DZB-Nachrichten

Hrsg. von der Deutschen Zentralbücherei für Blinde zu Leipzig (DZB)

Nr. 2 – 2009

März / April

19. Jahrgang


Inhalt

Vorbemerkung

Postecke

Einblicke

Die DZB im Jahr 2008

Potenzial für alle?

INTERVIEW Börsenblatt mit Dr. Thomas Kahlisch

Die DZB auf der Leipziger Buchmesse 2009

Bundesweiter Punktschriftlesewettbewerb

"Andere Augen - ein Foto-Lese-Tast-Hörbuch": Exklusive Präsentation

"Verführung zu einem Blind Date" - Lesung im Rahmen von "Leipzig liest"

Wie war das damals?

Dr. Karl August Georgi - erster Direktor der staatlichen Königlich-Sächsischen Blindenanstalt in Dresden

Die Kramkiste

Anneliese Probst: "Ein Zeltschein für Dierhagen"

Thomas Mann: "Die Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull"

Die 100 Lieblingsbücher der Deutschen

Bernhard Schlink: "Der Vorleser"

LOUIS

Kalender 2009 als DAISY-Buch

Info-Service

Wichtiger Hinweis

UNESCO-Welttag des Buches

Tastmodell vom Reichstag

Reiseassistenz für blinde und sehbehinderte Menschen

Mailingliste ELIAS gestartet

Die Lesewelt der Blinden

Impressum

Vorbemerkung

Der Start der diesjährigen Leipziger Buchmesse fällt mit dem Auslieferungstermin der aktuellen Ausgabe der DZBN zusammen. Kein Wunder also, dass Informationen über die DZB-Präsentation auf der Buchmesse und den ebenfalls dort stattfindenden Punktschriftlesewettbewerb enthalten sind. Im gleichen Kontext steht auch der im Börsenblatt des Deutschen Buchhandels erschienene Beitrag "Potenzial für alle", der sich mit DAISY allgemein und DAISY im kommerziellen Bereich befasst und den wir Ihnen hier ebenfalls zugänglich machen. Immerhin spielt ja das Hörbuch schon seit Jahren eine besondere Rolle auf der Leipziger Bücherschau.
Und traditionsgemäß finden Sie in dieser Ausgabe auch den Rückblick auf die DZB im Vorjahr.
Herzlichst grüßt
Ihr Karsten Sachse

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Postecke

Die Veröffentlichungen müssen nicht mit der Redaktionsmeinung identisch sein. Aus redaktionellen Gründen behalten wir uns Kürzungen vor. Wenn Sie keine Veröffentlichung wünschen, vermerken Sie dies bitte.

Dank an die DZB

»(…) Ich möchte auf diesem Wege einfach mal Danke für Ihr Bemühen sagen. Ich lese gerade die DZB-Nachrichten. Wie begeistert bin ich doch, dass auch das Radioprogramm über Telefon zu haben ist - was ich ja noch das Beste finde, für denselben Preis. Wo gibt es das heute noch?
Ehrlich, ich find das total lieb. Keiner muss wirklich am Bettelstab gehen, aber rechnen muss jeder und da ist es so schön, so ein Angebot zu haben.
Noch was: es hat jemand in der Postecke das Telefonprogramm kritisiert. Ich sag Ihnen was dazu: ‚Allen Menschen Recht getan ist eine Kunst die keiner kann.' Manche haben immer was zu schimpfen.
Ich sag' einfach weiter so und allen danke. Besonders die unkomplizierte Hilfe, wenn man Fragen zum PC hat, weiß ich sehr zu schätzen; ebenso die Hörbücherei, wenn man einen Sonderwunsch hat, ist es immer möglich. Danke auch, dass man so unkompliziert von DAISY auf Telefon mit TV und Rundfunk umstellen durfte und darf. Auch die Punktschriftausleihe ist super, wenn man mal was extra möchte. Find auch gut, dass auf der Info-CD der Sohn von Frau Siems gespielt hat. Er kann es super.
Alles in allem: ich find', Sie machen Ihre Sache super. Wenn wir ganz ehrlich sind: Wenn Sie nicht so einen Einsatz bringen würden, würde uns vieles verschlossen bleiben. Auch ist es so, dass vieles nicht bezahlbar wäre, wenn Sie es nicht ermöglichen würden, das können bestimmt alle Nichtberufstätigen bestätigen.
Also danke, weiter so und lassen Sie sich nicht unterkriegen von ewigen Nörglern. Ok? Ich wünsche Ihnen Gutes und den vollen Segen Gottes in Ihrer Arbeit und auch privat. (…)«
[Frau Heidrun Knecht aus Dresden]
Anmerkung der Redaktion
Gestatten Sie, dass ich Ihnen stellvertretend für alle anderen Einsender von Grüßen und Glückwünschen zum Jahreswechsel ein großes Dankeschön für Ihre anerkennenden und ermunternden Worte ausspreche! Und ich möchte den Dank an unsere Kunden zurückgeben, die mit ihren Vorschlägen und Ideen dazu beitragen, dass wir unsere Dienstleistungen stetig verbessern können. In diesem Sinne sind wir natürlich auch für sachliche Kritik immer offen.
[gez. Dr. Thomas Kahlisch, Direktor der DZB]

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Argon-DAISY-Edition

»(…) Es ist ja schön, dass sich auch ein kommerzieller Hörbuchverlag jetzt mit dem Thema DAISY-Hörbuch beschäftigt. Ich habe es schon auf der Internetseite des Blindenhörbuchladens gelesen, es handelt sich dabei um 100 Titel, von denen 78 auch als Audio-CD, und 20 aus der "Audimax"-Reihe, sowie 2 von Susanne Fröhlich, ‚nur' im DAISY-Format, angeboten werden.
Ich habe mir das DAISY-Hörbuch dann im Blindenhörbuchladen (Metagis) bestellt. Der Aufbau der DAISY-Strukturierung ist mit den DAISY-Hörbüchern der Blindenbibliotheken vergleichbar, und die Navigation klappt problemlos. … nur der Vorspann, bis die Lesung beginnt, ist ziemlich lang. Wenn man ihn nicht hören will, kann man ihn ja Dank des DAISY-Formats leicht überspringen. (…)«
[Herr Karsten Brüning per E-Mail]

