in puncto DZB - 03 / 2017

03 2017

Editorial

Liebe Leserinnen und Leser,

am Tag der offenen Tür, dem 2. September, präsentiert die DZB allen Gästen den neuen Reliefkalender für das Jahr 2018 mit dem Titel „Tieren auf der Spur“. Er erscheint im gewohnten Format und mit neu gestaltetem Kalendarium. Wer an diesem Tag nicht in der DZB sein kann, erhält im Folgenden einen kleinen Vorgeschmack auf den Kalender. In unserem Porträt sind wir einer Kunststickerin auf der Spur, die mit Nadel und Faden Brailleschrift „schreibt“ und für die Gründung ihres Inklusionsunternehmens Unterstützung sucht. Beim Korrekturlesen den roten Faden verlieren? Das geht gar nicht! Was das Interessante an ihrer Arbeit ist, erzählen zwei Korrekturleserinnen, die auch in ihrer Freizeit gern Bücher lesen.

Wir haben in dieser Ausgabe wieder eine ausgewogene Mischung an unterschiedlichsten Themen für Sie zusammengestellt, in der auch unsere Buchempfehlungen und Krimi-Tipps nicht zu kurz kommen. Für eventuell schlaflose Nächte sehen wir uns allerdings nicht in der Verantwortung. Wir wünschen Ihnen angenehme und erlebnisreiche Herbstwochen!

Ihre Redaktion

Im Fokus

Reliefkalender 2018: Tieren auf der Spur

Sie leben auf verschiedenen Kontinenten, gehören unterschiedlichen Tiergattungen an und bringen von hundert Gramm bis zu tausend Kilogramm auf die Waage. Sie haben originelle Namen wie Schabrackentapir, Neunbinden-Gürteltier und Grevy-Zebra. Kommen aber auch ganz gewöhnlich daher, wie Grünspecht, Stachelschwein oder Eichhörnchen. Ihre Spuren vereint der Reliefkalender 2018. Über die Auswahl der Motive, das neue Layout des Kalendariums und die Zusammenarbeit mit dem Zoo Leipzig sprach Gabi Schulze mit Karsten Sachse, Lektor, und Antje Mönnig, Kommunikationsdesignerin.

Warum wurde für den Kalender 2018 das Thema Tierspuren ausgewählt? Wer entscheidet, welches Thema ausgewählt wird?

Karsten Sachse (K.S.): Die Themenwahl für den Reliefkalender soll vielfältig und abwechslungsreich sein. Schließlich erwirbt eine große Anzahl unserer Kunden diesen Kalender Jahr für Jahr. Gleichzeitig sind vor allem Motive aus der Tier- und Pflanzenwelt gefragt. Nach dem Kalender 2015 »Tiere unserer Heimat« folgten 2016 »Weltkulturerbe« (Architektur) und 2017 »Tee« (Pflanzen). Es war also wieder Zeit für etwas Animalisches und die Tierspuren liefern gegenüber den bisherigen Tierthemen eine Zusatzinformation – stellen also bei aller Tradition auch eine Erweiterung dar, ohne etwas Bewährtes aufzugeben.

Wer nun letztlich die konkrete Idee hatte, lässt sich direkt nicht nachvollziehen. Seit Jahren werden Themenvorschläge gesammelt und die endgültige Wahl erfolgt dann im Team der involvierten Mitarbeiter.

Nach welchen Gesichtspunkten wurden die Tiere und deren Spuren ausgewählt? Inhaltlich als auch gestalterisch?

K.S.: Abwechslung ist Trumpf: Vielfalt von Arten, Formen und Farben. Neben der inhaltlichen Vielfalt spielt die gestalterische Umsetzbarkeit die Hauptrolle. Wichtig war zudem die Varianz in der Verbreitung (nicht nur heimatliche Tiere) und die Möglichkeit, dem größeren Teil der Motive im Zoo begegnen zu können.

Warum erscheint der Kalender mit neuem Layout? Und was ist inhaltlich und gestalterisch anders?

K.S.: Die letzte vorsichtige Anpassung des Layouts fand vor 11 Jahren statt und hatte die Umstellung auf transparente Reliefs zur Folge. Eine Auffrischung ist da inzwischen durchaus wünschenswert. Dank Antje Mönnig verfügen wir auch über die für die Realisierung einer Neugestaltung notwendigen professionellen Voraussetzungen.

Antje Mönnig: Wir haben uns bei der Umgestaltung vor allem auf das Kalendarium konzentriert. Die Woche wird jetzt von links nach rechts gelesen und hat wesentlich mehr Platz bekommen. Bundesweite und regional begrenzte Feiertage sind deutlich hervorgehoben. Die Beschriftung der Feiertage sowie die Nennung weiterer besonderer Tage ist auf die Folgeseite gewandert, damit sowohl Abbildung als auch Kalendarium den größtmöglichen Platz zur Verfügung haben. Bei der Gestaltung durfte ich dieses Jahr die Feder führen und den Motiven meinen „Pinselstrich“ verleihen, was zum einen eine Ehre ist, zum anderen aber auch eine Herausforderung, der ich mich gern gestellt habe. Die Umsetzung der Reliefs steht dieses Jahr ganz im Zeichen des Themas und die Kolleginnen haben den jeweiligen Abdruck tatsächlich in die Tiefe gearbeitet. Das dazugehörige Tier ist erhaben abgebildet.

Der Reliefkalender entstand in Zusammenarbeit mit dem Zoo Leipzig. Wie sah die Unterstützung vom Zoo Leipzig konkret aus?

K.S.: Wir kooperieren mit dem Zoo anlässlich des Braille-Festivals 2019. Da lag es nahe, auch schon bei diesem Kalenderthema die Kooperationsmöglichkeiten zu nutzen. Der Zoo hat die Motive und Texte begutachtet, Ergänzungen geliefert und wird sich auch hinsichtlich Öffentlichkeitsarbeit für den Kalender einsetzen.

Wissenswertes über Tapir, Flamingo und Zebra

Die meisten Tiere, die als Motiv für den Kalender Pate standen, können im Zoo Leipzig als lebende Originale bewundert werden. Der Tiergarten beherbergt etwa 850 Tierarten und Unterarten und gehört zu den renommiertesten und modernsten Zoos der Welt, der sowohl artgerechte Tierhaltung und Artenschutz als auch spannende Entdeckertouren für die Besucher vereint. Maria Saegebarth, Pressereferentin des Zoos Leipzig stellt drei Tiere vor, die auch im Kalender zu ertasten sind:

Schabrackentapir

Unsere Schabrackentapire werden im direkten Umgang gepflegt, damit sich die Tiere an die Pfleger gewöhnen und ein Vertrauensverhältnis aufbauen. So lassen sich unsere Tapire zum Beispiel gern mit der Bürste massieren. Diese Haltungsweise hat den Hintergrund, dass es bei umgänglichen Tieren wesentlich einfacher ist, medizinische Untersuchungen und Behandlungen ─ wie beispielsweise einen Ultraschall ─ durchzuführen. Dennoch ist aufgrund ihrer Größe immer Vorsicht geboten, da ein Angriff nicht ausgeschlossen werden kann. Unsere Tierpfleger sind daher immer zu zweit, wenn sie die Tapire betreuen.

