in puncto DZB - 02 / 2017

02 2017

Editorial

Liebe Leserinnen und Leser,

wer stillsteht, geht zurück – also bewegen wir uns nach vorn und probieren Neues aus. Zum Beispiel in der Produktion tastbarer Kinderbücher: Zurzeit entwickelt die DZB eine taktile Bilderbuch-Reihe nach sonderpädagogischen Regeln der Frühförderung. Wie das erste Buch dieser Reihe aussieht, lesen Sie im Folgenden. Des Weiteren erfahren Sie, warum es wichtig ist, über den eigenen Tellerrand hinauszuschauen. Diese Gelegenheit erhielten alle Teilnehmer der internationalen Konferenz „Tactile Reading“ in Stockholm.
Wie Museen ihre Ausstellungen für blinde und sehbehinderte Menschen barrierefreier gestalten, lesen Sie am Beispiel der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden, die der DZB ein taktiles Begleitbuch in Auftrag gaben.

Natürlich bekommen Sie in dieser Ausgabe wieder jede Menge Buchtipps ─ unter anderem auch persönlich von DZB-Hörbuchsprecher Edwin Diele. Wir wünschen Ihnen eine unterhaltsame Lektüre und freuen uns auf Ihr Feedback!

Ihre Redaktion

Im Fokus

Aufbruch in neue Kinderbuchwelten

„Klapperlapapp“ ─ so heißt eine neue Kinderbuchreihe, deren erstes Buch gerade in der DZB entwickelt wird. So fluffig wie der Titel ist, so viel Spaß macht das Hin-und-Her-Klappbuch, wenn passende Formen und Oberflächen gefunden werden sollen. Ein Beitrag von Gabi Schulze.

Wer mit den Fingern über die Seiten des taktilen Kinderbuches wandert, fühlt auf der linken Seite eine weiche runde Form, auf der rechten Seite etwas raues Eckiges. Klappt man den rechten Teil der stabilen Pappseite nach oben, dann tasten die Finger rechts etwas Gepunktetes. Auf der anderen Hälfte ist immer noch die weiche runde Form. Aber wo ist deren andere Hälfte?

Das Buch, dessen Seiten hier so begeistert hin und her geklappt werden, lässt immer wieder neue Formen und Oberflächen entstehen, deren Ertasten Kindern großen Spaß machen soll. „Es ist das erste aus einer neuen Reihe von Klappbilderbüchern, die in der DZB hergestellt werden“, erzählt Manuela Pohle, Verlagsleiterin. „Wir möchten unser Angebot an Büchern für blinde und sehbehinderte Kinder erweitern und gehen dabei neue Wege. Unsere Bücher sollen barrierefrei und trotzdem attraktiv gestaltet sein, so dass sie sowohl sehende als auch blinde Kinder mit Freude entdecken können.“
Schon die Tastbilderbücher der DZB aus unterschiedlichen Materialien, wie beispielsweise das bekannte Kinderbuch „Der Grüffelo“ und „Wo ist Mami“ von Axel Scheffler und Julia Donaldson wurden nach sonderpädagogischen Regeln der Frühförderung blinder und sehbehinderter Kinder gestaltet. Die neue Kinderbuchreihe
baut jedoch nicht nur auf theoretischen Erkenntnissen und praktischen Beobachtungen integrativer Frühförderung auf, sie ist speziell für blinde und sehbehinderte Kinder im Frühförder- und Erstlesealter konzipiert.

Klipp und Klapp: Finde die passende Form

Das erste Buch der Kinderbuchreihe „Klapperlapapp“ hat starke Pappseiten, die zweigeteilt und zum Ringbuch gebunden sind: zwei Teile, links und rechts zum Nach-Oben-Klappen. Verschiedene Formen sind zu entdecken: ein Kreis, ein Dreieck, Quadrat, ein Stern. Und ebenso viele unterschiedliche Oberflächen zu tasten: Der Kreis ist weich, der Stern rau, der Tropfen glatt, das Herz gepunktet. Durch Hin- und Herklappen der geteilten Pappseiten soll die jeweils passende andere Hälfte einer Form gefunden werden. Das Kombinieren von Formen und Oberflächen weckt bei Kindern Lust, die passenden Teile zu finden. Das Buch fördert durch seine taktile und visuelle Vielfalt die Wahrnehmung, Begriffsbildung und Sprache der Kinder im Vorschulalter und ist ein lehrreicher Spaß. „Allen Büchern unserer Klappbilderbuch-Reihe ist gemeinsam, dass die Kinder herausfinden müssen, was zusammen gehört und was nicht. Im ersten Buch lernen sie Formen und Oberflächen kennen. Im zweiten sollen sie erforschen, welche zwei Teile zu einem Gegenstand gehören, und im dritten können sie Paare finden, die thematisch zueinander passen, wie zum Beispiel die Wolle zum Schaf oder die Biene zum Honig“, erklärt Antje Mönnig, die die Bilderbuchreihe entwickelt.
Die Formen wurden aus verschiedenen Materialien hergestellt und auf kontrastreiche farbige Pappseiten gebracht, auf denen auch Begriffe für die jeweiligen Oberflächen in gedruckter Lack-Brailleschrift erscheinen. So kommen die Kinder schon vor der Schule spielend mit der Brailleschrift in Kontakt.

„Füll Mich“-Buch: selbstständig gestalten

Ein Workshop gemeinsam mit Pädagogen der integrativen Frühförderung gab Impulse für die Entwicklung des neuen Buchkonzeptes. Aus diesem Erfahrungsaustausch heraus entstand auch die Idee, die Reihe durch ein „Füll Mich“-Buch zu ergänzen. Kinder können dieses Buch selbstständig gestalten, sowohl Gebasteltes und Gesammeltes als auch in Brailleschrift Geschriebenes einkleben. Es ist handlich, quadratisch, mit Ringbuchbindung und hat wahlweise schwarze oder weiße leere Seiten. „Unser Ziel ist es, wertvolle taktile Bilderbücher mit Lerneffekt zu produzieren“, meint Antje Mönnig. „Deshalb suchen wir auch den Kontakt zu Schulen, Eltern und Kindern, mit deren Hilfe wir die Kinderbuchreihe immer weiter entwickeln wollen. Bei Veranstaltungen und Messen stellen wir unsere neuen Produkte vor und sammeln Feedback.“ Auf der SightCity in Frankfurt a. M. konnten beispielsweise die Besucher schon mal den Prototyp der neuen Kinderbuchreihe und das „Füll Mich“-Buch am Stand der DZB sehen und fühlen. Letzteres Buch kann in der DZB gekauft werden. „Klapperlapapp“ wird demnächst erscheinen.