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Einblicke

Die DZB im Jahr 2008

Dr. Thomas Kahlisch
Dank einer intensiven Zusammenarbeit mit neuen und alten Kooperationspartnern ist es der DZB 2008 gelungen, neue und attraktive Angebote in allen Bereichen der Medienproduktion für Blinde und Sehbehinderte zu schaffen, die deutschlandweit hohe Anerkennung und Nachfrage finden.
In Kooperation mit dem Verlag Gruner & Jahr erscheint seit Oktober die Zeitschrift "stern/Zeit" in Blindenschrift. Abonnenten können wählen, ob sie die 14-tägige Ausgabe per E-Mail auf der Braillezeile am PC oder als gedrucktes Heft unter die Fingerspitzen nehmen wollen. Ergänzt wird das Angebot durch den kostenlos auf www.dzb.de wöchentlich angebotenen stern-podcast, in dem jeweils die Titelgeschichte des aktuellen Stern-Heftes zu hören ist. In allen Abteilungen der DZB wurde dieses mit einem der größten Verlagshäuser in Deutschland zu realisierende Vorhaben intensiv vorbereitet. Dadurch ist es möglich, dass der stern-podcast bereits um 16 Uhr am Erscheinungstag der Zeitschrift online verfügbar ist und die Abonnenten der digitalen Fassung von "stern/Zeit", 14-tägig ihre Ausgabe am Freitagnachmittag erhalten. Am Montag danach beginnt der Druck der Blindenschriftfassung, und es sind nicht wenige der über 640 Abonnenten, die am Donnerstag ungeduldig in ihren Briefkasten schauen, ob der neue Lesestoff aus Hamburg und Leipzig angekommen ist.
Das Druckaufkommen am großen Tiegel ist durch das neue Projekt in diesem Jahr gestiegen und auch das Angebot der mittels Schnelldrucker gefertigten belletristischen Werke in Blindenschrift hat zugenommen. 164 neue Titel wurden übertragen, korrigiert, gedruckt und gebunden sowie in die Ausleihe der Punktschriftbibliothek und ins Verkaufssortiment des Verlages übernommen. Aufgrund der Produktion der Zeitschrift "stern/Zeit" und verschiedener Auftragsproduktionen stieg der Zeitschriftenanteil bei der Übertragung von Literatur in der Abteilung Blindenschriftherstellung auf 18%. Über 65.000 Seiten wurden 2008 in Kurz- oder Vollschrift übertragen. Das DaCapo-Team übertrug 68 Musikwerke in die Braille-Notenschrift, baute seine Dienstleistungen via Internet aus und schloss erste Verträge mit namhaften Musikverlagen wie Breitkopf & Härtel ab, die helfen werden, die Bereitstellung von Blindennoten in der Zukunft noch einmal erheblich zu effektivieren. Über die Ergebnisse des durch das BMAS geförderten Projektes berichteten die Mitarbeiter im Rahmen einer internationalen Fachtagung, die im November 2008 in der DZB organisiert wurde. 60 Experten aus 16 Ländern tauschten sich über technische Verfahren zur Braille-Noten-Produktion und verschiedene pädagogische Ansätze zum Erlernen dieser für blinde Musiker unverzichtbaren Schrift aus, siehe www.dzb.de/bach.
Wie alle Jahre wieder, waren Kataloge und die Kalender in Blindenschrift und im Großdruck die nachgefragtesten Artikel aus dem Verlagsangebot. Besonders der mit dem Silberpreis auf der Stuttgarter Kalenderschau in der Rubrik Tiere ausgezeichnete Wandkalender "Giftige Tiere" fand großes Interesse. Er ist längst ausverkauft und in der Reliefherstellung laufen die Vorbereitungsarbeiten für die neue Ausgabe, in der sich alles um historische Zunftzeichen dreht. Ein Projekt, bei der die DZB Unterstützung von der IHK Leipzig erhält. Weitere Highlights aus dem Reliefangebot des vergangenen Jahres waren: der "Führer durch Berlin für Blinde und Sehbehinderte", das Medienpaket zur Erschließung der Hallig Hooge für Blinde und Sehbehinderte "Ich höre und fühle, was du siehst" und der "Orientierungsplan Flughafen Nürnberg". Natürlich ließen sich die Leipziger Freunde und Unterstützer der Brailleschrift zum großen Jubiläumsjahr des französischen Entwicklers des 6-Punkte-Alphabetes etwas Besonderes einfallen, um die Schrift der Nichtsehenden "sichtbar" zu machen. Ein farbiges Plakat-Set sowie ebenfalls sehr anschaulich gestaltete Postkarten geben Auskunft darüber, wie Brailleschrift funktioniert, siehe dazu www.dzb.de/braille.
Das im DAISY-Format seit Januar 2008 erscheinende Rezeptheft zur Zeitschrift "ARD-Buffet", die Sprachlernkurse nach Birkenbiehl und die Buchreihe zur Computernutzung ohne Maus sind weitere Beispiele von erfolgreichen Kooperationsvorhaben mit Verlagen und anderen Informationsanbietern. Seit Sommer wird das Angebot an hörbarer Information durch ein praktisches und sehr aktuelles TV- und Radioprogramminformationssystem ergänzt, das am Telefon genutzt werden kann. "Hörzu-Fon" ist der akustische Ableger des als Zeitschrift und im Internet vom Axel-Springer-Verlag angebotenen Services.
Seit Sommer des letzten Jahres läuft das Projekt "DBSV-Inform". Auf einer CD-ROM bieten die Landesverbände der Blinden- und Sehbehinderten-Selbsthilfe aktuellste Informationen aus ihrer Region, gekoppelt mit der offiziellen Zeitschrift des DBSV "Gegenwart", im DAISY-Format an. "DBSV-Inform" ist mit über 7.800 Empfängern heute bereits die auflagenstärkste Publikation der Selbsthilfe. Die DZB ist maßgeblich an der technischen Umsetzung dieses Projektes beteiligt und stellt sicher, dass die 22 Bücher auf einem Medium zusammengestellt und benutzerfreundlich angeboten werden können.
Neben verschiedenen Auftragsproduktionen, den zahlreichen eigenen DZB-Hörmagazinen und neuen Verlagsprodukten, wie den Sprachführern im DAISY-Format, wurden in den Studios neue Hörbücher für die Hörbuchausleihe aufgesprochen. 128 neue Bücher konnten produziert werden. Dazu kommen 656 der alten Kassettenwerke, die jetzt auch als DAISY-Buch ausleihbar sind. Insgesamt wurden 519 Hörbücher und -zeitschriften in den DZB-Studios produziert.
Mit der DAISY-Produktion des Bestsellers "Die Tore der Welt" ging die DZB neue Wege. Der Verlag Lübbe-Audio gestattete es, die vollständige Lesung des kommerziellen Buchmarktes zu übernehmen. Bei der Bearbeitung dieses Werkes wurde sehr deutlich, worin der entscheidende Unterschied zwischen kommerziellen Hörbüchern und den wirklich vollständigen Lesungen aus den Blindenbüchereien besteht. Anhand der gedruckten Vorlage wurden ein detailliertes Inhaltsverzeichnis sowie die anders nicht zugänglichen Informationen, wie bibliografische Angaben, Klappentexte usw. im Studio der DZB aufgesprochen. Leider trübten die Probleme einiger Abspielgeräte, die diese mit Multivolumen-Büchern haben, den vollen DAISY-Genuss des Werkes. Derzeit wird an einer auf zwei logisch getrennten DAISY-CDs angebotenen Ausleihfassung des umfangreichen Titels gearbeitet.
2008 stieg die Anzahl der in der Hörbücherei angemeldeten Nutzer erstmals auf über 6.190 Leserinnen und Leser. Weit mehr als 2/3 davon leihen Titel im DAISY-Format aus. Kein Wunder, denn die Anzahl der im praktischen digitalen Format ausleihbaren Werke hat die der bis Ende 2009 verfügbaren Kassettenwerke längst überschritten. Zum Jahreswechsel waren, dank der MEDIBUS-weiten Bemühungen, möglichst viele Werke auf CD-ROM anbieten zu können, über 8.890 Werke in der DZB verfügbar. Auf der Internetseite www.medibus.info kann sich seit vergangenem Jahr der interessierte Bibliotheksnutzer nicht nur über die DAISY-Titel, sondern auch über die 40.000 deutschlandweit angebotenen Braille-Werke informieren. Mit der neuen Katalog-CD "Blibu" recherchieren Hörer und Leser der DZB-Bibliotheken am PC in den Titelangeboten aus Leipzig.
Zu Beginn des Louis-Braille-Jahres 2009 zählten die Bibliothekare der Punktschriftausleihe mit 2.229 Nutzern und 324 Musiknotenlesern mehr Punktschriftleser als im Jahr zuvor. Die Integration des Bestandes der ehemaligen Stuttgarter Blindenschriftbibliothek schreitet voran, im letzten Jahr erhöhte sich der Bestand der Punktschriftausleihe auf insgesamt 14.100 Werke und auch die Anzahl der Musikalien ist jetzt auf 5.700 Titel angewachsen. Interessant ist, dass die gezielte Nachfrage nach Titeln in Brailleschrift zugenommen hat, während die Anzahl der Verleihungen von Braille-Werken zurückgegangen ist. Punktschriftleser wählen gründlich aus, was sie unter die Fingerspitzen nehmen und lassen sich dabei auch gern beraten. Die große Menge an belletristischer Literatur wird dagegen als DAISY-Hörbuch ausgeliehen, die erneut um 3% gestiegene Zahl von über 162.000 Entleihungen bei den Hörbuchtiteln verdeutlicht dies.
Um die neuen DAISY-Angebote noch näher an Bibliotheksnutzer zu bringen, die derzeit noch zögern, den Schritt in die digitale Welt zu wagen, hat der Förderverein der DZB 2008 mit DAISY-Mobil ein Projekt initiiert, das die Vorortberatung zu Abspielgeräten und Ausleihangeboten ermöglicht. Die DAISY-Mobil-Teams fuhren 2008 zu 26 Veranstaltungsorten und präsentierten die Angebote vor über 500 interessierten Gästen, die sich teilweise individuell beraten ließen und danach in aller Regel den Umstieg zu DAISY wagten.
Im Bereich DAISY ist noch von zwei weiteren Kooperationen zu berichten. "Max der DAISY-Spieler" heißt die Weiterentwicklung des guten alten und sehr beliebten PC-Programms "DAISY-Leser", was von der DZB entwickelt und kostenfrei zur Nutzung angeboten wird. Die neue Software wird von der Firma Dräger & Lienert weiterentwickelt und soll 2009 als kostenfreie und als eine mit erweitertem Funktionsumfang dann kostenpflichtige Version erscheinen. DAISY fand 2008 erstmals auch größeres Interesse bei kommerziellen Hörbuchverlagen. Der Argon Verlag produzierte 100 Hörbücher im DAISY-Format und zieht eine positive Bilanz dieses neuen Angebotes. Die Laufzeit des Projektes wurde um ein Jahr verlängert. Wir dürfen gespannt sein, ob die DAISY-Technologie noch weiteren Eingang in Produkte des Massenmarktes findet. Der AKEP (Arbeitskreis elektronisches Publizieren des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels) lobte im Sommer auf seiner Jahrestagung 2008 die hinter DAISY steckenden Technologien und das Engagement der DZB für deren Anwendung und Verbreitung.
Seit letztem Jahr bieten namhafte Softwareentwickler wie Microsoft und Adobe Systems kostenfreie Programme unter dem Namen "Save as DAISY" an, mit denen es einer Medienfachkraft möglich ist, ein Dokument zeitnah in das DAISY-Format zu überführen. Der Chefentwickler der Accessibility Group von Microsoft lud den Direktor der DZB ein, die neuen Werkzeuge in Berlin und München Medienvertretern und Fachexperten vorzustellen.
In Leipzig, in der DZB, liegt die deutsche Wiege der heute üblichen IT-Ausbildung Blinder und Sehbehinderter. Protagonisten der ersten Stunde, Fachleute aus ganz Deutschland und Auszubildende feierten im Sommer unter der Schirmherrschaft und in Anwesenheit des Sächsischen Landtagspräsidenten Erich Iltgen das 40-jährige Jubiläum des Beginns der ersten Ausbildungsangebote für blinde EDV-Facharbeiter.
Den Höhepunkt vielfältiger Öffentlichkeitsarbeit stellte im Jahr 2008 jedoch die feierliche Namensgebung des Hauptgebäudes der DZB durch den Ministerpräsidenten des Freistaates Sachsen, Stanislaw Tillich, dar. Seit 25. Juni 2008 trägt das Gebäude in der Gustav-Adolf-Straße 7 den Namen seines Gründers: Ephraim Carlebach, Rabbiner und erster Direktor der Höheren Israelitischen Schule in Leipzig. Ministerpräsident Tillich fand in der Festveranstaltung rührende Worte, was die Würdigung des Hausgründers angeht und verwies gleichzeitig auf die erfolgreiche und zukunftsweisende Arbeit, die heute in diesem Haus getan wird.
Ein Blick in die Zukunft sei auch am Ende dieses Resümees gestattet: Eva-Maria Stange, Staatsministerin für Wissenschaft und Kunst im Freistaat Sachsen, hat die Schirmherrschaft für DAISY2009 übernommen, eine Veranstaltungswoche voller DAISY-Aktivitäten, die organisiert von der DZB im September in Leipzig stattfinden wird (www.daisy2009.de). Neue Bücher, neue Zeitschriften und noch so manche Überraschung halten wir nicht nur zu dieser Aktionswoche für die Nutzerinnen und Nutzer der DZB bereit. Die Leser der DZBN werden die ersten sein, die darüber informiert werden.