Im Februar 2013 kam zum ersten Mal seit 1929 wieder ein Schabrackentapir im Zoo Leipzig zur Welt.

Zwergflamingo

Der Zoo Leipzig hält seit 2004 eine der größten Zwergflamingokolonien in Europa. Im Juni 2008 schlüpfte das erste Küken, was eine kleine Sensation war, denn die Zucht dieser eleganten Vögel glückt nach wie vor nur sehr selten. Um Ei und Küken vor Krähen und anderen Raubtieren zu schützen, wurde es künstlich ausgebrütet und mit der Hand aufgezogen. Später konnte es problemlos in die Gruppe integriert werden. Als Ersatz für den mütterlichen Nahrungsbrei bekam das Jungtier ein Gemisch aus Eigelb, Kleinkrebsen und Blut. In den vergangenen zwei Jahren hat die natürliche Brut der seltenen Vögel große Fortschritte gemacht, nachdem die Rahmenbedingungen für die Zucht verändert und gestalterische sowie tierpflegerische Maßnahmen angepasst wurden.

Grevy-Zebra

Unsere Grevy-Zebras leben vergesellschaftet mit vielen weiteren Tierarten auf der 2004 fertig gestellten Kiwara-Savanne. Unsere derzeitige Gruppe hatte ihre Anfänge 1972 mit Tieren aus dem Zoo Osijek im heutigen Kroatien. Während die Tiere in ihrer früheren Anlage nachts einzeln gehalten wurden und jeden Morgen ihre Rangordnung neu ausfechten mussten, können die Grevy-Zebras in den geräumigen Innenboxen jetzt auch nachts zusammenbleiben. Dadurch ist die Gruppe wesentlich ruhiger geworden. Nur hochträchtige Weibchen und Mütter mit neu geborenen Fohlen werden einzeln aufgestallt, damit sich die Prägung an die Mutter vollziehen kann. Nach 2–4 Wochen ist diese abgeschlossen und das Fohlen kräftig genug, um die restlichen Gruppenmitglieder kennenzulernen. Diese Prägungsphase ist wichtig, denn erfahrungsgemäß versuchen andere Stuten immer wieder, das Jungtier zu stehlen oder zu jagen.

Taktiler Orientierungsplan vom Zoo Leipzig

Seit der Jahrtausendwende verwirklicht der Zoo Leipzig ein neues Konzept, in dem es um die Gestaltung naturnah angelegter Lebensräume in den sechs verschiedenen Kontinenten geht. Es soll bis 2022 realisiert werden. So lange müssen allerdings blinde und sehbeeinträchtigte Menschen nicht mehr auf einen taktilen Orientierungsplan des Zoos Leipzig warten. Anlässlich des Louis-Braille-Festivals 2019 in Leipzig soll er in Zusammenarbeit mit der DZB entstehen. Er wird die schon fertig gestellten Lebensräume ─ die Menschenaffenanlage Pongoland, die Tiger-Taiga, die Kiwara-Savanne, die Tropenerlebniswelt Gondwana und die Anfang August neu eröffnete Hochgebirgslandschaft Himalaya ─ darstellen.

Wer als blinder oder sehbeeinträchtigter Mensch den Zoo Leipzig erleben möchte, sollte sich telefonisch beim Besucherservice anmelden, informiert die Leiterin des Besucherservices Silke Giersch. Auf Anfrage werden individuelle Führungen vereinbart, in denen die Tierfreunde beispielsweise ein Lama oder eine Schlange unter Aufsicht der Tierpfleger berühren können.

Porträt

Eine, die etwas Besonderes eingefädelt hat

Antje Kunze betreibt das Handwerk der Kunststickerei und befindet sich gerade in der Gründungsphase ihres Inklusionsunternehmens „Höhepunkte“, in dem Menschen mit und ohne Behinderung Braille-Stickerei im Design für Alle herstellen sollen. Gabi Schulze besuchte die Kunststickerin in ihrer Werkstatt.

Soziale Projekte werden meist von Menschen ins Leben gerufen, die Weitblick beweisen, die mutig neues Terrain betreten, die getrieben werden von einer humanen Idee, die sie mit Leidenschaft verwirklichen wollen. Antje Kunze ist so ein Mensch. Die 44-Jährige arbeitet als selbstständige Kunststickerin und bekam 2013 den UNIC-Designpreis für eine spezielle Sticktechnik verliehen, die Brailleschrift auf Textilien bringt, die von blinden Menschen gelesen werden kann.

Kreativ arbeiten war schon immer Antje Kunzes Wunsch. Nach ihrer zweijährigen Ausbildung als Stickerin sollte sie an die Modefachschule nach Berlin delegiert werden. Doch dann kam die Wende. Die junge Frau musste ihre Ausbildungszeit verlängern, damit ihr Abschluss als Stickerin bundesweit anerkannt wird. „Ich habe drei Jahre in Plauen gelernt und einen Kurs drangehangen und bin danach durch die Republik getingelt, einfach um Gesellenjahre zu sammeln und meinen Meister machen zu können“, erzählt Antje Kunze.

„Man häuft keine Millionen an …“

Das Fenster in der Werkstatt des Einfamilienhauses steht offen, so dass man schon von Weitem das Rattern der Stickereimaschinen hört. Die mit unterschiedlich farbigem Garn bestückten Nadeln sausen hoch und runter, um mit tausenden von Stichen ein Bild oder einen Schriftzug entstehen zu lassen. In der Werkstatt stehen zwei moderne Maschinen, die über eine Sticksoftware gesteuert werden. Antje Kunze entwirft die Stickerei zunächst am Rechner, legt die Motive und Muster fest, bestimmt die Farben. Diese Daten werden an die Maschine übertragen. Gleichzeitig wird der zu bestickende Stoff gemeinsam mit einem wasserlöslichen Vlies in einen Rahmen gespannt. Dann kann der Stickvorgang beginnen.
„Man häuft keine Millionen an in diesem Beruf“, sagt Antje Kunze. „Aber das Schöne daran ist, am Ende des Tages sieht man, was man geschaffen hat.“ Geld verdient die Stickerin mit Auftragsarbeiten, wie Logos auf Hemden und Caps sticken. Kreativ wird sie, wenn sie selbst Motive für die verschiedensten Textilien entwirft.