Kunstgenuss mit taktilem Orientierungsplan und Audioguide

Die DZB hat für die Staatlichen Kunstsammlungen Dresden (SKD) ein Begleitbuch für blinde und sehbehinderte Kunstfreunde hergestellt, das durch die Museen im Residenzschloss Dresden führt.

Wer eines der Museen des Residenzschlosses in Dresden besucht, gelangt über den kleinen Schlosshof des prächtigen Renaissance-Bauwerkes zu den Eingängen. Arkaden und Ziergiebel lenken den Blick des Besuchers auf sich. Ganz besonders aber staunt man über das scheinbar schwebende durchsichtige Membrandach, das die vielen Ziergiebel überwölbt und so repräsentativ Moderne und Tradition vereint. Das Residenzschloss liegt mitten in der Dresdner Altstadt am Theaterplatz. Es beherbergt Museen und Ausstellungen der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden (SKD): das Historische und Neue Grüne Gewölbe, das Kupferstich-Kabinett, das Münzkabinett, die Rüstkammer im Riesensaal.
Die SKD zählen zu den drei großen Museumsinstitutionen Deutschlands. Ihre Traditionslinie reicht bis in das Jahr 1560 zurück, als Kurfürst August im Dresdner Residenzschloss die Kunstkammer gründete. In dem heutigen Verbund sind 14 international renommierte Museen vereinigt, wie beispielsweise die Gemäldegalerie Alte Meister, das Grüne Gewölbe, die Skulpturensammlung und der Mathematisch-Physikalische Salon.
Seit 2011 beschäftigen sich die SKD immer mehr mit dem Thema Inklusion. So spielt Barrierefreiheit in den Ausstellungskonzepten eine wichtige Rolle. Alle Besucher sollen Zugang zu den Museen haben und die Kunst problemlos genießen können. „Bis auf das Museum für Völkerkunde sind alle Museen der SKD stufenfrei zugänglich. Leitsysteme beispielsweise im Residenzschloss, dem Zwinger oder Albertinum unterstützen die Besucher bei der Orientierung“, erklärt Ramona Nietzold. Sie ist Museumspädagogin und arbeitet in der Abteilung Bildung und Vermittlung der SKD. Zu ihren Aufgaben gehört die Koordination und Umsetzung der Barrierefreiheit und Inklusion im Bereich der Vermittlung. „In den verschiedenen Dauer- und Sonderausstellungen bieten wir regelmäßig für Menschen mit Behinderung Veranstaltungen an. Wir konzipieren gemeinsam mit Betroffenen integrative, aber auch inklusive Workshops, Führungen oder kreative Werkstattkurse für Blinde und Sehbehinderte, für Gehörlose und Menschen mit Lernschwierigkeiten in Leichter Sprache.“

Taktile Grundrisse, Schwellkopien und Druckgrafiken als Duplikate

Damit blinde und sehbehinderte Menschen das Residenzschloss als Ganzes erleben, die Lage der Museen umfassend erfahren und sich dadurch besser orientieren können, beschlossen die SKD ein Begleitbuch zu erarbeiten. „Durch die bisherige Kooperation mit der DZB war schnell klar, dass die Kunstsammlungen hier einen kompetenten Partner an der Seite haben, mit dem diese Idee umgesetzt werden kann“, so Nicol Speer, Museumspädagogin. Das Buch liefert für jede Etage, beginnend im Erdgeschoss, einen taktilen Grundriss mit wichtigen Informationen. Außerdem beinhaltet es, bezogen auf die Etagen, taktile Grundrisse für jede Ausstellung. Diese zeigen Ein- und Ausgänge, die Standorte der Vitrinen und die Sitzgelegenheiten. Ausgewählte Objekte, dargestellt auf Schwellpapier, ergänzen das taktile Erlebnis in diesem Buch. An dessen Ende werden originale Druckgrafiken des Kupferstich-Kabinetts gezeigt, die für dieses Buch extra hergestellt wurden. Sie demonstrieren die Drucktechniken des Tiefdrucks als Radierung und Kaltnadelradierung und des Hochdrucks als Holzschnitt und ermöglichen damit einen erweiterten Zugang zu den Kunstformen.
„In Gesprächen entwickelten wir gemeinsam mit den Staatlichen Kunstsammlungen die Idee des Begleitbuches weiter. Ende April konnte der Auftrag an die SKD übergeben werden“, berichtet Sandra Kirsche von der Auftragsverwaltung der DZB. Das Begleitbuch ist Teil eines umfassenden inklusiven Projektes der Institution, zu dem auch die Erweiterung der Audioguide-Führungen im Residenzschloss gehört. Es wurden Führungen in audiodeskriptiver Form für blinde und sehbehinderte Menschen, in Leichter Sprache und Gebärdensprache erarbeitet, die jetzt für Besucher des Historischen und Neuen Grünen Gewölbes, der Türckischen Cammer, des Riesensaals und des Münzkabinettes zur Verfügung stehen.
Ein 1,50 x 1,50 m großes Bronzemodell des Residenzschlosses im Maßstab 1:125 ergänzt das inklusive Projekt. Damit werden Fassaden und die Dachkonstruktion für alle Gäste, besonders aber für Blinde und Sehbehinderte, erfahrbar gemacht. Sogar die Sgraffito-Malerei im gesamten Innenhof ist im Bronzemodell zu ertasten.

3D-Modell als Tasterlebnis

Exponate in Museen sind für Besucher meist visuell erlebbar und nicht zu ertasten. Damit Menschen mit Sehbeeinträchtigung Kunstwerke ganzheitlich erfahren können, müssen ihnen Repliken, Materialproben und andere Tastobjekte zur Verfügung gestellt werden. Hier entwickelten die SKD Konzepte für inklusive Veranstaltungen und Ausstellungen, in denen auf die Bedürfnisse und Ansprüche von Menschen mit und ohne Behinderung eingegangen wird. Ein gutes Beispiel dafür war die Sonderausstellung „Begegnung mit Rom ─ Druckgraphik des 18. Jahrhunderts“ im Kupferstich-Kabinett im letzten Jahr. In dieser wurde Piranesis grafische Zeichnung „Der Runde Turm“ mithilfe eines 3D-Modells besonders für Blinde und Sehbehinderte zu einem einzigartigen Tasterlebnis. Nach der Ausstellung kommt das Modell bei Veranstaltungen für blinde und sehbehinderte Kunstfreunde, aber auch für alle Besucher, bei der Vermittlung von Kunst zum Einsatz.