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Potenzial für alle?

Das Blindenhörbuch im DAISY-Format ist ein Quantensprung, sagen die Nutzer. Aber warum brauchen Sehbehinderte eigentlich besondere Hörbücher? Und was hindert die Verlage daran, in den Markt einzusteigen? Eine Analyse von Nils Kahlefendt, veröffentlicht in einer Sonderausgabe vom Börsenblatt des Deutschen Buchhandels.
Blindenbibliotheken als Schrittmacher der digitalen Revolution? Im Büro von Thomas Kahlisch, dem Direktor der Deutschen Zentralbücherei für Blinde (DZB) in Leipzig, ist die letzte Etappe der mehr als 100 Jahre währenden Entwicklungsgeschichte blindengerechter Medien mit Händen zu greifen: Auf dem Sideboard thront, stattlich wie die große Brockhaus-Enzyklopädie, eine Blindenschrift-Ausgabe des "Herrn der Ringe" aus hauseigener Produktion, während auf Kahlischs Schreibtisch ein DAISY-Player der neuesten Generation ins Auge fällt. Das Gerät ist nicht viel größer als ein iPod. Auf Tastendruck wird der Direktor von einer leicht blechern klingenden Stimme durch die aktuelle Hör-Ausgabe des "Spiegels" navigiert. Ressorts, Überschriften, ja einzelne Sätze lassen sich direkt anwählen.
In Deutschland produzieren die zehn unter dem Dach der Mediengemeinschaft für blinde und sehbehinderte Menschen (MediBuS) zusammengeschlossenen Hörbüchereien pro Jahr rund 1.200 neue Blindenhörbücher und Dutzende Zeitschriftentitel, sämtlich auf digitaler Basis im DAISY-Format. Das sind zwar nur etwa 1,2 Prozent der Novitäten des kommerziellen Buchmarkts, dennoch versucht man, dessen Vielfalt möglichst breit abzubilden. Aufgrund der vergleichsweise geringen Zahl der Blindenhörbuch-Neuproduktion konzentriert sich die Auswahl jedoch eher auf gängige Titel. Parallel dazu werden nach und nach die Archivbestände digitalisiert; am Silvesterabend 2009 endet die Ära der Kassetten-Ausleihe. Ein, vorsichtig gesprochen, nicht unerheblicher Aufwand. Warum wird er von den Blindenbüchereien betrieben, warum sind spezielle Hörbücher für Nichtsehende nötig? Ist das Hörbuch nicht ursprünglich ihr Medium? "Blinde nutzen Hörbücher als extrem wichtiges Informationsmittel, während sie für Sehende ein Add-on zur wunderbaren Welt der Literatur sind", erklärt Kahlisch.
Da diese freie Auswahl der Informationen blinden und sehbehinderten Menschen nicht per se zur Verfügung steht, gibt es die Brailleschrift, die seit rund 50 Jahren durch spezielle Hörbücher ergänzt wird. Bei diesen Audiobooks wird alles vertont - auch ISB-Nummer, Autorenvita und Klappentext. Normale Audio-CDs zu nutzen, fällt Sehbehinderten durch die optisch ausgerichtete Bedienung der Player meist schwer.
Versteht man das Blindenhörbuch so wie Kahlisch als Medium, das die Teilhabe an der Welt ermöglicht, ist DAISY tatsächlich ein Quantensprung: Das MP3-Format mit Textnavigation wurde bereits in den 90er Jahren von einem internationalen Konsortium der Blindenbibliotheken entwickelt; seine Vorzüge sind evident. Der Haken: Sämtliche Features sind nicht auf herkömmlichen CD- und MP3-Playern zu nutzen, sondern bedürfen DAISY-fähiger Endgeräte, die im Fachhandel derzeit noch zwischen 300 und 400 Euro kosten.
Ärgerlich für den promovierten Informatiker Kahlisch, der in DAISY das Königsformat für die barrierefreie Aufarbeitung multimedialer Inhalte sieht: das alte Problem von Henne und Ei. Denn wo keine Hörbücher, da keine Player - und umgekehrt. Technisch, so der DZB-Chef, sei die Bereitstellung von Playern für den Massenmarkt kein Thema - jeder Anbieter könne heute auf leistungsfähigen MP3-Spielern sehr einfach DAISY-Funktionalität herstellen. Was der Industrie fehle, seien die Käufer.
Aber es gibt Hoffnungszeichen am DAISY-Himmel: Microsoft etwa bietet in seinen Office-Anwendungen kostenfrei eine Erweiterungs-Software für die barrierefreie Nutzung von Word-Dateien an (Save as DAISY XML), Adobe hat ein DAISY-Plug-in als Open-Source-Software verfügbar gemacht. Die DZB selbst verhandelt gegenwärtig mit einem Anbieter, der einen DAISY-Player fürs Handy plant und will in einem DAISY-Projekt mit libreka! Fach- und Sachbücher barrierefrei bereithalten.
In den Communitys blinder Menschen hat sich DAISY längst etabliert - doch seine Promotoren sehen auch Entwicklungspotenzial für die gesamte Gesellschaft. "Mit DAISY", da ist sich Kahlisch sicher, "besitzen wir eine Technologie, die nicht nur Hörern mit Sehproblemen das Lesen leichter macht."
Die Szenarien vom Hörbuch der Zukunft in allen Ehren - doch warum sollten Gerätehersteller technische Funktionen gewährleisten, für die es in der Praxis keine Anwendungsbeispiele gibt? Die DAISY-Hörbücher, die in den Blindenbüchereien produziert werden, kommen aus urheberrechtlichen Gründen nicht in den Handel. Wer also geht den ersten Schritt? Einen bescheidenen Vorstoß unternahm der Zürcher Limmat Verlag, als er 2005 mit der Krimi-Compilation "Tatort Schweiz" das erste DAISY-Hörbuch in den Handel brachte. "Es war eine einmalige Zusammenarbeit mit der Schweizerischen Bibliothek für Blinde und Sehbehinderte, die unseren Vertrieb nutzen wollte, um auf das innovative Format aufmerksam zu machen", erklärt Verlagsleiterin Liliane Studer.
Argon ist nun der erste Hörbuchverlag, der - in Kooperation mit der DZB - DAISY-Hörbücher in größerer Anzahl vertreibt. Zur Frankfurter Buchmesse 2008 erschienen die ersten 20 Titel der argon daisy edition, die inzwischen auf 100 Titel angewachsen ist und ab März mit zehn bis 15 Novitäten pro Monat fortgeführt werden soll. Die bestsellerorientierte Auswahl, die sich dezidiert an Nichtsehende und Sehende wendet, geht quer durchs Verlagsprofil: Belletristik, Krimis, Kinder- und Sachhörbücher. Ein wichtiges Auswahlkriterium, von dem Kaufanreiz ausgehen soll, ist Aktualität: "Während die Blindenbibliotheken zum Einlesen auf das ’Schwarzschriftbuch’ angewiesen sind, verwenden wir unsere eigenen Audiodateien", erläutert Katharina Eberenz, die das Projekt bei Argon leitet.
Vertrieben wird die Edition direkt über eine barrierefreie Verlagswebsite und über den stationären Buchhandel; Hauptvertriebspartner ist der Mannheimer Blindenhörbuchladen Metagis. Von den 100 DAISY-Ausgaben, die zumeist in Mini-Auflagen von 50 Exemplaren auf den Markt kamen, wurden bislang rund 4.500 Exemplare verkauft; mit einem Drittel der Titel ist man daher schon in der zweiten Auflage.
"Blinde und Sehbehinderte sind für uns eine valide Zielgruppe", erklärt Argon-Geschäftsführer Henning Stumpp sein Engagement. "Und wenn Sie sich die demografische Entwicklung unserer Gesellschaft anschauen, nehmen die Fragen, die da auf uns zukommen, eher zu als ab. Was die DZB da im Audiobereich macht, ist uns, sowohl technisch als auch von den Anwendungen her, um Jahrzehnte voraus! Wir können jede Menge lernen."
Während Argon als Publikumsverlag seine DAISY-Premiere öffentlichkeitswirksam in Szene setzte, tut sich ein anderer DAISY-Pionier noch schwer, wirklich wahrgenommen zu werden. Am innovativen Ansatz fehlt es nicht: Bereits 2007 brachte das Verlagskontor Breuer und Wardin (Bergisch Gladbach), ebenfalls in Zusammenarbeit mit der DZB, DAISY-basierte Sprachkurse auf den Markt. "Ursprünglich", so Bodo Wardin, "war das Hörbuch mal für Sehbehinderte konzipiert. Umso erstaunter waren wir, dass kein großer Verlag daran gedacht hat, das Medium zu nutzen, um gerade diesen Menschen das Erlernen von Sprachen möglich zu machen."
Für Wardin macht DAISY denn auch nur im Sach- und Fachbuchbereich Sinn - doch ausgerechnet dieses Segment hinkt im Hörbuchmarkt der Belletristik hinterher. Der E-Learning-Experte ist indes überzeugt, dass der gegenwärtige Stand der Produkte die Möglichkeiten von DAISY noch längst nicht ausreizt. Speziell in der gleichzeitig möglichen Einbindung auditiver und visueller Inhalte sieht er den Nutzen auch für Sehende: Die intelligente Verknüpfung von Wort und Bild könnte zum Beispiel Kindern oder Legasthenikern das Erlernen der Schriftsprache erleichtern. "Wenn die Produkte von uns oder Argon verstärkt im Markt sind und man ihre Vorteile wahrnehmen kann", hofft Wardin, "wird die Branche zwangsläufig nachziehen."
Zwangsläufig? Momentan hält sie sich diplomatisch zurück - und beobachtet. "DAISY ist für uns eines von vielen Themen", meint etwa Heike Völker-Sieber vom Hörverlag, "aber es ist nicht das Vorrangige." Unübersichtlichkeit an der Hardwarefront, teure Player, die ’Konkurrenz’ der bestens vernetzten Blinden- und Sehbehindertenverbände, die selbst konvertieren und ihre DAISY-Produkte unentgeltlich zur Verfügung stellen, geringe Auflagen und damit höhere Gemeinkosten - in vielen Häusern heißt es bis auf Weiteres: abwarten.
"Das Format wird es schwer haben, sich am Markt durchzusetzen", ahnt Petra Metzger, die für Random House Audio die DAISY-Entwicklung im Auge behält. "Ob sich neben CD, MP3 und Download ein vierter Vertriebsweg für ein und denselben Inhalt etablieren lässt, halte ich für sehr fraglich."
Wie schwierig es zu alldem noch immer ist, DAISY aus der Behinderten-Nische zu hieven, zeigt die kritische Sicht von Hans Eckardt, für den belletristische DAISY-Bücher nicht nur wirtschaftlich "kaum zu verantworten" sind. Der Pionier der Hörbuchszene leitete zehn Jahre die Blindenhörbücherei Marburg; als er 1987 sein eigenes Label gründete, galt das Hörbuch noch als Medium für Lesefaule und Blinde. "Seither hat sich das Hörbuch zu einem Integrationsmedium entwickelt. Ein Blinder kann eine ’normale’ CD ebenso genießen wie ein Sehender. Für mich ist DAISY insofern sogar ein Rückschritt, ein verkehrter Kotau vor dem Blindenwesen."
Thomas Kahlisch, der mit der Veranstaltungswoche "DAISY2009" im September ein internationales Treffen für Anwender und Entwickler moderner Informationstechnologien ins Haus holt, weiß, dass er auf dem Weg zum barrierefreien "Hörbuch der Zukunft" noch dicke Bretter zu bohren hat. Kahlisch schmunzelt: Steckt nicht in EPUB, dem offenen Standard für die derzeit so heiß diskutierten E-Books, die Navigation und Textstrukturierung von DAISY? Die Welt der Blinden und Sehbehinderten hat uns Sehenden eine Menge zu geben - durchaus auch technologisch.
INTERVIEW Börsenblatt mit Dr. Thomas Kahlisch
Frage: Was macht die Durchsetzung von DAISY so schwierig?
Antwort: Es ist das alte Henne-Ei-Problem: Wo keine Bücher sind, gibt's keine Player und umgekehrt. Wenn ein IT-Unternehmen heute in neue Technologie investiert, ist die erste Frage: Wie viele zusätzliche Nutzer, und damit Käufer, erreiche ich? Noch sind diese Geräte Nischenprodukte. Aber die Anzeichen mehren sich, dass die Industrie auf Nischenmärkte einschwenkt; denken Sie an sogenannte Ederware, die plötzlich vermehrt auf Consumer-Shows in den USA auftaucht. Ich bin überzeugt davon, dass die Player-Hersteller ihre Geräte in absehbarer Zeit mit Sprachausgabe und Display ausstatten, die DAISY unterstüzen.
Frage: Welche Projekte haben Sie in der Pipeline?
Antwort: Wir arbeiten gerade mit einer Firma zusammen, die demnächst einen DAISY-Player auf dem Handy herausbringen wird. Gerade für Entwicklungsländer ist das hochinteressant: Dort gibt es nicht so viele PCs und teure Endgeräte, aber ein Handy hat fast jeder.
Frage: Könnten die Widerstände gegen das Hörbuchformat DAISY die unbewusste Abwehrhaltung gegen eine Technologie sein, die zunächst für Menschen mit Behinderung entwickelt wurde?
Antwort: Wir haben wohl Imageprobleme, aber die hatte auch das kommerzielle Hörbuch in den ersten Jahren. Wenn es so einfach wäre und sich mit DAISY schon viel Geld verdienen ließe, wäre die Sache längst durchgesetzt. Aber bedenken Sie: Auch Kugelschreiber, Schreibmaschinen oder Scanner wurden entwickelt, damit blinde Menschen eigenständig schreiben und lesen konnten.
Anmerkung der Redaktion
Ein weiteres Interview, das der Autor Nils Kahlefendt mit dem Argon-Geschäftsführer Henning Stumpp zum Thema führte, ist im Internet zu finden unter:
http://www.boersenblatt.net/306086/
[Quelle: Börsenblatt für den Deutschen Buchhandel, 176. Jahrgang | 10. Februar 2009 | Sondernummer 1]

