DZB-Nachrichten

Hrsg. von der Deutschen Zentralbücherei für Blinde zu Leipzig (DZB)

Nr. 1 – 2011

Januar / Februar

21. Jahrgang


Inhalt

Vorbemerkung

Postecke

Einblicke

Leselüst und Leselist

Brailleschrift - Relikt oder Chance?

Der Herr der Ringbücher

Offener Brief von DBSV und DVBS

"Hände weg vom Blindengeld": Appell für eine verantwortungsvolle Sozialpolitik

Die Kramkiste

Zum Gedenken an einen aufrechten Dichter …

Theodor Fontane: "Die Poggenpuhls"

LOUIS

Telefone jeglicher Art mit Sprachausgabe?

Info-Service

DZB-Terminüberblick 2011

9. Deutscher Hörfilmpreis: Zehn Filme am Start

Tandem-Hilfen e.V. 2011

ABC Pflegeversicherung neu

Vorlesehandys - Texterfassung mit Hürden

Unterschriftenaktion der Stiftung "taubblind leben"

Impressum

Vorbemerkung

Herzlich willkommen zum 21. Jahrgang der "DZB-Nachrichten"! Wir wünschen Ihnen ein gesundes, erfolgreiches und friedliches neues Jahr!
Aus Sicht der DZB wartet 2011 mit einigen Höhepunkten auf, über die wir Sie gern und umfassend auf dem Laufenden halten werden.
Seit einiger Zeit schon enthält die DAISY-CD der "DZB-Nachrichten" eine Liste der "DAISY-Übernahmen" aus anderen Hörbüchereien und aus dem Kassettenbestand der DZB. Das ist auch bei dieser Ausgabe der Fall. Die aktuelle Liste hat auf das A4-Format gerechnet einen Umfang von 180 klein bedruckten Seiten. Sie enthält insgesamt 863 neue Hörbücher, die innerhalb der letzten zwei Monate neu zum Ausleihbestand der DZB hinzugekommen sind. Rechnen wir nun noch die 41 in der "Leipziger Bücherliste" enthaltenen DAISY-Neuproduktionen der DZB hinzu, kommen wir auf stolze 904 neue DAISY-Titel. Über den Daumen gepeilt sind das knapp 15 neue Bücher an jedem einzelnen Tag!
Die Zahlen machen auch deutlich, welche Vor- und Nachteile uns das schöne neue Medienzeitalter beschert. Einerseits eine Unmenge von neuen Titeln querbeet aus allen in Medibus zusammengeschlossenen Hörbüchereien, andererseits ellenlange Listen, deren Ausdruck nicht mehr ökonomisch vertretbar ist und durch die sich die geneigten Hörerinnen und Hörer mittels digitaler Endgeräte hindurchwühlen müssen. Von allgemeinem Bücher-Mangel kann da zunächst wohl nicht direkt die Rede sein …
Jetzt fügen wir mal noch ein paar Zahlen hinzu. Die Bücherliste enthält auch Braille-Titel. Eine weitere Braille-Liste wie bei den DAISY-Übernahmen gibt es allerdings nicht. Während der einzelne Hörer also aus rund 900 neuen Titeln auswählen kann, muss sich der Braille-Leser mit 40 neuen Titeln bescheiden - wenn wir die Musikalien mal unberücksichtigt lassen. Dabei werden Braille-Titel ebenso wie die DAISY-Titel digital produziert. Wie also kommt es zu dieser Diskrepanz?
Antworten auf diese und andere Fragen gibt vielleicht der im September stattfindende Weltkongress Braille21. In Vorbereitung des in Leipzig stattfindenden und von der DZB ausgerichteten Großereignisses veröffentlichen wir in dieser und jeder der nächsten Ausgaben bis zum Kongress Wortmeldungen zum Thema Brailleschrift. Wenn Sie auch die eine oder andere Bemerkung zum Thema haben, dann sind Sie herzlich dazu eingeladen, die Leserinnen und Leser der "DZB-Nachrichten" daran Teil haben zu lassen. Die "Postecke" erwartet Sie!
Es grüßt herzlich
Ihr Karsten Sachse.

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Postecke

Die Veröffentlichungen müssen nicht mit der Redaktionsmeinung identisch sein. Aus redaktionellen Gründen behalten wir uns Kürzungen vor. Wenn Sie keine Veröffentlichung wünschen, vermerken Sie dies bitte.

Gedanken zu "Die Zukunft der Brailleschrift"

»(…) Herr Osborne hat sehr interessante Gedanken und Fragen aufgeworfen. Ich finde die Überlegungen nicht zu überzeichnet. In den Diskussionen mit Braille-Anwendern und deren 'Vertretern' merkt man immer wieder, wie wenig um die Blindenschrift gekämpft wird. Geht es um Braillebeschriftungen im öffentlichen Raum, hört man auch aus unseren Kreisen immer wieder den Einwand, dass die meisten doch gar keine Blindenschrift lesen können.
Warum ist es denn so? Wieso ist immer noch nicht selbstverständlich, dass ein Lehrer für blinde Kinder Blindenschrift lernen muss? Die Anzahl Lehrer an meiner Schule, und das ist jetzt schon 19 Jahre her, die Blindenschrift wirklich lesen konnten, konnte man an einer Hand abzählen.
Die kritischen Gedanken zur Blindenkurzschrift sind für mich nicht ganz neu. Mein Klassenlehrer, Gerd Heimann, hat sich schon in den Neunzigern Gedanken über die Blindenkurzschrift gemacht. Der Grund war die Zunahme mehrfachbehinderter Kinder in der Schullaufbahn, und inwieweit die Kurzschrift für diese Kinder überhaupt erlernt werden kann. Über diese Überlegungen kann man unter http://www.gerd-heimann.de/blind.htm nachlesen.
Eine Sache, die mich schon seit Jahren wundert, können Sie vielleicht versuchen zu erklären. Und zwar: Warum gibt es in der Blindenschrift Unterschiede z. B. beim Satzpunkt, Klammern usw. Immerhin sah unser Satzpunkt in der alten Kurzschrift so aus wie heute noch in der englischen Blindenschrift.
Die Gedanken zu den Preisen der Brailledisplays sind leider auch nicht neu, aber sicher ein Problem. Vor allem in Ländern, wo Braillezeilen nicht mal unbedingt für Arbeitsplätze bezahlt werden. Es gab auch immer wieder mal Versuche großflächige Brailledisplays zu entwickeln. Aber ich kenne keines, das in größeren Stückzahlen auf den Markt gekommen ist. Aber auch Versuche Grafiken in tastbarer Form auszudrucken wurden gestartet. … Ich bin schon ganz gespannt, was in der nächsten Ausgabe zu diesem Thema kommt.
Wird man diesen und andere Artikel auch z. B. in der Gegenwart lesen können? (…)«
[Herr Andrè Rabe aus Hamburg]
Anmerkung der Redaktion
Nach den Beschlüssen der Arbeitsgemeinschaft der Kurzschriftkommission der deutschsprachigen Länder 1971 (Wien) wurde die Darstellung des Satzpunktes durch die Punkte 2,5,6 geändert, heute nutzt man dafür den Punkt 3. Somit ist es möglich, das un-Zeichen, wofür dieses Zeichen in der deutschen Kurzschrift steht, auch am Ende eines Wortes zu nutzen, z.B. bei "tun" oder "nun".
Die Brailleschrift anderer Länder wird ebenso an die speziellen Bedürfnisse der Sprache angepasst. Dadurch ist es möglich, das Satzzeichen, wie z.B. der Satzpunkt, Klammern oder auch der Schrägstrich usw., unterschiedlich dargestellt werden.
Die "Gegenwart" wird mit einer eigenen Artikelserie auf Braille21 einstimmen.