SKD auf dem Prüfstand

„Barrierefreiheit sollte ein Qualitätsmerkmal von Museen sein. Zugegeben es ist ein hoher Anspruch, denn Barrierefreiheit in Kunstmuseen, erst recht in historischen Gebäuden, ist nicht von jetzt auf gleich umzusetzen. Barrierefreiheit ist eher als Prozess zu verstehen“, meint Ramona Nietzold. „Wir haben ein ehrenamtliches Gremium bestehend aus Menschen mit verschiedenen Behinderungen zusammengestellt, das ein Jahr lang die Museen des Residenzschlosses auf Barrierefreiheit überprüft hat.“ Sind die Exponate für Rollstuhlfahrer zugänglich und gut zu sehen, sind die Texte der Audioguides verständlich, die Informationen kontrastreich gestaltet und die Schrift nicht zu klein ─ das alles waren Kriterien, die Betroffene testeten. Das Gremium hat die unterschiedlichsten Barrieren aufgezeigt, die es nun gilt, Schritt für Schritt zu beseitigen, so dass alle Besucher das kulturelle Erbe genießen können. Ein richtiger Schritt in diese Richtung ist ganz sicher auch das Begleitbuch für blinde und sehbehinderte Kunstfreunde in den SKD.

Information
Führungen für Blinde und Sehbehinderte: Anmeldungen beim Besucherservice unter besucherservice@skd.museum oder unter 0351-49142000

Interview

Hörbuchsprecher mit Instinkt für feine Töne

Edwin Diele, Hörbuchsprecher in der DZB, über lange Fußnoten in Hörbüchern, den Idealfall eines gut gesprochenen Buches und worauf es ankommt bei der Lesung eines Hörbuches.

Sie haben ein Tonmeisterstudium in Berlin gemacht und arbeiteten danach als Toningenieur. Seit 2007 sind Sie Live-Sprecher bei MDR Kultur. Wie kam es dazu, dass Sie vom Tonmeister sozusagen auf die andere Seite zum Sprecher gewechselt sind?

Als Toningenieur nehme ich seit 1995 Sprecher auf und bekam irgendwann Lust darauf, das Sprechen selbst einmal auszuprobieren. Erste Versuche ermutigten mich, und dann hat mir Frau Barbara Friederici vom MDR einen ersten Sprecherdienst anvertraut – gleich das bundesweit ausgestrahlte ARD-Nachtkonzert live. Meine Arbeit als Toningenieur und Tonmeister mache ich aber nach wie vor, das Sprechen kam eben noch dazu.

Vor Ihrem Tonmeisterstudium haben Sie in Würzburg Klavier studiert. Sie spielen also selbst sehr gut Klavier und übernehmen auch gelegentlich Moderationen für die verschiedensten Konzerte. Welche Rolle spielt für Sie die Musik in Ihrem Leben?

Die klassische Musik hat von früh auf mein Leben geprägt, am Klavier zu Hause als Kind, als Student, später im Tonstudio wie auch als aktiver Musiker oder begeisterter Konzertgänger.

Sie lesen seit 2008 für die DZB. Wie kamen Sie zum Hörbuchsprechen?

Meine Arbeit als Rundfunksprecher hat mir so gut gefallen, dass ich mich initiativ bei der DZB als Sprecher von Hörbüchern beworben habe. Zu dem Zeitpunkt wurde zufällig ein Sprecher gesucht und nach einem Vorlesen von drei Texten vor einem kleinen Gremium wurde ich dann in den Kreis der DZB-Sprecher aufgenommen.

Was gefällt Ihnen an Ihrer Arbeit als Sprecher von Hörbüchern?

Jeder Text ist anders: Roman, Sachbuch, Ratgeber, Kurzgeschichte, auch mal ein erotischer Text: Immer darf und muss ich als Sprecher eine Haltung zu einem Text finden, ob der mir nun mehr oder weniger liegt oder gefällt, ob es vielleicht eine sehr gute Übersetzung ist oder eine eher mäßige, ob das Thema mich persönlich berührt oder nicht: Darauf kommt es in dem Moment nicht mehr an, in dem ich das erste Wort lese: Dann versetze ich mich in die Geschichte des Autors bzw. in seine Romanfiguren und durchlebe im besten Falle die Handlung mit. Bei Sachbüchern versetze ich mich in den Hörer und möchte, dass er den Inhalt möglichst gut versteht und gut präsentiert bekommt.

Wie schaffen Sie es, den verschiedensten Charakteren eines Buches eine Stimme zu geben?

Ich stelle mir die Personen bildhaft vor und damit auch deren Charaktere. Das ist eine ganz subjektive Angelegenheit. Dabei spielt Sympathie eine Rolle, auch Unverständnis, Verachtung, Bewunderung. Ganz gleich was, irgendetwas muss ich im Moment des Lesens empfinden, dann kommt das für Hörer und Hörerin (im besten Falle) so an. Nur ein Ablesen der Worte funktioniert nicht. So ist das Sprechen eine anstrengende Angelegenheit, bei der aber alles immer locker klingen muss, dem Hörer zugewandt, stimmlich entspannt. Das ist bei der Musik oder beim Tanz nicht anders.

Lesen Sie die Bücher vor der Aufnahme schon mal quer? Wie bereiten Sie sich auf die Lesung vor?

Bis vor einigen Jahren habe ich die Bücher vorher ganz durchgelesen. Jetzt lasse ich mich lieber vom Fortgang der Geschichte überraschen (und damit auch den Hörer). Allerdings prüfe ich sie im Querlesen auf Fremdworte. Eines meiner letzten Bücher war der historische Roman "Die Tränen des Porzellans" von Jade Y. Chen, der in China spielt. Dafür musste ich viele Aussprachehilfen nutzen, im Internet wie auch zusammen mit meinem Aufnahmeleiter in der DZB.

Welches Buch empfanden Sie als eine große Herausforderung für Sie? Und warum?

Je besser das Buch oder die Übersetzung, desto leichter ist die Lesung, desto mehr Freude macht sie. Umgekehrt kann eine zu wörtliche Übersetzung oder auch eine nicht nachvollziehbare Geschichte das Lesen erschweren; in solchen Momenten darf ich das als Sprecher nicht persönlich nehmen (man könnte da schon mal fluchen…), sondern muss es erst recht lesen, als sei es das beste Buch der Welt. Schwierig sind auch Bücher mit vielen Fußnoten. Ein sehender Leser kann dann mit den Augen ans Seitenende springen und sie lesen oder es lassen; ein blinder Zuhörer muss sich dann die u.U. lange Fußnote anhören und dann wieder in den eigentlichen Text hereinfinden. Das muss ich als Sprecher deutlich voneinander absetzen, in Stimmfall und Stimmhaltung.