Am Anfang war die Modenschau

Als Antje Kunze Probleme mit dem Sehen bekam, überlegte sie, was wäre, wenn sie ihr Augenlicht verlieren würde. Sie stickte Fühlbilder und Ornamente. Bei einer Lesung in der DZB traf sie Jennifer Sonntag, die blinde Moderatorin von „selbstbestimmt“ beim MDR-Fernsehen, die gerade gemeinsam mit Modedesignern und dem Fotografen Karsten Hein eine Modenschau mit blinden Models plante. Antje Kunze begeisterte sich für das Projekt und entwickelte hierfür eine spezielle Sticktechnik, so dass Kleider, T-Shirts, Oberhemden und Hosen mit Brailleschrift bestickt werden konnten. Die poetischen Texte stammten meist von den blinden Models selbst. Die Modenschau und die dazugehörige Ausstellung „Die Schönheit der Blinden“ vermittelte zum einen ein selbstbewusstes Bild von blinden Menschen, zum anderen brachte sie blinde und sehende Menschen zusammen, die sich mit den Themen Blindheit, Schönheit und Mode beschäftigten.

Ein Stipendium reicht nicht aus

„Ich wollte diesen Gedanken des gemeinsamen Miteinanders fortführen und so wuchs die Idee, ein inklusives Unternehmen zu gründen, das Textilien mit Braille-Bestickung herstellt und in dem sowohl Menschen mit als auch ohne Behinderung arbeiten“, sagt Antje Kunze. Als Gewinnerin eines Wettbewerbs des Social-Impact-Lab Leipzig erhielt sie ein Stipendium, mit dessen Hilfe sie in acht Monaten einen Businessplan für ihr zukünftiges Unternehmen erstellen sollte. Das schien von Anfang an nicht einfach! Für jemanden, der kaum betriebswirtschaftliche Kenntnisse besitzt und neben der eigentlichen Arbeit zusätzlich noch viele Behördengänge erledigen muss, war das in so kurzer Zeit nicht machbar. Dann lief das Stipendium aus. Doch Antje Kunze gab nicht auf. „Für den betriebswirtschaftlichen Part habe ich mir bereits Unterstützung ins Boot geholt. Problem dabei ist nur, dass wir wirklich kämpfen müssen, alles zu finanzieren“, erklärt die Stickerin. Deshalb sucht sie und ihr Team Menschen, die sich für das Projekt und die Produkte interessieren, die die Idee gern weitererzählen und vielleicht sogar mitfinanzieren wollen. Vorstellbar ist auch eine Crowdfunding-Kampagne, mit deren Hilfe Geld für die Entwicklung von Prototypen bzw. die erste Kollektion gesammelt wird.

Kunststickerei im Design für Alle

Zu ihrem Team gehören von Anfang an blinde und sehgeschädigte Menschen, die sie unterstützen und beraten. Erste Produkte, wie beispielsweise mit Brailleschrift bestickte Kissen und Tischsets sind fertig. Die Kissenbezüge hat Antje Kunze selbst genäht und mit verschiedenen Sprüchen und Versen bestickt, auf der Vorderseite in Brailleschrift, auf der Rück- bzw. der Innenseite in der Schrift der Sehenden. Die DZB übertrug die Texte in Brailleschrift und lieferte der Kunststickerin die digitalen Daten zur Herstellung der Stickkunst. Entstanden sind Produkte im Design für alle ─ sowohl für Blinde als auch für Sehende ─ ästhetisch, ansprechend und stilvoll!

Antje Kunze lächelt: „Ich bin keine Sozialpädagogin und keine Politikerin. Ich probiere Inklusion mit meinen Mitteln. Natürlich kostet es viel Anstrengung und nicht jeder Schritt ist ein Schritt vorwärts. Aber ich bin optimistisch. Wir sind schon weiter als vor einem Jahr.“

Wer mehr über das Projekt erfahren bzw. dieses unterstützen möchte, hier der Kontakt: Telefon: 0341 9260980
E-Mail: stickerei.kunze@web.de

Kurz gemeldet

Zum Lutherjahr: Bachkantate in Braillenotenschrift

Barocke Festlichkeit zeichnet Johann Sebastian Bachs „Gott der Herr ist Sonn und Schild“ (BWV 79) aus. Anlässlich des diesjährigen Luther-Jubiläums hat die DZB die Kirchen-Kantate in Braillenoten übertragen. Sie ist neben der bekannten „Ein feste Burg ist unser Gott“ die zweite Kantate, die der Thomaskantor in Leipzig für das Reformationsfest komponiert hat. Am 31. Oktober 1725 wurde sie erstmals mit opulent besetztem Orchester und jubilierenden Vokalstimmen aufgeführt. Die DZB hat die Kantate, deren Text teilweise auf der lutherischen Bibel basiert, als Partitur und Stimmensatz produziert. Sie gehört ab sofort in den Notenbestand der DZB-Musikbibliothek, der zurzeit etwa 6400 Notentitel beinhaltet, und kann ausgeliehen werden.

Vorlesetag: Geschichten als Geschenk

Auch 2017 findet wieder der bundesweite Vorlesetag statt, dieses Jahr am 17. November. Der Aktionstag begeistert mittlerweile über 130.000 Vorleserinnen und Vorleser, die über zwei Millionen kleinen und großen Zuhörern vorlesen. Auch die DZB wird den Mädchen und Jungen der Förderschule für Blinde und Sehbehinderte in Leipzig und der Landesschule in Chemnitz Geschichten zum Geschenk machen. Wir sind zurzeit bei der Auswahl der Bücher. Die Titel werden noch nicht verraten. Nur so viel: Wir versprechen Hochspannung, die knistert!

Neues Blindenleitsystem vor Eingang der DZB

Die DZB bekam vor kurzem ein neues Blindenleitsystem. Vor dem Eingang wurden rutschfeste Leitplatten mit akustischer Signalgebung verlegt. Mit diesen auch als „Knisterplatten“ bezeichneten Bodenelementen erkennen blinde Menschen sofort, wo der Eingang zur DZB ist. Fährt der Langstock über die Bodenindikatoren mit den vier Klangkörpern, wird ein gut wahrnehmbares Geräusch erzeugt. Betritt der Fußgänger die Platten, nimmt er ein deutliches Knistern bzw. Knacken unter den Füßen wahr. Das Geräusch entsteht dadurch, dass das Plastikelement beim Betreten gespannt und beim Weggehen entspannt wird. Wer die DZB besucht, wird das Leitsystem testen können, zum Beispiel auch am 2. September, dem Tag der offenen Tür.