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Einblicke

Leselüst und Leselist

Susanne Siems
Immer diese Druckfehler, mag jetzt der ein oder andere beim Lesen der Überschrift denken. Können die in der DZB nicht ordentlich schreiben - Leselust und Leseliste? Oder geht es gar um eine List, wie man noch mehr Bücher in noch weniger Zeit lesen kann?
Ich muss Sie enttäuschen, liebe Leserinnen und Leser. Es hat mit der Überschrift schon seine Richtigkeit. Denn ich möchte Sie heute in die Blindenbibliothek eines anderen Landes entführen, genauer gesagt, nach Norwegen. Während einer Reise nach Oslo und Trondheim Anfang Oktober 2010 hatte ich Gelegenheit, die Norsk Lyd- og Blindeskriftbibliotek in Oslo zu besuchen.
Norwegen ist ein schönes, weites Land. Es ist flächenmäßig so groß wie Deutschland, hat aber nur 4 Millionen Einwohner. 1.000 Menschen gelten als vollständig blind, die Zahl der Sehbehinderten liegt, wie ja auch in Deutschland, höher. Die territorialen Gegebenheiten, die großen Entfernungen zwischen Städten und einzelnen Landesteilen, bestimmen maßgebend das norwegische Leben. Nebenbei gesagt ist auch das ein Grund für die rein integrative Schulbildung in Norwegen. Aber ich wollte Ihnen ja von der Bibliothek erzählen. Die Norwegische Hör- und Punktschriftbibliothek in Oslo versorgt die Nutzer im ganzen Land. Sie beschäftigt sich vorwiegend mit Hörbuchproduktionen, es gibt insgesamt 12 Studios. Drei dieser Studios arbeiten wie wir in Leipzig mit Aufnahmeleitern, in den anderen 9 Studios können die Sprecher sich selbst aufnehmen. Neben dem Angebot an Romanen und populärwissenschaftlicher Literatur gibt es auch noch Studienliteratur, die mit synthetischer Stimme produziert wird. Studierende haben die Möglichkeit, ihre Literatur kostenfrei in der NLB aufsprechen zu lassen. Ca. 3 bis 4 Wochen dauert es, bis der Student dann das DAISY-Buch mit Text und Ton in der Hand hält. Es ist eine Leihgabe der Bibliothek und auch andere Nutzer haben die Möglichkeit, diese Bücher später auszuleihen.
In der Bibliothek in Oslo gibt es derzeit 13.000 DAISY-Bücher. 6.000 Bücher in Braille stehen in einem Magazin in einem ehemaligen Bergwerk in Nordnorwegen. Seit September 2010 geht die Bibliothek aber einen sehr modernen Weg. Es hört sich für uns paradox an, wenn Norweger davon sprechen, zu wenig Platz zu haben. Aber es ist so. Nachdem die Bücher in Oslo eingescannt und meist in Indien Korrektur gelesen wurden, werden sie seit diesem Herbst in Belgien gedruckt, sobald sie ein Leser ausleihen möchte. Das ist platz- und kostensparend, sagten uns die Mitarbeiter. Von Belgien werden die Bücher dann direkt an die norwegischen Nutzer versandt. Die Bücher werden nicht zurückgeschickt, sondern werden von den Lesern entsorgt oder in ihrer Wohnung aufbewahrt. Natürlich entfällt damit auch die sorgfältige Bindung, wie man sie aus Leipzig oder Hannover gewohnt ist, es handelt sich um zeitschriftenähnliche Hefte.
Der norwegische Blindenverband betreibt eine eigenständige Brailledruckerei, die seit 1909 existiert.
So modern wie die Braille-Produktionsstrecke mutet auch das Gebäude an. Unser Besuchstag gehörte allerdings zu den Regentagen, so dass wir nicht wirklich sagen konnten, ob es helle Räume waren, durch die wir gingen. Aber die Mitarbeiter waren aufgeschlossen und freundlich. Etwas zum Anfassen gab es dann noch in der Reliefabteilung. Viele schöne Kinderbücher, an denen jedes blinde Kind seine Freude haben muss, standen dort, Preisträger des europaweiten Wettbewerbes Tactus zum Beispiel.
Dieser Beitrag erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Er ist spontan aus den Eindrücken des Besuches entstanden. Die freundlichen Bibliothekarinnen haben sich immerhin drei Stunden Zeit für uns genommen und wir haben Eli und ihren Kolleginnen Löcher in den Bauch gefragt, auf Englisch, Deutsch und Norwegisch. Sie haben immer eine Antwort gesucht. Trotzdem bleiben viele Fragen bzw. stellen sich erst im Nachklang.
Aber ein Bild der Literaturversorgung für blinde und sehbehinderte Menschen in Norwegen ist für mich entstanden - ob es der Wirklichkeit entspricht, dass kann man nur prüfen, wenn man sich länger und intensiver mit diesem Thema beschäftigt.
Ach, die seltsame Überschrift möchte ich natürlich noch aufklären: Leselüst, schreibt sich im Norwegischen wie im Deutschen Leselust und bedeutet auch das Gleiche. Spricht sich eben nur Lüst, weil das norwegische u fast immer zu ü wird. Und die Leselist ist die Braillezeile - ist doch logisch oder? Vielleicht kann der eine oder andere von Ihnen, liebe Leserinnen und Leser, ja verstehen, warum ich mich in diese Sprache und dieses Land ein wenig verliebt habe.

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Brailleschrift - Relikt oder Chance?

Im Herbst 2011 findet in Leipzig der Weltkongress "Braille21" statt, an dessen Vorbereitung und Organisation die DZB maßgeblich beteiligt ist. "Braille21" wird sich mit der Gegenwart und Zukunft der Brailleschrift befassen.
Die aktuelle Sicht auf das System der Brailleschrift und deren Perspektiven in der modernen Mediengesellschaft ist durchaus differenziert. Wir möchten Ihnen in Vorbereitung auf "Braille21" unterschiedliche Sichtweisen auf das Sechs-Punkte-System von Louis Braille vorstellen und hoffen auf diese Weise Anreize für eine lebhafte Diskussion zum Thema Braille in Gegenwart und Zukunft setzen zu können - gerne auch in der "Postecke".
Autor des nachfolgenden Beitrages ist Herr Thorsten Schweinhardt, geb. 1984. Herr Schweinhardt studiert Germanistik und Geschichte an der Philipps-Universität in Marburg. Er ist geburtsblind, wurde sechs Jahre lang integrativ beschult. 1997 wechselte er auf die Carl-Strehl-Schule in Marburg, wo er 2004 sein Abitur erhielt. Punktschriftunterricht ab dem ersten Schuljahr, deutsche Blindenkurzschrift ab Klasse 4, später Unterricht in englischer Blindenkurzschrift.