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Die DZB auf der Leipziger Buchmesse 2009

Bundesweiter Punktschriftlesewettbewerb

Christiane Felsmann
Am 12.03.2009 veranstaltet die DZB Leipzig gemeinsam mit dem Deutschen Blinden- und Sehbehindertenverband (DBSV) den bundesweiten Lesewettbewerb für blinde Schülerinnen und Schüler auf der Leipziger Buchmesse.
Das Punktschriftlesen wird in zwei Altersgruppen ausgetragen: 5.-6. Klasse und 7.-10. Klassenstufe. Die Vorrunde findet am Vormittag 11.30-13.30 Uhr im Congress Center auf der Leipziger Messe statt.
Aus jeder Altersgruppe nehmen schließlich zwei Qualifizierte an der offiziellen Endrunde 15-16 Uhr beim Lese-Treff in der Halle 2, Stand C 206 teil. Eine erfahrene Jury wird hier über den Preisträger entscheiden.
Am Freitag, den 13.03.2009, sollen die Wettbewerbsteilnehmer dann selbst kreativ tätig werden. Während einer einmaligen interaktiven Führung in der DZB Leipzig können die Jugendlichen an der Produktion eines Buches für Blinde und Sehbehinderte teilhaben. Die Bereiche der Blindenschriftherstellung, Reliefproduktion und die Studioarbeit stehen hierbei im Mittelpunkt der Aktivitäten.