Was meinen Sie, welche Fähigkeiten sollte ein guter Sprecher von Hörbüchern haben?

Er muss einen Weg finden, das Buch zu durchleben. Der Sprecher als Individuum sollte völlig in den Hintergrund treten, und der Hörer soll die fiktive Welt in allen Facetten vor sich sehen. Es ist wie bei einem 3D-Bild: Erst sehen Sie nur einen Haufen Punkte und Striche, aber wenn der richtige Abstand mit den Augen gefunden ist, tritt das wahre Bild zu Tage: Eine Zahl, ein Bild, eine Naturszene. Dann sind die Punkte und Striche unsichtbar. Besonders beeindruckt hat mich zuletzt Burkhard Klausner mit der Biografie von Wolf Biermann: Es klingt so, als würde der Sprecher in launiger Runde seinen Freunden sein eigenes Leben schildern – das ist der Idealfall.

Welches Buch würden Sie gern mal als Hörbuch hören? Und von wem sollte es gelesen werden?

In meiner Jugend habe ich die Romane von Jules Verne verschlungen. "Fünf Wochen im Ballon" mit Udo Wachtveitl, das würde mich sehr interessieren.

Was ist Ihr Lieblingsgeräusch?

Wellen am Strand.

Edwin Diele

Ist 1964 in Genf geboren, studierte in Würzburg Klavier und nahm anschließend ein Tonmeisterstudium an der UdK Berlin auf. Jetzt ist er als Tonmeister, Toningenieur und Pianist tätig. Er ist Live-Sprecher beim MDR Kultur. Seit 2008 liest er in der DZB Hörbücher.

Drei Hörbuchempfehlungen

Edwin Diele empfiehlt folgende drei Hörbücher:

"Matterhorn" von Karl Marlantes

Ein Epos um den Vietnamkrieg, detailreich, nicht reißerisch und trotzdem ungemein spannend geschrieben. Geschildert wird aus der Sicht einer amerikanischen Kampfeinheit der Kriegsalltag im Dschungel, die Absurditäten der Kriegsführung, die unmenschlichen Opfer zur Eroberung eines kleinen Hügels; aber auch der Zusammenhalt zwischen den Soldaten, die menschlichen Momente zwischen den Kämpfen, das Schicksal, das den einen überleben lässt und seinen Nebenmann nicht... ein beeindruckendes wie niveauvolles Buch.

Heyne, München, 2013
Spieldauer: 24:46 h
Hörbuchnummer: 30085

"Der Ursprung des Bösen" von Jean-Christophe Grangé

Ein vor Fantasie überbordender Psychothriller um Mathias Freire: Wie viele Persönlichkeiten besitzt er? Welche ist die richtige? Hat er die Ritualmorde in seiner Umgebung verübt? Wie schafft er es aus diesem Albtraum heraus? Das Ende ist ein Showdown auf einer U-Boot-Werft in Marseille. Diese Geschichte ist verrückt im positiven Sinne: Man wünscht sich, dass einem selbst niemals so etwas passiert.

Ehrenwirth, Bergisch Gladbach, 2012
Spieldauer: 25:01 h
Hörbuchnummer: 24761

"Gertrudas Versprechen" von Ram Oren

Ein bewegendes Zeitzeugnis aus dem 2. Weltkrieg: Gertruda ist die katholische Kinderfrau von Michael, dem Sohn wohlhabender jüdischer Eltern aus Warschau. Diese wiegen sich in vermeintlicher Sicherheit und überleben das Naziregime nicht. Ihr Sohn bleibt in der Obhut der heldenhaften Gertruda, und gemeinsam er- und überleben sie den Krieg. Das Buch begleitet sie auf dem Exodus nach Israel, wo Gertruda als eine der "Gerechten unter den Völkern" geehrt wird. Ihre Schicksale werden mit viel Einfühlungsvermögen und Sympathie geschildert, man bangt bei jeder brenzligen Situation mit.

Brunnen-Verlag, Gießen, 2013
Spieldauer: 10:14 h
Hörbuchnummer: 26562

Kurz gemeldet

Was Rätselfreunde lieben

Zahlenrätsel, Silbenrätsel, Schüttelrätsel ─ Rätseln hält geistig fit und ist bei jedermann beliebt. Das Heft „Bastei Wort-Suchspiel“ vom Deutschen Rätselverlag enthält die verschiedensten Rätsel rund um Wörter, Wortsilben und Reime wie beispielsweise Füllrätsel, Mixwörter und Rate-Reime. Finden Sie die gemeinsame Silbe zweier Wörter oder die andere Hälfte eines Spruches und gönnen Sie sich ein paar entspannte Minuten.

Um rabenschwarze, knifflige Rätselgeschichten geht es auch im Teil 3 der Black Stories. Hier muss durch Fragen, Tüfteln und „Um-die-Ecke-Denken“ der Tathergang Stück für Stück rekonstruiert werden. Für alle, die gruseligen Rate-Spaß und schwarzen Humor mögen!

Bastei Wort-Suchspiel
Deutsche Rätsel-Verlag-GmbH, 2015
Kurzschrift und Basisschrift, 1 Broschur, 6,00 €, BNV 8998, BNA 18062

Bösch, Holger: Black Stories: Teil 3
Moses, 2015
MAXI-Druck, Karten im Karton, 19,00 €, BNV 9001
Vollschrift einseitig kombiniert mit MAXI-Druck, Karten im Karton, 35,00 €,
BNV 9002

Kontakt:
Telefon: 0341 7113119 bzw. E-Mail: verkauf@dzb.de

Hörfilme zum Ausleihen

Filmserien wie „In aller Freundschaft“ und „Tierärztin Dr. Mertens“ aber auch der „Tatort München“ oder „Polizeiruf 110 München“ gehören zu den insgesamt 250 Hörfilmen, die ab sofort in der DZB ausgeliehen werden können. Hierbei handelt es sich um Tonspuren mit Audiodeskription, die der MDR und der Bayerische Rundfunk der DZB zur Verfügung gestellt haben. Nutzerinnen und Nutzer können im Online-Hörbuchkatalog gezielt nach Hörfilmen suchen, diese als CD bestellen und mithilfe des DAISY-Gerätes abspielen. Oder aber sie laden sich die ausgewählten Hörfilme über den PC, ein internetfähiges DAISY-Gerät bzw. die DZB App herunter. Pro Film beträgt die Leihfrist einen Monat. Die CDs werden ausschließlich in Versandumschlägen verschickt. Die DZB beabsichtigt das Angebot zu erweitern. Interessenten können dann Filme verschiedener Sender mit Audiodeskription hören.