Der Herr der Ringbücher

Thorsten Schweinhardt
"In der Tat hat ein Buch, gedruckt oder handgeschrieben, eine 'Veranlagung' zum Schönen. Dass wir in der heutigen Zeit im Allgemeinen schäbige Bücher herstellen, zeigt, fürchte ich, so etwas wie vorsätzliche Bosheit - die Entschlossenheit, unbedingt auf den Pfennig zu achten."
[Quelle: William Morris, Das ideale Buch]
Mal Hand aufs Herz: Wer liest eigentlich noch Punktschriftbücher? Die Brailleschrift ist nicht tot, aber sie degeneriert. Eine ganze Generation junger blinder Menschen nutzt und erlebt Braille aktuell bloß als ein praktisches Hilfsmittel im Alltag: Beschriften der CD-Sammlung mit Dymoband, abtippen von Notizen für ein Referat, bepunktete Plastikschilder an Türen und im Aufzug … Die Brailleschrift schrumpft zusammen auf ein System für Labels & Notes, für Beschriftung und Notizen. Fragen Sie einmal in Ihrem Bekanntenkreis, wer sich als regelmäßiger Nutzer einer Blindenbibliothek oder -Druckerei sieht und beschränken Sie sodann den Kreis der Befragten auf Jugendliche und junge Erwachsene. Voraussichtliches Ergebnis: Die Neuerscheinungen aus der Brailledruckerei gehören nicht gerade zu den heißen Topthemen beim Jugendstammtisch des Blindenvereins.
Immer weniger junge Blinde halten sich über Neuerscheinungen im Punktschriftsektor auf dem Laufenden oder leihen zumindest ab und an Bücher aus - vom Kauf gar nicht zu reden. Ist die Brailleschrift bald eine Schrift ohne Bücher? Wer hat Schuld an dieser Entwicklung? Etwa die Lese- und Bildungsfaulheit einer immer wieder beschworenen Generation Doof? Die Schuld, so die Position des Autors, liegt erschreckenderweise nicht bei den Lesern, sondern vor allem bei den Produzenten: Blindenschriftdruckereien und -Bibliotheken sind bis Dato nicht in der Lage, ihr Angebot an die Bedürfnisse einer neuen Lesergeneration anzupassen. Veränderungen in Lesegewohnheit und Mediennutzung blinder Menschen werden stillschweigend ignoriert, eine steigende Nachfrage nach aktueller Literatur nicht befriedigt. Eine Diskussion über äußeres Design und Ästhetik des Objekts Punktschriftbuch findet nicht statt. Es sind die großen Einrichtungen zur Pflege der Punktschrift, die uns gerade ihr Hauptmedium, das Buch, gründlich verleiden.
Vor mir liegt ein Bestseller. Der genaue Titel spielt keine Rolle, obwohl er sogar tastbar in die ansonsten glatte Rundung des Buchrückens eingeprägt ist. Es könnte ein neuer Erfolgskrimi aus Schweden sein, das neue Historienepos von Ken Follett, oder doch nur "Bis(S) mir nichts mehr einfällt", der 27. Vampirschmöker von Stephenie Meyer. Ein Bestseller eben, ein Buch, das schon ein halbes Jahr im Voraus angekündigt wurde und dessen Erscheinungsdatum man sich dick und rot im Kalender angestrichen hat. Auch ich bin so ein ungeduldiger Leser, auch ich habe den schnellsten Weg gewählt, um möglichst sofort in den Genuss dieses Stücks Literatur zu kommen. Jetzt stehe ich in meiner Lieblingsbuchhandlung. Mein Langstock lehnt an einem der vielen Regale. Rücken an Rücken nur Bücher. Keines davon kann ich lesen, nicht ohne Scanner und Computer. Aber allein schon die Vielfalt der äußeren Gestaltungsformen ist überwältigend. Manche Bücher fühlen sich edel an, manche schlicht. Bei manchen sind - gewollt oder ungewollt - Konturen auf Vorder- oder Rückseite zu ertasten, andere wiederum sind so glatt, dass ich auf den Seiten noch nicht mal eine Andeutung von gedruckter Schrift zu ertasten vermag. Dazwischen dieses eine spezielle Buch, weswegen ich heute hier bin. Wer nimmt genau jetzt den gleichen Weg auf sich? Und welche Wege führen noch zu diesem einen Buch?
Wer keine Buchhandlung in seiner Nähe hat, der lässt sich das Buch per Post nach Hause liefern. Internethändler wie Amazon oder Libri sind mit ihrem umfassenden Angebot oft der erste Anlaufpunkt nicht nur für Bücher, sondern für Medien überhaupt. Apropos Medien: Ein Freund digitaler Medien bemüht vielleicht noch nicht einmal mehr die Post. Ein Mausklick und schon stellt bzw. lädt sich das Buch als sogenanntes "E-Book" ins virtuelle Bücherregal. Auf einem handlichen Lesegerät kann das Buch nun geöffnet und betrachtet werden. Ein Besuch auf der Buchmesse zeigt, wie weit die Entwickler mittlerweile schon sind: Die Schrift auf den kleinen Displays ist längst viel klarer und augenfreundlicher als bei so manchem Taschenbuch. Das E-Book-Gerät selbst ist leicht und liegt griffig in der Hand. Der Nutzer bekommt das Gefühl vermittelt, dass er es problemlos überall hin mitnehmen kann - genau wie ein professionell gebundenes Buch in handlichem Format, nur dass dieses Gerät Platz für eine ganze Bibliothek bietet.
Und welche Möglichkeiten hat der blinde Leser? Der Blinde also, der sich nicht mit einer bereits Text und Inhalt interpretierenden Hörbuchversion begnügen will, sondern das Buch selbst lesen will, mit eigenen Fingern und eigener innerer Stimme? Einem solchen Punktschriftleser bleibt für gewöhnlich nur eine Option: Geduldiges Warten. Darauf nämlich, dass das gewünschte Buch in Punktschrift verfügbar wird. Wie lange dies dauert, ist oft schwer abzuschätzen, eine Beobachtung einschlägiger Kataloge und ähnlicher Publikationen lässt darauf schließen, dass zwischen dem Erscheinen von Schwarz- und Punktschriftausgabe mindestens zwei bis drei Monate liegen. Diese Zeit nimmt allein das Einscannen der Vorlage, das Korrigieren und Formatieren der digitalen Version, das Korrekturlesen auf punktschriftspezifische Fehler sowie die schlussendliche Herstellung des fertigen Buches in Anspruch. Wohlgemerkt, zwei Monate sind das absolute Minimum, erfahrungsgemäß muss sich der Leser in weitaus größerer Geduld üben. Geduld und Hoffnung darauf, dass eine Übertragung des Buches nach Braille überhaupt vorgesehen ist. Dass natürlich nicht alle auf dem Buchmarkt befindlichen Bücher in Punktschrift umgesetzt werden können, ist hinlänglich bekannt und verständlich. Ebenso ist es aber wahr, dass viele Bücher von breitem öffentlichen Interesse in den Druckereien jahrelang auf Halde liegen oder sogar niemals produziert werden.
Doch damit nicht genug. Was nach einer unbestimmt langen Zeitverzögerung dann schließlich in die Ausleihe und den Verkauf gelangt - inzwischen ist bei den Sehenden das große Interesse an diesem Buch längst abgeflaut - kann man oft nur mit sehr gutem Willen überhaupt als "Buch" bezeichnen. Aus meiner Grundschulzeit, der ersten und einzigen Periode regelmäßiger Bibliotheksbenutzung, erinnere ich mich noch an Braillebücher, welche zwar klobig und schwer, aber doch zumindest professionell gebunden waren und im Aussehen doch wenigstens ein wenig an die Bücher erinnerten, die meine sehenden Schulkameraden lasen. Was uns Punktschriftlesern heutzutage aber zur Ausleihe, ja sogar zum Kauf angeboten wird, sind immer öfter keine Bücher mehr, sondern Ordner: Schwere, überdimensionierte und meist zu allem Übel auch noch scharfkantige Vierloch-Ringbücher, die wohl eher in einen Aktenschrank gehören als in ein Bücherregal. Einziger Vorteil dieser lieblos gehefteten Machwerke: Man kann einzelne Seiten herausnehmen. Bei wissenschaftlicher Literatur mag dies seine Berechtigung finden. Aber lehne ich mich zu weit aus dem Fenster wenn ich behaupte, dass sich der durchschnittliche Leser von - der Name sagt es schon - schöner Literatur auch äußerlich eine gewisse Schönheit erwartet? Was geliefert wird, ist allenfalls Büroästhetik. Von einem Buch, und Punktschriftbücher können und dürfen hier keine Ausnahmen darstellen, erwarte ich ein ansprechendes, vielleicht sogar auf den Inhalt abgestimmtes Äußeres, gepaart zumindest mit einem Mindestmaß an Lesekomfort. Wer schon einmal versucht hat, mit einem solchen Ordner-Monstrum gemütlich im Bett zu schmökern und dabei das Gewicht eines prallgefüllten Aktenarchivs auf seinem Bauch gespürt hat, der weiß wovon ich hier schreibe.
Überall im Blindenwesen beklagt man sich über das mangelnde Interesse und die fehlende Partizipation gerade junger Menschen. Diese Entwicklung ist besonders sichtbar bei den Institutionen, die mit der Punktschrift befasst sind. Man bangt um das Überleben der Brailleschrift, aber ist es nicht seltsam, dass gerade diejenigen, die tatsächlich an der Lektüre aktueller Braillebücher interessiert sind, konsequent abgeschreckt und abgestraft werden? Abgeschreckt von einem lückenhaften, der Zeit um Monate und Jahre hinterherhinkenden Angebot; abgestraft durch Bücher, die nicht mehr sein wollen als eine Sammlung bedruckter Seiten. In den letzten Jahren mussten zwei wirklich altgediente Produktionsstätten in Hannover und Wernigerode kurz hintereinander ihre Türen schließen. Liegt es dann nicht nahe, von einem massiven Personalabbau auf dem Punktschriftsektor auszugehen? Aus meinen Beobachtungen schließe ich jedenfalls für mich, dass es in nahezu allen Institutionen, die sich mit der Herstellung von Punktschriftbüchern befassen, in den letzten Jahren einschneidende Stellenkürzungen gegeben haben dürfte. Gleichzeitig erlebt der Buchmarkt einen unvergleichlichen Boom. Wie will man mit wesentlich weniger Personal wesentlich mehr Bücher herstellen, und dabei auch noch einen gewissen Qualitätsstandard halten? Diese Aufgabe ist auch unter Einsatz neuester technischer Innovationen nicht zu bewältigen.