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"Andere Augen - ein Foto-Lese-Tast-Hörbuch": Exklusive Präsentation

Christiane Felsmann
Das Foto-Lese-Tast-Hörbuch widmet sich dem Leben zweier Freunde - einem blinden Lehrer und einem hochgradig sehbehinderten Milchbauern.
Mit Fotografien, Blindenschrifttexten und ausführlichen lese- wie hörbaren Interviews wird das Leben der beiden dargestellt sowie eine Brücke zwischen Sehenden und Blinden bzw. Sehbehinderten geschaffen.
Gemäß der Idee des universal designs, das Zugänglichkeit für möglichst viele Menschen fordert, setzt Initiator Gregor Strutz ein neuartiges Druckverfahren ein, das seine Bilderwelten für Sehbehinderte, Blinde und Sehende zugleich erlebbar macht. Naheliegend der Gedanke, aber so konsequent ist er bisher selten umgesetzt worden. Ein erster Lohn ist die Präsentation auf der Leipziger Buchmesse 2009, Stand der DZB Leipzig, Halle 3, B 305. Nun ist es an uns, mit anderen Augen zu sehen.
Info: www.andereaugen.de

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"Verführung zu einem Blind Date" - Lesung im Rahmen von "Leipzig liest"

Christiane Felsmann
"Ich bin blind und lade euch ein, die Welt mit meinen Augen zu sehen", so Jennifer Sonntag zu Ihrem Buch "Verführung zu einem Blind Date". Sie stellt sich mit ungewohnter Offenheit, klarer Definition und einer angenehm frechen Art zwischen die Wahrnehmungswelten der Sehenden und blinden Menschen.
Der Journalist Dirk Rotzsch beschreibt die in ihrer Jugend erblindete Autorin und ihr Buch wie folgt: "Sie hat immer eine Frage mehr als Antworten. Sie möchte konventionelle Denkräume verlassen und unbekannte Sichtweisen erkunden - für sich und für andere. Jennifer Sonntag ist Sozialpädagogin, Ex-Punk, Grenzgängerin, Kämpferin, Model, Moderatorin und Autorin."
Zur Präsentation Ihres Buches im Hörformat DAISY besucht Jennifer Sonntag am 13. März 19 Uhr die DZB Leipzig. Es werden Passagen ihres Buches gelesen. Geschichten aus dem wahren Leben gibt es dann im Anschluss in einer persönlichen Gesprächsrunde.
Info: www.blindverstehen.de

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Wie war das damals

Dr. Karl August Georgi - erster Direktor der staatlichen Königlich-Sächsischen Blindenanstalt in Dresden

Dr. Werner Uhlig
Als Interimslösung hatte nach Schütze ein Ausschuss des Dresdner Augenkrankenheilvereins die Blindenanstalt geleitet. Mit einem neuen Direktor, einem resoluten und hochbefähigtem Mann, zog ein festes und gerechtes Regime in der Anstalt ein. Kaum 30 Jahre alt, ist Georgi am 2. Mai 1832 von König Friedrich August zum neuen Anstaltsdirektor berufen worden. Für Kontinuität der Flemming`schen Grundidee, der Blindenbildung in Sachsen, sorgten auf ihre Weise zwei Frauen.
Die Witwe Flemmings hatte Dr. Steckling geheiratet, den zweiten Anstaltsleiter - und nun wurde eine Tochter Flemmings die Frau des Dr. Karl August Georgi. So ist über Georgi u. a. nachzulesen: "In der Tochter Flemmings hat er stets eine überaus verständnisvolle und mütterlich sorgende Lebensgefährtin zur Seite gehabt. So war der Erfolg denn auch nicht ausgeblieben. Alles ging in bester Ordnung ..." ("Nachrichten für die Blinden und Blindenfreunde in Sachsen", Nr. 6, 1933, Oktober - Dezember, S. 4).
Wer war Karl August Georgi?
Als Sohn eines sächsischen Militärarztes wurde er 1802 in Naumburg an der Saale geboren. Noch in der Zeit seiner Kinderjahre lebte die Familie bereits in Dresden. Karl August besuchte die Fürstenschule St. Afra in Meißen, ging danach zum Studium der Philosophie und Theologie an die Universität Leipzig, promovierte zum Dr. phil. und erwarb den Abschluss als Kandidat der Theologie. Danach unternahm er einige Bildungsreisen durch Deutschland, die Schweiz und Italien. Kaum hatte Georgi das Amt des Direktors der Sächsischen Blindenanstalt übernommen, drängte er energisch auf die Errichtung eines Neubaus für die Blindenschule und die Werkstätten.
Bereits vier Jahre später, 1836 nämlich, stand das mächtige burgartige Gebäude an der Chemnitzer Straße, welches bis zum Jahre 1905, dem Umzug der Blindenanstalt nach Chemnitz, seinem Zweck diente. Das Gebäude stand gegenüber der ehemaligen Dresdner Annenkirche. Kirche wie Anstaltsgebäude versanken in Schutt und Asche bei einem Luftangriff angloamerikanischer Bomber im Frühjahr kurz vor Kriegsende 1945.
Kaum hatte Georgi seinen Neubau für die Blindenanstalt, wandte er sich einer Aufgabe zu, die die Lebensbedingungen der sächsischen Blinden landesweit sozial absichern und wesentlich verbessern sollte. Er machte sich daran, das in der Literatur zum internationalen Blindenwesen so bezeichnete "Sächsische System" zu entwickeln. Das bedarf einiger erklärender Worte.
In allen Ländern, in denen die Blindenbildung gute Fortschritte gemacht hatte, stand man vor dem Problem: Wie kann den erwachsenen Blinden nach abgeschlossener Schul- und Berufsausbildung draußen im Leben ein würdiges Dasein gewährleistet werden? In der Arbeitsanstalt des Heinrich Ferdinand Schütze konnten Dresdner Blinde Arbeit, Lohn und Brot finden, nicht aber die arbeitsfähigen Blinden Sachsens. In manchen Ländern, z. B. auch in Österreich und Preußen, sind mit gutem Erfolg Zentren für Blinde geschaffen worden, wo sie wohnen, arbeiten und von Fürsorgevereinen betreut werden konnten. Ein Nachteil dieser Lösung besteht aber darin, dass dabei eine gewisse Abkopplung und Isolierung der Blinden vom normalen öffentlichen Leben in der Gesellschaft eintritt, dass sie zu einer Sondergruppe werden und unter sich bleiben. Aber Georgi wollte keine Blinden-Ghettos in Sachsen.
Er strebte an: Auch ein Blinder soll in seinem Heimatort unter den sehenden Mitbürgern weitgehend "normal" wohnen, arbeiten und leben können. Aber wie sollte das gehen? Georgi kannte doch selbst genau die gegebene Situation. "Solange die Blinden noch in der Anstalt waren, blieben sie vor aller Not bewahrt. Aber die Entlassenen, die Berufstätigen draußen im Lande! Immer heftiger und lauter klangen ihre Hilfe- und Klagerufe über das lähmende Vorurteil, das die Mehrzahl der Sehenden ihnen auf Schritt und Tritt entgegenbrachte. Dass ihre Körbe, ihre Bürsten und Besen ebenso gut, ebenso solid und brauchbar seien wie jede andere vergleichbare Ware, das konnte und wollte man einfach nicht glauben und kaufte seine Bürsten, Besen und Körbe lieber woanders ein. War es denn da verwunderlich, wenn viele Blinde Mut und Selbstvertrauen, Schaffenslust und Daseinsfreude nach und nach doch wieder verloren, wenn dieser oder jener erneut dem dumpfen Müßiggang oder vielleicht sogar beschämender Bettelei verfiel! Nein, das durfte so nicht weiter gehen! Hier musste Wandel geschaffen werden." Georgi fasste einen Plan zur Überwindung dieses verbreiteten Übels, und der sah so aus:
"Durch regelmäßige Überweisung von Arbeitsaufträgen, die Abnahme und den Vertrieb der von den Blinden hergestellten Waren sowie einige andere den Arbeitswillen anspornende Hilfsmaßnahmen musste und würde es ihm bestimmt gelingen, seine Entlassenen draußen im Lande wirtschaftlich weitgehend selbstständig und damit seelisch gesund und glücklich zu erhalten."
Ein Blindenunternehmen wollte er also schaffen, welches Arbeitsaufträge an blinde Heimarbeiter vermittelte, preiswert Material en gros beschaffte und den Heimarbeitern zustellte, ihnen die Erzeugnisse abnahm und in Verkaufsstellen großer Städte vertrieb. Das war ein ökonomisches Vorhaben, worüber Georgi gewiss manche Stunde mit seinem Freund Schütze diskutiert haben wird. Doch an einem entscheidenden Punkt für die Verwirklichung dieses Planes saß er immer wieder fest: Man brauchte dazu Geld, viel Geld. Material bindet Geld, ein Materiallager und ein Lager für Fertigerzeugnisse, der Transport von Material und Waren, die Einrichtung von Verkaufsstellen - alles das kostete Geld. Woher nehmen? Georgi wusste es nicht, aber Heinrich Ferdinand Schütze, der wusste das.
Wir erinnern uns: Schütze ist Sprecher der Freimaurerloge vom "Goldenen Apfel" in Dresden gewesen. Zu den Dresdener Freimaurern gehörte damals auch ein reicher russischer adliger Offizier - Major Alexius Adamowitzsch von Olsufieff. Die Zeit war gekommen, dass Olsufieff ein großes Vermögen hinterlassen würde, und er verfügte dessen Verwendung für soziale Zwecke. Es ist kein schriftlicher Nachweis bekannt, dass Schütze und Olsufieff Absprachen miteinander getroffen haben, es ist aber durchaus zu vermuten. Olsufieff jedenfalls bestimmte in seinem am 20. Januar 1838 errichteten Testament vier Haupterben, die je 17.250 Taler erhalten sollten. Diese vier Haupterben waren die Dresdner Armenversorgungsbehörde, die Dresdner Taubstummenanstalt, der Dresdner Augenkrankenheilverein und die Königlich-Sächsische Blindenanstalt. Am 28. Januar 1838 starb Olsufieff. 1839 trat das Vermächtnis in Kraft. Zu Ehren des Stifters, aus Dankbarkeit und mit dem Ziel, weitere Sponsoren für das sächsische Blindenwesen zu gewinnen, führte Georgi ab 1839 in der Blindenanstalt das Olsufieff-Fest ein. Immer am 25. Juni wurde es begangen, und mit der erwähnten Absicht sind stets hochrangige Gäste aus Politik und Wirtschaft dazu eingeladen worden. Georgi nutze diesen Tag als öffentliche Leistungsschau für die Blindenanstalt, und zwar recht erfolgreich.
Hier ist ein Rückblick auf Olsufieff am Platze. Alexius Adamowitzsch war der jüngste Sohn eines Ministers von Katharina II., und wurde am 20. Januar 1763 in Petersburg geboren. Frühzeitig trat er in den Militärdienst ein und avancierte zum Major der Kavallerie. Als in Frankfurt am Main 1792 die letzte Kaiserkrönung (Franz II.) stattfand, gehörte Major von Olsufieff als Ehrenkavalier zu der vom Zaren nach Frankfurt entsandten Ambassade, die an den Krönungsfeierlichkeiten teilnahm. Und in Frankfurt ereilte ihn sein glückliches Schicksal in Gestalt einer hübschen jungen Frau.
Er verliebte sich in das bürgerliche Fräulein Krecker aus Fulda. Damit nicht erst noch etwas Dummes dazwischen kam, folgte sie ihm nach Russland und wurde seine Gattin. Wahrscheinlich wegen ihrer bürgerlichen Herkunft kam es zum Zerwürfnis mit seinen adligen Geschwistern und weiteren Verwandten. Des Ärgers überdrüssig, nahm er im Jahre 1804 seine Frau und sein Vermögen und verließ Russland für immer. Olsufieff wählte Dresden zu seiner neuen Heimat. Er erwarb das am Elbufer zwischen der Stadt und Pillnitz gelegene Rittergut Niederpoyritz und verlebte dort glückliche Jahre. Die Ehe blieb kinderlos. Familienglück stellte sich dennoch ein, weil bei ihnen ein Neffe der Frau, der spätere Konsistorialrat Krecker-Drostmar aufwuchs. Nach dem Tod seiner Frau verkaufte Olsufieff das Rittergut und erwarb ein Haus in der Dresdner Waisenhausstraße gegenüber dem ehemaligen Viktoriahotel. Dort wohnte er bis zu seinem Lebensende. Anzumerken ist noch: Olsufieff war stolz drauf, in Sachsen sein neues Vaterland gefunden zu haben. Seine Unterschriften unter wichtige Dokumente, auch bei seinem Testament, ergänzte er gern mit der Beifügung: "Bürger und Hausbesitzer in Dresden." (Vergleiche Naumann, Kurt: "Vom Olsufieff-Fest zum Hohen Lichtfest der Blinden" in "Nachrichten für die Blinden und Blindenfreunde in Sachsen", Nr. 23, Juli-September 1939, S. 3 - 5).
Wird in der nächsten Ausgabe fortgesetzt.

