort verf�gbar. Bestellungen nur gegen Einsendung eines mit 1,44 Euro frankierten und adressierten Din-A-5-Umschlages beim
BSK e.V., "ABC der Gesundheitsreform"
Postfach 20, 74238 Krautheim

Auch nach dem Verlust des Augenlichtes Bilder �sehen�

Die Bielefelder Museumsp�dagogin Christiane Heuwinkel hat ein bundesweit erstes Konzept f�r Gem�ldeausstellungen entwickelt.
Seit ihrer Jugend hat sich Heide Velan f�r Kunst interessiert. "Die Gewissheit, irgendwann keine Bilder mehr sehen zu k�nnen, hat mich damals sehr schockiert", erinnert sie sich. Retinitis pigmentosa, eine unheilbare Augenerkrankung, die zur Zerst�rung der Netzhaut f�hrt, lautete vor 30 Jahren die niederschmetternde Diagnose ihrer �rzte. Seit sieben Jahren ist Heide Velan, wie sie selbst sagt, "stockblind". Und dennoch kann sie nach wie vor Kunstwerke "sehen". Die 62-J�hrige besucht regelm��ig die F�hrungen f�r Blinde und Sehbehinderte in der Kunsthalle Bielefeld.
Als bundesweit erstes Museum hat die Bielefelder Kunsthalle vor mehr als zehn Jahren ein Vorhaben gestartet, das auf den ersten Blick unm�glich erscheint: Menschen, die ihr Augenlicht zum gr��ten Teil oder vollst�ndig verloren haben, Gem�lde nahe zu bringen. "Es begann mit einer Skulpturenausstellung Ende 1992, in der wir erstmals eine Blindenf�hrung angeboten haben", berichtet Museumsp�dagogin Christiane Heuwinkel, die das Konzept der Blindenf�hrung entwickelt hat. Gro� war damals die Resonanz - und schnell kam bei den Teilnehmern der Wunsch auf, k�nftig auch durch Gem�ldeausstellungen auf fachkundige Weise geleitet zu werden. Seitdem ist jede Ausstellung in der Kunsthalle Bielefeld mit mindestens einer F�hrung f�r Blinde und Sehbehinderte verbunden.
Aus einem ungewohnten Blickwinkel geht Christiane Heuwinkel an die Vorbereitung dieser F�hrungen heran. "Ich beschreibe zun�chst den Raum, in dem wir uns befinden, die Lichtverh�ltnisse, die Wandgestaltung und die Formate der Bilder", erl�utert sie. Erst dann geht sie auf die Kunstwerke selbst ein, wobei eine zu detaillierte Schilderung eher Verwirrung stiften kann. "Meine Zuh�rer wollen das Bild peu � peu vor ihrem inneren Auge entwickeln. Wenn ich allerdings zu ausf�hrlich �ber die linke untere Bildecke spreche, vergessen sie in dieser Zeit, was sich am rechten oberen Rand befindet", berichtet die Museumsp�dagogin aus ihrer Erfahrung.
Um die 30 Teilnehmerinnen und Teilnehmer finden sich zu den Blindenf�hrungen ein. Es sind Menschen, die ihr Augenlicht erst im Verlauf ihres Lebens verloren haben und deshalb eine klare Vorstellung von Farben besitzen. "F�r Geburtsblinde ist eine noch so genaue Bildbeschreibung wohl wenig hilfreich", meint Heide Velan und erg�nzt: "F�r mich ist es immer wieder faszinierend, mir anhand der sehr anschaulichen Schilderungen ein Kunstwerk im Kopf wie ein Puzzle zusammenzuf�gen". Viele Fragen zu stellen, ist dabei f�r sie selbstverst�ndlich. "Welche Farbe hat der Topf au�en und innen? Liegt der Deckel schr�g oder gerade auf? Quellen die Muscheln �ber den Rand?", will sie �ber die "Grande Casserole de moules", einem �berdimensionalen Muscheltopf des belgischen K�nstlers Marcel Broodthaers, wissen.
"Man muss das Blindsein akzeptieren, dann kann man auch damit leben", sagt die 62-j�hrige Bielefelderin pragmatisch. Die Blindenf�hrungen in der Kunsthalle tragen f�r sie dazu bei, sich ihrer Leidenschaft f�r die Kunst auch nach dem Verlust der Sehkraft zu widmen. Dabei hat sie durchaus ihre Vorlieben: "Am besten kann ich mir Werke der gegenst�ndlichen Malerei vorstellen. Abstrakte Kunst ist dagegen f�r Blinde sehr schwer nachzuvollziehen".

Kontakt:
Christiane Heuwinkel
Kunsthalle Bielefeld
Artur-Ladebeck-Stra�e 5
33602 Bielefeld
Tel.: 0521-3299950-17
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