Papier ist geduldig, die Leser sind es nicht. Die blinden Leseratten von heute warten schon längst nicht mehr auf die langsam mahlenden Mühlen der Brailledruckereien. Längst gehen sie andere Wege, um sich Literatur zu beschaffen. Computergestützte Lesesysteme sind inzwischen soweit perfektioniert, dass man mit ihnen ohne fremde Hilfe und im Zeitraum nur weniger Stunden auch umfangreichere Bücher in eine lesbare und fehlerarme Digitalversion verwandeln kann - zumindest, wenn es sich um keine wissenschaftliche Literatur handelt, die kompliziertere Strukturelemente wie Tabellen oder Grafiken aufweist. Einen wichtigen Beitrag zur Emanzipation der blinden Leser von den Punktschriftinstitutionen stellt das Internet dar: Hier findet sich ein kaum überschaubarer Fundus an Literatur, wobei vor allem die urheberrechtsfreien Werke im Vordergrund stehen, die gerade im Bereich von Schule und Universität wichtige Bedürfnisse abdecken. Auch Organisationen blinder Menschen verdienen Erwähnung, in deren Rahmen digitalisierte Literatur gezielt gesammelt und ausgetauscht werden kann - virtuelle, speziell auf die Bedürfnisse Blinder zugeschnittene Bibliotheken. Zwar sind derartige Projekte aufgrund der aktuellen Urheberrechtsbestimmungen in Deutschland zur Zeit recht eingeschränkt in ihren Möglichkeiten, doch dürfte sich die rechtliche Situation in Zukunft gewiss noch verändern, soweit es um die spezielle Situation blinder Büchernutzer geht. Wir können zumindest festhalten, dass selbstverständlich auch in Deutschland ein Austausch von digitaler Literatur unter Blinden stattfindet.Also eine Bewegung weg vom gebundenen bzw. gehefteten Buch hin zur elektronischen Textdatei. Bleibt aber hier nicht genauso das komfortable Lesen auf der Strecke? Sicherlich ist das Lesen eines solchen Textes mit der Computerbraillezeile kein Vergnügen, geschweige denn das Vorlesenlassen mittels einer Sprachausgabe. Doch man darf eine weitere richtungsweisende Entwicklung im Bereich der Blindenhilfsmittel nicht vergessen: Mobile Organizer mit Sprachausgabe und kleinem Brailledisplay, auf die man seine Textdateien übertragen und problemlos unterwegs lesen oder bearbeiten kann. Ein typischer Vertreter dieser Geräte wiegt nur etwa 400 Gramm, ist leicht zu bedienen und vor allem mit einer leistungsfähigen Textverarbeitung ausgestattet. Hält man es in der Hand, so hat man das Gefühl, es überall hin mitnehmen zu können, genauso wie es der Sehende bei der Benutzung seines E-Books empfinden mag. Von der Handhabung, aber auch allein schon vom äußeren Design her wirken diese Geräte ansprechender und formschöner als die meisten heute produzierten Punktschriftbücher. Ein Urteil, dass für die Liebhaber des klassischen Papierbuches sicherlich zynisch und vernichtend klingen muss. Predigt hier jemand letztlich die Abschaffung von gedruckten Büchern?
Auch ich zähle mich zu jener Generation, der das Angebot in den einschlägigen Bibliotheken lange schon nicht mehr aktuell genug ist. Man will nicht nur für sich allein lesen, man will auch mit anderen, vorzugsweise sehenden Menschen, über aktuelle Bücher sprechen und sich austauschen. Bücher können Brücken bauen, und oft schon habe ich erlebt, wie Sehende plötzlich ihre Scheu beiseite schieben und mich viel unverkrampfter behandeln, bloß weil sie gemerkt haben, dass ich mich für die gleichen Bücher interessiere wie sie. Jedes Hobby, jedes Medium kann eine solche Tür sein, doch eignen sich Bücher besonders dafür, Zugänge zu schaffen. Unmöglich wird dies allerdings, sobald man als Blinder aktuelle Bücher erst Monate später ausleihen oder kaufen kann. Die Bücher werden nicht besser oder schlechter, doch ist inzwischen das Interesse an ihnen abgeflaut. Neue Themen und neue Bücher bestimmen das Tagesgeschehen, so dass ein blinder Punktschriftleser in seiner "aktuellen" Lektüre unweigerlich hinterherhinkt.
Wir dürfen und wollen nicht hinterherhinken. Die Zeit bleibt nicht stehen, neue Konzepte wie Web 2.0 und elektronische Bücher haben auch die Alltagswelt der Blinden erreicht und für immer verändert. Die riesigen Bücherkartons aus Marburg oder Leipzig gehören für mich bereits in einen völlig anderen Abschnitt meines Lebens. Fahre ich mit Familie oder Freunden in den Urlaub, so werden sich niemals mehr haufenweise Punktschriftbände im Kofferraum stapeln. Die Zeiten ändern sich, vielleicht kann man sogar von gestiegenen oder verfeinerten Ansprüchen reden. Der umfangreichste Titel der Erfolgsserie "Harry Potter" besitzt in Punktschrift sage und schreibe sieben Bände - sieben dicke Ordner wohlgemerkt. So sehr ich diese Buchreihe auch liebe, käme ich nie auf den Gedanken, mir eine derartig umfangreiche Brailleausgabe zuzulegen, dafür mangelt es mir an Geld und Stellfläche. Da mich die Angebote der Bibliotheken nicht befriedigen, greife ich zur digitalen Lösung. Schließlich will ich den "Herrn der Ringe" lesen, nicht den "Herrn der Ringbücher". Und schließlich heißt es auch "Orden des Phönix" und nicht "Ordner des Phönix".
Zu schade, dass sich die großen Blindeninstitutionen gerade im Bereich der Punktschrift in den letzten Jahren keinen Schritt bewegt haben. Ich muss leider auch aus eigener schmerzlicher Erfahrung berichten, dass solche Institutionen jegliche Kritik, so konstruktiv sie auch sein mag, oftmals einfach mit dem Hinweis abschmettern: "Seien Sie doch dankbar, dass es überhaupt Bücher für Blinde gibt." Ich sehe diesen recht überheblichen Standpunkt nicht gerade als förderlich für einen konstruktiven Dialog darüber, wie man so etwas Grundlegendes und Bedeutendes wie die Literaturproduktion in Punktschrift modernisieren und für junge blinde Leser wieder attraktiver machen könnte. Auch wenn es sich im Laufe dieser Ausführungen an manchen Stellen so lesen mag: Ich glaube nicht daran, dass das Buch im Allgemeinen oder das Braillebuch im Besonderen eines Tages zugunsten elektronischer Medien aussterben wird. Speziell für Sachbücher ist der Druck auf Papier unerlässlich. Zu komplex sind die darzustellenden Inhalte, zu eingeschränkt immer noch die Umsetzung auf dem PC. Gerade für wissenschaftliche Literatur machen oftmals nur gedruckte und von fachkundigen Bearbeitern aufbereitete Bücher Sinn, und natürlich wäre auch eine Schule ohne Blindenschriftbücher eine leider schon in die Nähe des Möglichen rückende Schreckensvision. Auch gibt es immer noch einen gewissen Prozentsatz von Punktschriftliteratur, die mit Liebe zum Detail hergestellt wird. Als positive Gegenbeispiele seien hier einerseits die Bücher aus Paderborn genannt, bei denen man vor dem Kauf bereits zwischen einer gebundenen oder gehefteten Ausgabe wählen kann; auch verdienen die im A4-Format gebundenen und sogar mit Lesebändchen versehenen Bücher eine positive Erwähnung, die immer noch in der DZB Leipzig hergestellt werden. Diese Bücher nähern sich dem Versuch an, ästhetisch ansprechende Literatur anzubieten, sie drohen jedoch in einer Flut aus leider längst zur Regel gewordenen Ringbuchliteratur unterzugehen.
Es wird immer Menschen geben, die sich nur mit Büchern wirklich wohlfühlen, die man anfassen und umblättern kann, genau wie eine Mp3-Datei kein Ersatz für eine liebevoll gestaltete Langspielplatte sein kann. Gerade im Hinblick auf diese "echten" Punktschriftleser besteht die Notwendigkeit, bestimmte Dinge bei der Produktion neuer Brailleliteratur zu überdenken. Es liegt in der Natur einer jeden Modernisierung, dass bei ihrer Durchführung auch ungewohnte, bisher noch nie begangene Wege beschritten werden müssen. Jedoch glaube ich, dass die Einbeziehung der nun abschließend formulierten drei Hauptvorschläge für eine Verbesserung der Punktschriftproduktion das Angebot der großen und traditionsreichen Blindenbibliotheken und -Druckereien für junge Menschen öffnen und wieder bedeutend interessanter und attraktiver machen würde:
  1. Wäre es möglich, aktuelle Bücher auf Wunsch in einer unkorrigierten "Rohfassung" anzubieten, d.h. als eingescannte und ausgedruckte Lesefassungen, bei welcher aber noch keine langwierige Textkorrektur stattgefunden hat? Die heutige Texterkennung arbeitet wie oben bemerkt bereits so genau, dass bereits die unbearbeiteten Scanergebnisse in der Regel ein gut lesbares Produkt ohne gravierende Fehler liefern dürfte. Auf diese Weise ließen sich schneller aktuell begehrte Bestseller anbieten. Dass solche Versionen nicht für einen Verkauf geeignet wären, sondern eine Erweiterung der Ausleihe darstellen könnten, versteht sich natürlich von selbst. Auch würde dieses Verfahren bei wissenschaftlichen Titeln wohl weniger praktikabel sein als bei schöner Literatur, jedoch würde sich gerade in letzterem Bereich eine attraktive Möglichkeit ergeben, aktuellste Romane ohne große Zeitverzögerung in Punktschrift zu lesen.
  2. Eine wirklich fabelhafte Erweiterung des Bibliotheksangebots wäre es, einen Teil des Bestands direkt in Dateiform herauszugeben, sei es bei einigen Büchern auf Wunsch, sei es in größerem Umfang in einem direkten Downloadportal. Blinde Nutzer von Organizern oder anderen punktschriftfähigen Lesegeräten könnten sich diese Dateien dann unkompliziert auf ihr mobiles Gerät laden und könnten sofort die Vorteile genießen, die das Lesen auf einem elektronischen Gerät mit sich bringt. Solch ein Angebot wäre natürlich nur eine Ergänzung, nie aber ein Ersatz für das herkömmliche Angebot der Bibliothek. Das Interesse an Büchern in digitalen Formaten ist jedoch gerade bei blinden Menschen äußerst groß und steigt beständig an. Eine Öffnung der Blindenbibliotheken in diese Richtung sehe ich als unverzichtbar, wenn es darum geht, junge blinde Punktschriftleser zurückzugewinnen oder sogar neu für das eigene Angebot zu begeistern. Die Herausgabe der Dateien könnte z.B. direkt in Blindenkurzschrift erfolgen, da diese nur auf einer Braillezeile sinnvoll gelesen werden kann und somit auch nur für Blinde nutzbar bliebe.
  3. Es wäre darüber nachzudenken, wie man die äußere Aufmachung von Braillebüchern wieder ästhetischer gestalten könnte. Auch für Blinde ist ein ansprechendes Design wichtig, denn Bücher sind Objekte, mit denen man unter Umständen viel persönliches verbindet. Natürlich sind hier die Geschmäcker verschieden. Ich persönlich halte viele Bücher aus der Punktschriftdruckerei in Paderborn für vorbildlich: Sowohl in der äußeren Gestaltung als auch in Format und Lesefreundlichkeit entsprechen diese Bücher am ehesten einer tatsächlichen Buchform. Ich wünsche mir mehr Kreativität, mehr Mut zum Experiment. Wie wäre es beispielsweise mit dem Versuch, Braillebücher herzustellen, die auch von Sehenden auf Anhieb als schön empfunden werden und nicht als überdimensioniert, schmucklos und fremdartig? Es eröffnet sich hier ein weites Feld mit viel Spielraum.