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Die Kramkiste

Unsere Bibliothekare stellen jeweils einen Punktschrift- und einen Hörbuchtitel vor, die sich schon länger im Bestand unserer Bibliothek befinden - zur Erinnerung für die "Alten" und zur Information für die "Jungen".

Anneliese Probst: "Ein Zeltschein für Dierhagen"

Angelika Müller
Punktschriftbibliothek
Mit diesem für unsere Kramkiste gefundenen Kurzroman wird der Leser zeitlich in die Vorwendezeit zurückversetzt und nimmt an den Urlaubsvorbereitungen einer vierköpfigen DDR-Familie teil, die sich dieses Mal sehr von den Planungen aus früheren Jahren unterscheiden.
In der intakten Familie, der Vater ist Lehrer und seit einigen Jahren Direktor an einer erweiterten Oberschule (heute Gymnasium), die Mutter ist Stenotypistin, wachsen die siebzehnjährigen Zwillinge Ingrid und Barbara heran. Der Zusammenhalt dieser Familie könnte nicht besser sein. Die Mädchen sind fleißig, aber charakterlich sehr verschieden. Sie verstehen sich gut und ergänzen sich, eine ist für die andere da.
Die leicht zu lesende, weil problemlose, Familiengeschichte soll dann aber eine ungeahnte Wendung erfahren, denn eines Tages eröffnet der Familienvater seiner Frau, dass er mit der gegenwärtigen Situation nicht zufrieden ist.
"Der Alltag mit den vielen zu bewältigenden Aufgaben frisst uns auf. Wir lieben uns, aber haben keine Zeit, uns das zu zeigen."
Aus dieser Stimmung heraus plant er deshalb mit seiner Frau in diesem Sommer nach Bulgarien ans Schwarze Meer zu fahren - ohne die Kinder.
Den Einwand seiner Frau, was die Mädchen in dieser Zeit machen sollten, man könne doch nicht ohne sie in den Urlaub fahren und sie sich selbst überlassen, zerschlägt er. Natürlich hat er auch bei der Urlaubsplanung an die Zwillinge gedacht. Sie sollen beide an die Ostsee nach Dierhagen fahren. Den Zeltschein, eine Genehmigung zum Zelten, und auch die Zeltausrüstung hat er schon besorgt. All das soll seinem Wunsch dienen, dass er sich noch einmal in seine Frau verlieben möchte, wie er ihr gesteht.
Die Eltern verbringen, wie geplant, einen schönen und erholsamen Urlaub in Bulgarien. Die Zwillinge Ingrid und Barbara fahren an die See. Dort erleben auch sie schöne abwechslungsreiche Ferientage. Doch diese haben für Barbara entscheidende Folgen. Sie verliebt sich in einen einundzwanzigjährigen Mann namens Rolf und wird, man kann es schon ahnen, schwanger.
Nicht Barbara, sondern die Schwester Ingrid berichtet den Eltern von der Schwangerschaft. Zunächst sind die Eltern von dieser Nachricht nicht erfreut. Doch die Aufregung legt sich bald und Barbara entscheidet sich, die Schule zu verlassen.
Zielstrebig sucht sie sich eine Arbeit in einem Hotel. Ihr Einsatzgebiet ist die Rezeption und dort erfüllt sie durch Kenntnis mehrerer Sprachen die Erwartungen des Arbeitgebers.
Der Vater ihres zu erwartenden Kindes lässt sie nicht im Stich, im Gegenteil, er ist sehr an einem guten Verhältnis zu Barbara interessiert, denn er bemüht sich um das Wohl der werdenden Mutter. Er beschließt, die Arbeit in seinem Wohnort aufzugeben und sich eine neue Arbeitsstelle und eine kleine Wohnung in Barbaras Heimatstadt zu suchen.
Am Ende dieses Romans bleibt der Ausgang offen, aber der Leser hat das Gefühl, dass sich diese beiden jungen Menschen ihr gemeinsames Glück aufbauen werden.
In unserem Bibliotheksbestand befinden sich zahlreiche weitere Titel von Anneliese Probst.

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Thomas Mann: "Die Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull"