Weitere Informationen:
Telefon: 0341 7113116 bzw. -118

Bitte schon mal vormerken

Am 2. September 2017 ab 10 Uhr lädt die DZB wieder interessierte Gäste zum Tag der offenen Tür ein. In Führungen durch das Haus erhalten sie Einblick in die Arbeit der Korrekturleser, Relieftechniker, Buchbinder sowie Aufnahmeleiter im Studio. Besucher können hinter die Kulissen schauen und erkunden, wie Braille-, Relief- und Hörbücher entstehen. Gemeinsam mit dem Schauspielhaus und dem Zoo Leipzig bereiten wir ein vielfältiges Programm mit einigen Mitmach-Aktionen für Jung und Alt vor. Als besonderer Gast ist Ypsilon eingeladen, eine junge, sehbehinderte Frau, die mit ihren Videos auf Youtube für Blindheit und Sehbehinderung sensibilisieren möchte. Gönnen Sie sich gemeinsam mit uns einen schönen erlebnisreichen Tag und lassen Sie sich überraschen!

Größere Gruppen bitten wir um Anmeldung unter presse@dzb.de .

2. September 2017, ab 10 Uhr, Gustav-Adolf-Straße 7, 04105 Leipzig // Tram 3, 4, 7 oder 15, Haltestelle Leibnizstraße.

Special

Gartenlust und Blumenpracht

„Hast du einen Garten und eine Bibliothek, dann hast du alles, was du brauchst“, lautet ein Zitat von Cicero, dem römischen Redner und Staatsmann. In der Bibliothek stehen die Gartenbücher, in denen jeder Gartenfreund Rat und professionelle Hilfe findet. Unsere hier ausgewählten Bücher entdecken altes Gärtnerwissen, zeigen die Welt der Pflanzen, wie man sie pflegt und welche Geschichten um sie ranken.

Siegfried Tatschl: 555 Obstsorten für den Permakulturgarten und -balkon : Planen, Auswählen, Ernten, Genießen

Nachhaltig anbauen, staunen und genießen: Permakulturpionier Siegfried Tatschl zeigt in 555 Sortenporträts, wie abwechslungsreich und kulinarisch interessant das Angebot an Obst und Nüssen in unseren Gärten sein kann, von A wie Alpenjohannisbeere über S wie Schneeglöckchenbaum bis Z wie Zimthimbeere, von alten heimischen Sorten bis zu anpassungsfähigen Exoten.
Löwenzahn-Verlag, 2015,
1 CD DAISY (25:10 h) H038053

Gartengeflüster: Pikantes und Unterhaltsames aus der Geschichte der Gärten
Ob Kaiserin Josephines Jagd nach der Pfingstrose oder das Geheimnis um die »Kameliendame« – es gibt zahlreiche Geschichten, die sich um Menschen und ihre Gärten ranken. Otto Krätz hat in diesem Buch Anekdoten und Geschichten aus verschiedenen Jahrhunderten zusammengetragen.
München: Callwey, 2009,
1 CD DAISY (3:50 h), H022518

Inga-Maria Richberg: Altes Gärtnerwissen wieder entdeckt: den Erfahrungsschatz vergangener Zeiten nutzen
Sammlung von Anleitungen und Tipps zur Pflege von Gartenpflanzen mit einfachen und bewährten Mitteln. Ausführliche Beiträge, z.B. über die Kompostbereitung oder das Gärtnern nach dem Mondkalender, wechseln sich ab mit einer Vielzahl von Ratschlägen für den Nutz- und Ziergarten, deren Anwendung heute noch sinnvoll ist.
München: BLV-Buchverlag, 2010,
1 CD DAISY (10:07 h), H026435

Monty Don: Ein Garten für die Sinne
Den Garten bewusst erleben als intensive Erfahrung für alle Sinne - Inspiration zur Reflexion und zur praktischen Umsetzung im eigenen Garten. Neben der Beschreibung der reinen Wahrnehmung von Pflanzenwelt, Boden, Jahreszeit, etc. wird auch der gärtnerischen Arbeit an sich viel Platz eingeräumt. Ebenso ist das Pflanzenverzeichnis im Anhang, das eine Kurzbeschreibung der in den einzelnen Kapiteln erwähnten Pflanzen enthält, eine sehr hilfreiche Anregung.
München: BLV, 1998,
2 Mobilbände mit Reliefs, Kurzschrift, 38,00 €,
BNV 3912, BNA 10217

Barbara Frischmuth: Marder, Rose, Fink und Laus
Wie jeder Gärtner weiß Barbara Frischmuth, dass sie sich die Bewohner ihres Gartens nur bedingt aussuchen kann. Unstete Blumen ziehen von Beet zu Beet. Pflanzen wandern ein und verdrängen alteingesessene, andere verschwinden spurlos. Eine Primadonna wie die Pfingstrose ist nicht anspruchsvoller als die angeblich genügsamen Gräser. Am unberechenbarsten sind die tierischen Mieter, vom ritterlichen Kater Max und den mörderischen Lilienhähnchen bis zu Milli, der Erdkröte mit dem Zauberblick.
Aufbau-Verlag, 2007,
2 Bände, Voll- und Kurzschrift, BNA 15551

Susanne Paulsen: Sonnenfresser: wie Pflanzen leben
Dieses Buch erzählt vom Wachsen, Leben und Sterben der Pflanzen, von ihrer Wanderlust und ihrem Einfluss auf die Weltgeschichte, von Kräuterhexen und Botanikern, der »grünen Revolution« und Genfood, von historischen und virtuellen Gärten – erstaunliche und abenteuerliche Geschichten aus der Welt der Sonnenfresser.
Berlin-Verlag, 2001,
2 Bände, Kurzschrift, BNA 10500

Unterwegs

Eine Konferenz nicht ohne schwedische FIKA

Vom 5. bis 7. April 2017 fand in Stockholm die Konferenz Tactile Reading statt, an der auch zwei Mitarbeiterinnen aus der DZB teilnahmen. Menschen von überall aus der Welt, die mit blinden und sehbehinderten Kindern und Jugendlichen zusammenarbeiten, präsentierten erfolgreiche Arbeitsmethoden und nützliche Ergebnisse auf dem Gebiet des taktilen Lesens. Hier einige Eindrücke von Dr. Julia Dobroschke.