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Offener Brief von DBSV und DVBS

Die Spitzen von DBSV und DVBS (Deutscher Verein der Blinden und Sehbehinderten in Studium und Beruf) haben in einem offenen Brief auf unhaltbare Zustände beim Blindengeld in Deutschland aufmerksam gemacht. Sie fordern die Vorsitzenden der im Bundestag vertretenen Parteien auf, die bestehenden gesetzlichen Regelungen weiterzuentwickeln, um blinden und sehbehinderten Menschen auch im Zeitalter der Inklusion ein selbstbestimmtes Leben und eine gleichberechtigte Teilhabe an der Gesellschaft zu ermöglichen.
"Hände weg vom Blindengeld": Appell für eine verantwortungsvolle Sozialpolitik
Sehr geehrte Damen und Herren, Blindheit ist eine Behinderung, die sich bei fast allen alltäglichen Verrichtungen auswirkt, in besonderem Maße bei der Information, der Kommunikation und der Mobilität. Fragt man die Menschen, welches Handicap sie besonders fürchten, antworten die meisten deshalb mit dem Verlust des Sehvermögens.
In den vergangenen fünf Jahrzehnten ist es in Deutschland gelungen, viele blinde Menschen in die Mitte unserer Gemeinschaft zu holen, ihnen die Chance zu geben, sich als anerkannte Mitglieder unserer Gesellschaft zu fühlen. Das für die individuell unterschiedlichen Bedürfnisse verwendbare Blindengeld hat sich dafür (nicht nur in Deutschland) in diesen Jahrzehnten als notwendige, sinnvolle und leicht praktikable Voraussetzung erwiesen. Nun wird jedoch das Erreichte und Bewährte immer mehr in Frage gestellt. Das Blindengeld wird immer häufiger Opfer einer aktionistischen und bedenkenlosen Sparpolitik. Jüngstes Beispiel ist Schleswig-Holstein (…)
Sehr geehrte Damen und Herren, lassen Sie diese Politik der sozialen Kälte nicht zu. Zeigen Sie Verantwortung und setzen Sie sich dafür ein, dass blinde Menschen gerade im Zeitalter der Inklusion ein selbstbestimmtes Leben führen und gleichberechtigt an der Gesellschaft teilhaben können. Angesichts anhaltender Blindengeldkürzungen und einer zunehmend zersplitterten Blindengeldlandschaft richten der Deutsche Blinden- und Sehbehindertenverband (DBSV) und der Deutsche Verein der Blinden und Sehbehinderten in Studium und Beruf (DVBS) den dringenden Appell an Sie, die bestehenden gesetzlichen Regelungen weiterzuentwickeln, um wieder eine gerechte und nachhaltige Lösung im Sinne blinder und sehbehinderter Menschen zu schaffen.
Unser wichtigster Nachteilsausgleich ist das von den Bundesländern finanzierte einkommens- und vermögensunabhängige Blindengeld. Die Leistungen waren in den Ländern ursprünglich relativ einheitlich, denn sie orientierten sich meist an der nach Bundesrecht subsidiär gewährten Blindenhilfe, die jedoch als Sozialhilfeleistung einkommens- und vermögensabhängig ist. Bei jeder Kürzung oder Abschaffung wird auf die subsidiäre Blindenhilfe der Sozialhilfe als angeblich allen "Bedürftigen" zukommende Leistung verwiesen. Dabei wird meist verschwiegen, dass die äußerst niedrige Vermögensgrenze der Sozialhilfe den Bezug der Blindenhilfe in den meisten Fällen verhindert. Doch selbst diese Blindenhilfe soll nach den Vorstellungen der von der Bundesregierung eingesetzten Gemeindefinanzkommission abgeschafft werden. Wenn das geschieht, wird in Deutschland existenzielle Armut erzeugt, weil ein blinder Sozialhilfeempfänger nicht in der Lage ist, seinen blindheitsbedingten Mehrbedarf über die Regelsätze zu decken.
Die Nachteile, die man als blinder Mensch in unserer optisch geprägten Gesellschaft hat, bestehen unabhängig von Einkommen und Vermögen der Betroffenen. Wenn ein blinder Mensch einen guten Schulabschluss schafft, eine Ausbildung oder sogar ein Studium bewältigt und wenn es ihm gelingt, im Berufsleben Fuß zu fassen, dann muss er bei all dem mehr leisten, mehr Zeit aufwenden, größeres Engagement an den Tag legen als seine sehenden Mitschüler, Kommilitonen, Kollegen, und dabei zahlreiche Hilfsmittel und Hilfsdienste in Anspruch nehmen, um "nebenbei" auch noch seinen Alltag zu bewältigen. Gerade er ist auf das Blindengeld angewiesen und es ist geradezu zynisch, ihn auf die Blindenhilfe der Sozialhilfe zu verweisen. Diese ist kein Nachteilsausgleich, sie erkennt lediglich richtigerweise an, dass ein blinder Mensch, der seinen Lebensunterhalt nicht oder zumindest nicht vollständig selbst bestreiten kann, einen erhöhten, eben blindheitsbedingten Mehrbedarf hat.Zu Geschichte und Zweck von Blindengeld und Blindenhilfe empfehlen wir zur Vertiefung der Thematik die Lektüre von Heft 6 der "Schriftenreihe zum Blindenrecht" von Dr. Herbert Demmel und Thomas Drerup (http://www.dvbs-online.de/spezial/2006/8/29/index.htm).
Sehr geehrte Damen und Herren, als Vertreter der blinden und sehbehinderten Menschen in Deutschland bitten wir Sie dringend, sich für eine Sozialpolitik stark zu machen, die diesem Personenkreis einen angemessenen Nachteilsausgleich sichert:
Die von Deutschland ratifizierte Behindertenrechtskonvention der UN fordert eine inklusive Gesellschaft. Während die Bundesregierung unter Beteiligung der Verbände behinderter Menschen einen Aktionsplan erarbeitet, der richtungsweisend zu werden verspricht, zerstören die Bundesländer, aktuell Schleswig-Holstein, in Deutschland in diesem Sinne längst Erreichtes. Der Verweis auf die Blindenhilfe führt zum Gegenteil von Inklusion und ein solches sozialpolitisches Konzept ist mit Blick auf die Behindertenrechtskonvention der UN heute weniger zu rechtfertigen denn je.
Wir hoffen sehr, dass unser Appell an die im Bundestag vertretenen Parteien nicht ungehört verhallt und bieten bei der Entwicklung eines zeitgemäßen sozialen Konzeptes gern unsere aktive Unterstützung an.
Mit freundlichen Grüßen,
Renate Reymann, Präsidentin des Deutschen Blinden- und Sehbehindertenverbandes e. V. (DBSV)
Uwe Boysen, 1. Vorsitzender des Deutschen Vereins der Blinden und Sehbehinderten in Studium und Beruf (DVBS)
[Quelle: Newsletter "DBSV-direkt" (gekürzt)]

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Die Kramkiste

Unsere Bibliothekare stellen jeweils einen Punktschrift- und einen Hörbuchtitel vor, die sich schon länger im Bestand unserer Bibliothek befinden.

Zum Gedenken an einen aufrechten Dichter …

Susanne Siems
[Punktschriftbibliothek]
"Ich bin ein aufgehörter Schriftsteller!" - Der das am 15. Dezember 1935 in einem Brief an Arnold Zweig schrieb, hatte den Lebensmut verloren. Und war doch bis zu Letzt und in die Gegenwart ausstrahlend einer der kritischsten und ehrlichsten deutschen Dichter des 20. Jahrhunderts. Die Liebe zu seinem Land und Krankheit in den letzten Jahren hatten ihn ausgebrannt. Wir sprechen in dieser Kramkiste von Kurt Tucholsky, dem Kritiker, Feuilletonisten, Lyriker, Satiriker, aber auch Romanschriftsteller; dem Mann mit der mahnenden Stimme und den vielen Namen. Liest man etwas von Theobald Tiger, Peter Panter, Ignaz Wrobel oder Kaspar Hauser in jener Zeit, immer steht dahinter der Schriftsteller Kurt Tucholsky.
In dem Sammelband "Mit 5 Ps" (gemeint sind hier fünf Pseudonyme) äußert er sich zum Sinn der verschiedenen Namen bzw. Personen: "Ich mag uns gern … Was als Spielerei begonnen, endete als heitere Schizophrenie." Seit 1913 war Tucholsky fester Mitarbeiter der Wochenzeitschrift "Weltbühne". Ein so kleines Blatt hätte nicht gut vertragen, wenn in jeder Nummer der Name Kurt Tucholsky mehrfach aufgetaucht wäre. So hatte auch jedes seiner Schreibwesen eine andere Rolle zu spielen. "… und es war auch nützlich, fünfmal vorhanden zu sein - denn wer glaubt in Deutschland einem politischen Schriftsteller Humor? dem Satiriker Ernst? dem Verspielten Kenntnis des Strafgesetzbuches, dem Städteschilderer lustige Verse? Humor diskreditiert."
Zivilcourage ist vielleicht das richtige Wort für das, was in Tucholskys Schriften zum Ausdruck kommt. Eine schmerzhafte Liebe zu Deutschland, die wir schon aus dem 19. Jahrhundert von Heinrich Heine kennen. Ein wacher Verstand, eine spitze Zunge, aber auch Gefühl für das Ehrliche, Einfache und Intime. Der meist politische Schriftsteller Tucholsky ist dabei zu trennen von der Privatperson Tucholsky. Die sehnte sich nämlich durchaus zumindest seit Beginn der 20er Jahre nach etwas Beschaulichkeit, einem ruhigen Leben abseits deutschen Getöses. "Nichts ist schwerer … als sich im offenen Gegensatz zu seiner Zeit zu befinden und laut zu sagen: Nein!"
So viele bewundernde Leser Tucholsky heute noch hat, so wenige sehen die Anstrengung, die ein solches Berufsleben den Menschen Tucholsky gekostet hat. Die Ohnmacht, mit Worten nicht aufhalten zu können, was sich da am deutschen Himmel braun färbte. Und als überzeugter Pazifist keine andere Möglichkeit als die des Schreibens und Rufens zu haben. Ende der zwanziger Jahre zog sich Tucholsky immer mehr aus Deutschland nach Schweden zurück. Schon seit 1924 war er als Korrespondent für die "Weltbühne" in Paris tätig. Der Untergang der Weimarer Republik, die Machtergreifung Hitlers erschütterten ihn, er hatte aber bereits mit diesem Deutschland abgeschlossen. Die äußerliche Emigration war auch eine innere, er verstummte immer mehr, um schließlich mit dem eingangs genannten Zitat vom "aufgehörten Schriftsteller" vollständig zu resignieren. 6 Tage später, am 21. Dezember 1935 starb Kurt Tucholsky an einer Überdosis Tabletten.
Warum ich jemanden, der vielleicht aufgegeben hat, heute noch lese und schätze und Ihnen, liebe Leserinnen und Leser versuche, nahe zu bringen? Weil zu kämpfen nicht immer heißt, dass man auch gewinnt, weil ich aber gerade darum Kämpfer mag. Und weil ich sehr ähnliche Dinge liebe und hasse, wie die eingangs erwähnten 5 pseudonymen Schriftsteller-Persönlichkeiten Tucholskys:
Sie hassen:
Sie lieben:
Ich würde mich sehr freuen, dem vom mir verehrten Dichter mit dieser Kramkiste ein paar neue Fans verschafft zu haben.
Für die Lektüre besonders empfehlen kann ich in unserer Punktschriftbücherei:
Auch die wunderschönen und viel kürzeren poetischen Geschichten von Rheinsberg und Schloss Gripsholm kann man in der DZB in Blindenschrift lesen.