BIKOSAX-Team im Auftrag der Barrierefreiheit

Die DZB hat es sich zur Aufgabe gemacht, auch in Sachen digitaler Angebote Barrierefreiheit zu schaffen. Experten im neu aufgestellten BIKOSAX-Team der DZB entwickelten ein Konzept von der Auftragsannahme über die Kundenbetreuung bis hin zur Realisierung der Aufträge und stellten dieses Anfang 2017 der Sächsischen Staatskanzlei vor. Mit dieser wurde ein Rahmenvertrag, auch BIKOSAX genannt, Barrierefreie Informations- und Kommunikationsangebote des Freistaates Sachsen, vereinbart. So unterstützt die DZB als Dienstleister vor allem sächsische Behörden und Verwaltungen, ihre Internetseiten und elektronischen Dokumente barrierefrei zu gestalten. Zu den jüngsten Aufträgen gehören Tests für Internetseiten wie beispielsweise www.buergerbeteiligung.sachsen.de, www.landtag.sachsen.de, www.revosax.sachsen.de und die Dokumentenaufbereitung von Broschüren. Aber auch die Bundesfachstelle Barrierefreiheit, für die regelmäßig Publikationen barrierefrei aufbereitet werden, ist Auftraggeber.

Filme für Herz und Hirn ─ jetzt auch mit Hörfilmbeschreibung

DOK Leipzig, das weltweit älteste Dokumentarfilmfestival, bietet erstmals Audiodeskriptionen zu mindestens fünf ausgewählten Filmen an. Blinde und sehbeeinträchtigte Besucher*innen können diese mithilfe der App „Greta“ von „Greta & Starks“ über das Smartphone abrufen. Vom 30.10. bis 05.11.2017 geht DOK Leipzig in die 60. Runde. An sieben Tagen werden rund 300 Filme aus aller Welt gezeigt. Einige davon greifen brisante Themen der Weltpolitik auf, andere erzählen persönliche Schicksale. Die unterschiedlichen Geschichten regen zum Nachdenken an und eröffnen neue Horizonte.

Zeitnah zum Festival finden Sie weitere Informationen unter www.dok-leipzig.de.
Bei Rückfragen wenden Sie sich bitte an das Pressebüro:

Telefon: 0341 30864 1070
E-Mail: presse@dok-leipzig.de

Im Profil

Ein starkes Team beim Korrekturlesen

Caroline Waldenburger (C.W.) und Anja Lehmann (A. L.) lesen seit 10 Jahren in der DZB gemeinsam Korrektur. Ob Sachbuch, Roman oder Kinderliteratur ─ jedes Buch erfordert von den Korrekturleserinnen neben höchster Konzentration und Allgemeinwissen auch eine gute Zusammenarbeit und Offenheit im Umgang miteinander. Ganz sicher eint beide auch die Leidenschaft für Bücher. Für Caroline Waldenburger, die seit 15 Jahren eher zufällig von der DZB hörte und seitdem hier als Übertragerin und Korrekturleserin arbeitet, gehören Bücher zum täglichen Leben. Anja Lehmann, die blind ist, liest auch gern mal ihren Neffen oder in großer Runde zum Vorlesetag spannende Geschichten vor. Sie arbeitet neben ihrer Tätigkeit als Korrekturleserin auch als freiberufliche Übersetzerin. Was für sie am Korrekturlesen interessant ist und welches Buch sie ihrer Kollegin empfiehlt, lesen Sie im Folgenden.

Wie geht das Korrekturlesen vonstatten?

A. L.: Beim gemeinsamen Korrekturlesen hat die sehende Kollegin das Originalbuch vor sich und ich nutze einen Probeausdruck in Brailleschrift. Wir lesen uns den Text gegenseitig vor, um festzustellen, ob meine Version mit dem Original übereinstimmt und alle Besonderheiten berücksichtigt wurden. Wenn wir einen Fehler finden, markieren wir ihn in beiden Exemplaren. Die Korrekturen werden dann von der Übertragerin ausgeführt.

Welches Buch lesen Sie gerade Korrektur? Und worum geht es in dem Buch?

C. W.: Wir lesen den „Kritischen Bericht der Orgelwerke I“ von Felix Mendelssohn Bartholdy, das sind musikwissenschaftliche Texte. Das zweite Buch, das wir Korrektur- lesen, ist ein populärwissenschaftliches Buch von Ernst Peter Fischer „Durch die Nacht“, eine Naturgeschichte der Dunkelheit.

A. L.: Der Leser erfährt in der Naturgeschichte der Dunkelheit mehr über die Kulturgeschichte des Schlafens, Schlafforschung, Lebensrhythmen, aber auch über die nächtliche Aktivität des menschlichen Gehirns.

Sie lesen viele Bücher unterschiedlicher Literaturgenres. Welche sind Ihnen am liebsten?

L.: Ich freue mich besonders, wenn ein Buch unseren Lesern wirklich weiterhilft. Zum Beispiel hat mir im letzten Jahr die Arbeit an einem Selbstlernkurs „Deutsch für Anfänger“ besonders viel Spaß gemacht. Ich freue mich aber auch, wenn wir unseren Lesern neue Handarbeitsanleitungen, Kochbücher oder spannende Krimis anbieten können. Natürlich hoffe ich, dass die Leser unserer Kinderbücher so richtig in eine Geschichte eintauchen können, so wie ich als kleine Leseanfängerin. Für mich ist immer das Buch, an dem ich gerade arbeite, das wichtigste Buch, das es gibt. Manchmal lerne ich hier Bücher kennen, auf die ich sonst nie gestoßen wäre, die mich aber sehr bereichern. Es gibt aber auch Inhalte, die ich gern ganz schnell wieder vergessen möchte.

C. W.: Hier wird wirklich alles gelesen, was man sich nur vorstellen kann. Am liebsten sind mir Bücher mit guter Sprache, die klar gestaltet sind und bei denen gute redaktionelle Arbeit erkennbar ist.

Was ist das Interessante an der Arbeit einer Korrekturleserin?

C. W.: Die Erschließung neuer „Lesefelder“, die man von allein eventuell nie betreten hätte.

A. L.: Hier in der DZB ist besonders interessant, dass wir nicht auf bestimmte Themen spezialisiert sind. Bei mir können musikwissenschaftliche Texte genauso vorkommen wie Legenden von Museumsplänen oder Liebesromane. Und überall muss ich eventuelle Besonderheiten in der Gestaltung verstehen und beachten.

Welche Fähigkeiten und Kenntnisse muss eine gute Korrekturleserin haben?

C. W.: Die Arbeit geht sehr konzentriert vonstatten. Man hat Rechtschreibung, Buchgestaltung und Brailleschrift gleichzeitig im Blick.

A. L.: Man muss ein gutes Verständnis für Buch- und Textgestaltung und Rechtschreibung mitbringen, außerdem muss die blinde Korrekturleserin natürlich sehr gute Brailleschrift-Kenntnisse haben. Je besser die Allgemeinbildung, desto günstiger ist das natürlich für die Arbeit, weil es viel leichter ist, einen Text zu bearbeiten, den man versteht. Allerdings kann niemand alles wissen, und so ist es noch viel wichtiger, neugierig zu sein und sich für vieles zu interessieren, denn man kann immer nachschlagen und dazulernen, aber auch das fällt leichter, wenn man Spaß daran hat, sich auch mal mit Themen zu beschäftigen, auf die man sonst nie gekommen wäre.