Jörg Klemm
Hörbücherei
Das Buch wurde anhand einer Vorlage des Fischer-Verlages in Frankfurt am Main aus dem Jahre 1957 aufgesprochen.
Zum Autor: Thomas Mann wurde am 6. Juni 1875 in Lübeck geboren und starb am 12. August 1955 in Zürich. Ohne Abitur und ohne Berufsausbildung lebte der jüngere Bruder von Heinrich Mann zunächst von den Zinsen aus dem Verkauf der väterlichen Getreidefirma. Berühmt machten ihn der Familienroman "Buddenbrooks" (1901) und die Erzählung "Tonio Kröger" (1903). 1905 heiratete er die Professorentochter Katja Pringsheim. Im 1. Weltkrieg verfiel er der Kriegsbegeisterung der Gebildeten. Später bekannte er sich aber zur Weimarer Republik, hielt Wahlreden für die SPD und kämpfte gegen den Aufstieg der NSDAP. 1929 erhielt Thomas Mann den Nobelpreis für Literatur. 1933 bis 1952 lebte er im Exil, in Südfrankreich, in der Schweiz, dann in Kalifornien, ab 1952 schließlich wieder in der Schweiz. Nach Deutschland wollte er, abgesehen von Besuchen, nicht mehr zurückkehren.
Sein großes Thema ist der Verfall. Er ist zweideutig: Während die Vitalität schwindet, steigt die Sensibilität. Die souveräne Eleganz seines Stils verschaffte ihm schon früh viele Bewunderer. Er schrieb traditionell, aber mit großer Brillanz.
Die großen Kollegen haben ihn offen oder heimlich gehasst. Es kam zu Streitigkeiten. Lange gehörte es zum guten Ton unter den Schriftstellern, Thomas Mann zu verachten. Im Verlauf der 80er Jahre zeichnete sich allerdings eine Wende ab.
Nun zum Buch: Anregungen zum Werk erhielt der Autor offensichtlich schon durch die 1905 in deutscher Übersetzung erschienenen Memoiren des rumänischen Hochstaplers G. Manolescu. Die erste Phase datiert von 1910-1913, dann wieder ab 1951.
Die "Bekenntnisse" parodieren die Memoirenliteratur, vor allem Goethes "Dichtung und Wahrheit" und stehen dem Schelmenroman nahe. Felix Krull schreibt die fiktive Autobiografie am Ende seiner "Weltfahrt" gewissenhaft und ohne Spur von Reue: auch der Titel ist parodistisch. Felix, der Glückliche, Sohn eines bankrotten Sektfabrikanten, lässt sich schon im Kinderwagen als Kaiser verehren, produziert sich einem gläubigen Kurpublikum als Wunderkind, umgeht den Wehrdienst durch einen sorgsam einstudierten epileptischen Anfall und findet sich schließlich in Paris im Hotelgewerbe. Das entscheidende Ereignis in Krulls Leben ist hier sein Existenztausch mit dem Marquis de Venosta, mit dessen Papieren und Vermögen er eine Welt- und Bildungsreise unternimmt. Er macht die Bekanntschaft des Paläontologen Professor Kuckuck und lernt in Lissabon auch dessen Familie kennen. Als Marquis findet er Zutritt zur Gesellschaft, wird zur Audienz beim König vorgelassen und erobert schließlich Frau und Tochter des Professors. Hier bricht der Roman ab, von der Fortsetzung weiß man, dass sie den Helden ins Zuchthaus führen soll, aus dem er jedoch offensichtlich wenig geläutert wieder entlassen worden wäre.
Mit den Helden der Schelmenromane teilt sich Krull die besondere Fähigkeit, Situationen zu meistern, die noch vor seiner Erfahrung liegen. Er versteht es, aus dem wenigen, das er weiß, und dem vielen, das ihm zufliegt, zur rechten Zeit alles zu machen.
Zahlreiche weitere Titel von Thomas Mann befinden sich in unserem Bibliotheksbestand.
[Quelle: Metzler Autorenlexikon, 1986; Kindlers neues Literaturlexikon, 1990.]

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Die 100 Lieblingsbücher der Deutschen

Welche Bücher sind die Lieblingsbücher der Deutschen? Die ZDF-Aktion "Unsere Besten - Das große Lesen" ist bereits 2004 dieser Frage nachgegangen. Wir nennen Ihnen nacheinander die ersten 100 Plätze. Titel, die Sie in der DZB ausleihen können, stellen wir ausführlicher vor.
Wir setzen heute fort mit Platz Nr. 14:
Bernhard Schlink: "Der Vorleser"

Bernhard Schlink: "Der Vorleser"

Bernhard Schlink, geboren 1944 bei Bielefeld, ist Jurist und lebt in Berlin und New York. Seinen ersten Kriminalroman, ›Selbs Justiz‹, veröffentlichte er zusammen mit Walter Popp; er wurde von Nico Hofmann mit Martin Benrath und Hannelore Elsner verfilmt. Es folgten die preisgekrönten Kriminalromane ›Die gordische Schleife‹ und ›Selbs Betrug‹. Der 1995 erschienene Roman ›Der Vorleser‹, in 41 Sprachen übersetzt und mit nationalen und internationalen Preisen ausgezeichnet, der 2000 veröffentlichte Erzählband ›Liebesfluchten‹ und der Roman ›Die Heimkehr‹ (2006) begründeten seinen schriftstellerischen Weltruhm. 2001 wurde die Trilogie um den Privatdetektiv Gerhard Selb mit ›Selbs Mord‹ abgeschlossen.
In dem zuerst in den USA erschienenen Roman, in dessen Mittelpunkt eine seltsame Liebesgeschichte steht, setzt sich Bernhard Schlink - auch aus rechtsphilosophischer Sicht - mit der Judenvernichtung im "Dritten Reich", der Schuldfrage und dem Generationenkonflikt in den 1950/60er Jahren kritisch auseinander.
Michael Berg, ein 15-jähriger Gymnasiast, lernt Ende der 1950er Jahre in Heidelberg Hanna Schmitz kennen. Die 20 Jahre ältere Straßenbahnschaffnerin kümmert sich um ihn, als ihm, an Gelbsucht erkrankt, auf dem Nachhauseweg übel wird. Wieder gesund besucht er sie und erlebt mit ihr seine erste Liebe. Bald entwickelt sich während der heimlichen Treffen in ihrer Wohnung ein Ritual, das der zunächst rein körperlichen Beziehung eine seelische Dimension gibt: Michael muss Hanna, über deren Vergangenheit er nur wenig erfährt, stets vor dem Liebesakt vorlesen.
Eines Tages verschwindet Hanna spurlos aus der Stadt. Erst Jahre später sieht er sie als Jurastudent in einem Auschwitz-Prozess wieder, wo sie mit anderen ehemaligen KZ-Aufseherinnen unter Anklage steht. Im Gerichtssaal findet Michael die lang gesuchte Erklärung für Hannas ungeschickte Verteidigung und für viele ihrer Handlungen: Sie ist Analphabetin, verheimlicht dies aus Scham auch im Prozess und wird zu lebenslanger Haft verurteilt. Ihre Mitangeklagten, die ihr die Hauptschuld für ein grauenhaftes, schriftlich dokumentiertes Verbrechen zugeschoben haben, erhalten nur geringe Freiheitsstrafen.
Michael fühlt sich mitschuldig und schickt ihr regelmäßig Kassetten ins Gefängnis, die er mit Weltliteratur besprochen hat. Anhand der Kassetten lernt Hanna autodidaktisch lesen und schreiben und beginnt sich mit den Verbrechen der Nationalsozialisten auseinander zu setzen. Nach 18 Jahren Haft nimmt sie sich kurz vor ihrer Entlassung das Leben.
Die Geschichte handelt im Nachkriegsdeutschland, berichtet von der Judenverfolgung und den Konzentrationslagern. Dabei werden moralisch-ethische Fragen aufgeworfen, die zu jeder Zeit und in jeder Gesellschaft von Bedeutung sind, wie die Frage nach dem Umgang mit Tätern, von Schuld und Vergebung. Daneben stehen zwischenmenschliche Themen wie erste Liebe, Beziehungen mit großem Altersunterschied. Alle diese Elemente verknüpft Schlink mit dem Schicksal Michaels, durch dessen Augen der Leser die Geschichte verfolgt.
Seit Februar ist nun auch die Verfilmung des Romans im Kino.
[Quelle: Harenberg, Das Buch der 1000 Bücher, www.diogenes.de]
Folgende Titel von Bernhard Schlink können Sie als Hörbuch ausleihen:

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LOUIS

Betreuer dieser Rubrik ist Herr Ulrich Jander (Tel.: 0341 7113-145, Fax: 0341 7113-125, E-Mail: Ulrich.Jander@dzb.de). Detaillierte Ausführungen zu den Themen können direkt bei ihm abgerufen werden. Selbstverständlich erhalten Sie auch Antwort auf Fragen, die uns in Blindenschrift, auf Kassette oder in Schwarzschrift erreichen. Mehr zu LOUIS gibt es im Internet unter: www.dzb.de/louis.