Vom 5. April bis 7. April 2017 besuchte ich gemeinsam mit Antje Mönnig die internationale Konferenz Tactile Reading in Stockholm. Ein kurzer Spaziergang durch die Altstadt auf dem Weg zum Tagungsort zeigte uns schon, dass die Stadt, umgeben von Wasser, eine tolle Atmosphäre versprüht. Durch die unterschiedlichen Baustile der Häuser, die wir in den kleinen Gassen und Einkaufsstraßen fanden, unternahmen wir unweigerlich eine kleine, aber anschauliche Reise durch die Geschichte. Es schien die Sonne und keine Wolke war am Himmel zu sehen, was uns positiv überraschte, auch wenn die Temperaturen im einstelligen Bereich lagen. Wir empfanden es als etwas frostig, aber die Schweden trugen bereits kurzärmelige Sommerkollektion und ein Lächeln auf den Lippen.

Nach der Registrierung ging es dann auch gleich los und ca. 300 Teilnehmer aus 28 unterschiedlichen Ländern wurden im großen Konferenzsaal des Hotels begrüßt. Der Vortragsmarathon von drei parallelen Sessions war eingeläutet. Man kann sich vorstellen, dass solche Menschenmengen und Vortragsreihen schon im Vorfeld eine Unmenge an Koordination mit sich bringen. Die schwedischen Veranstalter haben es aber geschafft, dass zu jeder Zeit alles bestens organisiert war und eine offene, herzliche Stimmung herrschte. Deshalb ließen erste Gespräche in der Kaffeepause nicht lange auf sich warten. Ein Stadtrundgang und die beiden gemeinsamen Abendveranstaltungen, u. a. in der City Hall, trugen dazu bei, dass sich Besucher und Referenten, zum Beispiel aus Belgien oder Australien, näher kennenlernten. Und auch die schwedischen Teilnehmer luden uns ein, zum Beispiel mehr über das Land und sein Bildungssystem zu erfahren. Im Gegensatz zu Deutschland gibt es in Schweden keine Sonderschulen für Kinder mit Behinderungen. Alle Kinder besuchen für gewöhnlich die allgemeine Schule. Lehrer müssen also über ein vielfältiges Fachwissen verfügen, um heterogene Klassen zu unterrichten. Sie arbeiten dabei oft als Team zusammen.

Der Besuch der Veranstaltung zeigte aber auch, mit welchen Herausforderungen und Verfahren sich Länder rund um den Globus derzeit zum Thema Braille beschäftigen. Wir haben mehrere Impulse auch für die Arbeit der DZB erhalten. Nicht zuletzt schienen schwedische Rituale wie die täglichen Kaffeepausen (schwedisch FIKA, ja sie haben ein eigenes Wort dafür), die in Unternehmen abteilungsübergreifend stattfinden, durchaus nachahmenswert, um den Austausch zwischen Mitarbeitern zu fördern.

Die Konferenz ermöglichte den Teilnehmern Erfahrungen und Kenntnisse auszutauschen. Fachkräfte, Pädagogen und Wissenschaftler referierten zu verschiedenen Themen, wie beispielsweise zur Entwicklung taktiler Lesefähigkeiten, kognitiver und feinmotorischer Fertigkeiten, über den Zugang zu geschriebener Sprache und den Gebrauch der Brailleschrift, den Einsatz tastbarer Bilder.

Dr. Julia Dobroschke forschte in ihrer Doktorarbeit zum Thema Produktion inklusiv konzipierter Lehrbücher.
Kommunikationsdesignerin Antje Mönnig ist die Autorin des Buches „Unmöglich. Aber machbar. Inklusion von blinden und sehbehinderten Schülern“. Es beleuchtet das Thema Inklusion aus unterschiedlichen Perspektiven und stellt sich der Frage, ob Inklusion direkt vor unserer Haustür tatsächlich gelebt werden kann.

Kennen Sie Schweden?

Schweden ist mit etwa 9 Millionen Einwohnern das größte skandinavische Land.

Lagom ist ein wichtiges und häufig gebrauchtes Wort in Schweden. Es bedeutet so viel wie „gerade richtig“, eben nicht zu viel und nicht zu wenig.

Die Schweden konsumieren jährlich 9,19 Kilo Kaffee pro Person.

FIKA ist das schwedische Wort für Kaffeepause.

Smörgåsbord or smorgasbord ist ein schwedisches kaltes Buffet. Fast alle Schweden essen smorgasbord an schwedischen Feiertagen wie beispielsweise zum Weihnachts- und Mittsommerfest.

Die Schweden haben die höchste Lebenserwartung in der Welt mit 80,7 Jahren für Männer und 84 Jahren für Frauen.

17 Kilogramm Naschwerk, von Lollis über Lakritzschnecken bis zur Schokolade, verdrückt ein durchschnittlicher Schwede im Jahr. Das ist Weltrekord und doppelt so viel wie im EU-Durchschnitt. Zurück geht das süße Laster auf das 19. Jahrhundert, als in Schweden Zucker-Raffinerien aus dem Boden schossen.

Gelesen und empfohlen

Pubertät auf höchstem Niveau

„Auerhaus“ von Bov Bjerg – empfohlen von Ludwig Henne (Förderverein „Freunde der DZB e.V.“)

Der Plot des Buches ist einfach und verspricht beste Unterhaltung: Sechs Freunde im späten Schulalter ziehen gemeinsam ins Auerhaus in eine Wohngemeinschaft, um dadurch ihrem Freund Frieder das Leben zu retten bzw. ihn vor dem Suizid zu schützen. Und das Buch hält, was es verspricht. Auerhaus ist ein Jugendroman mit skurrilen Charakteren und absurden Momenten, mit viel Alkohol und wenig Schlaf. Aber das Besondere an diesem Jugendroman ist, dass er nicht nur für Jugendliche ist. Denn hier werden die großen Themen des Lebens – Liebe, Freundschaft und das Ringen um Glück und gegen den Tod – behandelt. Bov Bjerg, Absolvent des Leipziger Literaturinstituts, ist in der Berliner Lesebühnen-Szene groß geworden, was man diesem flink und humorvoll geschriebenen Roman anmerkt. Aber man spürt auch, dass der Autor mit diesem Buch selber erwachsen geworden ist. Denn er zeigt, dass er mehr kann, als kurze humorige Geschichten auf Hinterbühnen vorzutragen.