An welche kuriosen Fehler erinnern Sie sich während ihrer Korrekturarbeit?

C. W.: Es tauchen manchmal Kürzungsfehler in der Brailleschrift auf, die den Wortsinn völlig verändern können.

A. L.: Einmal wollte die DZB ihren Nutzern ein paar Buchempfehlungen zu Weihnachten geben, um die Geschenkauswahl zu erleichtern, aber da hatte sich der Fehlerteufel eingeschlichen und einige Telefonnummern waren falsch. Zum Glück kennen wir unsere hausinternen Nummern auswendig und konnten sie korrigieren. Bei einem Buch oder Auftrag von außen hätten wir nichts machen können.

Welche Bücher brauchen viel Zeit in der Korrektur? Und warum?

C. W.: Viel Zeit für die Korrektur brauchen die Textteile der Notenwerke, die im Haus übertragen werden. Oder populärwissenschaftliche Bücher mit Grafiken, die in der Übertragung aufgelöst wurden und nun in der Korrektur nachvollzogen werden müssen. Beide oben genannten Bücher gehören dazu.

A. L.: Unsere Übertragungssoftware ist inzwischen sehr gut und es gibt sogar Fälle, in denen wir Bücher produzieren können, die gar nicht vollständig von uns gelesen werden müssen. Eine aufwendige Korrektur ist aber nötig, wenn wir selbst viel eingreifen mussten, z. B. in der Gestaltung und der Darstellung von Grafiken oder Tabellen.

Was machen Sie, wenn das Lesen mal nicht so von den Lippen geht?

C. W.: Dann gehe ich erst einmal Tee kochen.

A. L.: Ja, Tee trinken. Eine Pause machen und mich einfach mal bewegen.

Lesen Sie auch in Ihrer Freizeit, wenn ja, welche Bücher?

A. L.: Weil ich auch noch als Übersetzerin arbeite, lese ich in meiner Freizeit besonders gern in meinen Fremdsprachen, um mit ihnen und den dazugehörigen Kulturen verbunden zu bleiben. Was die Genres angeht, so bin ich sehr offen.

C. W.: Lesen ist Teil meines Lebens. Ich kann da Arbeit und Privatleben gut trennen.

Welches Buch würden Sie ihrer Kollegin empfehlen?

A. L.: „Die unwahrscheinliche Pilgerreise des Harold Fry“ von Rachel Joyce, in der Hoffnung, dass die deutsche Übersetzung gut gelungen ist. In der DZB ist es als Hörbuch unter der Bestellnummer H024526 verfügbar.

C. W.: Für mich gerade interessant: „Frau Thomas Mann“, eine Katia-Mann-Biografie von Inge und Walter Jens.

Special

Mord, Totschlag und Verbrechen ─ Kriminalromane im Fadenkreuz

Um eine Journalistin, die Wirtschaftsverbrechen aufdeckt, einen amerikanischen Privatdetektiv, der in Deutschland ermittelt und Rachetäter, denen eine Leiche nicht genügt, darum geht es bei unserer Krimi-Auswahl. Es wird von dunklen Geheimnissen, von Menschen, die vermisst werden, von Erpressungen und Intrigen erzählt ─ mal hart und authentisch, emotional und humorvoll, aber immer spannend und mit Nervenkitzel!

Wir wünschen Ihnen mörderischen Lesespaß!

Dominique Horwitz: Tod in Weimar

Dominique Horwitz erzählt in seinem ersten Roman eine turbulente Kriminal- und Liebeskomödie, gespickt mit Klassikerzitaten. Seine liebevoll gezeichneten Charaktere sind zum Wiedererkennen überdreht, man spürt, dass sich hier einer mit den Menschen und ihren Schwächen auskennt. Weimar bildet für den Roman eine wunderbare Kulisse, denn alle wollen hier Kunst machen oder wenigstens bedeutsam sein – bis auf den Kutscher Roman Kaminski, der von einer Verlegenheit in die nächste stolpert. Ein Lesevergnügen, das nicht zuletzt vom perfekten Timing und hinreißenden Dialogen lebt.
Knaus Verlag, 2015,
4 Bände, Kurzschrift, 48 Euro,
BNV 9084, BNA 18131

Christian Buder: Der Tote im Moor

Ein Mädchen – Detektivin und Wunderkind – muss ihre Freundin retten: Alice, eigensinnig, genialisch und Anhängerin des Philosophen Wittgenstein, mit dem sie auch gelegentlich spricht, hat jede Menge Ärger. Sie muss sich auf einer neuen Schule behaupten, sie muss verhindern, dass man ihren Geburtstag feiert, und dann wird auch noch ihre einzige Freundin verdächtigt, einen Mord begangen zu haben. Für die Polizei gibt es keinen Zweifel, dass Lisa Bork ihren Vater mit einem Messer getötet hat. Zu allem Überfluss wird auch noch ein Toter im Moor gefunden. Alle glauben, dass der Tote schon seit ewigen Zeiten dort lag – nur Alice nicht.
Aufbau-Taschenbuch-Verlag, 2015,
4 Bände, Kurzschrift, 48 Euro,
BNV 9061, BNA 18039

Liza Marklund: Jagd

Journalistin Annika Bengtzon gilt unter ihren Kollegen als tough und unbestechlich. Sie liebt ihre Arbeit als Reporterin. Als sie zur Villa des Politikers Ingemar Lerberg gerufen wird, betritt sie eine andere Welt: wertkonservativ, traditionell und gediegen. Auf den erfolgreichen Geschäftsmann wurde ein Anschlag verübt. Für die Journalistin ist er kein Unbekannter, denn ein durch die Presse hochgeputschter Steuerskandal hatte Lerberg zum Rücktritt gezwungen. Annika Bengtzon folgt bald schon einer ganz eigenen Theorie und bringt gegen alle Widerstände Licht in ein Dunkel aus Gier und Verlogenheit.
Ullstein, 2015,
4 Bände, Kurzschrift, 48 Euro,
BNV 8727, BNA 18064

Don Winslow: Germany

Privatermittler Frank Decker ist ein Meister seines Fachs: Er findet Menschen, die vermisst werden. Keiner hat seine Härte, seine Besessenheit und seine Unnachgiebigkeit. Hat er einen Fall angenommen, verfolgt er ihn erbarmungslos. Als die atemberaubend schöne Frau seines Freundes verschwindet, ihr Auto verlassen in den Ghettos von Miami, und die Polizei im Dunkeln tappt, setzt er sich auf die Fährte. Die Spur führt ihn aus dem sonnenverwöhnten Florida ins kalte Deutschland. Decker kennt Deutschland: Hier hat er die schönste Zeit seines Lebens verbracht. Doch das soll sich bitter rächen. Nun lernt er das Deutschland der Rotlichtbezirke, des Mädchenhandels und der Drogen kennen.
Droemer, 2016,
1 CD DAISY (9:27 h) H038562