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Theodor Fontane: "Die Poggenpuhls"

Jana Waldt
[Hörbücherei]
Der Apothekersohn und ausgebildete Apotheker Theodor Fontane lebte von 1819 bis 1898. Bekanntheit erlangte er unter anderem durch seine "Wanderungen durch die Mark Brandenburg" und seine so genannten Berliner Frauenromane.
Ich möchte Ihnen heute einen von Fontanes letzten Romanen, der zugleich auch sein kürzester ist, vorstellen: "Die Poggenpuhls".
Der Roman spielt Ende der 1880er Jahre und handelt vom Leben der verwitweten Majorin von Poggenpuhl und ihrer drei Töchter Therese, Sophie und Manon. Sie wohnen zusammen mit ihrem treuen Dienstmädchen Friedericke in einer Berliner Mietwohnung in bescheidenen Verhältnissen, denn der Major hat ihnen außer seinem guten alten Namen nichts hinterlassen. Die drei Töchter sind sehr unterschiedlich - Therese, schon 30, aber ohne Aussicht auf eine Heirat, ist die Vernünftige und achtet trotz des ständigen Geldmangels sehr auf eine einigermaßen standesgemäße Lebensführung. Sophie besitzt als einzige der drei Schwestern verschiedene Talente: Sie ist musikalisch, zeichnet und verfasst zu verschiedenen Anlässen kleine Gedichte. Manon, die jüngste, ist völlig unbegabt, versteht es aber vorzüglich, sich bei allen beliebt zu machen. So verkehrt sie in den besten Kreisen.
Die beiden Söhne Wendelin und Leo dienen in einem Regiment. Wendelin ist korrekt, strebsam und Leo eher leichtsinnig und macht Schulden, die ihm seine Mutter hin und wieder unter großen Opfern bezahlt.
Im Mittelpunkt des Romans steht aber das Leben der Majorin und Ihrer Töchter, das von ständiger Geldnot geprägt ist.
Nach einem Besuch nimmt der begüterte Onkel Eberhard Poggenpuhl, Generalmajor a. D., Sophie als Gesellschafterin für seine Frau mit zu sich nach Hause.
Als er wenig später stirbt, setzt seine Witwe aus Dankbarkeit eine jährliche Summe für die Majorin und ihre Töchter aus, die ihnen ein besseres Auskommen ermöglicht.
Fontane gelingt es in seinem eher handlungsarmen Roman ausgezeichnet, durch seine bildhafte Sprache die Stimmung umzusetzen. Die unterschiedlichen Charaktere der Personen beschreibt er nicht, sondern bringt sie durch ihre Äußerungen im Roman zur Geltung. Gelesen wurde dieser Roman von Konrad Gericke. Sie können ihn unter der Bestellnummer 1665 als DAISY-CD ausleihen.
Wenn Sie "Die Poggenpuhls" in Kurzschrift lesen möchten, können Sie dies ebenfalls tun. Der Roman ist unter der Bestellnummer BNA 1723 in unserer Punktschriftausleihe entleihbar.
Sowohl als DAISY als auch in Blindenschrift stehen zahlreiche weitere Romane von Theodor Fontane für Sie zur Ausleihe bereit. Wir beraten Sie gern.

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LOUIS

Betreuer dieser Rubrik ist Herr Ulrich Jander (Tel.: 0341 7113-145, Fax: 0341 7113-125, E-Mail: Ulrich.Jander@dzb.de).
Detaillierte Ausführungen zu den Themen können direkt bei ihm abgerufen werden. Selbstverständlich erhalten Sie auch Antwort auf Fragen, die uns in Blindenschrift, auf Kassette oder in Schwarzschrift erreichen. Mehr zu LOUIS gibt es im Internet unter www.dzb.de/louis.

Telefone jeglicher Art mit Sprachausgabe?