Bov Bjerg: Auerhaus
Blumenbar-Verlag, 2015
1 CD (4:33 h), BNA 34830

Schmerz, Verführung, Aggression

„Mädchen für alles“ von Charlotte Roche – empfohlen von Liane Völlger (Bibliothekarin)

Christine Schneider hat alles, was man sich nur wünschen kann. Mit ihrem Mann Jörg und ihrer kleinen Tochter Mila führt sie ein gutbürgerliches Leben und könnte selbiges auch genießen. Stattdessen langweilt sie sich, vernachlässigt ihr Kind und ergibt sich einem stetigen Konsum an Serien, aus denen sie ihr ganzes Wissen bezieht. Die Erwartungen ihrer Familie überfordern sie. Ihre eigenen Komplexe hemmen sie. Doch da naht Rettung in Form einer Haushaltshilfe. Chrissi, wie sich die Ich-Erzählerin gern nennt, ist vom ersten Moment an von Marie, ihrem neuen Mädchen für alles begeistert und versucht diese mit allen Mitteln zu verführen und auf ihre Seite zu ziehen – schon allein um sie den vermeintlich begehrlichen Fängen ihres Ehemannes zu entreißen. Marie indes scheint, zur Freude der Protagonistin, zu ziemlich allem bereit und lässt sich willig für Chrissis verquere Pläne einspannen.

„Mädchen für alles“ spielt in der Roche-gewohnt unterhaltsamen Liga, in der auch Sex wieder das Thema ist. Absolute Geschmackssache und mit viel Humor zu lesen!

Charlotte Roche: Mädchen für alles
Piper Verlag, 2015
Kurzschrift, 3 Bände, BNA 17991

Messe-Impressionen

SightCity 2017: Informieren, Testen und natürlich auch Shoppen

Die DZB war auch in diesem Jahr Aussteller auf der SightCity 2017 und präsentierte eine Vielzahl ihrer Produkte. Gabi Schulze war am Stand und hat sich auf der Messe umgeschaut. Hier einige Impressionen.

Es sind die schwarzen Rillen und Noppen am Boden des Sheraton Airport Hotels, denen man die letzten Meter folgen muss, um zur SightCity in Frankfurt am Main, der größten europäischen Fachmesse für Blinden- und Sehbehindertenhilfsmittel, zu gelangen. Und so erweist das taktile Leitsystem auch Sehenden, die den Weg innerhalb des Hotels zum Messegelände suchen, gute Dienste. An drei Tagen, vom 3. bis 5. Mai, präsentieren hier rund 130 internationale und nationale Aussteller Produkte, die den Alltag sehbehinderter und blinder Menschen erleichtern und deren Aus- und Weiterbildung unterstützen. Wer zur Messe kommt, möchte sich über die neuesten Entwicklungen auf dem Markt der Hilfsmitteltechnik informieren, selbst Geräte testen und natürlich sowohl Alltagshilfen als auch elektronische Hilfsmittel kaufen.

Bildschirmlesegeräte mit hochauflösender HD-Kamera

In der großen Halle rechts neben der Anmeldung empfängt den Besucher lautes Stimmengewirr. Hier findet er die “Dinosaurier“ der Hilfsmittelfirmen. An deren Ständen bilden sich zuweilen Menschentrauben. Der Besucher bewegt sich dann im Stop-and-go von Stand zu Stand. Die Renner der Messe sind Bildschirmlesegeräte in allen Größen, in Tablet- bzw. Laptop-Formaten bis hin zu Großbildschirmen, ─ alle mit hoher Auflösung, in Full HD-Qualität. Eine Lehrerin lässt sich für ihren sehbehinderten Schüler ein modulares Kamerasystem zeigen, das an ein Bildschirmlesegerät angeschlossen wird. So kann das Tafelbild vergrößert und auch vorgelesen werden. Ein anderes Lesegerät, das ihr vorgeführt wird, zeigt Kamerabild und Desktop sogar gleichzeitig an. Ein junges Paar interessiert sich für ein mobiles Bildschirmlesegerät, das zusammengeklappt so groß wie ein Notebook ist und bis zu 30-fach vergrößert. Zwei ältere Damen testen die Vorlesefunktion eines Bildschirmlesegerätes und lassen sich beraten. Und immer wieder wird nach dem Preis der Geräte gefragt und nach den Kosten, die die Krankenkassen tragen. Einige große Hilfsmittelfirmen vergeben an den drei Messetagen Rabatte für den sofortigen Kauf oder die Bestellung eines Produktes. Damit es schneller geht, haben die meisten blinden Menschen Begleitpersonen mit, die sie gezielt zu Hilfsmittelfirmen ihrer Wahl führen. Vier junge Männer mit Langstock, die sich die Handhabung eines kompakten Notizgerätes mit geräuschloser Brailletastatur erklären lassen, sind da eher eine Ausnahme. Eine knappe Stunde später testen sie an einem anderen Messestand eine neue Spezialbrille mit integrierter Kamera am Rahmen, die Texte erfassen und vorlesen kann.

Smartphones, Smartwatch und immer wieder Langstöcke

Was wäre die Messe ohne barrierefreie Handys bzw. Smartphones, die in ihrer Anwendung weiterentwickelt und immer benutzerfreundlicher werden? Entscheidend sind hier die Vorlese-Anwendung, die Spracheingabe und natürlich Apps, mit deren Hilfe Smartphones immer mehr Funktionen ausführen können, die den Alltag erleichtern, zum Beispiel Texte vergrößern und erfassen. Eingebaute Kameras erkennen die Farbe der Kleidung und Produkte beim Einkaufen, beschreiben die Umgebung und navigieren von einem Ort zum anderen. Besucher, die noch nicht wissen, welches Smartphone-Modell mit welchem Betriebssystem für sie das passende ist, können sich von den Hilfsmittelanbietern beraten lassen. Umso erstaunlicher ist, dass sich an diesen Messeständen der Ansturm in Grenzen hält. Viel dichter umlagert sind auch im Zeitalter digitaler Hilfsmittel die Aussteller mit klassischen Alltagshelfern, wobei hier großes Interesse an akustischen Hilfsmitteln besteht: sprechende Küchenwaagen, Armbanduhren und Wecker. Diese Produkte findet man eher in den kleineren Ausstellerräumen entlang des Ganges auf der anderen Seite der Anmeldung. Hier führt das taktile Bodenleitsystem immer wieder in engere Gänge und Zimmer. Noppenplatten machen auf Abzweigungen aufmerksam, die blinde Besucher mit ihren Langstöcken gut ertasten können. Apropos Blindenlangstöcke: Es gibt sie auf dieser Messe in vielen Ausführungen als Teleskopstöcke, zum Falten, mit oder ohne Spitze und sogar mit eingebautem Ultraschall-System, das Hindernisse erkennt und davor warnt. Und noch eine Messeneuheit ist an dieser Stelle zu erwähnen: Etwas versteckt in den Tiefen des Ausstellerareals stellt ein koreanisches Start-up-Unternehmen einer Vielzahl von Interessenten seine stilvolle Smartwatch vor. Diese kommt ohne traditionellen Bildschirm aus und zeigt die Zeit mithilfe eines mechanischen Braille-Displays und hervortretenden Stiften an.