Kalender 2009 als DAISY-Buch

Ulrich Jander
Vor kurzem entdeckte ich in der DAISY-Mailingliste einen Hinweis auf einen Kalender für 2009 im DAISY-Format. Der Kalender kommt zwar etwas spät, aber einen Kalender als DAISY-Buch möchte ich Ihnen nicht vorenthalten. Vor allem: Er ist einfach hinsichtlich Installation und Verwendung. Herr Dirk Meyer, selbst blind, hat ihn erstellt und hält ihn zur kostenlosen Nutzung auf seiner Internetseite bereit. Von dort kann er heruntergeladen werden (ca. 11 MB groß, es kann also ein bisschen dauern, bis alles auf Ihrem Rechner heruntergeladen ist). Die Adresse lautet:
http://www.dirk-meyer.de/daisy/dkv1.0.exe
Man erhält eine Datei; wenn diese aktiviert wird, startet der automatische Vorgang des Auspackens (selbst extrahierend). Eine Installation, wie bei einem Programm, ist hier nicht erforderlich. Es wird ein Ordnername vorgeschlagen, in welchen alle Dateien des Kalenders abgelegt werden. Es sind 1.132 Dateien. Der Ordnername, in den alle Dateien entpackt werden, kann natürlich verändert werden. Ich habe beim Test das Entpacken auf die Festplatte des Computers durchgeführt. Anschließend kopierte ich den Ordner mit all seinen Dateien auf meine Speicherkarte, da ich den Kalender im DAISY-Format gern überall mit meinem kleinen Plextalk PTP1 nutzen möchte. Man kann diesen Kalender auch auf CD brennen und dann in einem der DAISY-CD-Geräte verwenden. Beim Brennvorgang ist es sinnvoll, nicht den Ordner, sondern sämtliche 1132 Dateien direkt in das Hauptverzeichnis der CD zu brennen. Es könnte sonst Probleme beim Abspielen geben.
Der DAISY-Kalender ist auf jedem DAISY-Gerät verwendbar; lediglich der Victor Reader Wave könnte auf Grund der großen Anzahl der Dateien bei der Wiedergabe und beim Navigieren im Kalender Probleme bereiten (einfach Springen an eine andere Stelle oder Abbrechen der Wiedergabe).
Der Kalender ist in drei Hierarchiestufen aufgebaut:
Verfügt das DAISY-Gerät über einen Ziffernblock, dann können Sie komfortabel das jeweilige Datum anwählen. Zuerst wird der Monat ein- oder zweistellig eingegeben, gefolgt, immer zweistellig, vom Tag.
Beispielsweise den ersten April geben Sie als Ziffernfolge 401 ein. Der 22. Oktober ist anzuwählen mit 1022. Da die Ziffernanwahl auf der Seitenzahlenstruktur basiert, besteht auch die Möglichkeit, dass man an DAISY-Geräten, die über keine direkte Zifferneingabe verfügen, über die Funktionsebene "Seite" sich dem interessierenden Datum nähert.
Der DAISY-Kalender 2009 nutzt akustisch eine synthetische Sprachausgabe. Sie hört sich aus meiner subjektiven Einschätzung sehr passabel an.
Im Ordner mit sämtlichen Dateien befinden sich auch zwei Textdateien, die man mit einem Text-editor oder Wordpad oder Word durchlesen sollte. Sie heißen haftung.txt und liesmich.txt. Letztere ist eine kleine Anleitung für die Benutzung des Kalenders.
Herr Dirk Meyer beabsichtigt, den DAISY-Kalender weiterzuentwickeln. Mit Updates und Vervollständigungen kann also gerechnet werden. Für das Jahr 2010 soll der DAISY-Kalender früher und mit weiteren Navigationsmöglichkeiten erscheinen. Wir können also gespannt sein.
Ein herzliches Dankeschön für die Entwicklung und Gestaltung des DAISY-Kalenders geht an Herrn Dirk Meyer. Wenn Sie mit ihm direkt Kontakt aufnehmen wollen, so können Sie dies per E-Mail unter: info@dirk.meyer.de.
Ich wünsche Ihnen viel Freude mit diesem Kalender. Wenn Sie Fragen oder Anregungen haben, dann melden Sie sich bitte bei mir in der DZB.

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Info-Service

Wichtiger Hinweis

In der letzten Ausgabe informierten wir im Info-Service unter der Überschrift "Geänderte Bezugsadresse", dass der "kostenlose Ratgeber für erfolgreiches Altern" aus dem Internet ab sofort von ATZ e.V., Hörmedien für Sehbehinderte und Blinde, vertrieben wird.
Wir möchten darauf hinweisen, dass sich das "kostenlos" ausschließlich auf die uneingeschränkt zugängliche Internet-Version bezieht (siehe DZBN 6-2008). Die DAISY-CD ist nach wie vor nur gegen einen Unkostenbeitrag von 10,00 EUR erhältlich unter Tel.: 05531 7153, E-Mail: atz@blindenzeitung.de

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UNESCO-Welttag des Buches

Christiane Felsmann
"Welttag des Buches - Hier. Und überall", so lautet das Motto des deutschlandweiten Lesefestes, mit dem der UNESCO-Welttag des Buches am 23. April 2009 gefeiert wird. Wie in den vergangenen Jahren geben die Welttagsinitiative Stiftung Lesen und der Deutsche Börsenverein in Zusammenarbeit mit Partnern der Wirtschaft für Schüler das Welttags-Buch "Ich schenk dir eine Geschichte " heraus. Rund 800.000 Schülerinnen und Schüler der 5. und 6. Klassen sind auch 2009 wieder deutschlandweit dabei und lesen die "Abenteuergeschichten".
Um auch blinde Kinder deutschlandweit an dem Lesefest teilhaben zu lassen, unterstützt die Deutsche Zentralbücherei für Blinde zu Leipzig (DZB) die Kampagne. Dank des Fördervereins "Freunde der DZB e.V." ist es der Leipziger Einrichtung erneut möglich, blinde und sehbehinderte Kinder an dem großen Lesefest teilhaben zu lassen. In eigenverantwortlicher Arbeit und durch Übernahme der hohen Produktionskosten wird das Buch in Blindenschrift übertragen und pünktlich zum Welttag kostenfrei den rund 60 Blindenschulen in ganz Deutschland zur Verfügung gestellt.
Info: www.welttagdesbuches.de

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Tastmodell vom Reichstag

Newsletter "DBSV-direkt"
In einer Feierstunde hat Bundestagsvizepräsidentin Gerda Hasselfeldt im Reichstag in Berlin ein neues Tastmodell eingeweiht. Nach einem Gebäude- und einem Umgebungsmodell, die beide im Frühjahr 2007 fertig gestellt wurden, können sich blinde und sehbehinderte Besucher anhand eines Querschnittsmodells nun auch eine konkrete Vorstellung vom Plenarsaal und von der Kuppel des Reichstags machen. Alle drei Modelle wurden in enger Abstimmung mit Vertretern des DBSV von Studierenden der TU Berlin unter Leitung von Burkhard Lüdtke und Annette Müller, Fachbereich Architektur Modellbau, realisiert.
Die drei Tastmodelle sind auf der Plenarsaal-ebene ausgestellt und können im Rahmen von Gruppenführungen besichtigt werden, die möglichst langfristig gebucht werden sollten. Nähere Informationen und Buchungen beim Besucherdienst des Bundestages, Tel.: 030 227-32152, Fax: 030 227-30027, E-Mail: besucherdienst@bundestag.de.

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Reiseassistenz für blinde und sehbehinderte Menschen

Im Auftrag der Koordinationsstelle Tourismus im Deutschen Blinden- und Sehbehindertenverband befragte Rita Schroll Anbieter von Reisen für blinde und sehbehinderte Menschen, inwieweit diese Anbieter Reiseassistenz auf ihren Reisen, aber auch außerhalb ihres Angebots - für individuelle Unternehmungen - anbieten.
Eine Auflistung der Reiseanbieter, die Reiseassistenz zur Verfügung stellen können, sowie Hinweise zum Umfang und zu den Konditionen, zu denen Assistenz gebucht werden kann, finden Sie auf der Internetseite der Koordinationsstelle Tourismus www.tourismus.dbsv.org, unter dem Link "Reiseassistenz für blinde und sehbehinderte Menschen".
Info: http://www.dbsv.org/dbsv/unsere-struktur/dbsv-gremien/tourismus/reiseassistenz/?0=

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Mailingliste ELIAS gestartet

Lydia Zoubek
Die Mailingliste ELIAS - Diskussionen und Ideen zum Thema Elternassistenz - wurde am 11.11.2008 gestartet. In diesem Namen sind die Worte "Eltern", "Initiative" und "Assistenz" enthalten.
Die wenigsten blinden Eltern verfügen über ein soziales Umfeld, welches notwendige Hilfeleistungen erbringen kann, ohne bestimmend in die eigenen Vorstellungen von Erziehung und Familie einzugreifen, oder eine Art Dankbarkeitshaltung zu erwarten. Das wiederum kann sich negativ auf die jeweiligen Beziehungen auswirken.
Das Schlagwort hierzu heißt "Elternassistenz", und fasst die benötigten Hilfestellungen zusammen, welche blinde Eltern oder Elternteile benötigen.
Ziel dieser Liste sollten folgende Punkte sein:
Wir wenden uns sowohl an betroffene blinde und sehbehinderte Eltern, als auch an Nichtbetroffene, die uns mit ihrem Wissen und Einsatz zur Seite stehen möchten.
Die Anmeldung erfolgt durch eine leere E-Mail an elias-subscribe@blindzeln.net

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Die Lesewelt der Blinden

Daniela Preiß
Ein neuer Blog ist auf boersenblatt.net zu finden. Das Börsenblatt ist die Fachzeitschrift des deutschen Buchhandels. Das Thema lautet: Die Lesewelt der Blinden. Vorgestellt werden Punktschriftbücher, DAISY, wie sie funktionieren, wer sie liest etc.
Link für Besuche und Anregungen:
http://www.boersenblatt.net/template/b4_tpl_blog_blinden/

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Impressum

»DZB-Nachrichten« erscheint zweimonatlich.
Kostenlose Beilage: »Leipziger Bücherliste«.
Jahresabonnement: Kassette oder Blindenkurzschrift oder CD DAISY 7,68 €, Schwarzschrift 12,30 €.
Kündigungsfrist: 3 Monate vor Ende des Kalenderjahres.
Online unter: www.dzb.de/zeitschriften/index.html
Alle Rechte vorbehalten. Keine Reproduktion, Vervielfältigung oder Verbreitung ohne Genehmigung des Herausgebers.
Herausgeber, Verlag/Studio:
Deutsche Zentralbücherei für Blinde zu Leipzig (DZB) Gustav-Adolf-Straße 7, 04105 Leipzig
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DZB 2009

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