Mary Higgins Clark: Wenn du noch lebst
Die Innenarchitektin Lane Harmon, alleinerziehende Mutter der fünfjährigen Katie, erhält einen großen neuen Auftrag: Sie soll das Stadthaus der Bennetts neu ausstatten. Diese Familie hat – wie Lane bald herausfindet – eine dunkle Geschichte: Der Senior, Peter, verschwand vor zwei Jahren bei einem Segelausflug spurlos – und nur wenig später kam heraus, dass aus dem von ihm gemanagten Fonds fünf Milliarden Dollar veruntreut wurden. War es Selbstmord? Oder hat er sein Verschwinden inszeniert? Nur seine Familie glaubt fest an seine Unschuld. Und Lane ist zusehends hin- und hergerissen, denn sie hat sich in den attraktiven Sohn des Hauses verliebt. Sie ahnt nicht, wie sehr sie sich und ihre kleine Tochter dadurch in Gefahr bringt …
München: Heyne, 2015,
1 CD DAISY (8:40 h) H037588

Historie

Erinnern und niemals vergessen

10 Jahre Ausstellung „Höhere Israelitische Schule“ in der DZB. Ein Beitrag von Gabi Schulze

Wer über die breiten Treppen zum großen Eingangsportal der Deutschen Zentralbücherei für Blinde gelangt und das Foyer betritt, richtet seinen Blick sicher nicht zuerst auf den Fußboden. Dabei ist er ziemlich außergewöhnlich. Die rotbraunen Steinbodenfliesen bilden auf ungefähr 10 m² mit ihren ineinander verwobenen Dreiecken viele sechseckige Sterne, die an den Davidstern erinnern sollen. In den über hundert Jahren seiner Geschichte haben den Fußboden viele Menschen betreten, vor allem aber Jungen und Mädchen, die diese Eingangshalle mit Leben erfüllten.

Erste jüdische Schule in Sachsen

Was viele nicht wissen: Wo sich heute Bibliothek und Verlag der DZB befinden, nahm vor 105 Jahren die erste jüdische Schule in Sachsen, eine private Höhere Israelitische Bürgerschule, ihren Unterricht auf. Der Leipziger Gemeinderabbiner und Gründer Dr. Ephraim Carlebach, der die Schule 1912 eröffnete, weihte am 25. Juni 1913 das neu errichtete Gebäude ein. Finanziert wurde die Privatschule von internationalen Spendenfonds, aber ebenso von Eltern, die sich für ihre Kinder neben einer guten Allgemeinbildung auch eine religiöse Erziehung wünschten. Ein Drittel der jüdischen Schüler in Leipzig besuchten die Schule. Sie kamen aus allen sozialen Schichten.

Als die Schule gegründet wurde, war noch nicht auszumachen, welche wechsel- und leidvolle Geschichte sie schreiben wird. Wir, die wir heute zurückblicken, wissen, was nach der Gründung geschah und erinnern daran. Eine Dauerausstellung, die vor 10 Jahren im Foyer der DZB eröffnet wurde, zeigt Fotos, Dokumente und Begleittexte über die Schule, deren Lehrer und Schüler. Die Ausstellung informiert detailliert und umfangreich über die Carlebach-Schule und deren Situation nach 1933 zur NS-Zeit. Ein Jahr später, 2008, erfolgte die feierliche Namensgebung des Gebäudes in „Ephraim-Carlebach-Haus“.

Zeitzeugen berichten

Die damalige Theologie-Studentin Simone Lober recherchierte zur Geschichte der Schule und schrieb die Texte für die Ausstellung. Annette Diener, heute Fachgruppenleiterin Blindenschrift, gestaltete die Informationstafeln. Diese zeigen, wie sich die Höhere Israelitische Schule bis 1933 zu einer der profiliertesten jüdischen Schulen Deutschlands entwickelte, berichten sowohl über den Schulalltag des Lehrerkollegiums und der Kinder als auch über das Leben des Rabbiners Ephraim Carlebach, dem Gründer der Schule. „Es gab eine Vielzahl an Dokumenten und Fotos, die gesichtet und ausgewählt werden mussten“, erinnert sich Annette Diener. „Als gestalterisches Motiv, das die Tafeln miteinander verbindet, habe ich selbsterstellte Fotografien der originalgetreuen Bodenfliesen verwendet.“ Über diese sind ab 1933 immer mehr Kinder gelaufen, denn die Schule musste fast alle jüdischen Schüler aus Leipzig aufnehmen. Verschiedene Zeitzeugen, damals Schüler der Schule, erzählen von ihren Erlebnissen während der Pogromnacht und wie das Schulhaus zum „Judenhaus“ „umfunktioniert“ wurde. „Bei der Aufarbeitung der Dokumente haben mich die persönlichen Schicksale wirklich sehr bewegt“, meint Annette Diener. „Wenn man weiß, dass nur ganz wenige der Kinder, die auf den Fotos in die Kamera schauen, die NS-Zeit überlebten, dann berührt das schon sehr.“ Dreißig Jahre nach ihrer Gründung wird die Carlebach-Schule von den Nazis geschlossen. Ihr Schulleiter Daniel Katzmann, der 1943 im KZ Auschwitz umkam, soll während der letzten Abschlussfeier gemeinsam mit seinen Schülern „Die Gedanken sind frei“ gesummt haben.

Von Zeit zu Zeit kommen Angehörige ehemaliger Schüler in die DZB. Sie möchten sich im Haus umschauen, in das 1954 die Deutsche Zentralbücherei für Blinde zog. Sie wollen in die Räume gehen, in denen ihre Verwandten gelernt haben, den Zeichenraum mit Oberlicht und den Physikraum besichtigen. Doch die jetzigen Räume sind ganz anders als damals ─ einzig der Steinfußboden in der Eingangshalle ist geblieben.