Ulrich Jander
Telefone, die sprechen können, sind uns seit einigen Jahren unter den Mobiltelefonen, den Handys, bekannt. Solche Geräte funktionieren komplett mit Sprachunterstützung, Dank zusätzlicher Software, wie TALKS oder Mobile Speak, die für ca. 300 Euro erworben und in das im normalen Handel erhältliche Handy installiert werden muss. Es sind längst nicht alle Handys dafür geeignet; ausschlaggebend ist das Betriebssystem Symbian im Handy. Welche Geräte in Frage kommen, ist bei Anbietern der Sprachsoftware, wie z. B. Landeshilfsmittelzentrum Dresden, Marland, Handytech oder Protalk, erfragbar bzw. auf deren Internetseiten in zusammengestellten Listen erfahrbar. Wer ein Handy vielseitig nutzt, profitiert im großen Maße von solch einer Sprachsoftware.
Aber was gibt es noch? Sind z. B. Festnetztelefone, sowohl schnurgebunden als auch schnurlos, mit Sprachausgabe verfügbar? Oder gibt es auch Handys, die bereits vom Hersteller eine Sprachausgabe beinhalten?
In diesem Beitrag möchte ich einen kleinen Überblick versuchen, ohne dass ich dabei den Anspruch auf Vollständigkeit erfüllen kann.
Zuerst möchte ich noch kurz beim Handy verweilen. Neben der oben genannten Möglichkeit, zusätzliche Sprachsoftware im handelsüblichen Handy, gibt es zur Zeit zwei Handytypen, die vom Hersteller eine Sprachausgabe mitbringen: das speziell für blinde Nutzer entwickelte Owasys 22c, ohne Display, bei Marland erhältlich für 499 Euro, und das handelsübliche IPhone von Apple, welches mit Bildschirmberührung (Touchscreen) funktioniert und in dem die Sprachausgabe im Menü aktiviert werden muss. Preise für das IPhone dürften im Handel unterschiedlich sein.
Außerdem bietet die Preisagentur für Blinde und Sehbehinderte (PABS) ein handelsübliches Großtastenhandy für zur Zeit 79,95 Euro an, welches aber lediglich die Ziffern spricht, die man beim Nummernwählen eintippt. Alles andere ist ohne Sprachunterstützung; jedoch bietet das Handy für sehbehinderte oder schwerhörige Nutzer eventuell einige Vorzüge. Auf der Internetseite von PABS unter www.pabs-online.de steht dazu:
Großtastenhandy mit Ziffernansage
"Großtastenhandy mit Ziffernansage - neues Modell mit 11 Kurzwahlspeichern und doppelter Akkukapazität! Dieses besonders einfach zu bedienende Mobiltelefon verfügt über große Tasten und eine sehr kontrastreiche Beschriftung. Außerdem werden beim Wählen einer Telefonnummer die Ziffern in hervorragender Sprachqualität angesagt. Der extra laut einstellbare Klingelton (max. 100dB) signalisiert Ihnen zuverlässig eingehende Anrufe. Zusätzlich wird jeder Anruf mit einem Lichtsignal angezeigt. Die Hörerlautstärke kann ebenfalls sehr laut eingestellt werden. Durch die orangefarbene Display-Beleuchtung heben sich alle Ziffern und Symbole besonders gut vom Hintergrund ab. Die einzelnen Schriftzeichen sind zusätzlich sehr groß, wodurch Sie alle Einstellungen selbstständig durchführen können. Auf der Rückseite des Gerätes befindet sich eine große Notruftaste. Sollten Sie Hilfe benötigen, drücken Sie die SOS-Taste und das Telefon wählt automatisch bis zu vier vorher abgespeicherte Telefonnummern. Wenn ein Angerufener den Anruf annimmt, stoppt das Handy den Notruf. Ohne Vertrag, mit allen Netzen nutzbar und für alle SIM-Karten geeignet.
Technische Daten: Extra große beleuchtete und kontrastreiche Tasten, Ansage der Ziffern beim Wählen von Rufnummern, Hörerlautstärke sehr laut einstellbar, Lichtsignal bei eingehenden Anrufen, Vibrationsalarm einstellbar, sehr einfache und übersichtliche Bedienung, integrierte Notruftaste, SMS-fähiges Handy, Tastensperre möglich, Telefonbuch mit 100 Speicherplätzen, FM-Radio, MP3 Player Unterstützung, integrierte Taschenlampe, Speichererweiterung durch Micro SD Speicherkarte bis 4GB möglich, 6 polyphone Klingeltöne, Hörgerätekompatibel, Größe 10,3 x 4,9 x 1,5cm, Gewicht 80 g, Li-Ion Akku 3,7 V, 1000 mAh, Standby-Zeit bis zu 200 Stunden, Gesprächszeit bis zu 5 Stunden, Dual Band 900/1800 Mhz, CE und RoHS Zertifiziert, Farbe Schwarz. Lieferung inkl. Akku, Ladegerät, Anleitungen in Schwarzschrift und in gesprochener Form auf CD."
Was finden wir im Festnetzbereich? Ich möchte mit den konventionellen, schnurgebundenen Telefonen beginnen.
Am Besten, was die Sprachunterstützung betrifft, ist zur Zeit das handelsübliche analoge Telefon Typ Geemarc BDP 400 für 149 Euro, erhältlich bei Landeshilfsmittelzentrum Dresden (LHZ) und Marland. Es spricht tatsächlich alle Funktionen, zumindest hat bisher eine blinde Nutzerin noch keine sprachlose Funktion festgestellt; das Gerät ist jedoch ein bisschen groß und aber auch generell für ältere bzw. schwerhörige Menschen geeignet. Auf der Internetseite des LHZ unter www.lhz-sachsen.de steht dazu folgendes:
Komfortgroßtastentelefon Geemarc BDP 400 mit Sprachausgabe
"Komfortgroßtastentelefon Geemarc BDP 400 mit Sprachausgabe - Jede Ziffer wird bei Tastendruck angesagt. Bei Betätigung wichtiger Funktionstasten wird ebenfalls eine akustische Rückmeldung gegeben. Einige Tasten sind taktil gekennzeichnet. Die Bedienung des Menüs ist sprachgeführt, d.h. alle Funktionen und Einstellungen werden angesagt. Das extrem große Display erlaubt es sehbehinderten Nutzern, die Eingaben zu kontrollieren und die Anzeigen im Menü unabhängig von der Sprachausgabe zu lesen. Das Display hat Hintergrundbeleuchtung und einen veränderbaren Kontrast.
Im Telefonbuch können bis zu 85 Nummern mit zugeordneten Namen gespeichert werden. Beim "Blättern" wird der im Telefonbuch gespeicherte, aufgesprochene Name genannt. Wird kein Name aufgesprochen, so ist nur die gespeicherte Nummer zu hören. Ein Anruf kann direkt vom Telefonbuch oder aus der Anruferliste gestartet werden. Es ist möglich, Nummern aus der Anrufliste ins Telefonbuch zu kopieren. In der Anrufliste sind bis zu 64 Nummern abrufbar. Bei aktivierter Clip-Funktion des Netzanbieters erfolgt eine akustische Information darüber, wer anruft. Ist der Name des Anrufers im Telefonbuch gespeichert, so wird er angesagt. Durch mögliche Veränderungen der Lautstärke während des Freisprechens und durch Veränderung der Hörerlautstärke ist das Telefon auch gut für Menschen mit Höreinschränkungen geeignet.
Weitere Merkmale:
Die beiden weiteren schnurgebundenen Telefone sprechen nur sehr eingeschränkt, die Funktionen im Menü werden akustisch nicht wiedergegeben. PABS bietet auf seiner Internetseite das folgende Gerät für 74,95 Euro an:
Schnurgebundenes Großtastentelefon mit Sprachausgabe Hagenuk BIG 100
"Das benutzerfreundliche analoge Telefon mit Großtasten und Notruffunktion ist besonders für blinde, sehbehinderte, hör-sehbehinderte und ältere Menschen geeignet. Die eingebaute Sprachausgabe ermöglicht die Nutzung des Telefonbuchs für bis zu 30 Einträge. Beim Wählen einer Rufnummer werden die einzelnen Ziffern angesagt (sprechendes Tastenfeld). Außerdem wird der Name oder die Nummer des Anrufers bei freigeschaltetem Clip nach dem ersten Klingeln gesprochen. Über die Anrufliste können Sie sich ansagen lassen, wer in Ihrer Abwesenheit angerufen hat. Das Telefon verfügt über eine drahtlose Notruf-Fernbedienung mit großer Reichweite für Notrufe (ca. 50 Meter), mit Freisprechschaltung bei Gesprächsannahme, hochempfindliches Mikrofon (bis zu 15 Meter), Lautstärke von Hörer und Lautsprecher einstellbar, Hörgerätekompatibel, Individuelle Notrufnachricht, Sondertasten für Polizei und Rettungsdienst, SOS-Taste auf dem Telefon und vieles mehr."
PowerTel 50 Alarm Plus
Der Marland-Versand bietet für 99,95 Euro das schnurgebundene, analoge Großtastentelefon PowerTel 50 Alarm Plus mit programmierbaren Notrufnummern und handlichem Alarmgeber an. Wählt man eine Rufnummer, so ertönt die Sprachausgabe bei Tastendruck; Nummern der Anruferliste werden angesagt. Im übrigen ist das Telefon für ältere bzw. sehbehinderte oder schwerhörige Menschen geeignet.
Bei den schnurlosen Festnetztelefonen sieht es ganz traurig aus. Ein Telefon mit möglichst umfangreicher Sprachunterstützung gibt es nach meinen Recherchen gar nicht. Mit sehr eingeschränkter Sprachunterstützung bietet PABS ein Telefon von Panasonic als Auslaufmodell für zur Zeit herabgesetzte 99,95 Euro an. PABS schreibt dazu auf seiner Internetseite:
Panasonic Schnurlostelefon mit Rufnummernansage und Knochenleitungsfunktion!
"Das Telefon sagt bei freigeschalteter Clip-Funktion die Rufnummer des Anrufers an. Damit identifizieren Sie Ihren Gesprächspartner, bevor Sie den Anruf entgegennehmen. Ebenfalls angesagt werden die im Telefonbuch gespeicherten Nummern, die 10 zuletzt gewählten Rufnummern aus der Wahlwiederholung sowie die Liste der letzten 50 Anrufer. Eine weitere Besonderheit ist die Knochenleitungsfunktion. Das Schnurlos-Telefon hilft bei Hörschwierigkeiten, die durch das Außen und Mittelohr hervorgerufen werden. Dazu ist das Mobilteil mit einem Knochenleitungshörer ausgestattet, der beim Telefonieren Schwingungen über Knochen zum Innenohr leitet. Die Knochenleitungsfunktion ist bei Schädigungen des Gehörgangs oder des Mittelohrs sowie beim Telefonieren in lauter Umgebung hilfreich.
Weitere Merkmale: große, bedienerfreundliche Tasten, LED-Leuchtindikator bei eingehenden Anrufen, großes, gut lesbares 3-zeiliges Punktmatrix-Display, Mobilteil mit Tastatur und Displaybeleuchtung, Freisprecheinrichtung, Telefonbuch für 50 Namen und Nummern, wobei nur die Rufnummern angesagt werden, einfache Bedienung durch die zentrale Navigationstaste, Polyphone Anrufmelodien (10 Melodien + 5 Ruftöne), Wahlwiederholung (10 Nummern, Gesprächszeit 10 Std, Standby 170 Std., Headset-Anschluss, Akku-Typ NiMH (handelsübliche Akkus), Farbe Silber, Abmessungen (B x H x T) 48 x 179 x 38 mm.
Lieferumfang: Basisstation, Mobilteil, Netzteil, TAE-Anschlussstecker, Akkus, Handbuch im PDF-Format, Spezialanleitung für Blinde und Sehbehinderte im MP3- und Word-Format auf CD und per E-Mail."
Weitere schnurlose Geräte mit Sprachunterstützung habe ich nicht entdeckt. Wie umfassend die Sprachausgabe funktionieren soll und welches Telefon das Geeignete sein dürfte, hängt natürlich immer vom jeweiligen Einsatzfall und von den Anforderungen durch den Nutzer ab. Denkbar ist, dass künftig weitere handelsübliche Telefonapparate mit Sprachausgabe auf dem Markt erscheinen. Damit es keine Nischenprodukte werden und bleiben, müssen solche Geräte sowohl für ältere als auch für Menschen jeglicher Behinderung geeignet sein. Sollten Sie weitere Telefonapparate kennen, die eine Sprachausgabe besitzen und die heute noch auf dem Markt erhältlich sind, so bin ich Ihnen für derartige Informationen sehr dankbar.