Es gäbe sicher noch viele Neuheiten zu erwähnen, beispielsweise aktuelle DAISY-Geräte, taktile Grafik-Displays, elektronische Lupen usw. Die hohe Besucherzahl zeigt wieder, dass die Messe von blinden und sehbehinderten Menschen angenommen wird ─ auch weil sie verkehrstechnisch optimale Bedingungen bietet. Einzig: Das Messegelände selbst ist in die Jahre gekommen. Das ist überall sichtbar.

Fragebogen

Sechs Fragen – sechs Antworten

Mitarbeiter, Partner, auch Freunde der DZB antworten auf unsere Fragen. Diesmal: Heiko Kampa (Ausleihe Brailleschrift/-noten)

Was ist Ihre Aufgabe in der DZB?
Die typischen Bibliotheksarbeiten wie die Ausleihe von Brailleschriftbüchern und Braille-Noten, Beratung, Entgegennahme von Bestellungen, Bestandsaufbau …

Welche Arbeit haben Sie gerade auf dem Tisch?
Zurzeit liegt bei mir die DZB-Bücherliste 3/2017 auf dem Tisch. Für die Meldung der neuen Titel an die Blista in Marburg muss diese in eine etwas andere Form gebracht werden, damit die Titel dann auch im Zentralkatalog „Medibus“ gefunden werden können.

In meiner Freizeit beschäftige ich mich am liebsten mit …

Da ich ein großer Sportfan bin, ist für mich der Besuch von Sportveranstaltungen ein guter Freizeitausgleich. Leipzig hat da viel zu bieten! Ob Fußball, Handball, Eishockey oder Basketball ─ es gibt so viele Angebote, dass man gar nicht alle nutzen kann! Auch selber betätige ich mich sportlich. Ich spiele sehr gern Schach in meinem Verein.

Welche drei Dinge würden Sie auf eine Insel mitnehmen?
Meine Frau (wenn sie möchte), genug zu essen und einen Laptop.

Haben Sie ein Buch, das Sie empfehlen können?
„Die Papiere des Andreas Lenz“ ─ ein toller historischer Roman, den der Autor Stefan Heym schon Anfang der 60er Jahre unter dem Titel „The Lenz Papers“ in den USA geschrieben hat. Er thematisiert die Badische Revolution 1848/1849.
BNA Hörbuch: 11553, BNA Braillebuch: 3817 (1. Teil), 3818 (2. Teil)

Ihr Lebensmotto?
Immer positiv denken – das Leben ist zu kurz, man sollte das Beste daraus machen!

Rätsel

Machen Sie mit und gewinnen Sie!

Wir wollen wissen: Wie heißt das Museumsgebäude, das Gegenstand eines taktilen Begleitbuches ist, das in der DZB produziert wurde?

Schicken Sie Ihre Antwort bis 6. August 2017 per E-Mail (presse@dzb.de) oder per Post an: DZB, Kennwort Rätsel, Gustav-Adolf-Straße 7, 04105 Leipzig

Das können Sie gewinnen: Wir verlosen das Rätselbuch „Bastei Wort-Suchspiel“.

Mitarbeiter der DZB können nicht teilnehmen. Der Rechtsweg ist ausgeschlossen.

Auflösung aus 1/2017

Die richtige Antwort lautet: Die erste Fahrt des Beratungsmobils „Blickpunkt Auge“ ging nach Riesa.

Der glückliche Gewinner heißt: Bodo Rinas. Herzlichen Glückwunsch!

Sudawo – Such das Wort

Suchen Sie das Wort, das sich aus allen 9 Buchstaben bilden lässt.
Beispiel: HLNAAMDBE
Lösung: Abendmahl

  1. TNIPENSGF
  2. TULESLGOF
  3. WEBLMLAOU

Auflösung siehe unten.
Weitere Rätsel finden Sie in „Sudawo“ (1 Bd., Vollschrift, BN-Verkauf 8154, 1 Bd., Kurzschrift, BN-Verkauf 8155, je 12 Euro).

Impressum

Herausgeber, Herstellung, Vertrieb

Deutsche Zentralbücherei für Blinde (DZB)
Gustav-Adolf-Straße 7, 04105 Leipzig
Tel.: 0341 7113-0, Fax: 0341 7113-125
E-Mail: info@dzb.de
www.dzb.de

Redaktion

Gabi Schulze
Tel.: 0341 7113-148, E-Mail: gabi.schulze@dzb.de
Ronald Krause
Tel.: 0341 7113-239, E-Mail: ronald.krause@dzb.de

Abonnements, Anzeigen

Sylvia Thormann

Tel.: 0341 7113-120, E-Mail: abo@dzb.de

»in puncto DZB« wird vier Mal im Jahr kostenfrei per E-Mail versandt und online unter www.dzb.de veröffentlicht.

Die Zeitschrift erscheint kostenpflichtig wahlweise als CD DAISY sowie in Blindenkurzschrift.

  • Jahresbezugspreis Braille-Ausgabe: 9 Euro
  • Jahresbezugspreis CD DAISY: 9 Euro

Das kostenpflichtige Abonnement gilt bis zum Ende des Kalenderjahres und verlängert sich automatisch um ein Jahr, wenn es nicht spätestens bis zum 30. September gekündigt wird. Bei Bestellung im laufenden Kalenderjahr erfolgt die Preisberechnung anteilig.

Es gelten unsere AGB. Die vollständigen AGB finden Sie im Internet unter www.dzb.de/agb, auf Wunsch senden wir Ihnen diese gern zu.

DZB 2017

Spenden

Förderverein »Freunde der DZB e.V.«
Sparkasse Leipzig
IBAN DE44 8605 5592 1100 8300 10
BIC WELADE8LXXX

Auflösung Sudawo

  1. Pfingsten
  2. Fluglotse
  3. Baumwolle