Gelesen und empfohlen

„Ich bin kein Senior. Ich bin ein alter Mann.“

„Sturmwarnung“ von Stefan Krücken ─ Empfohlen von Caroline Schürer (Bibliothekarin)

Im Sommer 1952, als die Seefahrt noch ein echtes Abenteuer war, stach die „Argonaut“ im Hamburger Hafen in See. Mit an Bord der sechszehnjährige Jürgen Schwandt, dessen Seefahrerleben an diesem Morgen seinen Anfang nahm. Nach einer entbehrungsreichen Kindheit träumte er von sommerwarmen Tagen auf dem Mast und Mädchen in Röcken aus Palmenwedeln. Was ihn erwartete war „Maloche statt Palmenschatten“. Unter primitivsten hygienischen Bedingungen mussten schwere körperliche Arbeiten verrichtet werden: Deck schrubben, Waren verladen und als Hilfssanitäter Zähne ziehen. Daneben kam der Spaß nicht zu kurz und hier wird wirklich jedes Klischee erfüllt: von Tätowierungen über Prügeleien und Sauftouren mit seinen Kumpels Tripper-Willy und Whisky-Toni. Dass dabei in den Bordellen der Stadt die gesamte Heuer draufging, war nebensächlich. Nur knapp überlebte er einen schweren Orkan auf dem Nordatlantik und brachte es schließlich bis zum Kapitän. Schonungslos und mit feinem Humor berichtet der 81-jährige Kapitän aus seinem Seefahrerleben, nicht ohne eine Portion Lebensweisheit, die man Schwandt in seiner weltoffenen und kompromisslos-toleranten Art abnimmt.
Dass seine Kolumnen in der Hamburger Morgenpost so beliebt sind, mag auch daran liegen, dass Schwandt mit seiner Haltung gegenüber Menschen etwas besitzt, das man einen gesunden Menschenverstand nennen könnte: „Arschlöcher gibt’s überall, das hat nichts mit der Hautfarbe, dem Pass oder der Nationalität zu tun.“

Stefan Krücken: Sturmwarnung : das aufregende Leben von Kapitän Jürgen Schwandt.
Ankerherz-Verlag, 2016.
1 DAISY-CD (5:29 h), BNA 37878

Schreckensszenario einer nahen Zukunft

„Oryx und Crake“ von Margaret Atwood ─ Empfohlen von Gabi Schulze (Redakteurin)

Eine tödliche Virusepidemie, die fast die gesamte Menschheit auf der Erde auslöscht und eine postapokalyptische Welt hervorruft ─ das ist das Szenario, das die diesjährige Friedenspreisträgerin des Deutschen Buchhandels, Margaret Atwood, in „Oryx und Crake“, dem ersten Buch ihrer Endzeit-Trilogie entwirft. Schneemensch, früher Jimmy genannt, einer der wenigen Überlebenden, erzählt rückblickend von seinem Freund, dem Genetiker Crake und seiner großen Liebe Oryx. Mit beiden forschte er gemeinsam in Sachen Unsterblichkeit, was schließlich zur Katastrophe führte. Die von Crake gezüchteten resistenten Menschen überleben und genmanipulierte Kreaturen beherrschen die Erde. Der Erzähler schildert seine Überlebensstrategien in einer bedrohlichen und zugleich auch nahen Zukunft, in der heute schon real Existierendes mit Fiktionalem verknüpft wird. Im Roman geht es um Fragen wie: Sollte der Mensch nach Unsterblichkeit streben? Wie weit kann die Forschung gehen und dabei ethisch bleiben?

Ein Roman, der vor dem Aussterben der Spezies Mensch warnt und in der Tradition von George Orwell und Aldous Huxley steht.

Margaret Atwood: Oryx und Crake,
4 Bde., Kurzschrift, BNA 10214
Das Jahr der Flut, 6 Bde., Kurzschrift, BNA 17290
Die Geschichte von Zeb, 6 Bde., Kurzschrift, BNA 17291

Die Trilogie kann auch als Hörbuch ausgeliehen werden.

Technik getestet

Fernsehgeräte, die sprechen können

Ein Beitrag von Ulrich Jander

Auch als blinder bzw. stark sehbehinderter Mensch nutzt man bestimmt immer wieder einmal ein Fernsehgerät. Die Bedienung kann allerdings ein Problem sein, da die Funktionen des Gerätes nur am Bildschirm angezeigt werden. Seit einiger Zeit haben Panasonic und Samsung verschiedene Modelle von Fernsehgeräten auf den Markt gebracht, die die Bedienfunktionen sprechen können. Betätigt man eine Taste auf der Fernbedienung, so wird die Funktion angesagt: Sie drücken z. B. die Ziffer zwei, um das Programm ZDF zu verfolgen. Das Fernsehgerät spricht die Ziffer, gefolgt vom Sendernamen und Titel der zurzeit laufenden Fernsehsendung. Auch der Programmguide (EPG, die elektronische Programmvorschau) und weitere Bedienfunktionen werden gesprochen. Der Umfang der Sprachunterstützung ist bei Panasonic und Samsung unterschiedlich. Wo bei Samsung außer Videotext und HBBTV fast alles sprachlich unterstützt wird, bietet Panasonic nur die Sprachunterstützung im Bereich der barrierefreien Einstellungen, z. B. Audiodeskription und Aufnahmefunktionen. Letzteres erlaubt das Aufzeichnen einer Fernsehsendung auf einen USB-Stick oder auf eine Festplatte, die an das Fernsehgerät angeschlossen werden müssen. Auch dabei erfährt der Nutzer sprachliche Bedienunterstützung.

Sprachführung ein- und ausschalten

Sowohl bei Samsung- als auch Panasonic-Geräten ist die Sprachunterstützung ab Kauf nicht eingestellt. Wenn das Fernsehgerät zu Hause in Betrieb genommen wird, muss auch die Sprachunterstützung aktiviert werden. Ein sehender Helfer kann dies entweder im Rahmen der Einrichtung des Gerätes tun, oder die Einstellungen sind im Menü unter System im Punkt „Barrierefreiheit“ zu finden. Für die barrierefreien Einstellungen gibt es auf der Fernbedienung eine bestimmte Taste. Die dahinter liegenden Funktionen betreffen u.a. Voice Guide und Audio für Sehgeschädigte. Geht man in der „Barrierefreiheit“ mit der Cursortaste ganz nach unten, so finden Sie bei Samsung-Geräten als letzten Punkt „Nutzung der Fernbedienung lernen“. Bei Bestätigung mit „okay“ wird die Funktion angesagt, die aber nicht ausgeführt wird. Mit Doppeltipp auf „zurück“ verlässt man die Ansage der Fernbedienungstasten wieder. Im Bereich „Barrierefreiheit“ können Sie die Sprachführung ein- oder ausschalten; das funktioniert dort auch mit „Audio für Sehgeschädigte“. Damit entscheiden Sie, ob die zusätzliche Erläuterung als sogenannter Hörfilm bei Ausstrahlung von Spielfilmen generell ein- oder ausgeschaltet sein soll. Einmal eingeschaltet behält das Fernsehgerät die Hörfilm-Funktion und immer, wenn ein Spielfilm mit zusätzlicher akustischer Erläuterung empfangen werden kann, überträgt das Fernsehgerät den Spielfilm mit zusätzlicher Audiodeskription automatisch. Auch diese Hörfilmfunktion kann man im Bereich „Barrierefreiheit“ ein- oder ausschalten.