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Info-Service

DZB-Terminüberblick 2011

Katja Lucke
Nach der kurzen Atempause zum Jahreswechsel beginnt für die DZB Leipzig wieder ein ereignisreiches Jahr. Wir möchten Ihnen daher einen Überblick zu den wichtigsten Terminen geben.
Herauszuheben ist auch dieses Jahr der Monat September, indem wir Sie sowohl zum traditionellen "Tag der offenen Tür" als auch zum "Weltkongress Braille21 - Innovationen in Braille im 21. Jahrhundert" ganz herzlich nach Leipzig einladen!
Die Messetermine werden durch die Leipziger Buchmesse, die SightCity in Frankfurt am Main und die REHACARE in Düsseldorf komplettiert. Die Details finden Sie in der folgenden Übersicht:
Wir freuen uns auf Ihren Besuch. Weitere ausführlichere Informationen erhalten Sie zu gegebener Zeit in Ihren DZB-Nachrichten, im DZB-Newsletter und natürlich auch über unsere Internetseite: www.dzb.de.

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9. Deutscher Hörfilmpreis: Zehn Filme am Start

Am 15. März 2011 wird in Berlin der 9. Deutsche Hörfilmpreis verliehen. Am 16. Dezember hat der DBSV die Nominierten für die begehrte Auszeichnung bekannt geben. Bei der Auswahl der Preisträger hat die Jury die Qual der Wahl zwischen zehn herausragenden Hörfilm-Produktionen.
Aus allen Einreichungen wurden von der Vorjury folgende zehn Hörfilmproduktionen ausgewählt:
Die festliche Preisverleihung findet am Dienstag, den 15. März 2011, in Berlin im historischen Atrium der Deutschen Bank Unter den Linden statt. Schirmherrin ist bereits zum dritten Mal die Schauspielerin Christine Neubauer.
Jetzt beginnt die Arbeit der prominent besetzten Jury, die unter den nominierten Filmen die Auswahl der Preisträger zu treffen hat. In diesem Jahr wieder mit dabei sind die Schauspielerinnen Brigitte Grothum und Bettina Zimmermann sowie Filmredakteur Lars-Olav Beier (Der Spiegel). Neu unter den Mitgliedern sind Claudia Roth (Bundesvorsitzende Bündnis 90/Die Grünen), Filmproduzentin Uschi Reich und Regisseur Lars Kraume.
Hörfilme ermöglichen es blinden und sehbehinderten Menschen, Filme als Ganzes wahrzunehmen und zu genießen. Diese Filme sind mit einer Audiodeskription (AD) versehen, die in knappen Worten zentrale Elemente der Handlung sowie Gestik, Mimik und Dekors beschreibt. Diese Bildbeschreibungen werden in den Dialogpausen eingesprochen.
Der Deutsche Hörfilmpreis wird seit 2002 vom DBSV verliehen und von der Aktion Mensch unterstützt. Hauptsponsor ist Pfizer Deutschland. Preisträger des 8. Deutschen Hörfilmpreises 2010 waren für ihre herausragenden Audiodeskriptionen Degeto Film mit der norwegischen Komödie "Elling" und ARTE mit der Schweizer Produktion "Vitus". Der erstmals von blinden und sehbehinderten Hörfilmfans gewählte Publikumspreis ging an den Bayerischen Rundfunk für die Hörfilmfassung von "Der Vorleser".
Weitere Informationen gibt es unter: www.deutscher-hoerfilmpreis.de
[Quelle: DBSV-direkt]

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Tandem-Hilfen e.V. 2011

[Quelle: Die Kette]

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ABC Pflegeversicherung neu

Kostenlose Beratungsbroschüre für Menschen mit Körperbehinderung
Wer entscheidet, ab wann ein pflegebedürftiger Mensch einen Pflegedienst in Anspruch nehmen kann, oder ob und wieviel Pflegegeld er erhält, wenn ein Angehöriger oder Freund die häusliche Pflege übernimmt? In seiner 7. Auflage (Stand November 2010) erschien das "ABC Pflegeversicherung - Praktische Tipps und Ratschläge zur Pflegeversicherung" vom Bundesverband Selbsthilfe Körperbehinderter (BSK e.V.) und liefert Antworten auf viele solche Fragen.
Der erste Teil der Broschüre gibt einen umfangreichen Überblick und stellt die wichtigsten Leistungen und Möglichkeiten der Pflegeversicherung dar. Leicht verständlich sind die einzelnen Begriffe des Pflegeversicherungsrechts in alphabetischer Reihenfolge erläutert.
Der zweite Teil enthält Auszüge aus besonders relevanten Vorschriften des Pflegeversicherungsgesetzes, des SGB XII (Sozialhilfe) und die wichtigsten Teile der Pflegebedürftigkeits-Richtlinien.
Der Ratgeber ist beim BSK, Postfach 20, 74238 Krautheim, Tel.-Nr. 06294 4281-0 oder per E-Mail info@bsk-ev.org gegen eine Schutzgebühr von nur 2,50 € einschließlich Porto/Versand erhältlich.
[Quelle: www.bsk-ev.org]

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Vorlesehandys - Texterfassung mit Hürden

Über Texterkennungssoftware für Handys hat INCOBS schon hin und wieder informiert. Das Konzept ist einfach: Schriftstücke werden mit dem Handy fotografiert und dann von einer Sprachausgabe vorgelesen. So leicht ist das für blinde Nutzer allerdings nicht, wie nun der neue Test von INCOBS zeigt. Wir haben die drei auf dem deutschen Markt erhältlichen Produkte unter die Lupe genommen. Die große Hürde zu Beginn ist das "blinde" Fotografieren eines Schriftstücks, dabei keinen Text abzuschneiden und die Kamera weder zu hoch noch zu schief zu halten. Ist das einmal gelungen, sind die Ergebnisse in der Texterkennung gar nicht schlecht - vor allem bei den beiden teueren Programmen. Das neue deutsche Produkt beyo Reader hat hier noch etwas Nachholbedarf, ist aber mit 200 Euro ein echtes Sonderangebot.
Der Test:
http://www.incobs.de/produktinfos/lesesprech/test_texterkennung_handys2010/index.php
[Quelle: INCOBS]

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Unterschriftenaktion der Stiftung "taubblind leben"

Taubblinde Menschen haben in fast allen Lebensbereichen einen Assistenz-, Hilfsmittel- und Förderbedarf, der sich von dem blinder und gehörloser Menschen wesentlich unterscheidet. Das geht aus einem Gutachten hervor, das der Gemeinsame Fachausschuss Hörsehbehindert / Taubblind (GFTB) kürzlich veröffentlicht hat. Darin fordern der DBSV und weitere angeschlossene Verbände unter anderem, dass taubblinde Menschen Anspruch auf persönliche Assistenz im Umfang von 20 Stunden pro Woche haben, dass spezielle Hilfsmittel entwickelt werden und dass ein Taubblindengeld eingeführt wird, das den Bedarf an behinderungsbedingten Aufwendungen deckt.
Im System der Sozialleistungen ist der besondere Bedarf taubblinder Menschen bislang nicht verankert, so dass die Betroffenen unter einer dramatischen Unterversorgung zu leiden haben. Um die Situation taubblinder Menschen strukturell zu verbessern, muss zunächst anerkannt werden, dass Taubblindheit eine Behinderung eigener Art ist und nicht bloß die Summe von Blindheit und Taubheit. Deshalb setzt sich der GFTB seit 2007 für die Einführung eines Merkzeichens TBL im Schwerbehindertenausweis ein. Dieses Merkzeichen TBL soll den Verbänden als argumentative Grundlage dienen, um die gesetzliche Verankerung der in dem Gutachten beschriebenen Leistungen einzufordern. Ebenso kann es den Betroffenen helfen, ihre dann bestehenden Ansprüche gegenüber Behörden und Krankenkassen durchzusetzen.
Die Stiftung "taubblind leben", die sich für die Rechte taubblinder Menschen einsetzt, hat nun im Internet eine Unterschriftenaktion gestartet, um das Merkzeichen TBL durchzusetzen. Unterstützen Sie diese Initiative und leisten Sie mit Ihrer Unterschrift einen Beitrag dazu, dass taubblinde Menschen mit ihrem spezifischen Unterstützungsbedarf von Politik und Gesellschaft wahrgenommen werden.
Unterschriftenliste unter www.stiftung-taubblind-leben.de
Das Gutachten über Taubblindheit als Behinderung eigener Art finden Sie im Internet unter www.taubblind.dbsv.org
[Quelle: DBSV-direkt]

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Impressum

»DZB-Nachrichten« erscheint zweimonatlich im Jahresabonnement wahlweise als CD DAISY, in Blindenkurzschrift und in Schwarzschrift.
Kündigungsfrist: 3 Monate vor Ende des Kalenderjahres.
Kostenlose Beilage: »Leipziger Bücherliste«.
Online unter: www.dzb.de/zeitschriften
Herausgeber, Herstellung, Vertrieb
Deutsche Zentralbücherei für Blinde zu Leipzig (DZB)
Staatsbetrieb des Freistaates Sachsen
Gustav-Adolf-Straße 7, 04105 Leipzig
Postfach 10 02 45, 04002 Leipzig
Tel.: 0341 7113-0
Fax: 0341 7113-125
E-Mail: info@dzb.de
www.dzb.de
Redaktion
Karsten Sachse
Tel.: 0341 7113-135
E-Mail: verlag@dzb.de
Abonnements, Anzeigen
Sylvia Thormann
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E-Mail: abo@dzb.de
Spenden
Förderverein »Freunde der DZB e.V.«
Sparkasse Leipzig
BLZ 860 555 92
Konto 1 100 830 010
DZB 2011

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