Unterschiedliche Namen für Sprachunterstützung

Die Stimme, die Sie hören, ist eine Computerstimme und somit sicherlich gewöhnungsbedürftig. Sie klingt bei Panasonic und Samsung unterschiedlich. Auch bei der Handhabung der jeweiligen Fernbedienung kann es große Unterschiede geben. Bei manchen Modellen von Fernsehgeräten sind die dazugehörigen Fernbedienungen gut tastbar. Sollte das im Einzelfall nicht so sein, dann können Sie mit Aufpreis, ca. 20 bis 40 Euro, eine zweite Fernbedienung für Ihr neues Fernsehgerät auswählen und somit individuell bestimmen, welche Fernbedienung Ihnen am besten zusagt. Auch die Größe der einzelnen Tasten kann von Fernbedienung zu Fernbedienung unterschiedlich sein.

Welches Modell eines Fernsehgerätes die zusätzliche Sprachunterstützung besitzt, lässt sich so einfach und gesichert nicht sagen, denn die im Handel angebotenen Geräte wechseln sich ziemlich schnell ab. Aber ein ganz wichtiges Merkmal ist die Bezeichnung der Sprachunterstützung, nach der Sie beim Kauf eines Fernsehgerätes fragen sollten. Panasonic bezeichnet seine Sprachunterstützung als VoiceGuidance, bei Samsung heißt sie VoiceGuide oder VoiceAssistant. Einer der drei Begriffe muss in den Funktionsmerkmalen der in Frage kommenden Fernsehgeräte enthalten sein.
Auf jeden Fall stellt die Barrierefreiheit, und damit die Sprachunterstützung, einen Fortschritt bei der Bedienung solcher Fernsehgeräte durch blinde oder stark sehbehinderte Menschen dar.

Falls Sie ein TV-Gerät kaufen möchten, wünsche ich Ihnen viel Erfolg. Für Fragen zum Thema bin ich gern in der DZB (Telefon 0341 7113145) erreichbar.

Fragebogen

Sechs Fragen – sechs Antworten

Mitarbeiter, Partner, auch Freunde der DZB antworten auf unsere Fragen. Diesmal: Sandra Kirsche (Auftragsverwaltung/Verlag)

Was ist Ihre Aufgabe in der DZB?

Ich bin in der Auftragsverwaltung im Verlag für Aufträge aller Art ─ Braille, DAISY, Relief etc. ─ vom Angebot bis zur Rechnungsstellung und damit für die Planung und Organisation von allen laufenden Aufträgen zuständig. Dazu gehört die herkömmliche und die barrierefreie Druck- und Medienproduktion. Zu meinem täglichen Aufgabengebiet zählt die Koordination, Überwachung und Abwicklung externer Dienstleistungen in Kombination mit internen Teilleistungen.

Welche Arbeit haben Sie gerade auf dem Tisch?

Zurzeit liegen bei mir viele verschiedene Aufträge auf dem Tisch, zum Beispiel eine große Reliefbroschüre für ein sächsisches Museum, Flyer mit Schwarzdruck und Brailleschrift für verschiedenste Institutionen oder auch die Aufsprache von Wahlzetteln für die Bundestagswahl inklusive CD-Kopie und Labeldruck. Für den Europäischen Blindenfußballcup erstellen wir die Urkunden mit Brailleschrift und auch internationale Anfragen sind zu bearbeiten.

In meiner Freizeit beschäftige ich mich am liebsten mit …

... meinen beiden Kindern, 2 und 6 Jahre alt, die mich auf Trab halten. Ich versuche so viel wie möglich Sport ─ Joggen, Fitness, Volleyball ─ in meinem Alltag unterzubekommen ─ insofern dies die Kinder zulassen … Einen kleinen Garten haben wir auch und genießen dort die Ruhe mit den Kindern.

Welche drei Dinge würden Sie auf eine Insel mitnehmen?

Meine Familie, ausreichend Verpflegung und Sonnencreme.

Haben Sie ein Buch, das Sie empfehlen können?

Ich lese gerade nur Kinderbücher! Da kann ich „Maluna Mondschein ─ Die kleine Gutenacht-Fee“ empfehlen. Diese Bücher sind sehr amüsant und bringen Kinder und Eltern zum Lachen und Träumen.

Ihr Lebensmotto?

„Jeder Tag, an dem man nicht gelacht hat, ist ein verlorener Tag.“

Rätsel

Machen Sie mit und gewinnen Sie!

Wir wollen wissen: Welchen Namen trägt das Gebäude, in dem die DZB ihr Domizil hat, seit 2008?

Schicken Sie Ihre Antwort bis 3. November 2017 per E-Mail (presse@dzb.de) oder per Post an: DZB, Kennwort Rätsel, Gustav-Adolf-Straße 7, 04105 Leipzig

Das können Sie gewinnen: Wir verlosen einen Reliefkalender 2018 „Tieren auf der Spur“.

Mitarbeiter der DZB können nicht teilnehmen. Der Rechtsweg ist ausgeschlossen.

Auflösung aus 2/2017

Die richtige Antwort lautet: Residenzschloss Dresden

Der glückliche Gewinner heißt: Wolfgang Leffler. Herzlichen Glückwunsch!

Sudawo – Such das Wort

Suchen Sie das Wort, das sich aus allen 9 Buchstaben bilden lässt.
Beispiel: HLNAAMDBE
Lösung: Abendmahl

  1. LPRZKPAAT
  2. AVFREENHR
  3. SSERAPRTU

Auflösung siehe unten.
Weitere Rätsel finden Sie in „Sudawo“ (1 Bd., Vollschrift, BN-Verkauf 8154, 1 Bd., Kurzschrift, BN-Verkauf 8155, je 12 Euro).

Impressum

Herausgeber, Herstellung, Vertrieb

Deutsche Zentralbücherei für Blinde (DZB)
Gustav-Adolf-Straße 7, 04105 Leipzig
Tel.: 0341 7113-0, Fax: 0341 7113-125
E-Mail: info@dzb.de
www.dzb.de

Redaktion

Gabi Schulze
Tel.: 0341 7113-148, E-Mail: gabi.schulze@dzb.de
Ronald Krause
Tel.: 0341 7113-239, E-Mail: ronald.krause@dzb.de

Abonnements, Anzeigen

Sylvia Thormann

Tel.: 0341 7113-120, E-Mail: abo@dzb.de

»in puncto DZB« wird vier Mal im Jahr kostenfrei per E-Mail versandt und online unter www.dzb.de veröffentlicht.

Die Zeitschrift erscheint kostenpflichtig wahlweise als CD DAISY sowie in Blindenkurzschrift.

  • Jahresbezugspreis Braille-Ausgabe: 9 Euro
  • Jahresbezugspreis CD DAISY: 9 Euro

Das kostenpflichtige Abonnement gilt bis zum Ende des Kalenderjahres und verlängert sich automatisch um ein Jahr, wenn es nicht spätestens bis zum 30. September gekündigt wird. Bei Bestellung im laufenden Kalenderjahr erfolgt die Preisberechnung anteilig.

Es gelten unsere AGB. Die vollständigen AGB finden Sie im Internet unter www.dzb.de/agb, auf Wunsch senden wir Ihnen diese gern zu.

DZB 2017

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